Steffen Kraft
18.10.2012 | 09:00 16

Seid ihr noch zu retten?

Journalismus 2.0 Die Piratenpartei antwortet im ersten Liquid-Feedback-Gespräch der Welt

Seid ihr noch zu retten?

Illustration: Stefano Morri für "Der Freitag"

Wofür die Piraten genau stehen, können selbst ihre Kapitäne oft nicht angeben. Eine ihrer Standard-Antworten lautete bisher: „Dazu haben wir noch keine Position“. Der politische Geschäftsführer Johannes Ponader will das nun ändern. Schließlich stünden die Piraten zu allererst für eine neue Art der demokratischen Willensbildung, nicht bloß für Positionen eines Programms. Schon heute könne die Parteibasis Antworten auf alle Fragen geben – im Internet über die Mitmach-Plattform Liquid Feedback.

Der Freitag nimmt Ponader beim Wort und hat in der vergangenen Woche ein journalistisches Experiment gestartet: das erste Liquid-Feedback-Interview der Welt. Fragen, die Ponader nicht selbst beantworten konnte, stellte er per Mitmach-Software zur Diskussion. Nach Ende der Online-Abstimmung stellte er sich den Fragen erneut.

Der Freitag: Herr Ponader, für Ihre Partei ist die Schonzeit vorbei, in den Umfragen stürzen Sie ab. Was sagen die Piraten, worin liegt die Krise begründet?

Johannes Ponader: Ich könnte Ihnen jetzt sagen, wie ich das sehe. Wenn Sie allerdings die Meinung der Piraten an sich hören wollen, dann müssen Sie eine Woche warten.

Wie bitte?

Wenn Sie mehr als meine persönliche Ansicht hören möchten, hole ich mit unserem Online-Werkzeug Liquid Feedback gerne ein Meinungsbild ein. Das dauert eine Woche. Das Ergebnis ist dann zwar keine offizielle Parteiposition, aber doch ein verlässlicheres Bild der Basismeinung, als es Sprecher anderer Parteien je geben können. Wenn Sie ein echtes Interesse an einer Antwort haben, müssen Sie diese Geduld schon aufbringen.

Nervt es Sie eigentlich, als politischer Geschäftsführer immer wieder sagen zu müssen: Dazu haben wir noch keine Position?

Das ist ja gar nicht mehr so häufig der Fall. Aufs Jahr gesehen haben wir im Schnitt alle zwei Wochen einen Parteitag – entweder von einem unserer 16 Landesverbände oder von der Bundespartei. Unsere Positionen verbreitern sich von Mal zu Mal.

Das kommt bei Außenstehenden allerdings anders an.

Ich glaube in der Tat, dass wir oft heute schon konkret werden können.

Aber in Ihrem Parteiprogramm klaffen große Lücken.

Wir haben viele Bereiche bereits abgedeckt. Aber es stimmt, dass wir zum Beispiel in der Wirtschaftspolitik noch keine Grundsatzentscheidung getroffen haben. Wollen wir eine Vermögenssteuer? Wie wollen wir unser Wirtschaftssystem regulieren? Wir diskutieren gerade verschiedene Anträge.

Langsam bekommt man den Eindruck: Wer einen Piraten fragt, wofür seine Partei steht, wird immer wieder auf später vertröstet.

Der Vorwurf, die Piraten hätten unklare Positionen, ist absurd. Sicher, das Parteiprogramm hat im Vergleich zu anderen noch Lücken. Aber wir bieten dafür etwas Besseres: Echtzeitdemokratie.

Was meinen Sie damit?

Das Parteiprogramm ist wichtig für uns. Doch Programme haben andere Parteien auch. Was die Piraten im Kern von den anderen unterscheidet, ist der Weg, die basisdemokratische Art und Weise, wie wir zu unseren Forderungen kommen. Sie dürfen nicht vergessen: Wir fassen unsere Beschlüsse mit Zwei-Drittel-Mehrheit. Das ist nur möglich, weil die Anträge vorher einen speziellen Diskussionsprozess durchlaufen, bei dem jeder mitmachen kann. Bei uns gibt es Arbeitsgruppen, Diskussionen und Konferenzen, wie in jeder anderen Partei auch. Doch nur wir bündeln am Schluss die Debatten online auf unserer Liquid-Feedback-Plattform. Dort erhalten auch diejenigen spürbaren Einfluss, die nicht den Großteil ihrer Freizeit in politische Diskussionen investieren können.

Wie funktioniert das?

Liquid Feedback ist ein Programm, um Meinungsbilder unserer Mitglieder über das Internet abzufragen. Damit können die Teilnehmer nach einem ausgeklügelten System Vorschläge von Arbeitsgruppen oder Einzelnen diskutieren, bewerten, Änderungen vorschlagen und Gegeninitiativen starten. Wer selbst nicht genügend Zeit hat oder sich in einem Themenbereich nicht ausreichend Kompetenz zutraut, kann seine Stimme auf ein anderes Mitglied delegieren. Am Schluss des Prozesses steht eine Abstimmung. Das Besondere ist: Liquid Feedback zwingt die Teilnehmer mehr als andere Online-Werkzeuge zur Konstruktivität. Sie müssen am Anfang eine konkrete Initiative starten, die immer weiter verbessert wird. Am Ende kommt ein Vorschlag raus, an dem viele Menschen mitgearbeitet haben. Der wird dann abgelehnt oder angenommen.

Ein Computerprogramm soll als Ersatz für fehlende Positionen herhalten?

Das wäre eine verkürzte Sicht. Mir geht es darum, dass die Piraten zeigen, dass sie mit Liquid Feedback auf jede Frage rasch eine Antwort liefern können. Die Möglichkeit, auch Meinungsbilder zu kommunizieren, nutzen wir als Partei noch zu wenig.

Und damit wollen Sie komplexe politische Fragen beantworten?

Wir können es ja ausprobieren.

Okay: Wie wollen die Piraten der Eurokrise begegnen?

Dazu gibt es in der Tat noch keine offizielle Position.

Eben...

Ich weiß aber, dass dazu schon einige Initiativen diskutiert werden. Ich frage nach.

Tun Sie das doch bitte.

In Ordnung.

Eine zentrale Forderung der Piraten ist die nach mehr Bürgerbeteiligung. Was würde eine Piratenfraktion im Bundestag tun, damit sich die Bürger in den vier Jahren der Legislatur direkt im Parlament einbringen können?

Diese Frage zu beantworten ist noch ein bisschen früh. Es sind ja noch nicht mal alle Kandidaten aufgestellt. Im kommenden Frühjahr können wir dann die Kandidaten selber fragen, wie sie sich die Arbeit im Bundestag vorstellen.

Herr Ponader, Sie machen es schon wieder: Sie vertrösten auf später.

Wir achten als Partei stark auf die Freiheit des Mandats, insofern können wir da gar niemand Vorschriften machen. Ich kann mir vorstellen, dass ein Teil der Abgeordneten sich stärker an Online-Meinungsbildern orientieren wird, ein anderer Teil weniger. Wie das Verhältnis ist, werden wir sehen, wenn die Kandidaten aufgestellt sind.

Aber eine Partei stellt doch Erwartungen an ihre Mandatsträger. Welche sind das?

Dafür würde ich erneut das Liquid befragen.

Vielleicht können Sie dann auch gleich fragen, was Ihnen andere Parteien anbieten müssten, damit die Piraten eine Koalition eingehen oder eine Minderheitsregierung tolerieren.

Ich bin mir sicher, dass wir bei einem Angebot ein Basismeinungsbild einholen würden.

Interessant wäre ja, was die Piraten jetzt dazu denken.

Ich glaube, wir haben schon jetzt zwei rote Linien: Wir lassen uns auf niemanden ein, der die Vorratsdatenspeicherung und die Sanktionen im Sozialsystem bestehen lässt. Alles weitere kann ich im Moment noch nicht sagen.

Und der Schwarmgeist Ihrer Partei?

Das werden wir sehen...

 

Es ist Mittwochmorgen, als Johannes Ponader die vier offenen Fragen auf lqfb.piratenpartei.de einstellt:

Worin besteht die Krise der Piratenpartei?

Wie wollen die Piraten der Eurokrise begegnen?

Was soll eine Piratenfraktion im Bundestag tun, damit sich die Bürger in den kommenden vier Jahren direkt im Parlament einbringen können?

Was müssen andere Parteien anbieten, damit die Piraten eine Koalition eingehen oder eine Minderheitsregierung tolerieren?

Dann informiert er über seinen Blog und per Kurznachrichtendienst Twitter die Parteikollegen und bittet um Teilnahme. Da jeder Liquid-Feedback-Prozess mit einer ausformulierten Initiative beginnen muss, hat Ponader jeweils einen Antwortvorschlag formuliert. Anschließend greift er aber nicht weiter ins Geschehen ein. Weder schreibt er Beiträge, noch stimmt er mit ab. Das Ergebnis soll nicht verfälscht werden.

Bis zur Entscheidung über einen regulären Antrag im Liquid Feedback lassen sich die Piraten normalerweise bis zu 60 Tage Zeit. Zu lang für ein Interview. Doch für solche Zwecke lässt sich eine Initiative auch im Schnellverfahren innerhalb von fünf Tagen durchziehen. Um alles so realistisch wie möglich zu halten, durchläuft die Debatte der Interview-Antworten dabei dieselben Stadien wie jeder andere Vorschlag im Liquid Feedback – nur eben in kürzerer Zeit.

Erst nachdem eine Mindestanzahl von Piraten Ponaders Initiative unterstützt, wird sie zur Diskussion freigegeben. Die Teilnehmer beginnen schnell, Anregungen zu formulieren und Gegeninitiativen zu entwickeln. Vor allem die Frage zur Eurokrise löst lebhafte Diskussionen aus. Einige Piraten versuchen, dem vorsichtig formulierten Text Ponaders eine offensivere Rhetorik entgegen zu setzen. Andere möchten dagegen eher die Ergebnisse älterer Positionsbestimmungen in der Antwort zusammenfassen.

Nach nur 30 Stunden haben die Piraten insgesamt 17 mögliche Antworten vorgeschlagen. Die Diskussion wird „eingefroren“, und die Teilnehmer entscheiden, ob sie Ponaders Ur-Vorschläge oder eine Gegeninitiative unterstützen möchten. Am Ende stimmen sie über 16 Antworten ab. Ein Vorschlag wird nicht zur Abstimmung zugelassen, weil er nicht von der notwendigen Mindestanzahl der Teilnehmer unterstützt wird.

Zum Schluss schafft es keine von den Antworten des politischen Geschäftsführers, vor dem Schwarmgeist zu bestehen. In drei Fällen „gewinnt“ eine völlig neu formulierte Alternative. Zur Eurokrise einigen sich die Diskutanten auf eine Version, die noch an den ursprünglichen Text erinnert. Als der zweite Teil des Interviews beginnt, scheint Johannes Ponader darüber aber keineswegs traurig zu sein...

 

Johannes Ponader: Es war ja der Sinn der Übung, dass die Parteibasis selbst eine Antwort formuliert.

Der Freitag: Worin besteht denn nun die Krise der Piratenpartei?

Wir haben keine.

Oh...

So lautet der Tenor, der im Liquid Feedback mehr als 80 Prozent Zustimmung gefunden hat. Darin heißt es: Bei den Piraten kann jeder mitarbeiten und jeder sehen, was die anderen von sich geben. It‘s not a bug, it‘s a feature – es ist kein Fehler, sondern ein Merkmal. Das ist unsere gewollte Arbeitsweise. Dies sind Presse und Publikum einfach noch nicht gewohnt.

Das bedeutet, die Wähler sind nicht bereit für Basisdemokratie?

Eine Wählerschelte erkenne ich darin nun nicht. Ich verstehe die Antwort eher als Aufforderung an uns, dass wir souverän agieren und unsere basisdemokratische, aber für viele noch ungewohnte Arbeitsweise nicht wegen schwankender Umfragewerte aufgeben sollten. Wir haben bisher bei vier Parlamentswahlen jeweils Ergebnisse von etwa acht Prozent gehabt. Wenn es zwischendurch Umfragewerte mit 13 bis 14 Prozent gab, waren diese vermutlich eher zu hoch, als die jetzigen zu niedrig sind.

Stichwort Basisdemokratie, wie sollte eine Piratenfraktion die im Bundestag umsetzen?

Hier hat eine ganz prägnant formulierte Antwort online die größte Zustimmung erhalten. Die kann ich sogar im Volltext zitieren: Die Fraktion sollte die parlamentarischen Abstimmungen parallel im Liquid Feedback der Piraten abbilden. Damit könnten die Piraten zeigen, wie sie im konkreten Fall entscheiden würden, und gleichzeitig Abstimmungsempfehlungen für die Fraktionsmitglieder geben.

Könnten dann alle Bürger das Abstimmungsverhalten der Piraten beeinflussen?

Wir setzen das Programm im Moment nur parteiintern ein. Alles andere ist derzeit technisch und rechtlich noch zu kompliziert. Es wäre aber spannend zu sehen, was passiert, wenn mehr Menschen mitmachen dürften.

Liegt die Zukunft der Parteien darin, zu Bürgerbeteiligungsplattformen zu werden?

Beteiligung ist für uns und unsere Wähler immer ein wichtiger Punkt gewesen. Die Entscheidung, mit welchen Themen wir in den Wahlkampf ziehen, ist aber noch nicht getroffen. Das wird spätestens der Wahlparteitag im März entscheiden.

Weiß der Schwarmgeist Ihrer Partei denn jetzt schon, unter welchen Bedingungen die Piraten eine Regierung stützen würden?

Im Liquid haben sich die Piraten für Themenkoalitionen im Bundestag ausgesprochen. Jenseits davon erscheint eine feste Koalition für uns als junge Partei noch nicht realistisch. Rote Linien sind aber in jedem Fall die Vorratsdatenspeicherung oder auch Verschärfungen im Sozialsystem oder der Asylpolitik.

Die Piraten stehen definitiv nicht für eine Koalition oder eine Tolerierung zur Verfügung?

Mit absoluten Aussagen muss man vorsichtig sein und sich ansehen, wie viele Stimmen für das Meinungsbild abgegeben wurden. In unserem Fall waren es 113. Da wäre ich noch zurückhaltend, einen direkten Rückschluss auf die Meinung der gesamten Parteibasis zu ziehen. Das ist übrigens eine typische Erfahrung im Liquid Feedback: Zu inhaltlichen Punkten bringen sich sehr viel mehr Menschen ein, als bei Fragen zur Machtstrategie.

Wie viele haben sich denn bei der Frage zur Eurokrise beteiligt?

Da waren es fast dreimal so viele.

Und das Ergebnis?

Die Initiative ist ein gutes Beispiel für die Stärke von Liquid Feedback, kollektive Expertise zusammenzuführen. Die Antwort fasst einige Meinungsbilder zusammen, die früher schon durchs Liquid gelaufen sind.

Aber wie lautet denn nun die Antwort der Piraten auf die Eurokrise?

Wir bekennen uns klar zum Euro. Allerdings wehren wir uns gegen weitere Verlagerung von Macht nach Brüssel, sofern dadurch die demokratische Mitwirkung der Bürger und Parlamente an den Rand gedrängt wird. Zugleich haben wir Vorschläge formuliert, wie Europa demokratisiert werden kann. Als Antwort auf die Staatsschuldenkrise diskutieren wir derzeit noch verschiedene Alternativen: europäische Gemeinschaftsanleihen ebenso wie einen Schuldenschnitt und einen gesamteuropäischen Finanzausgleich.

Aber dann habe ich als Wähler wieder ein Problem: Ich weiß nicht, welche Meinung Sie vertreten.

Daraus spricht der grundlegende Umgang der Piraten mit der Eurokrise: Wir suchen nach langfristig stabilen Lösungen, statt Schnellschüssen zuzustimmen, die viel Geld verbrennen und häufig schon nach wenigen Wochen überholt sind. Eine Richtung ist allerdings erkennbar: Alle diskutierten Lösungen haben solidarische Ansätze.

Geben solche Aussagen aus dem Liquid Feedback die Haltung der Piraten insgesamt wieder?

Es sind Meinungsbilder, aber keine Parteitagsbeschlüsse.

Also bedeuten sie im Grunde nichts.

Im Gegenteil, ein Liquid-Beschluss hat durchaus Gewicht in der Partei. Er ermöglicht eine Abschätzung, wo die Entwicklung hingeht.

Kann man das mit irgendetwas in anderen Parteien vergleichen?

Mit der Äußerung eines Spitzenpolitikers vielleicht.

Das klingt nun aber nicht nach der grundlegenden Reform der Politik, auf die viele Verfechter von Liquid Feedback hoffen.

Moment, für unsere Demokratie würde es einen riesigen Unterschied machen, wenn in allen Parteien die Stimme der Basis die gleiche Bedeutung hätte wie zum Beispiel gerade die Aussagen von Peer Steinbrück für die SPD.

Viele bestreiten, dass Liquid Feedback die Stimme der Basispiraten sei. Schließlich macht ja nur ein Bruchteil der Mitglieder mit. Was antworten Sie?

Unsere Beteiligungsquote liegt bei fast 30 Prozent der stimmberechtigten Mitglieder. In anderen Organisationen und Parteien sind gerade einmal zwei Prozent aktiv. Da halte ich uns schon für enorm erfolgreich. Außerdem wird die Beteiligung sofort weiter steigen, wenn die Leute merken, dass sie online wirklich etwas bewirken. In unseren Landesverbänden in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen wird das Werkzeug gerade zu einer ständigen Mitgliederversammlung umgebaut, in der auch Beschlüsse gefasst werden.

Die Entwickler der Liquid-Feedback-Software haben sich öffentlich von deren Gebrauch in der Piratenpartei distanziert. Da nicht unter Klarnamen abgestimmt werde, sei das System intransparent.

Wir müssen als Partei zwischen Datenschutz und vollständiger Nachvollziehbarkeit abwägen. Viele unserer Mitglieder reagieren in Datenschutzfragen sehr sensibel und wollen im Internet lieber anonym bleiben. Die Entwickler wiederum gehen von einem demokratietheoretischen Ideal aus – und möchten dem Vorwurf begegnen, Liquid Feedback sei ein Wahlcomputer. Ich sehe darin kein so großes Problem, weil ja nicht online entschieden wird, wie Liquid-Beschlüsse umgesetzt werden. Das machen Menschen jenseits des Internet.

Warum ist Ihnen Liquid Feedback eigentlich so wichtig?

Wir sind damit noch im Versuchsstadium, aber heute schon ist es mehr als eine Software. Es ist ein lebendiges Beispiel, wie sich die Erfahrung von vielen in den politischen Prozess integrieren lässt.

Johannes Ponader, 35, ist politischer Geschäftsführer der Piratenpartei. Aufsehen, aber auch innerparteilich Kritik erregte der freie Theaterpädagoge mit Medienauftritten, in denen er seine Auseinandersetzungen mit der Arbeitsagentur erörterte. Ponader gilt als vehementer Vertreter des bedingungslosen Grundeinkommens und Befürworter einer starken Beteiligung der Parteibasis, unter anderem durch die Mitmach-Software Liquid Feedback.

Mehr zum Thema:

Liquid Feedback und Sozialpolitik spalten die Piratenpartei. Zum Hintergrund des Richtungsstreits

Kommentare (16)

Meyko 18.10.2012 | 10:59

Eine Überlegung drängt sich grad auf: Wenn „richtig erfolgreich sein“ für die (Nachrichten-) Medien weiterhin bedeuten soll, in immer kürzeren Abständen eine neue (politische) Nachricht (Sau) aufzustöbern, um sie möglichst spektakulär durchs Dorf zu treiben, dann ist „Liquid Feedback“ ja vermutlich irgendwie „medienfeindlich“.

Dann ist es allerdings auch nicht mehr ganz so erstaunlich, dass es Journalisten häufig schwerfällt, diese etwas ungewohnte und entschleunigte Vorgehensweise bei den Piraten auch nur richtig zu beschreiben.

ch.paffen 18.10.2012 | 11:38

Vielen Danke für dieses Beitrag und die gelebte Offenheit die der Freitag damit für mich dokumentiert hat.

Offenheit ist ja nicht unbedingt ein Selbstläufer bei den Medien (meine persönliche Wahrnehmung). Der orange style @ Politik machen, aktiv an der von vielen als Demokratiedefizit wahrgenommenen "old school" Kommunikation zu schrauben und da ein "oranges Kommunikationsbaby" (Liquid Feedback) zu nutzen und dieses Baby dann mit Änderthaken zu verteidigen verlangt Respekt.

Also warum nicht einfach mal auf diesen "entschleunigten" Form einlassen. Anders muss nicht zwangsläufig besser sein, jedoch SO super toll läufts ja nicht mit den bekannten Angeboten nicht. Antwort sofort und dann genau ist ggf. ja schon nach der Wahl. Mir hat der Ausflug auf die piratige Kommunikationsplattform ne Menge Spass gemacht. Es bleibt spannend .....

Feinen Resttag noch Christiane Paffen

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Ehemaliger Nutzer 18.10.2012 | 12:35

Joo...so schauts aus...man muß die Masse doch ruhig stellen...Revolution kann die Elite nicht gebrauchen :-)

Die Piraten sind genauso abgehoben und viele wittern anscheinend da ihre Chanche auf ein Leben in Wohlstand und versorgt sein.

Wer von der arbeitenden Bevölkerung hat denn schon die Zeit sich am Tage mit Politik zu befassen, geschweige denn abends. Wenn er müde und geschafft auf dem Sofa liegt.

Neee....dieser ganze Parteienquatsch ist sinnlos und dient nur einer Schicht!

Gebt den Leuten angemessenen Wohlstand, wir haben genug für ALLE da. Der Mensch hat Grundbedürfnisse, die es zu befriedigen gilt. Wir können genug produzieren...Für Alle, auch global...und dann leben wir alle glücklich und zufrieden...ohne Parteien (Religionen), die mit ihrer Ideologie doch nur Streit und Frust verbreiten...vorallem aber ohne dieses wertlose elektr. Geld!!

Es ist schon eine Frechheit wie die Partei sich ausschliesslich über Laptop unterhalten...die armen afrikanischen Kinder, die für die seltenen Erden zutiefst ausgebeutet werden, tun mir sehr leid!!

Steffen Kraft 18.10.2012 | 14:56

Ohoh, innerhalb des Piratenvorstands scheinen wirklich nicht alle sehr glücklich über das LQFB-Interview:

"Um meine Tastatur nun aus dem Kopf zu bekommen, brauche ich bei dieser Antwort wohl noch ein paar Tage: “Im Gegenteil, ein Liquid-Beschluss hat durchaus Gewicht in der Partei. Er ermöglicht eine Abschätzung, wo die Entwicklung hingeht.” Durchaus Gewicht bei WEM? Dem BuVo? Bei dir? Bei den 10k registrierten? Bei den 5000 aktiven? Bei den Entwicklern? Ja, bei wem denn nun? Frag nun ja nicht bitte in LQFB für die Antwort.
Also, danke lieber Johannes, dass du als BuVo Mitglied wieder tolle LQFB Werbung gemacht hast. Vielen, vielen Dank! Oder auch nicht."

anne mohnen 18.10.2012 | 18:52

Vielen Dank für das Interview und dass Sie uns auf dem Laufenden halten bezüglich der Piraten!

Ich kann nun auch keinen Fortschritt sehen, den die Piraten seit dem Pfefferberggespräch gemacht haben sollen. Da ist Schlömer auch immer ausgewichen, sprach mal von seiner Meinung, der Meinung der Partei, für die er nicht spreche oder die noch eingeholt werden müsse.

Mich interessieren zudem die Ansichten der Piraten zum Thema Freiheit, Liberalismus, Gerechtigkeit. Das sind aktuell die Krisenbegriffe, die von den Piraten, so das Bild, das zumindest einige Parteimitglieder kolportieren, neu belebt werden wollen. Auch hier sehe ich „kein Land in Sicht“, auch wenn ich einräume, dass das dicke Bretter sind, die gebohrt werden wollen. Und vor der Aufgabe stehen die Piraten nicht allein.

Deshalb frage ivh mich nach wie vor braucht es eine neue liberale Nezt-Partei?

https://www.freitag.de/autoren/anne-monen/brauchen-wir-eine-neue-liberale-netz-partei

Bisher stellt sich für mich nur politische Unbedarftheit dar und mit ihrer Kampagne zur Aufhebung des Urhberrrechtes kommen sie auch nicht weiter. Mit ihrem antireligiösen Touch (den Karfreitag "rocken") liegen sie populistisch im Kurs und für ihr Eintreten für Banal-Eignenutz (Julia Schramm) und sowie mit ihrer Angepaasheit (Bernd Schlömer s.: Spiegel-Interviews) bewegen sie sich "in der Mitte der Gesellschaft".

cwerg 18.10.2012 | 21:28

Kaffeesatz 2.0 ist das: Irgendwas trifft immer, irgendwie lässt sich alles verstehen und wenn nichts, hat mans wenigstens mit Spaß versucht - wie Bleigießen oder Horoskopelesen.

Schade, schade: Das hätte eine zeitgemäße deutsche Verbraucherpartei werden können (und vielleicht eher eine der Netzeneutralität als Essential der Daseinsvorsorge als eine der Netzkultur) - nun ist es aber doch nur eine neue Partei auf technisch, demokratisch, persönlich, theoretisch, praktisch und inhaltiich komplizierten Umwegen auf dem Weg zu einer klassischen Partei, in der Männer die Hauptrollen spielen, die jungen Menschen zu kompliziert und anstrengend ist und die es schafft, sogar die Internetnutzung komplizierter erscheinen zu lassen als sie ist.

Bei ganz, ganz viel Sympathie für Entschleunigung, Basisdemokratie und Netzkultur meinerseits: "Weiß grad nicht" ist ad hoc genauso dünn wie nach einem wochenlangen liquid feedback - die Fragen dieses Interviews waren ja nun wirklich nicht wahnsinnig komplexer, philosophischer und nicht einmal grundsätzlicher Natur. Natürlich kann man dann noch Interviews blöd, sinnlos, gestrig finden - dann muss man aber einfach keine geben und was Besseres anstellen. Aber mehr als Projektionsfläche (ein paar gute Leute, ein paar gute Claims, ein medialer Hype) war da halt nie: Die real existierenden Piratenformate sind aber ganz oldschool - Plakate, Flyer, die eine oder andere Kundgebung, Luftballons, Talkshows, Interviews, ein bisschen Internet. Der Rest ist gelebte, sympathische Individualität, manchmal gar Authentizität. Aber würden Johannes Ponader oder Marina Weisband als Künstler in der Politik nicht den Grünen oder der SPD genau so gut stehen und würden sie da nicht mehr bewirken können? Würde Schlömer nicht von SPD über FDP bis CDU genau so oder viel einfacher pragmatisch Politiker sein können, wie er es mühsam bei den Piraten versucht?

Wie twitterte Marina Weisband dieser Tage so schön und richtig?
>>>"Zu viele Idioten" ist nie das Problem. "Zu viele Idioten" ist nur ein Symptom einer dysfunktionalen Struktur.<<< Ebenpopeben. Und eine dysfunktionale Struktur ist kein so wahnsinnig anregendes Alleinstellungsmerkmal - sondern auch nur so ziemlich üblich wie wenig erstrebenswert.

Johannes Ponader 18.10.2012 | 21:39

Ich glaube nicht, dass ein Pressesprecher die komplette Abbildung aller parlamentarischen Abstimmungen im Liquid gefordert hätte. Das ist schließlich keine Konsensposition.

Auch die Meinung, es gäbe gar keine Krise, würde nicht jeder teilen.

Die Abstimmung bot die Chance, ein Meinungsbild unter den Teilnehmern der jeweiligen Umfragen einzuholen. Unter dieser Prämisse konnten hier durchaus kontroversere Positionen formuliert werden, die ein Pressesprecher so nicht einnehmen könnte. Einen Einblick in die Debatte sozusagen.

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Ehemaliger Nutzer 19.10.2012 | 12:39

Der Witz an Ponader ist ja, dass er ein bayerisches 1.0er Abi + "Hochbegabten Stipendium" fürs Studium hat/hatte. Dann kommt der Prollo aus der eigenen Fraktion und schreit "Eh, Hartzler, niemand braucht deinen Intellektuellen-Scheiß, ab an die Pommes Bude". In diesem Punkt ist die Piratenpartei tatsächlich generisch für die deutsche Gesellschaft.

Reimers 19.10.2012 | 13:29

Ich möchte den Freitag-Lesern Jornalismus 3.0 vorstellen. Dies ist eine vielversprechende und folgerichtige Weiterentwicklung von Journalismus 2.0
und wurde gerade weltweit auf seine Nützlichkeit hin getestet.


Den ersten Großversuch hat das Unternehmen Eutelsat vor einigen Tagen mit sichtlich großem Erfolg gestartet, er sperrte 19 News- und Fernsehsendungen des Iran, darunter Press TV. Dem israelischen Firmenchef des Unternehmens, Michel de Rose, wurde für die bahnbrechende Neuerung auf dem Bereich der weltweiten und freien Nachrichtenübertragung schon nach kurzer Zeit viel Beifall gezollt - durch weitgehendes Schweigen der großen Miedenkonzerne.

Wir möchten Sie - als sehr geschätzten Abnehmer unserer freien, umfassenden, unabhängigen und stets zuverlässigen technischen Dienstleistungen von Eutelsat - angesichts der zu erwartenden großen Nachfrage nach weiteren Verbesserungen auf dem von uns abgedeckten Dienstleistungsbereiches bitten, bitte frühzeitig Ihre Vorschläge und Nachfragen bei unseren Aussendienststellen, dem israelischen Konsulat ihres Landes abzugeben.

Im kurzfristigen Testangebot haben wir augenblicklich noch den staatlichen Nachrichtendienst Syriens.

Diese Information geben wir selbstverständlich nur unter Vorbehalt, denn unser Angebot kann sich - je nach Nachfrage - täglich ändern. Wir bitten Sie hierfür freundlichst um Verständnis.

Wir möchten des weiteren noch darauf hinweisen, daß wir Erweiterungsangebote aus dem Bereich Journalismus 3.0 auch gerne von befreundeten staatlichen Stellen entgegennehmen und möchten Sie - wie bisher - unserer Diskretion versichern, denn wir alle wissen: die freie Meinungsäußerung ist ein kostbares Gut, das geschützt werden muß.


Mit freundlichen Grüßen und in der Erwartung weiterer und beidseitig vorteilhafter geschäftlicher und nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit

Ihr ergebener

Michel de Rosen

(Eutelsat)

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P.S.: Die Meldung, daß zur Entgegennahme von Ergänzungsvorschlägen oder Angeboten Dienststellen der EU zuständig seien, sind leider fälschlicherweise in die Öffentlichkeit gelangt.

Sisyphos Boucher 22.10.2012 | 12:20

Das Liquid Feedback ist eine gute Idee, die aber unter gegebenen Bedingungen nur den Anschein von Basisdemokratie vermittelt. Praktisch gesehen ist es auch nur Ausdruck von Meinung einer durch Zeit, Ort und Technologie begünstigten Minderheit, d.h. aktiven Elite, im Falle der Piratenpartei der netzaffinen Mitglieder, die durch ihre individuelle soziale Situation das Internet ohne Einschränkungen nutzen können.

Mich stört an diesem Interview-Experiment, dass ein Hilfmittel demokratischer Meinungsbildung zum eigentlichen demokratischen Prozess der Meinungsbildung erklärt wird, obwohl es im Ergebnis auch nur Empfehlungscharakter trägt.

Mich stört auch, dass nicht thematisiert wird, welche demokratischen Prnzipien nun hinter dem ganzen Projekt stehen und welche Auswirkungen schließlich die auf diesem Wege gefundenen Meinungsbilder haben sollen. Was wollen und können die Piraten tun, dass ihre Mandatsträger sich nicht (zurecht) auf die Gewissensfreiheit als Abgeordnete zurückziehen, wenn sie politischen Unsinn treiben?