Ein toller Typ

Porträt Milan Peschel spielt mit großem Verständnis alleinerziehende Väter, sympathische Mörder oder verzweifelte Künstler. Er sagt, er sei ein glücklicher Mensch

Ein Dienstagnachmittag, Zeit für eine Cola. Die Endprobenphase für Die Glasmenagerie läuft. Milan Peschel inszeniert das Stück am Berliner Gorki Theater und hat soeben die letzte Proben-Besprechung des Tages beendet. Es läuft gut, sagt er. Und sieht auch ganz so aus: Sehr aufgeräumt. Er nimmt in einer Ecke der Gorki-Kantine Platz, die Cola kommt mit, Zeit für das nächste Gespräch.

Der Freitag: Herr Peschel, Sie spielen häufig Männer, die auf der gesellschaftlichen Verliererseite stehen. Was reizt Sie daran?

Milan Peschel

: Mir werden die Rollen angeboten, weil die Leute davon ausgehen, dass ich sie spielen kann. Da sind immer wieder Verlierer dabei, wahrscheinlich weil ich ein Verständnis für sie habe. Oder einfacher: Interesse.

Woher kommt das Interesse?

Das soziale Denken liegt in der Familie begründet. Ich bin in Ost-Berlin aufgewachsen und mir wurden bestimmte Wertvorstellungen vermittelt: dass man Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen, ihnen zuhören und eine Chance geben sollte. Meiner Mutter war das sehr wichtig, weil ihr als Kind gar kein Respekt entgegen gebracht wurde.

Inwieweit spielte die Gesellschaftsform eine Rolle?

Sicher hat sie ein Bewusstsein dafür geschaffen. Die DDR hatte sich Gleichheit ja auf die Fahnen geschrieben. Wie die Praxis aussah, ist etwas anderes. Das ändert aber nichts daran, dass es heute in Gesellschaft und Politik ganz andere Wertvorstellungen gibt, in Richtung Ungleichheit.

Sie stellen das ziemlich gleich­mütig fest.

Ich nehme es zur Kenntnis, und es erzürnt mich auch – mal mehr, mal weniger. Aber es wird auch immer schwieriger, diesen Zorn zu kanalisieren. Jeder lebt vereinzelter und die Gesellschaft saugt Protest auf wie ein großer Schwamm. Am Ende ist alles kommerzialisierbar, eine Marke.

Haben Sie ein Beispiel?

Ehrlich gesagt gerade nicht. Ich kann nur von meinem Grundgefühl sprechen. Damals in der DDR hatte ich ein starkes Bedürfnis, an Demos teilzunehmen. Komischerweise habe ich das in der heutigen Gesellschaft verloren. Vielleicht hat es mit meinem Alter zu tun oder mit einer Art von Fatalismus, die sich ausbreitet: Jeder will das größtmögliche Glück für sich und seine Familie. Alles andere erscheint schwer beeinflussbar. Die Grenzen sind zwar offen, aber es gibt sie doch, nur weniger sichtbar.

Der Gegner ist nicht so klar?

Sicher. In der DDR hatten wir ganz klar einen Gegner vor Augen und das war auch geil, bis zu dem Punkt, wo es gefährlich wurde. Das wurde es bei mir zwar nicht, aber man war immer irgendwie auf Protest, immer dagegen. Dadurch wurde einem das Anderssein sehr erleichtert. Was verboten ist, reizt ja gerade. Heute ist nichts mehr verboten, das erzeugt eine Leere.

Ist das so, ja? Nichts mehr ist verboten?

Klar gibt es noch Tabus, aber ich weiß nicht, ob jedes Tabu unbedingt brechenswert ist.

Fehlen Autoritäten?

Ich weiß nun nicht, ob es gerade Autoritäten waren, die die DDR geführt haben. Aber prinzipiell sind starke Autoritäten immer wichtig, auch als Reibungsfläche. Ich glaube, jeder sucht nach Figuren, Personen oder Ereignissen, an denen er sich orientieren kann.

Bei dem Stück, das Sie momentan im Gorki Theater inszenieren, fehlt auch eine Autorität: die des Vaters. Oder ist Ihre Interpretation von Tennessee Williams’ Glasmenagerie eine andere?

Ich denke, die Figuren stehen eher vor dem Fall durchs soziale Netz, vor allem die Mutter kämpft mit Leibeskräften darum, den kleinen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Der Sohn aber ist bereit, Schwester und Mutter zu opfern. Er will von seinem erdrückenden Alltag als Arbeiter in einem Lagerhaus fliehen und eine Karriere als Schriftsteller beginnen.

So etwas kann man nicht erklären, das hat mich an der Schauspielschule schon immer gestört, dass man begründen muss, warum man Schauspieler werden möchte. Das sind Gefühle, Instinkte, eine Befriedigung, die man sucht.

Bloggerin Magda hat

Ich glaube, ich kenne diese Magda, habe schon mal etwas von ihr über meine Mutter gelesen. Naja, sagen wir mal so, es ist immer schwierig zu beurteilen, was aus einem geworden ist. Aber natürlich bin ich total stolz auf das, was ich gelernt und geschafft habe. Ich bin stolz auf meine Theaterarbeit, die Rolle jüngst im hessischen Tatort oder auf den Film Netto...

… Ihren wohl bekanntesten Film, in dem Sie einen alleinerziehenden Vater aus Ostdeutschland spielen. Sie waren damit für den Fernsehpreis nominiert.

Wahrscheinlich, ja. Aber Hände weg von Mississippi, kennen sehr viele Kinder. Kennen Sie den?

Leider nein, worum geht es?

Es ist ein Krimi, der auf dem Dorf spielt. Ein Mädchen bekommt ein Pferd von ihrer Oma geschenkt. Doch der Erbe des vorherigen Besitzers will es zurück haben. Ein ganz toll und süß gemachter Kinderfilm von Detlev Buck. Ich spiele den Dorfdeppen und Handlanger vom Bösewicht, aber nicht weil der auch böse Absichten hätte, sondern weil er Kfz-Mechaniker ist und der Böse ein tolles Auto hat.

Mal ehrlich: Wäre es manchmal nicht doch aufregender, den tollen Typ zu spielen?

Wer ist denn der tolle Typ?

Na, nicht den Dorftrottel, sondern den mit dem tollen Auto.

Ich habe in meinen Filmen auch schon tolle Autos gefahren.

Warum lachen Sie?

Naja, ich kann mit diesen Kategorien nicht so viel anfangen. Diese Rollen werden mir angetragen, ich habe aber auch schon diverse Alkoholiker und Junkies abgelehnt.

Okay, Sie stecken in einer Schublade, kann das sein?

Eigentlich wohne ich in der Pasteurstraße in Berlin und stecke in keiner Schublade, aber gewisse Leute sehen mich wahrscheinlich so. Ich werde mich aber nicht bemühen, krampfhaft dort herauszukommen. Wenn es so ist, dann ist es so. Trotzdem nehme ich nur die Rollen an, die mich interessieren.

Sie wohnen also am Prenzlauer Berg, für viele stecken seine Bewohner auch in einer Schublade: in der des absoluten Feindbildes.

Ja, wieder so eine Kategorisierung. Also, bei uns im Haus wohnen nur Leute mit DDR-Biografie. Ich verstehe aber auch die Menschen aus Stuttgart oder Hamburg, die dorthin ziehen. Das ist ein schöner Stadtteil. Mein Gott, dafür kann man ihnen doch keinen Vorwurf machen.

Wem denn, falls man es tun möchte?

Schon eher denen, die die Mieten so hoch ansetzen, dass die Alteingesessenen sich das nicht mehr leisten können. Es ist eine Frage des Systems, das es möglich macht, Leute auf diese Weise herauszudrängen, man saniert, um dann noch teurer zu vermieten.

Der Kiez gilt abseits dessen auch wahlweise als Familienhölle oder -paradies. Wie wichtig ist Ihnen Familie?

Sehr. Das ist eine absolute Grundierung meines Lebens. Für mich war auch schon immer klar, dass ich Kinder und eine Familie haben möchte. Darüber habe ich nie groß nachgedacht oder musste mich dafür entscheiden.

Bei vielen, im Westen oder im heutigen Deutschland sozialisierten jungen Menschen ist das nicht so einfach.

Davon habe ich gehört, ja. Aber ich war eben nie in der Situation, mich zwischen Karriere und Beruf entscheiden zu müssen – wenn man das, was ich bisher erreicht habe, als Karriere bezeichnen will. Daran hat meine Familie einen großen Anteil, weil sie immer da war, sie mir den Rücken gestärkt hat und bei vielen Entscheidungen ge­holfen hat. Kinder zu haben gibt einem ein ganz anderes Bewusstsein für Verhältnismäßigkeiten, was wichtiger ist im Leben – sich über ein Catering aufzuregen oder eben nicht.

Die Glasmenagerie heißt im Untertitel eine „Familiengeschichte – Ein Spiel der Erinnerungen“. Kein so positives Spiel, oder?

Wir zeigen Familie in einem ganz bestimmten Zustand, quasi an der Unterseite vom sozialen Netz. Da findet eher Familienterror statt.

Ist das die Kehrseite von Familie?

Klar, aber das Positive und Harmonische ist fürs Theater ja uninteressant. Aber letztlich gibt es in jeder Familie Punkte, die dramatisch sind. Im Stück Nora zum Beispiel geht es um eine Mittelstandfamilie, wie ich sie auch um mich herum habe: Familie mit zwei Kindern, der Mann ist erfolgreich, die Frau ist glücklich – und trotzdem passiert das große Drama.

Konservative haben in den vergangenen Jahren beklagt, dass die Familie zugrunde gehe.

Also, wenn ich mich so umgucke, weiß nicht. Kann von Aussterben nichts merken. Aber dennoch ist es wichtig, Familien zu unterstützen und gerade Kindern aus ärmeren Verhältnissen bessere Chancen zu ermöglichen. Eigentlich ist die Frage doch absurd, ob es sinnvoll ist, eine Familie zu haben. Erst die kapitalistische Gesellschafts­ordnung hat die Menschen in Entscheidungsnot gebracht: Karriere oder Familie? Das gab es in der DDR gar nicht. Es gab Mutterschutz und es war so klar, wie das Amen in der Kirche, dass Frauen danach wieder in den Beruf zurückkehren.

Feministinnen würden jetzt sagen: Warum soll es denn aus Sicht von Frauen kein Erfolg sein, dass sich diese Frage endlich in ganz Deutschland stellt?

Feministinnen, würde ich sagen, sind auch kapitalistische Pflanzen. Diese Bewegung wurde jedenfalls nicht in der DDR oder in Russland geboren.

Da müssen Sie selbst lachen. Wenn man von der Kinderbetreuung absieht, sah es für Frauen in der DDR nicht so gut aus.

Da müssten Sie wohl eher meine Mutter fragen. Ich kann nur sagen, dass sehr auf Gleichstellung geachtet wurde.

Am Fließband, auf den Führungsebenen sah das anders aus.

Klar, da gab es Margot Honecker und sonst niemanden. Aber ich meine, diese Männer, die die DDR regiert hatten, waren ja auch lachhaft. Schießbudenfiguren. Das heißt nicht, dass sie ungefährlich waren: Leute aus einfachen Verhältnissen, Opportunisten, Proletarier, völlig überfordert mit ihrem Job. Wobei ich gar nichts gegen Proletarier sagen will, spiele ich ja öfter. Aber wahrscheinlich hätte Honecker seinem Land mehr gedient, wenn er Dachdecker geblieben wäre. Die Diktatur des Proletariats – na, schönen Dank auch.

Wollten Sie jemals die Verhältnisse in der DDR umstürzen?

Das möchte ich nun nicht behaupten. Ich glaube, wenn man jung ist, wie Tocotronic schon so schön gesungen haben, will man Teil einer Jungendbewegung sein. Jeder möchte irgendwo dazugehören, auch im Erwachsenenalter. Ja, und ich bin froh und stolz darauf, so lange zur Volksbühne gehört zu haben. Sie ist meine künstlerische Heimat.

Was zeichnet diese Heimat aus?

Sie ist für mich ein Ort von großer Freiheit – das wichtigste europäische Theater der letzten zwanzig Jahre. Frank Castorf hat einen neuen Begriff von Realität im Theater geschaffen. Viele Theatermacher nach ihm beziehen sich, bewusst oder unbewusst, auf ihn.

Zuletzt wurde ihr eine Krise nachgesagt. Genauer: Es sei langweiliges Kotz- und Ficktheater.

Das ist ja auch nicht neu. Sicher gibt es in jeder Castorf-Inszenierung immer langweilige Momente, aber die gehören dazu. Für mich ist es immer noch das relevanteste Theater in Deutschland. Castorf arbeitet aus einem gesellschaftlichen und politischen Bewusstsein heraus, das ins Künstliche über­tragen wird. Regisseure wie Armin Petras etwa bringen viel stärker die eigene Biografie ein. Von der kann man sich nie befreien, sie treibt einen immer wieder an.

Ihre Biografie Sie auch?

Ich habe nicht das Gefühl, etwas aufarbeiten zu müssen, aber man spricht immer wieder über die gleichen Dinge. Das ist in Westdeutschland wohl nicht anders. Menschen mit Biografien sind am Theater immer interessanter als bloße Figuren, hinter denen sich Menschen verstecken.

Gibt es Ihrer Meinung nach biografische Wendeverlierer?

Klar, die damals um die 30 waren und gerade in ihrem Beruf angekommen waren. Diese Biografien wurden radikal abgebrochen. Ich hatte da Glück, mit 20 standen wir am Anfang des Berufslebens. Uns hat die Wende neuen Schwung gegeben. Ich weiß nicht, ob ich es in der DDR überhaupt zur Schauspielausbildung geschafft hätte, man musste ja „gesellschaftlich tragbar“ sein, blabla.

Auch ein schöner Begriff: gesellschaftlich tragbar. Was hätte das in Ihrem Fall bedeutet?

Ich weiß nicht, wie die mich eingeschätzt hätten. Ist ja auch müßig, darüber zu spekulieren. Ich bin so, wie ich heute bin und lebe das Leben, das ich jetzt lebe.

Und wie sind Sie heute?

Glücklich.

Das können nicht viele von sich sagen.

Ich bin es trotzdem. Das heißt ja nicht, dass ich das Unglück der anderen nicht zur Kenntnis nehme, aber mein eigenes Glück eben auch. Ich bin eben ein Genussmensch: Ich genieße die Bühne, tollen Applaus, gutes Essen, liebe es zu faulenzen oder mit meiner Frau Serien zu gucken.

Milan Peschel, geboren 1968 in Ostberlin, spielte bereits als Kind Theater, in der Pubertät wollte ich jedoch nicht mehr. Im Alter von 16 Jahren entschied er sich für eine Ausbildung zum Theatertischler an der Deutschen Staatsoper. Von 1986 bis 1991 arbeitete er als Bühnentechniker
an der Volksbühne. Darüber war das Interesse an der Schauspielerei wieder geweckt, aus Eitelkeit, so Peschel. Und er studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Es folgten Engagements in Potsdam und Senftenberg. Von 1997 bis 2008 war er unter der Intendanz von Frank Castorf Mitglied des Ensembles an der Volksbühne.

Zu seinen Filmerfolgen zählt Robert Thalheims Netto, in dem er einen arbeitslosen, alleinerziehenden Wendeverlierer spielt und das mit Humor. Für die Rolle war Peschel 2006 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Einen großartigen, unvermeidlich Berlinerischen Auftritt hat er auch im Episodenfilm .

Zur Zeit ist er im Kino in Boxhagener Platz zu sehen. Die nächste Aufführung der Glasmenagerie gibt es am 13. April im Gorki Theater. SL

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Ihre Freitag-Redaktion

15:35 31.03.2010
Geschrieben von

Susanne Lang

Freie Redakteurin und Autorin. Zuvor Besondere Aufgaben/Ressortleitung Alltag beim Freitag
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Susanne Lang

Ausgabe 42/2021

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