Ungerechtigkeit ist Standard

Geschlecht Ein Studium schließen heute mehr Frauen als Männer ab. Doch Männer besetzen die Topjobs in Wissenschaft und Forschung. Die Regierung bleibt untätig – zum Frust der Frauen

Helen Lanz* ist jetzt eine promovierte Biologin mit Hausverbot an ihrem Institut. 14 Jahre hat sie dort gearbeitet, mit einem befristeten Vertrag nach dem anderen. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, in Teilzeit. Jetzt hat das Institut seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin erstmal keinen neuen Vertrag gegeben, sie ist arbeitslos. Damit sie nicht auf die Idee kommt, eine unbefristete Anstellung einzuklagen. Denn mehr als zwölf Jahre Befristung verbietet das Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Demnach kann der Arbeitgeber höchstens noch zwei Jahre pro Kind draufgeben, bevor er entfristen muss. Lanz hat gerade die Arbeitsdateien von ihrem Laptop gelöscht und darf ihr Institut nun nicht mehr betreten. Bis in vier Wochen. Dann startet ihre nächste Befristung: ein drei Jahre laufendes Forschungsprojekt an ihrem alten Institut. So etwas erlaubt auch das Wissenschaftszeitarbeitsgesetz.

Erschütternde Befunde

„Standard für eine Wissenschaftlerin Anfang 40“, sagt Lanz, und weil ihr Fall tatsächlich kein ungewöhnlicher ist, haben im Bundestag die Fraktionen von SPD, Linken und Grünen eine Premiere gefeiert: die erste gemeinsame Große Anfrage aller drei Oppositionsparteien, Thema: Geschlechtergerechtigkeit in Wissenschaft und Forschung.
Überraschendes birgt die 120-Seiten-Antwort der Bundesregierung kaum. Zwar haben 2009 mehr Frauen (51,7 Prozent) als Männer den Bachelor abgeschlossen – danach aber wird der Frauenanteil umso niedriger, je höher die Station der akademischen Karriere: 44 Prozent bei den Promotionen, nur 18 Prozent bei allen Professuren. Desaströs ist die Situation dort, wo der Bund noch am meisten Einfluss hat: Zum einen in von ihm alimentierten außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Die Fraunhofer-Gesellschaft etwa hat neun ihrer 316 Leitungspositionen mit Frauen besetzt. Zum anderen in den 94 wissenschaftlichen Beratungsgremien der Regierung: 15 davon leiten Frauen; und in der Mehrzahl sind sie mit Männern besetzt. Etwa, wenn es darum geht, dem Atomausstieg ein ethisches Fundament zu geben: Den Abschlussbericht der „Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung“ legten Ende Mai 14 Männer und drei Frauen vor.
„Das ist ein erschütternder Befund, und trotzdem lässt Schwarz-Gelb keine Strategie erkennen, um die strukturelle Hindernisse zu überwinden“, sagt die SPD-Abgeordnete Marianne Schieder. „Wir müssen bei diesem Thema Druck reinbringen“, meint die Grüne Krista Sager. Klare Zielvereinbarungen in Programmen wie dem Hochschulpakt sowie finanzielle Sanktionsmöglichkeiten fordert Petra Sitte von der Linken. Und: Alle wollen eine verbindliche Version des Kaskadenmodells. Demnach muss eine Führungsebene innerhalb einer bestimmten Zeit mit genau so vielen Frauen besetzt sein wie die darunter liegende Ebene. Steigt etwa im Fachbereich einer Hochschule der Anteil der promovierenden Frauen, müssen dort bald auch mehr Frauen Professuren besetzen.
Mit der Geduld am Ende
Müssten Rot-Rot-Grün 2013 ein Bündnis schließen, sie könnten zumindest auf die Gleichstellungspolitik in Wissenschaft und Forschung als Steckenpferd setzen.

12.000 Professoren gehen demnächst in Pension

Nicht, dass es dort nichts zu tun gäbe: 12.000, also fast ein Drittel aller Professoren, emeritieren bis 2012. Die Nachrückenden sind mehrheitlich Frauen und die ­verlieren angesichts befristeter Arbeitsverhältnisse und Männer-dominierter Berufungskommissionen die Geduld: So sind etwa nur 12 Prozent aller Professoren-Posten in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern mit Frauen besetzt. Am mangelnden Nachschub kann das aber nicht liegen: 40 Prozent der Promotionen in dieser Fächergruppe stammen von Frauen. „Das Argument, die Frauen seien nicht da, zieht immer weniger“, sagt Krista Sager.
Fraglich ist, wie lange sie dort bleiben, wo sie sind – im von Vertragsbefristung und Arbeitsüberlastung geprägten Mittelbau zwischen Promotion und Professur. Die Sozialwissenschaftlerin Maria Resch* etwa, Anfang 30, leitet ein interdisziplinäres Drittmittelprojekt an einer Universität. Laufzeit: drei Jahre, Zukunft: unklar. „Deshalb muss ich für Beratungsfirmen in der freien Wirtschaft interessant bleiben und aufpassen, dass sich meine Forschung nicht zu weit von der Praxis entfernt“, sagt Resch. Die habilitierten Kolleginnen um die 50 ohne Professur ließen eine Fortsetzung der akademischen Laufbahn nicht gerade erstrebenswert erscheinen.
Davon kann Biologin Lanz ein Lied singen. Neulich saß sie wieder als Bewerberin vor der Berufungs-Kommission für eine Führungsposition, neben einer anderen Frau mit Kind und einem Mann ohne Kind. Der war dafür Doktorand eines männlichen Kommissions-Mitglieds – und bekam den Job.

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Ihre Freitag-Redaktion

07:00 15.12.2011
Geschrieben von

Sebastian Puschner

stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter Politik
Schreiber 0 Leser 62
Sebastian Puschner

Ausgabe 42/2021

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