Stör, Kaviar, stör

Rap Wie doof genau ist das jetzt – so, dass man es schon wieder goutieren kann? Auf „Montenegro Zero“ zerquirlt Haiyti Text und Stimme zu irgendwie doch leckerem Zeug

Es muss schlecht um das deutsche Rap-Game stehen, wenn selbst einem Musikernomaden wie Chilly Gonzales die Kinnlade herunterfällt. Sie knallt auf den Studioboden des Jugendsenders 1Live, der den Pianisten, Komponisten und Produzenten im Oktober eingeladen hat, die erfolgreichsten deutschen Hip-Hop-Songs des Jahres zu bewerten. „Gibt’s heute keine weiblichen Rapper?“, blafft Gonzales schon nach zwei Titeln in Richtung Redakteur. „Es ist 2017. Warum ist deutscher Rap so eine Würstchenparty? Ich will die Zicken hören.“

Cut ins Jahr 2018: Es ist erst ein paar Wochen her, dass RedBull seinen Soundclash durchvermarktet hat. Die neue deutsche Rap-Jugend gegen die Hamburger Hip-Hop-Legenden um Samy Deluxe. Man versprach „New Level“ versus „Reality Check“. Der Soundclash zeigte eine Spielfreude wie lange nicht. Und trotzdem: Zwischen den Gladiatoren und Gaststars keine einzige Rapperin. Chilly Gonzales würde bei so viel Würstchen den Kopf auf den Klavierdeckel schlagen wollen.

Allein deswegen ist bemerkenswert, wie es Haiyti gelungen ist, derart viel Lärm zu machen. In einem knappen Jahr schaffte es die Hamburgerin vom Gast in der halbseriösen Glo Up Dinero Gang des österreichischen Rappers Money Boy in die Spotifyplaylists von Straßenprolls und Kunststudenten, vom Eigenverlag zum Plattenvertrag.

Glanz und Gestank

Haiyitis erstes Majorlabel-Album Montenegro Zero erscheint an diesem Freitag. Es ist ein gutes Album für Menschen, die gerne von einem 56k-Modem geweckt werden, um den Kater im Bahnhofskiosk wegzurauchen – und komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint.

Dabei machen schon die ersten Töne des Albums klar, wie ernst Haiyti die Grunderneuerung meint. Würde 100.000 Fans auch nur ein paar Sekunden auf einem Adult-Contemporary-Sender laufen – ein nicht unbedeutender Teil der Hörerschaft würde statt zur Fußpflege in die Werkstatt fahren. Einen Takt lang stottert lediglich das Störgeräusch eines Handys, bevor mit einem schrillen „Mein Handy das ist ein Trapphone“ die gekonnt billige Drum-Machine das shuffelnde Tackern übernimmt. Viel mehr braucht Haiyti nicht. Erst nach einigen Durchgängen versteht man, wie sie die Grundzutaten des Trap-Rap kondensiert, bis die Energie aus jeder Zeile dampft. Alles wird dem Rhythmus untergeordnet. Sie zerstückelt die Lines, knallharte Triplets, um sie achtlos im Raum fallen zu lassen. „Mein Vater – war ein – Mafi – oso“ kratzt wie eine Kettensäge auf Wellblech. Spitze, unverständliche Spritzer, die durch den minimalistischen Beat schneiden.

Bei Haiyti wird die Stimme endgültig zum Instrument. In einer Klangwelt, in der jeder erdenkliche Sound darstellbar und reproduzierbar, jeder Ton auf Note und jede Note auf Ton gezogen werden kann, ist sie kaum mehr als ein digitales, modifizierbares Element. „Inhalt egal, denn es rollt wie ein Zug“, beobachtete der Münchner Rapper Fatoni im Frühjahr in Das ist alles Kunst. Haiyti sagt: „Trink Champagne, dazu Beluga, Taka Taka Taka Tuka“.

Das kaputte Störgeräusch zieht sich auch textlich durch das gesamte Album. Haiyti feiert den genretypischen postmodernen Existenzialismus. Es geht um die Ambivalenz aus Konsum und Entsagung, Selbstdarstellung und Selbstzerstörung, Glanz und Gestank, den schnellen Auf- und noch schnelleren Abstieg. Auf Champagner und Beluga folgt die Einsicht, dass Zeit und Liebe besser als Geld sind. Nach trostlosem Leben zwischen Regen und Ratten am Hauptbahnhof kommt das Haus in Monaco. Es ist die neoliberale Lebensethik: Wir starten am Boden, streben nach Luxus und sterben allein. Haiyti spielt Pong zwischen den Welten, ohne zu bewerten.

Sie beherrscht das Spiel mit den Gegensätzen, der rohen Ekstase und der leisen Trauer. In Haubi, einem der stärksten Songs der Platte, schießt sie aus Aussichtslosigkeit Tauben tot. Auf Gold wird aus dem aggressiven Autotune ein wehleidiges Klagen, das mehr Tiefe hinzufügt, als die Kompression einbüßt. Montenegro Zero ist ein Album, das Spaß macht, wenn der Kopf leer ist, und eigentlich könnte damit alles gesagt sein. Aber nach dem hundertsten „smoke Kippen wie Kate Moss, Kate, Kate, Kate“ meldet sich das Gehirn zurück und bemängelt, dass „Komm zu mir in meinen Palazzo, hab ein Haus auch in Monaco“ gefährlich nach dem inhaltslosen Lingo-Massaker eines Money Boys klingt, den man wohl oder übel als den größten deutschsprachigen Rap-Influencer der vergangenen fünf bis zehn Jahre sehen muss.

Und so ist Haiytis Erstlingswerk komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Die Spannung von Energie und Inhaltsleere, Text und Musik, 90er-Optik und New-Level-Anspruch zieht sich durch bis zum zappelnden Hörer, der gleichzeitig den Kopf schütteln will und mitnicken muss. Bei Haiyti wird dieser Widerspruch zur Nebenordnung. Montenegro Zero ist innovativ und redundant, witzig und nervig, genial und billig. Man tanzt hinter dem Lenkrad und hasst sich im nächsten Moment dafür. Man will, dass es vorbei ist und trotzdem nie aufhört. Montenegro Zero ist Schrödingers Katze auf Platte gepresst.

Info

Montenegro Zero Haiyti Vertigo Berlin 2018

06:00 03.02.2018
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