Ein Teil von ihm

Aufbruch Der Filmemacher Peter Overbeck erinnert an den gesellschaftlichen Aufbruch unter der Unidad Popular und den Putsch vor 35 Jahren

Den 11. September 1973 verbringt Peter Overbeck in einer Wohnung nahe der Universidad Católica im Zentrum Santiago de Chiles. Nur kurz wagt er sich in die Nähe der Moneda, des Präsidentenpalastes, wo er den Luftangriff auf die wenigen Getreuen mit ansehen muss, die der linken Regierung des Landes noch verblieben sind. Wenig später stirbt Präsident Salvador Allende inmitten des brennenden Gebäudes. Mit ihrem Sieg zerstören die Putschisten um General Augusto Pinochet ein weltweit beachtetes Experiment. Die Unidad Popular, eine Koalition linker Parteien, hatte in den drei vorangegangenen Jahren gewagt, Chile Schritt für Schritt in eine sozialistische Gesellschaft zu verwandeln. Sie hatte beweisen wollen, dass eine friedliche Revolution möglich ist. An diesem Septembertag werfen die alten Eliten diese realisierte Utopie blutig nieder, nachdem sie sich der Unterstützung des Westens, allen voran der USA, versichert haben.

Für Peter Overbeck endet damit eine Zeit, in der er sich so frei und glücklich gefühlt hatte wie in keiner anderen Phase seines Lebens. Nach Chile ist der 1927 in Mannheim geborene, deutsche Kameramann knapp zwei Jahre vor dem Putsch gekommen. In seiner Wahlheimat Brasilien, in das er nach der Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft 1951 von Deutschland aus emigrierte, ist ihm die Luft zu dünn geworden. Gegen die dortige Militärdiktatur hat Overbeck den Widerstand unterstützt, der aber zusehends aufgerieben wird. Chile unter seinem kürzlich gewählten Präsidenten Salvador Allende scheint ihm ein verheißungsvolles Terrain. In einem jetzt veröffentlichten Buch Santiago, 11. September lässt Overbeck diese Jahre Revue passieren.

Als Kameramann der staatlichen Gesellschaft Chile Filmes bereist er weite Teile des Landes. Er beobachtet hautnah den sozialen Wandel. Mehr noch, er wird Teil von ihm. Denn wie weite Teile der Gesellschaft demokratisiert sich auch Overbecks Arbeitgeber. Bei Chile Filmes diskutieren alle Angestellten vom Regisseur über den Tontechniker bis zur Putzfrau gemeinsam jedes Drehbuch und entscheiden, welcher Streifen gedreht werden soll. Das gefilmte Material darf von allen Kollegen frei verwendet werden.

Sozialismus, das wird in Overbecks Buch deutlich, meint für die Unidad Popular nicht zuletzt umfassende Demokratie. Sie will die arme Bevölkerungsmehrheit dazu ermächtigen, ihre Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen. Mitsprache und Selbstverwaltung werden groß geschrieben. In den "Poblaciónes" etwa, den ausgedehnten Barackensiedlungen der städtischen Unterklasse, werden Fünferkomitees gewählt. Diese Komitees gründen Schulen, Erste-Hilfe-Stationen und organisieren Kulturveranstaltungen. In der Industrie rücken Arbeiter in die Unternehmensleitung auf. Und die auf enteignetem Boden angesiedelten Bauern werden angehalten, zuerst auf einer konstituierenden Versammlung einen Rat zu wählen und zu entscheiden, wie produziert werden soll. Zu Allendes Grundsätzen gehört, dass die Bevölkerung mit vermehrten Rechten zugleich stärkere Verantwortung für die neue Gesellschaft übernehmen soll.

Die dabei auftretenden Probleme verschweigt Overbeck nicht. Wer noch nie erfahren hat, dass seine Meinung in der Gesellschaft zählt, tut sich schwer mit Eigenverantwortung und Selbstorganisation. Nicht jeder ist bereit oder fähig, die erlittenen Frustrationen beiseite zu schieben. Anderswo blockiert der traditionelle Machismo das Engagement von Frauen. Die Enteignung und Neuverteilung des Bodens, erfährt Overbeck, bildet daher beinahe den einfachsten Schritt bei der Landreform. Für den Autor ist offensichtlich, dass die Reformen die gewünschten Ergebnisse gezeigt haben. Denn während sich viele Probleme als Anlaufschwierigkeiten erweisen, wird das Vertrauen der linken Regierung vielfach durch gesteigerten Arbeitseinsatz vergolten. Als etwa Unternehmer ihre Fabriken schließen und teilweise demontieren, um einen wirtschaftlichen Notstand zu provozieren, übernehmen vielerorts die Arbeiter die Leitung der Werke. Die Boykott-Strategie der Industriellen scheitert.

Overbeck erweist sich als ehrlicher Chronist. Er suggeriert nicht, alle Angehörigen der Unterklassen seien begeisterte Anhänger Allendes gewesen, genauso wenig unterschlägt er den vorhandenen Zuspruch für die Unidad Popular aus dem Unternehmerlager. Er vergisst nicht, dass eine überzeugte Anhängerin der Rechten seiner Frau und ihm unmittelbar nach dem Staatsstreich Unterschlupf geboten hatte, ungeachtet aller politischen Differenzen. Diese Aufrichtigkeit zeichnet ihn auch aus, wenn er über Persönliches spricht.

Overbeck erzählt szenisch, seine Sprache ist einfach und klar. Eindrücke und Erlebnisse verdichtet er zu farbigen Episoden, die mitunter fast literarische Qualität erreichen. Zuweilen ergänzt er prägnante politische Betrachtungen oder dokumentiert auszugsweise zeitgenössische Texte. Overbeck schildert diese Jahre nicht aus Sicht der politischen Strömungen, sondern beschreibt den sozialen Wandel aus einer stärker alltäglichen Perspektive. Salvador Allende ist einer der wenigen Politiker, die überhaupt mit Namen genannt werden. Ihm widmet Overbeck einige Passagen, ohne den politischen Prozess auf die Figur des Präsidenten zu reduzieren. Dem Arzt und Sozialist bringt Overbeck großen Respekt entgegen. Er schildert ihn als einen distinguierten, sensiblen Mann, der wegen seiner spürbaren Aufrichtigkeit die Sympathien der unteren Schichten gewonnen hat. Allende bleibt bis in die letzten Tage seiner Regierung kompromissbereit - und doch konsequent, wenn es ums Wesentliche geht. Von seinem Reformkurs geht er nicht ab. Und am 11. September verweigert er die geforderte Kapitulation. Noch seine letzte Radioansprache, aus der Overbeck wiederholt zitiert, kündet von der beharrlichen Hoffnung, dass irgendwann für alle ein Leben in Würde möglich sein wird. So formuliert Allende am Schluss seiner Rede: "eher früher als später (werden) freie Menschen auf breiten Straßen marschieren, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen".

Mit einiger Bitterkeit blickt Overbeck auf das heutige Chile, das er zuletzt im Mai dieses Jahres besucht hat. Mittlerweile prägt der rigide Neoliberalismus, den die Diktatur dem Land mit Hilfe amerikanischer Ökonomen aufgezwungen hat, das Denken zahlreicher Bürger. Obwohl Chile ökonomisch als entwicklungsfähigstes Land des Kontinentes gilt, klafft die Schere zwischen Arm und Reich weiter denn je. Auch die sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet hat daran bislang wenig geändert. Ohnehin hat die Linke beim Übergang zur Demokratie schmerzhafte Zugeständnisse machen müssen. So gilt im Wesentlichen nach wie vor die von den Putschisten geschriebene Verfassung. Dass es dabei bleibt, garantiert ein Wahlrecht, das die Etablierung einer dritten Kraft im Parlament verhindert - und damit die nötige Zweidrittel-Mehrheit für eine Verfassungsänderung.

Kaum verwunderlich, dass Overbeck bei seinem Besuch deutliche Unzufriedenheit bei den Anhängern der Linksparteien registriert hat. In den Armenvierteln, im Bildungswesen und unter den Mapuche-Indigenen nimmt der Einfluss von Protestbewegungen zu.

Peter Overbecks Buch lässt die Jahre der Unidad Popular lebendig vor Augen treten. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf wirkliche demokratische Reformen, die noch heute als Anregung dienen können, wenn über gesellschaftliche Alternativen diskutiert wird.

Peter Overbeck Santiago, 11. September. Erinnerungen an Chile. Edition Nautilus, Hamburg 2008, 255 S., 19,90 EUR

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