Gethin Chamberlain
Ausgabe 4313 | 06.11.2013 | 06:00 24

14 Cent pro Stunde

Sklaverei Millionen Europäer trinken Assam-Tee, aber zu einem erschreckenden Preis: Die Plantagenarbeiter verdienen so wenig, dass sie ihre Kinder als Sklaven verkaufen müssen

Als der Schlepper vor der Tür ihrer Hütte auf einer Teeplantage im indischen Bundesstaat Assam stand, war Elaina Kujar gerade aus der Schule zurück. Das Mädchen war 14 und wollte Krankenschwester werden. Stattdessen wurde sie eine Kindersklavin und verlor vier Jahre ihres Lebens. Nun sitzt sie wieder in der Hütte, spielt mit ihrem langen dunklen Haar und erzählt, wie ihr Besitzer sich neben ihr im Wohnzimmer seines Hauses Pornos anschaute, während sie auf dem Boden lag und schlafen wollte. „Dann vergewaltigte er mich“, sagt sie und schaut auf ihre Hände. Draußen fällt der Monsunregen aufs Blechdach und schlägt an die mit Lehm verputzten Bambuswände. Drinnen hat jemand einen Kirchenkalender aufgehängt. Der Herr ist allen gütig, steht darauf.

Elaina wurde nach Delhi verkauft, weil ihre Eltern, die auf einer Plantage im Distrikt Lakhimpur den weltberühmten Assam-Tee pflücken, so wenig verdienten, dass sie es sich nicht leisten konnten, das Kind bei sich zu behalten. Es gibt Tausende Mädchen, die wie sie von den Teeplantagen im Nordosten Indiens von Schleppern in die Hauptstadt gebracht werden, für teils nicht mehr als 50 Euro an einen Vermittler verkauft und von diesem für bis zu 800 Euro an einen Arbeitgeber weiterverkauft werden. Die Kinder werden als Sklaven gehalten, vergewaltigt, missbraucht. So sieht Sklavenhandel im 21. Jahrhundert aus. Man geht davon aus, dass allein in Delhi 100.000, manchmal erst zwölf Jahre alte Mädchen so eingesperrt werden. Andere werden in den Nahen Osten, einige angeblich sogar bis nach Europa weiterverkauft.

Auf allen Teeplantagen werden die gleichen Löhne gezahlt. Jedes Blatt in jeder Packung Assam-Tee, die von Marken wie Tetley, Lipton und Twinings bei uns verkauft wird, wurde von einem Arbeiter geerntet, dessen Grundlohn 14 Cent pro Stunde beträgt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob auf der Packung steht, der Tee sei aus Fairtrade-Produktion, oder ob er von NGOs wie der Rainforest Alliance oder der Ethical Tea Partnership zertifiziert ist: Die Arbeiter erhalten immer den gleichen Grundlohn von 89 Rupien pro Tag, also von rund einem Euro.

20 Stunden Arbeit, jeden Tag, ohne Lohn

Um diese Zahlen zu erklären: Ein Arbeiter erhält ungefähr zwei Cent, wenn er Tee für eine Packung mit 80 Beuteln pflückt. Diese Packung wird dann für zwei Euro und mehr bei uns angeboten. Die Firmen geben zwar zu, dass ihnen die niedrigen Löhne bewusst seien, und behaupten auch, dass sie das zu ändern versuchten. Aber sie schieben die Schuld letztlich auf die Teeanbauer, die würden die Löhne durch Kollektivverhandlungen festlegen und könnten es sich nicht leisten, mehr zu zahlen.

Doch dieses System fordert einen hohen Preis. Und den zahlen die Arbeiter, die sich ihre Töchter nicht leisten können. Wenn dann die Schlepper anklopfen und anbieten, die Mädchen fortzubringen, gute Bezahlung und ein aufregendes neues Leben versprechen, fällt das Nein schwer. „Er hat gesagt, er würde unser Leben verändern“, sagt die heute 20-jährige Elaina. „Die Plantage war damals geschlossen, und meine Eltern hatten gerade keine Arbeit. Also wollte mein Vater, dass ich gehe.“

Fortan musste sie jeden Tag von vier Uhr morgens bis Mitternacht arbeiten. Die 1.500 Rupien pro Monat, die man ihr versprach, wurden nie bezahlt. Stattdessen hielt der Mann sie gefangen, das Mädchen konnte weder das Haus verlassen noch ihre Familie kontaktieren. „Seine Frau hat geahnt, was vor sich ging. Ich habe ihr erzählt, dass er mich vergewaltigt hatte. Aber er stritt es ab und sagte mir, ich solle den Mund halten“, berichtet Elaina. „Danach habe ich immerzu geweint. Ich hatte Angst, und er drohte mir, er würde mich in ein Bordell schicken.“

Die Rettung kam erst, als sie an einen neuen Besitzer weiterverkauft wurde, der sich aber entschloss, Elaaina nach Hause zu schicken, nachdem sie ihm ihre Geschichte erzählt hatte.

In die große Stadt

Wie gesagt, Elaina ist kein Einzelfall. Auch Rabina Khatun, heute 18, erkannte viel zu spät, dass sie in die Sklaverei verkauft worden war, nachdem sie eingewilligt hatte, als Haushaltshilfe nach Delhi zu gehen. Eine Frau aus dem Dorf hatte sie gelockt und ihr 3.000 Rupien im Monat versprochen: „Sie sagte: ‚Komm und lerne Delhi kennen. Es ist größer als dein Dorf“, erinnert Rabina sich. Damals war sie auch erst 14. Und als sie sich beschwerte, weil sie nicht bezahlt wurde, wurde sie als Spielzeug an drei Männer verkauft. „Ich wurde in ein Haus gebracht und dort eingeschlossen. Dann vergewaltigten sie mich. Danach brachten sie mich zum Bahnhof von Alt-Delhi und setzten mich dort ohne Geld aus. Ich war körperlich und seelisch krank wegen dem, was mir widerfahren war. Ich will, dass die Männer bestraft werden. Ich gehe nie wieder nach Delhi. Ich bin sehr wütend. Ich will sie umbringen.“ Aus Daten der indischen Regierung geht hervor, dass in den Jahren 2011 und 2012 mehr als 125.000 Kinder aus Haushalten gerettet wurden, in die sie verkauft worden waren. Das bedeutet gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg um 27 Prozent. Laut Angaben des indischen National Crime Record Bureau wird jede Minute ein neues Kind als vermisst gemeldet. Mehr als ein Drittel von ihnen wird nie wieder gefunden.

Für die Eltern der Verschwundenen ist der Schmerz kaum zu ertragen. Saphira Khatun stellt ein Foto ihrer Tochter Minu Begum auf den Tisch. In den Augen Tränen. Minu war eine gute Schülerin und wollte Polizistin werden. Dann aber brachten die Versprechen einer Schlepperin aus dem Dorf sie davon ab. „Minu hatte große Träume“, sagt ihre 20-jährige Schwester Munu. „Jede Zwölfjährige will in die große Stadt. Dort ist es aufregender als im Dorf.“ Eines Abends kam Minu nicht nach Hause, seit vier Jahren hat ihre Familie sie nicht mehr gesehen. „Niemand tut etwas, damit so etwas armen Mädchen nicht mehr passiert“, sagt ihre 17-jährige Schwester Nadira. „Bitte helfen sie uns, unsere Schwester wieder zu uns zurück zu bringen. Wo immer sie auch sein mag. Bitte bringen Sie sie uns zurück.“

Die Schlepper leben ganz offen unter den Dorfbewohnern und sagen, sie seien selbst Opfer. Der 50-jährige Shobaha Tirki hat selbst jahrelang Tee gepflückt. Eines Tages lernte er einen Menschenhändler kennen, der ihm mehr Geld versprach, wenn er Mädchen aus seinem Dorf an seine Agentur schicken würde. „Ich brachte ihm ungefähr 20 Mädchen nach Delhi. Viele von ihnen sind zurückgekommen. Vier oder fünf aber nicht.“ Er bekommt pro Mädchen 10.000 Rupien. Es sei nicht schwer, sie zu überzeugen. „Ich erzähle ihnen von Delhi und wie gut es ist, in eine große Stadt zu gehen“, sagt er. „Ich erzähle ihnen, dass sie ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bad haben werden.“

Steigende Nachfrage

Rama Shankar Chaurasia ist Vorsitzender einer Kinderrechtsorganisation. Er sagt, der Kinderhandel sei gewaltig. „Aber die steigende Nachfrage der stetig wachsenden Mittelklasse darf nicht die Versklavung Hunderttausender Kinder zur Folge haben.“

In Assam gibt es über 850 Teeplantagen, 590 Millionen Kilo Tee wurden dort im Jahr 2012 produziert, mehr als die Hälfte der indischen Gesamtproduktion. „Die Plantagenbesitzer und Teehersteller wissen seit Jahren, dass die Löhne schockierend niedrig sind“, sagt Ron Oswald, der Generalsekretär der internationalen Gewerkschaft für ArbeitnehmerInnen aus der Lebensmittel- und Landwirtschaftsbranche (IUL). „Doch sie verstecken sich hinter Zertifikaten, Zuwendungen und Lebensmittelzuteilungen. Dabei sind das Methoden, um die Arbeiter in einem halbfeudalen Verhältnis mit den Plantagenbesitzern festzuhalten.“

Bei Fairtrade räumt man ein, man wisse, dass das Lohnniveau in Assam „deutlich unter“ der Armutsgrenze liege. Man arbeite mit anderen Zertifizierungsstellen an einer Verbesserung. Dafür müssten aber auch die Preise steigen, so eine Sprecherin. Ethical Tea Partnership, deren Zertifikate die Tees von Twinings und Tetley tragen, sagt, ihre Mitglieder könnten selbst keine Löhne festsetzen. Und Alison Woodhead von Oxfam meint: „Die tief verwurzelten und komplexen Hürden für einen existenzsichernden Lohn kann man nicht allein bewältigen. Die größte Chance auf eine Abschaffung der Armutslöhne besteht, wenn die Industrie als Ganzes – Erzeuger, Regierungen, Vertreiber, Gewerkschaften, Unternehmen und Zertifizierungsorganisationen – daran arbeitet, eine Lösung zu finden.“

Im Polizeirevier von Laluk starren die Gesichter vermisster Mädchen von einer Pinnwand herab. An einem großen Schreibtisch sitzt der Unterkommissar Nirmal Biswas. Neben ihm hängt eine Auflistung der Verbrechen, mit denen er befasst ist. Für 2012 sind dort 24 Entführungen, zehn Vergewaltigungen und 17 Diebstähle aufgeführt. „Hier herrscht Armut“, sagt er. „Wenn ein Menschenhändler 1.000 Rupien bietet, kriegt er dafür auch Mädchen. Besiegen können wir dieses Geschäft nur, wenn wir die Armut beseitigen.“

Gethin Chamberlain berichtet für den Observer aus Südostasien

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 43/13.

Kommentare (24)

GEBE 10.11.2013 | 10:24

Alle sogenannten politischen Forderungen zur Verbesserung der Lebensumstände, sind Illusionen. Allen solchen Forderungen liegt ein Stein im Weg, der da heißt: Gemeinsam die Forderungen stellen und darauf zu hoffen, daß ein Kollektiv es richten möge.

Nein! Die einzige Möglichkeit etwas zu verändern – und zwar ganz lebenspraktisch zu verändern, wie es lebenspraktischer nichts gibt(!) – und dergestalt, daß es sofort seine Wirkwirklichkeit entfaltet(!), ist, sich selbst, und zwar ohne Absehen auf irgendein Kollektiv und irgendeine Satzung, Tag für Tag zu positionieren und zu handeln. Nichts ist wirkwirklicher, als sich jeden Tag frei zu entscheiden, was man tut und was man läßt. Und es gibt an jedem Tag mindestens ein Dutzend Situationen, in denen man das Verändern in die Lebenswirklichkeit überführen kann!

Und so kann man sich auch einmal bewußt machen, wenn man vor einem Einkaufsregal steht, was alles notwendig ist, damit man dieses Produkt erstehen kann. Es ist damit nicht nur der Inhalt selbst gemeint, egal um welchen es sich handelt. Sich einmal anhand auch nur eines Produktes klar aufzuzählen, was alles im Vorfeld dazu nötig war: Z.B. u.a. andeutend dies: Transporte, die Fahrzeuge dazu, die Infrastrukturen dazu; die Maschinen zur Erstellung der Infrastruktur; die Maschinen zur Herstellung für die Maschinen zur Erstellung der Infrastruktur; die Bürostühle in Planungsbüros zur Herstellung der Maschinen zur Herstellung der Maschinen zur Erstellung der Infrastruktur; das Klopapier für die Mitarbeiter, deren Bekleidung; Verpackungsmaschinen usw. usw. usw. usf.

Und dann kann man sich die Frage stellen, will ich tatsächlich durch meinen Kauf tatsächlich den Auftrag geben, daß alles das, was damit zusammenhängt weiter erzeugt wird? Das ist die entscheidende Frage. Kaum jemandem ist beim Kauf bewußt, daß ein Kauf im Grunde nicht nur ein Erwerb von etwas ist, sondern daß ein Kauf in aller erster Linie ein Auftrag zur Herstellung ist! – Und zwar zur Herstellung alles dessen, was gerade auch mittelbar mit dem Produkt zu tun hat.

GEBE 10.11.2013 | 11:15

Mit Verlaub, ich hätte ja doch gedacht, Sie hätten meht Hirnschmalz zur Verfügung, aber offenbar bleibt Ihnen der Sinn dessen, was ich schrieb vollkommen verborgen. Richtete sich mein Kommentar wohl an die versklavten Plantagenarbeiter? Meine Güte, wie kann man nur eine solche Sinnverdrehung zustande bringen! Ihr Kommentar kommt mir vor, wie dumm geschwätzt zu haben, um Aufmerksamkeit abzukriegen, wenn man sich schon nicht mit Inhalten etablieren kann.

Eberhardt 10.11.2013 | 11:30

Ich bin mit ihnen vollstens über die Wechselwirkung zwischen dem Bewusstsein und dem Gewissen einverstanden. All diese Infrastruktur (materielle Wirtschaft), die von dem Überbau gedeckt wird muss offenbart weden. Da meine ich es sogar im prophetischen Sinne.

Doch, die Propheten hatten übrigens nicht übersehen, dass ihre Arbeit auch politisch verstanden werden musste. Sie verlangten, dass König und Volk entsprechend Gottesgebote - individuell und kollektiv - handelten. Nur viel später, nachdem der Konstantin und die Kirchenväter sich das "Geschäft" unter sich teilten, "ich die Machtpolitik und ihr die Glaubenspolitik", ist langsam im Bewusstsein des Okzidents die Vorstellung, dass man die Macht aufteilen kann: der verinnerlichte Glaube und das politische äusserliche handeln, das dem Herrscher überlassen werden konnte.

Ich will nicht damit meinen, dass man nicht individuell handeln kann, wenn man den Konsum verweigert, denn das tue ich wie sie. Es ist wichtig. Dennoch hüpft man nur auf einem bein, wenn man nicht sein zweites Bein einsetzt, das politische Bein. Man sollte diese Bewegung durch eine praxisorientierte Theorie koordinieren. Nach einem durch die Kirchenpolitik jahrtausendlang währenden Zwiespalt ist uns diese kollektive Handlungsweise abhanden gekommen. Es kommt die Zeit, dass wir das ändern, sonst kommt die Katastrophe! Prophetisches Wort ;-)

Oberham 12.11.2013 | 11:02

.... muss ich nix mehr schreiben ;-).....

... leider sind es gerade jene die Multiplikationseffekte in hohem Maße verkörpern, welche sich nicht nur den Tee kaufen, sondern auch die Kinder der pflückenden Mütter konsumieren.

So schlürft am Ende die dekadente Menschenmade nicht nur den Tee, der aus den Blättern gebrüht ward, welche Hände pflückten, die an einem Körper haften, der einste ein Lebewesen gebahr, dass dieses Monstrum nun zwischen seinen Beinen kauern lässt.

Tagsüber hockt das widerliche Wesen ganz oben - im lichtdurchfluteten Palstzimmer eines Faschistenkonzerns und studiert schon die neue Kollektion an Lustwesen.

Wir hingegen, putzen diesem Argenossen die Schuhsohlen, lecken seinen Arsch sauber und geben unsere Lebenskraft jenen Prozessen hin, die ihm all dies zuführen.

Ja - täglich könnten viele von uns dutzende von Entscheidungen treffen, die es dem Dreckswesen schwerer machten, sein Treiben zu genießen.

Was soll ich noch sagen, persönlich bin ich mit meinem Latein ziemlich am Ende - doch in Deutschland sind wohl noch 40 Millionen unterwegs, die noch eine ganze Menge bei sich verändern könnten, was dem Kapital schadet - nur die lecken eben freiwillig am Auswurf des Plutokratenpacks und der Politokratenbrut - wo die Grenze liegt - mag jeder selber enscheiden - für mich ist auch der Gutverdiener der wissend schändlich wirkt ein Dreckskerl!

Oberham 12.11.2013 | 11:06

Krieg und Massenschlachterei sind die gerechte Strafe für das opportunistische Volk, welches wissend immer dem Molch sein schändliches Treiben orchestriert!

Jeder - vor allem in unseren Breiten - könnte sich lösen, würde er Verzicht und nicht Anpassung üben!

Wer glaubt ein Zusammenbruch des Wirtschaftssystems würde Not und Elend über die Welt bringen, der hat eine wahrlich geringe Meinung von der Intelligenz des Menschen!

adam 12.11.2013 | 15:01

So viel esoterisch sich selbst in die Tasche lügendes Geschwurbel habe ich selten gehört wie hier bei Gebe um 10:24. Das bisschen Klopapier, Bürostühle, Transporte, Infrastruktur etc. ist doch nicht der Grund für den Preis. Es ist heute schon teurer, die über den Herbst und Winter hin kühl zu lagernden Äpfel aus dem alten Land nach und nach zu verkaufen als sie mitten im Winter aus Neuseeland einzuführen.

Würden die Mädchen direkt im Namen des Unternehmens tätig sein, entfiele nicht das Klopapier sondern die ganzen Zwischenhändler, evtl. die Aktionäre etc., die sich an diesem Deal mit bereichern. Wer Gewinnspannen bei 1000 % haben will, genauso wie Banken, die ihren Aktionären 25 % Rendite versprechen, der muss dieses logischerweise anderswo einsparen. Und wo kann man am besten sparen, ohne Gegenwehr zu erwarten: richtig: bei den Ärmsten.

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Ehemaliger Nutzer 12.11.2013 | 17:52

Sie haben leider recht. Allerdings ist die Ohnmacht der Menschen zu gross, denn im Falle des Produktes Tee werden sie zerrissen zwischen dem ökonomischen Zwang, den die geringe Kaufkraft erzeugt, und dem Wunsch, gerechte Löhne zu induzieren. Der Konsument ist Gutmensch, Ausbeuter und Profiteur in einer Person, auch ohne es explizit zu wollen. Das macht die Lösung so unendlich schwer.

Eberhardt 12.11.2013 | 18:43

Nein, keine Massenschlachtereien als "gerechte Strafe" für das sündige Volk (wir).

Nein, auch nicht einfach selber in Ohnmacht fallen, weil "die Ohnmacht der Menschen zu gross" ist.

Nicht "warten auf Godot", weil alles absurd sei.

Unsere persönliche und kollektive Verantwortung müssen wir übernehmen, bevor es noch schlimmer (auch für uns) kommt. Das heisst selber den Konsum verweigern wie hier im Spiegel-Artikel. Total konsumverweigern ist unsinn (ich ess ja auch Schokolade, aber wenig). Dennoch, wenn man richtig denkt und progresssiv aussteigen will, scheinen uns immer mehr Sachen und sogenannten Service unnütz. Wenn wir, die Mittelschicht, in dieser Richtung vorschreiten, indem wir einen wenig extravertierten Job mit wenig Einkommen ausführen, dann 1) wird man mit den (zwangs)ärmeren zusammen auf gleicher Ebene leben 2) kann eine richtige Bewegung entstehen, die das Alte (die Konsumgesellschaft) in Frage stellt und eine neue menschliche-ökologische grundbedürfnissbefriedigende Gesellschaft ins Leben ruft. Somit nimmt man auch den Wind von den Segeln des Kapitalismus. Paralell dazu, kann man politisch arbeiten, indem man eine autonomere Gesellschaft aufbaut, wie ich es hier in einem Vortrag anbiete: direkt Demokratie, wenig Im- und Export, wenig Technologie, usw. Dann wird auch die vergewaltigte Elaina nicht mehr auf Teeplantagen für 14 Cts arbeiten müssen sondern mit ihrer Familie ein Stück Land bekommen, um für sich selbst und den lokalen Markt landwirschaftliche Erzeugnisse herzustellen. Ich arbeite selbst mit der indischen Bewegung Ekta Parishad, die Land für die Armen erkämpft.

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Ehemaliger Nutzer 12.11.2013 | 19:50

Es ist einfach das System verantwortlich zu machen. Das System besteht aber nicht aus Legobausteinen, sondern aus Menschen, die ein Individualinteresse, ein Gesellschaftsinteresse, ein politisches Interesse, ein wirtschaftliches Interesse usw. haben. Egal in welchem System, es wird immer Disharmonien geben.

Ein Anfang wäre eine Wirtschaft auf Augenhöhe. Das gibt es bisher nur im Kleinformat, weil (leider) die Masse aller Menschen dazu derzeit nicht fähig ist - egal aus welchem Grund.

Eberhardt 12.11.2013 | 21:20

Es ist einfach das System verantwortlich zu machen.

Ich glaube, sie haben mich nicht richtig gelesen. Ich spreche von persönliche und kollektive Verantwortung und noch weitere eigenständigen Änderungen, die zu einer radikalen und unbedingt nötigen Reform der Gesellschaft führen müssen. Und sie stellen mich dahin, als ob ich einfach mit dem Zauberstab eine Formel aussprechen würde. Das spricht entgegen aller meiner Kämpfe, die ich seit 16 Jahren in den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen ausarbeite. Und dann führe ich eine Debatte über diesen Text hier, der den geschichtlichen und philosophischen Hintergrund unserer Gesellschaft widergibt. Ich bin bereit ihre Kritik entgegen zu nehmen. Aber ihre Aussage ist nicht gerechtfertigt, weil ich es mir überhaupt nicht einfach mache. Dennoch ist Systemkritik erlaubt und wünschenswert, wenn eine Augumentation dahinter steckt.

nur im Kleinformat, weil (leider) die Masse aller Menschen dazu derzeit nicht fähig ist

Die Masse ist mir egal solange ich mit vielen Anderen ein alternatives Modell, wie die des Transitionsnetzwerks, gewaltfrei entwickele. Die Dynamik der politischen Umwälzungen hat immer im kleinen Format angefangen. Und wenn man zum richtigen Zeitpunkt diesen Ansetzt und eine entsprechende Strategie einsetzt, dann kommt es zum grossen Format.

Was haben sie selber für einen konkreten Vorschlag zu unterbreiten, damit Elaina und ihre Geschwister nicht zu hunderttausende vergewaltigt werden? Ich gebe hier in Kurzfassung meinen Standpunkt wider. Weil ich früher in den höheren Etagen des Kapitalismus Geschäfte machte, weiss ich wie er funktioniert. Weil der Kapitalismus hier massiv Tee anbauen lässt, dort T-Shirts herstellen lässt, woanders mit SWAPS (Spekulation pur) handelt und das alles frei vermarktet, ist der Kapitalismus für die Vergewaltätigung von Elaina und ihre Geschwister verantwortlich. Und wir lassen ihn gewähren, weil wir einfach zu faul sind. Wenn sie ihre eigene Erklärung haben, nehme ich sie gerne entgegen.

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Ehemaliger Nutzer 13.11.2013 | 06:49

Nachdem ich, mit guten Vorsätzen in jungen Jahren gestartet, in der Praxis feststellen musste, dass der Homo sapiens in der Mehrheit den Charakter eines räuberischen Parasiten besitzt, habe ich angefangen exakt die alternativen Wirtschaftsformen im Kleinformat in die Praxis umzusetzen, die möglich sind. Das mache ich nun schon fast 25 Jahre.

Hätte die Mehrheit der Menschen den Charakter von Bonobos, ginge es auch im größeren Rahmen. Derzeit ist wohl zu befürchten, dass die Evolutionsgeschichte dazu noch etwa 2-3 Millionen Jahre benötigen wird. So lang kann ich einfach nicht warten, deshalb der kleine Rahmen.

Eberhardt 13.11.2013 | 19:05

Ich danke ihnen für ihre Antwort, denn ich hatte etwas rabiater reagiert, weil ich mich missverstanden fühlte.

Das Kleine, dass sie und ich machen, ist gut. Dennoch können wir nicht 2-3 Millionen Jahre warten bis wir einen vernünftigen politischen Vorschlag entwerfen. Wenigstens einen kleinen Prozentsatz (2 bis 5% schätze ich) wäre durchaus glücklich an ein glaubwürdiges Gesellschaftsprojekt zu arbeit. Wenn diese Minderheit konkret Wirtschaftliches und Politisches unternimmt, dann würde die Mehrheit daran teilhaben wollen, sobalt das alte (kapitalistische) System zerbricht. Nur muss davor eine politische Kraft entstanden sein. Das heisst Hoffnung schöpfen und wagen darüber zu sprechen. Eine Utopie kann nicht wie die vorige zur verzweiflung führen, wenn man sie einer Praxis unterstellt. "Die Gedanken und die Hoffnungen sind schon jetzt frei". Vertrauen sollen wir in das Schöne.

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Ehemaliger Nutzer 13.11.2013 | 20:30

Das Problem ist, dass man die Welt nur mit "common minds" verändern kann. Nur wer hat schon genug "mind" und dazu noch ein Herz für "common"?

Es wird deshalb wohl nur im kleinen Rahmen gehen und die Rettung der Welt fällt aus, weil sie nicht als Ganzes gerettet werden will. Das muss man akzeptieren. Mir ist es lieber, man macht ein Projekt mit Menschen, denen das wichtig ist, als mit Menschen, die sich zu ihrem Glück auch noch gezwungen sehen. Wenn es 2-5% sind, zeigt es doch, dass es auch anders geht. Das reicht aus, mehr kann ein Mensch nicht leisten.

Eberhardt 13.11.2013 | 22:13

Vielleicht verstehen sie mich nicht gut genug.

Die Menschen, die im Kleinen arbeiten, können auch eine Utopie für das Grosse tragen, auch wenn sie wissen, dass es im Moment nicht geht. Dann ist es auch nicht verboten mit anderen gleichgesinnten Gruppen darüber zu debattieren, um daraus ein Netzwerk zu entwickeln. Sobald die Barbarei unhaltbar wird, könnte ein signifikanter Teil, der heute "tauben Bürger", sich für das alternative politische Projekt entscheiden, weil es dann glaubwürdig zu diesem Zeitpunkt erscheinen würde. Auch wenn die Menschheit in der stockfinsteren Barbarei sich gegenseitig zerreissen würde, kann das hoffnungsvolle Licht endlich Klarheit für die Mehrheit bewirken. Hauptsache man trägt dieses utopische Licht, denn es hilft gegen unsere Verzweiflung zu kämpfen und es kann womöglich nützlich sein.

Ich gebe ihnen dennoch recht in einem Punkt. Es ist total unmöglich, das jemals ein Weltfriede herrschen könnte, wo jeder Arbeit kriegt, genügend Nahrung bekommt und politische Freiheit erlangt. Wie der Buddhismus lehrt: versuche nicht sofort den Himalaya zu besteigen; probiere es zunächst mal mit einem kleinen Berg. Auch wenn du wieder herunter kommst, wirst du das nächste mal einen Höheren erklimmen können. Ich würde mich schon sehr glücklich fühlen, wenn in mitten einer weltweiten Barbarei eine gewisse Zahl "Oasen" sich behaupten könnten. Dieses bescheidene und doch schwierige Ziel reicht mir schon, weil ich weiss, dass unsere Kräfte gering sind. Weiterhin sind schwere Rückfälle einzuplanen, wenn man zu hochtrabene Utopien trägt (das zeigt die Geschichte des Kommunismus). Also kleine Utopien konzipieren, die eventuell sich verbreiten könnten, wenn mehr Menschen daran teilhaben möchten. Aber Utopie muss sein, weil sie ein Sinn für das Leben verkörpert. Und das braucht unbedingt der Mensch zu leben...

Eberhardt 14.11.2013 | 22:43

Ich arbeite aktuell an einem Buch, der die Grundsätze des Okzidents beschreibt. Weiterhin hatte ich regen Kontakt mit Hindus von der Ramakrishna Mission, die die Baghavad Gîta als Grundlage ihres Glaubensbekenntnisses ansehen. Die Gîta spielte auch für den Buddha eine bedeutende Rolle. Darin versucht Krishna dem Krieger Arjuna die Problematik des Handelns und nicht-Handels, des Dualismus und nicht-Dualismus zu erklären. Ich habe weiterhin gemerkt, dass die Europäer, die den Buddhismus übernehmen, sich manchmal aussschliesslich dem meditierenden Monismus hingeben und das praxisorientierte Handeln aufgeben.

Doch, wenn mann auf kein Ergebnis hofft und man eine Handlung als rechtschaffend sieht, kann der Weg, u. a. auch ein politischer, eingegangen werden. Solche Inder bin ich schon begegnet, die in einem total entspannten Gleichmut die konsequentesten Kämpfe für soziale Gerechtigkeit ausfechten. Wenn sie mehr darüber erfahren möchten, könnten sie sich zum Beispiel über Ramesh Sharma von Ekta Parishad hier informieren. Ich habe mit ihm mehrere Jahre gearbeitet und verdanke ihm, dass ich mich wieder mit Glaube befasst habe. Rabindranath Tagore spielte auch eine grosse Rolle für Indien. Er schloss nicht den Monismus, den man in seinen Gedichten findet, von der Dialektik aus! die in seinen Theaterstücke hervorkommt. Handeln und nicht-Handeln. Und wenn sie einen grossen buddhistischen Meister betrachten wollen, dann nehmen sie Akira Kurosawa, der ebenfalls dialektische Werke (7 Samurai, Skandal) neben den Monistischen (Rashomon, Madadayo, usw.) inszenierte.

Wenn sie meine vorigen Kommentare nochmals lesen, werden sie feststellen, dass ich auch versuche diesen Weg einzugehen: Ich weiss nicht ob mein Handeln zu etwas führen kann, aber ich tue es trotzdem, weil er mir sinnvoll erscheint. Vielleicht verstehen sie mich nun besser.

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Ehemaliger Nutzer 15.11.2013 | 04:38

Das Schöne am Leben ist, und das macht es so einzigartig, dass niemand wissen kann, ob sein Handeln im konkreten Fall zum gewünschten Ergebnis führt, geschweige denn, ob es im Rückblick sinnvoll ist.

Verstanden habe ich Sie übrigens von Anfang an, aber der Ball lag auf dem Elfmeterpunkt und lächelte mich an, da musste ich einfach aufs Tor schießen.

Das Phänomen, dass Europäer subjektiv betrachtet den Teil des Buddhismus praktizieren, der mit Meditieren zu tun hat, ist in der Tat auffällig. Ich habe mir das immer so erklärt, dass die Spiritualität der monotheistischen Religionen diesen Teil hat verkümmern lassen, so dass dann, wenn ein geeigneter Nährboden vorhanden ist, nachgeholt wird, was vom Menschen vermisst wurde.

Eberhardt 17.11.2013 | 21:07

Ich weiss nicht warum, aber meine "Erfolgsdrate" betreff Handlungen ist ziemlich hoch. Es hängt vermutlich an meinem Konzentrations- und Synthesevermögen. Ob in den sozialen, politischen, erzieherischen oder geistlichen Bereiche, versuche ich meine Erfahrungen und Gedanken mit dem zu einem bestimmten Zeitpunkt Machbaren in Einklang zu bringen.

Betreffend des auf Meditation reduzierten Aufnahme des Buddhismus bin ich einer anderen Meinung. Wenn sie sich die überlieferten Texte von den Kirchenväter ansehen, haben sie aus der Lehren von Jesus eine abstrakte Spiritualität gemacht. Die Vergebung der Sünde der Menschheit durch das "Opferlamm" ist ein pures abstraktes Konzept, dass mit keiner irdischen Praxis verbunden ist, obwohl Jesus immer konkret die Problemstellungen der Menschen angesprochen hat: Seine Parabeln sind für jeden zugänglich. Aus diesem Grund haben die westlichen Buddhisten aus Faulheit meist nur das Abstrakte vom Buddhismus übernommen, weil das auch sehr praktisch für ihr Egoismus ist, wo sie sich mit Hilfe ihrer christlichen Innerlichkeit eine sehr individuelle Spiritualität ohne gesellschaftliche bindende Ethik "zurechtzimmern" können.

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Ehemaliger Nutzer 18.11.2013 | 10:02

Das kann man so sehen, jeder Mensch hat dazu ja eine individuelle Sichtweise. Meditation ist jedoch nur wie das Stimmen eines Instrumentes, es ist noch keine Melodie. Die entsteht erst, wenn man auf dem Instrument spielt und dies auch beherrscht.

Viele Menschen, die mir freudig erzählen, dass sie stundenlang meditieren können, und darin, zu meiner großen Überrschung, bereits eine Befriedigung empfinden, verbringen mit dem Stimmen des Instrumentes ein halbes Leben ohne je eine Melodie gespielt zu haben. Es gibt, da haben Sie recht, zur Meditation auch ein grundsätzliches Missverständnis.