„Wir schießen uns dauernd ins Knie, weil wir alles gleichzeitig wollen"

Bundestag Als IT-Unternehmer in die Politik: Der Bremer Dr. Volker Redder (FDP) hat in kurzer Zeit eine Karriere von der Bremer Bürgerschaft zum Bundestagsabgeordneten gemacht. Auch wenn sich der bald 64Jährige erst spät dazu entschlossen hat.

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Nach dem Studium der Neurobiologie an der Uni Bremen sattelte Redder noch die Informatik in Bremen drauf. Überwiegend in diesem Bereich hat er dann seine 13 Unternehmen gegründet, von denen noch zehn heute existieren, wenn man seinen Ausführungen im Gespräch mit Moderatorin Diana Scholl vom Bundesverband Deutsche Berufsförderungswerke (BFW) in der Reihe „bwg sitzungswoche Sprechstunde“ in der Berliner StäV folgt. Aus den Geschäftsführungen habe er sich zurückgezogen, nachdem er, wie alle neuen FDP-Abgeordneten, in einem „Bootcamp“ erfahren hat, was er als Abgeordneter darf und kann und was nicht. Auf der Website des IT-Dienstleisters i2dm steht er allerdings noch als Geschäftsführender Gesellschafter im Impressum.

Zum Einstieg in die Politik hat ihn die Einsicht gebracht, dass man als Start-up-Unternehmer zwar seine eigenen Netzwerke aufbauen – in die Traditionsnetzwerke der Hansestadt führe für Neulinge kein Weg - und sich im Verband der Familienunternehmen engagieren kann - wo er in Bremen nach dem Vorsitz 2020 noch als Vorstandsmitglied genannt wird -, dass der wirkliche Einfluss aber in der Politik ist. Als FDP-Wirtschaftsdeputierter – ein Amt, dass es so nur noch in Hamburg gibt - betätigte er sich, wie er selbst sagt, als „Erbsenzähler“ und rechnete alle Zahlenwerke des Senats nach um zu wissen, wo das Geld bleibt. Kein Wunder, dass er nicht nur als Obmann der FDP im Digitalausschuss des Bundestags sitzt, sondern auch im Finanzausschuss, und, bei seiner offensichtlichen Heimatverbundenheit, auch im Innen- und Heimatausschuss.

Mit einer Liste von zehn Punkten hat er sich nach Berlin aufgemacht, bei zweien habe er schon erste Erfolge erzielt: Damit, dass die Bankenbilanzen über die Finanzaufsicht (Bafin) nicht mehr auf Papier an die Zentralbank übermittelt werden, sondern digital, und bei der Mitarbeit am Onlinezugangsgesetz (OZG). Die anderen acht Ziele behält der gern lachende 1,96-Mann noch für sich. Aber er geht davon aus, dass sich 2024 der Personalausweis in einer Wallet auf dem Smartphone durchsetzen wird.

Seine Frau habe seiner Bundestagskandidatur zugestimmt, weil sie davon ausging, dass er nicht reinkommt. Doch mit genug Prozentpunkten für die FDP bei der Wahl hat es geklappt. Ob er 2025 noch einmal antritt, will Scholl wissen. Redder wiegt den Kopf und sagt, dass müsse er erst mit seiner Frau absprechen, denn sie sei nicht begeistert von der Berliner Karriere.

AL IT-Spezialist habe er manchmal den Eindruck, dass zu viel Fachlichkeit bei Diskussionen mit Kolleg*innen eher störe. Schließlich habe er es bei Fraktionskolleg*innen und Referent*innen zumeist mit Studierten aus der Politik-, Kommunikations- oder Rechtswissenschaft zu tun. Politiker seien eher „Vertriebler“. „Da muss man sich herunterdrehen und ganz platt reden, dann funktioniert das wieder.“

Mit dem Gebäudeenergiegesetz ist er als FDPler nicht einverstanden und will es verhindern, so, wie es jetzt ist. Die Forderung nach 65 Prozent erneuerbare Energien unterstütze er, aber nicht die Fixierung auf die Wärmepumpe, wie sie die FDP im Gesetzentwurf sieht. Für ihn wäre der erste Schritt eine Wärmeleitplanung der Kommunen mit den Perspektiven für künftige Fernwärmeanschlüsse. Um ganz auf Elektrizität zu setzen, müsse erst die entsprechende Infrastruktur der Netze ausgebaut werden: „Wir schießen uns dauernd ins Knie, weil wir alles gleichzeitig wollen.“

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Die Veranstaltungsreihe „bwg sitzungswoche – Sprechstunde“ ist eine Kooperation von bwg Berliner Wirtschaftsgespräche, sitzungswoche Unabhängiges Netzwerk für Politik, Wirtschaft und Medien, StäV Ständige Vertretung Berlin, Wöllhaf Gruppe und OSI Club mit Unterstützung von Studio Schiffbauerdamm, Landau Media und berlin bubble.

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Geschrieben von

Susanne Stracke-Neumann

Susanne Stracke-Neumann ist freie Journalistin. Für die meko factory berichtet sie über Veranstaltungen.

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