14 Cent pro Stunde

Sklaverei Millionen Europäer trinken Assam-Tee, aber zu einem erschreckenden Preis: Die Plantagenarbeiter verdienen so wenig, dass sie ihre Kinder als Sklaven verkaufen müssen
Gethin Chamberlain | Ausgabe 43/2013 24

Als der Schlepper vor der Tür ihrer Hütte auf einer Teeplantage im indischen Bundesstaat Assam stand, war Elaina Kujar gerade aus der Schule zurück. Das Mädchen war 14 und wollte Krankenschwester werden. Stattdessen wurde sie eine Kindersklavin und verlor vier Jahre ihres Lebens. Nun sitzt sie wieder in der Hütte, spielt mit ihrem langen dunklen Haar und erzählt, wie ihr Besitzer sich neben ihr im Wohnzimmer seines Hauses Pornos anschaute, während sie auf dem Boden lag und schlafen wollte. „Dann vergewaltigte er mich“, sagt sie und schaut auf ihre Hände. Draußen fällt der Monsunregen aufs Blechdach und schlägt an die mit Lehm verputzten Bambuswände. Drinnen hat jemand einen Kirchenkalender aufgehängt. Der Herr ist allen gütig, steht darauf.

Elaina wurde nach Delhi verkauft, weil ihre Eltern, die auf einer Plantage im Distrikt Lakhimpur den weltberühmten Assam-Tee pflücken, so wenig verdienten, dass sie es sich nicht leisten konnten, das Kind bei sich zu behalten. Es gibt Tausende Mädchen, die wie sie von den Teeplantagen im Nordosten Indiens von Schleppern in die Hauptstadt gebracht werden, für teils nicht mehr als 50 Euro an einen Vermittler verkauft und von diesem für bis zu 800 Euro an einen Arbeitgeber weiterverkauft werden. Die Kinder werden als Sklaven gehalten, vergewaltigt, missbraucht. So sieht Sklavenhandel im 21. Jahrhundert aus. Man geht davon aus, dass allein in Delhi 100.000, manchmal erst zwölf Jahre alte Mädchen so eingesperrt werden. Andere werden in den Nahen Osten, einige angeblich sogar bis nach Europa weiterverkauft.

Auf allen Teeplantagen werden die gleichen Löhne gezahlt. Jedes Blatt in jeder Packung Assam-Tee, die von Marken wie Tetley, Lipton und Twinings bei uns verkauft wird, wurde von einem Arbeiter geerntet, dessen Grundlohn 14 Cent pro Stunde beträgt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob auf der Packung steht, der Tee sei aus Fairtrade-Produktion, oder ob er von NGOs wie der Rainforest Alliance oder der Ethical Tea Partnership zertifiziert ist: Die Arbeiter erhalten immer den gleichen Grundlohn von 89 Rupien pro Tag, also von rund einem Euro.

20 Stunden Arbeit, jeden Tag, ohne Lohn

Um diese Zahlen zu erklären: Ein Arbeiter erhält ungefähr zwei Cent, wenn er Tee für eine Packung mit 80 Beuteln pflückt. Diese Packung wird dann für zwei Euro und mehr bei uns angeboten. Die Firmen geben zwar zu, dass ihnen die niedrigen Löhne bewusst seien, und behaupten auch, dass sie das zu ändern versuchten. Aber sie schieben die Schuld letztlich auf die Teeanbauer, die würden die Löhne durch Kollektivverhandlungen festlegen und könnten es sich nicht leisten, mehr zu zahlen.

Doch dieses System fordert einen hohen Preis. Und den zahlen die Arbeiter, die sich ihre Töchter nicht leisten können. Wenn dann die Schlepper anklopfen und anbieten, die Mädchen fortzubringen, gute Bezahlung und ein aufregendes neues Leben versprechen, fällt das Nein schwer. „Er hat gesagt, er würde unser Leben verändern“, sagt die heute 20-jährige Elaina. „Die Plantage war damals geschlossen, und meine Eltern hatten gerade keine Arbeit. Also wollte mein Vater, dass ich gehe.“

Fortan musste sie jeden Tag von vier Uhr morgens bis Mitternacht arbeiten. Die 1.500 Rupien pro Monat, die man ihr versprach, wurden nie bezahlt. Stattdessen hielt der Mann sie gefangen, das Mädchen konnte weder das Haus verlassen noch ihre Familie kontaktieren. „Seine Frau hat geahnt, was vor sich ging. Ich habe ihr erzählt, dass er mich vergewaltigt hatte. Aber er stritt es ab und sagte mir, ich solle den Mund halten“, berichtet Elaina. „Danach habe ich immerzu geweint. Ich hatte Angst, und er drohte mir, er würde mich in ein Bordell schicken.“

Die Rettung kam erst, als sie an einen neuen Besitzer weiterverkauft wurde, der sich aber entschloss, Elaaina nach Hause zu schicken, nachdem sie ihm ihre Geschichte erzählt hatte.

In die große Stadt

Wie gesagt, Elaina ist kein Einzelfall. Auch Rabina Khatun, heute 18, erkannte viel zu spät, dass sie in die Sklaverei verkauft worden war, nachdem sie eingewilligt hatte, als Haushaltshilfe nach Delhi zu gehen. Eine Frau aus dem Dorf hatte sie gelockt und ihr 3.000 Rupien im Monat versprochen: „Sie sagte: ‚Komm und lerne Delhi kennen. Es ist größer als dein Dorf“, erinnert Rabina sich. Damals war sie auch erst 14. Und als sie sich beschwerte, weil sie nicht bezahlt wurde, wurde sie als Spielzeug an drei Männer verkauft. „Ich wurde in ein Haus gebracht und dort eingeschlossen. Dann vergewaltigten sie mich. Danach brachten sie mich zum Bahnhof von Alt-Delhi und setzten mich dort ohne Geld aus. Ich war körperlich und seelisch krank wegen dem, was mir widerfahren war. Ich will, dass die Männer bestraft werden. Ich gehe nie wieder nach Delhi. Ich bin sehr wütend. Ich will sie umbringen.“ Aus Daten der indischen Regierung geht hervor, dass in den Jahren 2011 und 2012 mehr als 125.000 Kinder aus Haushalten gerettet wurden, in die sie verkauft worden waren. Das bedeutet gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg um 27 Prozent. Laut Angaben des indischen National Crime Record Bureau wird jede Minute ein neues Kind als vermisst gemeldet. Mehr als ein Drittel von ihnen wird nie wieder gefunden.

Für die Eltern der Verschwundenen ist der Schmerz kaum zu ertragen. Saphira Khatun stellt ein Foto ihrer Tochter Minu Begum auf den Tisch. In den Augen Tränen. Minu war eine gute Schülerin und wollte Polizistin werden. Dann aber brachten die Versprechen einer Schlepperin aus dem Dorf sie davon ab. „Minu hatte große Träume“, sagt ihre 20-jährige Schwester Munu. „Jede Zwölfjährige will in die große Stadt. Dort ist es aufregender als im Dorf.“ Eines Abends kam Minu nicht nach Hause, seit vier Jahren hat ihre Familie sie nicht mehr gesehen. „Niemand tut etwas, damit so etwas armen Mädchen nicht mehr passiert“, sagt ihre 17-jährige Schwester Nadira. „Bitte helfen sie uns, unsere Schwester wieder zu uns zurück zu bringen. Wo immer sie auch sein mag. Bitte bringen Sie sie uns zurück.“

Die Schlepper leben ganz offen unter den Dorfbewohnern und sagen, sie seien selbst Opfer. Der 50-jährige Shobaha Tirki hat selbst jahrelang Tee gepflückt. Eines Tages lernte er einen Menschenhändler kennen, der ihm mehr Geld versprach, wenn er Mädchen aus seinem Dorf an seine Agentur schicken würde. „Ich brachte ihm ungefähr 20 Mädchen nach Delhi. Viele von ihnen sind zurückgekommen. Vier oder fünf aber nicht.“ Er bekommt pro Mädchen 10.000 Rupien. Es sei nicht schwer, sie zu überzeugen. „Ich erzähle ihnen von Delhi und wie gut es ist, in eine große Stadt zu gehen“, sagt er. „Ich erzähle ihnen, dass sie ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bad haben werden.“

Steigende Nachfrage

Rama Shankar Chaurasia ist Vorsitzender einer Kinderrechtsorganisation. Er sagt, der Kinderhandel sei gewaltig. „Aber die steigende Nachfrage der stetig wachsenden Mittelklasse darf nicht die Versklavung Hunderttausender Kinder zur Folge haben.“

In Assam gibt es über 850 Teeplantagen, 590 Millionen Kilo Tee wurden dort im Jahr 2012 produziert, mehr als die Hälfte der indischen Gesamtproduktion. „Die Plantagenbesitzer und Teehersteller wissen seit Jahren, dass die Löhne schockierend niedrig sind“, sagt Ron Oswald, der Generalsekretär der internationalen Gewerkschaft für ArbeitnehmerInnen aus der Lebensmittel- und Landwirtschaftsbranche (IUL). „Doch sie verstecken sich hinter Zertifikaten, Zuwendungen und Lebensmittelzuteilungen. Dabei sind das Methoden, um die Arbeiter in einem halbfeudalen Verhältnis mit den Plantagenbesitzern festzuhalten.“

Bei Fairtrade räumt man ein, man wisse, dass das Lohnniveau in Assam „deutlich unter“ der Armutsgrenze liege. Man arbeite mit anderen Zertifizierungsstellen an einer Verbesserung. Dafür müssten aber auch die Preise steigen, so eine Sprecherin. Ethical Tea Partnership, deren Zertifikate die Tees von Twinings und Tetley tragen, sagt, ihre Mitglieder könnten selbst keine Löhne festsetzen. Und Alison Woodhead von Oxfam meint: „Die tief verwurzelten und komplexen Hürden für einen existenzsichernden Lohn kann man nicht allein bewältigen. Die größte Chance auf eine Abschaffung der Armutslöhne besteht, wenn die Industrie als Ganzes – Erzeuger, Regierungen, Vertreiber, Gewerkschaften, Unternehmen und Zertifizierungsorganisationen – daran arbeitet, eine Lösung zu finden.“

Im Polizeirevier von Laluk starren die Gesichter vermisster Mädchen von einer Pinnwand herab. An einem großen Schreibtisch sitzt der Unterkommissar Nirmal Biswas. Neben ihm hängt eine Auflistung der Verbrechen, mit denen er befasst ist. Für 2012 sind dort 24 Entführungen, zehn Vergewaltigungen und 17 Diebstähle aufgeführt. „Hier herrscht Armut“, sagt er. „Wenn ein Menschenhändler 1.000 Rupien bietet, kriegt er dafür auch Mädchen. Besiegen können wir dieses Geschäft nur, wenn wir die Armut beseitigen.“

Gethin Chamberlain berichtet für den Observer aus Südostasien

 

06:00 06.11.2013
Geschrieben von

Gethin Chamberlain | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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