Alexander Linklater, The Guardian
23.02.2009 | 18:50

Ab durch die Latrine

Porträt Seine drei Leidenschaften sind Film, Musik und die Familie. Er bleibt Brite, selbst wenn er in Indien dreht. Ein Porträt des Oscar-Preisträgers und Regisseurs Danny Boyle

In der Eröffnungssequenz des neuen Danny Boyle-Filmes Slumdog Millionaire muss der junge muslimische Protagonist Jamal Malik abwechselnd Ohrfeigen von einem fetten Mumbaier Polizisten und stichelnde Nachfragen vom Moderator der indischen Version von „Wer wird Millionär?“ ertragen. Dazwischen blitzen aus seiner Erinnerung stammende Bilder eines weiblichen Gesichtes auf, das einer Heiligen zu gehören scheint.

Es geht um Schmerz und Erniedrigung, um die unwahrscheinliche Aussicht auf einen Topf voll Geld und auf eine Romanze, deren Erfüllung noch unwahrscheinlicher ist. Um seinen größten Wunsch wahr werden zu lassen, muss Jamal buchstäblich durch die Scheiße gehen.

Die richtige Antwort auf die erste Frage, die Jamal auf dem Weg zu Reichtum und Erlösung, beantworten muss, lautet "Amitabh Bachchan". Das ist der Name eines Bollywood-Superstars. In einem zweiten, parallelen Erzählstrang muss der ungebildete „Slumdog“ aus den Elendsvierteln Mumbais in einem Polizeiverhör beweisen, dass er nicht betrogen hat. In Rückblenden beginnt Jamal von jenem Tag zu erzählen, an dem der berühmteste Filmstar Indiens dem Slum, in dem der junge Mann und seine Familie leben, einen Besuch abstattete und sein Bruder Salim ihn in eine Latrine sperrte. So kommt es, dass der Zuschauer dem Helden wenig später dabei zusieht, wie er den einzig ihm zur Verfügung stehenden Fluchtweg nutzt, der ihn in die Nähe Bachchans bringen kann – eine Grube menschlicher Exkremente.

Das Millieu dieser Szene mag Mumbai sein, doch wir haben ähnliches schon einmal in einem Film des britischen Regisseurs Danny Boyle gesehen. In einer frühen Szene des Filmes Trainspotting nämlich, die der Vorläufer für Jamals Sprung in die Latrinengrube ist. In dieser stürzt der Schauspieler Ewan McGregor sich die „schlimmste Toilette Schottlands“ hinunter, um die Opiumzäpfchen zu bergen, die er dort zuvor vor der Polizei versteckt hatte und taucht schließlich in klarem glitzerndem Wasser wieder auf.

Auch wenn diese Szenen von anderen erdacht wurden – bei Trainspottung stammt die Szene aus der Feder von John Hodges, bei Slumdog Millionaire aus der von Simon Beaufoys – ist die filmische Euphorie, die hier dem Schmutz und der Grausamkeit abgetrotzt wird, kennzeichnend für Boyles Werke.

Schmutziger Romantizismus

Andrew MacDonald, der bisher alle erfolgreichen Filme Boyles produziert hat, diesmal allerdings nicht mit von der Partie war, sagt: „Hier ist viel von dem zusammengekommen, was ich von Danny kenne. Es ist fantastisch, wie kraftvoll die Geschichte erzählt und durch die Regiearbeit umgesetzt wird. Ob Junkies oder Slumkids – die Themen und Schauplätze sind schwierig. Aber Danny schafft es, sie wirklichkeitsnah und zugleich viel unterhaltsamer darzustellen, als irgendjemand sonst es könnte.“

Boyles schmutziger Romantizismus ist erwachsen geworden. Für Slumdog Millionaire, in dem kein einziger westlicher Star mitspielt und dessen Dialoge zu fast einem Drittel in Hindi gehalten werden, hat er gleich mehrere Oscars erhalten. In den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts führte er mit Kleine Morde unter Freunden und Trainspotting zu die Wiederbelebung des britischen Kinos an. Gut möglich, dass der inoffizielle Titel „Wichtigster Regisseur Großbritanniens “ bald von Stephen Frears, „dem Klassizisten“, an Danny Boyle, „den Stilisten“ übergehen wird.

Der 1956 in eine irische Arbeiterfamilie geborene Boyle wuchs in der nordenglischen Industriestadt Manchester auf und wollte zunächst Priester werden.

Obschon er als Teenager von der Idee abkam, ist es nicht abwegig, die Vitalität seiner Bilder zumindest in Teilen als ein katholisches Erbe zu betrachten – ein Vermächtnis, das er mit Trainspotting-Autor Irvine Welsh teilt und das am deutlichsten in seinem Film Millions (2004) zutage tritt, in dem zwei Jungen um ihre verstorbene Mutter trauern, einen Koffer voll Geld finden, und wo es vor Heiligen nur so wimmelt. Für Boyle, dessen eigene Mutter jung starb und ihn ihm einen Glauben an das Gute im Menschen hinterließ, hatte dieser Film, der weder bei den Kritikern noch dem Publikum großen Anklang fand, eine zutiefst persönliche Bedeutung.

Boyles Kindheit in Nordengland und seine Verbundenheit mit der Arbeiterbewegung sind von seiner Art, Filme zu machen nicht zu trennen. Er pflegt einen entschieden egalitären Umgang mit seinen Mitarbeitern, misstraut dem Champagner-Sozialismus seiner Kollegen in der britischen Filmindustrie und ist doch entschlossen, mit der Kultur des verbitterten tough guy aus dem britischen Norden zu brechen. Der Filmkritiker Marc Cousins meint, eine für Boyles Werk bedeutende kreative Spannung erkennen zu können, die sich aus dessen kultureller Herkunft, dem Katholizismus, und seinem britischen Erbe – dem puritanischen Sozialrealismus der John Grierson’schen Dokumentarfilmtradition – ergibt: „Im Gegensatz zu anderen linken Filmemachern“, so Cousins, „ist bei Danny kein Hauch von Sozialpessimismus zu spüren.“

Anfänge als Theaterregisseur

Boyles Karriere begann beim Theater. In den achtziger Jahren brachte er als stellvertretender Hausregisseur des Royal Court Stücke von Howard Barker und Eward Bond auf die Bühne – beides Dramatiker, die in sozialistischer Tradition stehen und einen Hang zu schriller Gewalt haben. 1989 produzierte er für die nordirische BBC Elephant, einen Klassiker über den Nordirlandkonflikt des Regisseurs Alan Clarke, aber auch die Krimireihe Inspector Morse und komplexe Dramen wie die preisgekrönte BBC-Serie Mr Woe’s Virgins aus dem Jahr 1993.

Aus dem Entschluss, mit dem Produzenten Andrew Macdonald und dem (Drehbuch-)Autor John Hodge zusammenzuarbeiten, ergab sich die entscheidende kreative Partnerschaft seiner Karriere. Mit ihrer ersten Low-Budget-Produktion, Kleine Morde unter Freunden (1994), landeten sie einen internationalen Überraschungserfolg, der dem britischen Kino nach einem Jahrzehnt der Stagnation einen wichtigen Impuls verlieh. In ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit orientierten sie sich an dem Vorbild von Michael Powell und Emeric Pressburger, die jegliche Hierarchie ablehnten und für Klassiker wie The Red Shoes und Black Narcissus verantwortlichen zeichneten. Auf den Höhepunkt, den sie 1996 mit Trainspotting erreichten, folgte jedoch der Misserfolg von Lebe lieber ungewöhnlich, der Hodge dazu veranlasste, sich von den anderen beiden zu trennen.

Boyles und Macdonalds Adaption des Romans The Beach von Alex Garland war ein noch größerer Misserfolg und führte zum Zerwürfnis mit McGregor, weil dieser nicht die Rolle bekam, die er bereits in der Tasche zu haben glaubte. Boyle merkte, dass es für ihn keineswegs segensreich war, den größten Star (Leonardo DiCaprio) und das größte Budget seiner Karriere zur Verfügung zu haben. „Ich hatte alles, was ich wollte“, sagt er. „Und das ist gar nicht gut für mich. Es gibt Leute, die brauchen jedes Spielzeug, das sie kriegen können, aber für mich gab es da nichts mehr zu tun. Mir geht es viel besser, wenn ich nicht so im Rampenlicht stehe und herumprobieren kann, wie eine Sache am besten funktioniert.“

Boyle sammelte sich, experimentierte mit Digitalfernsehen und kam 2002 zurück. Abermals gemeinsam mit Macdonald brachte er 28 Days Later heraus – einen packenden, virtuosen Zombie-Streifen und sein bislang größter kommerzieller Erfolg.

Seine Lebensenergie überträgt sich auf die Leinwand

Freunde und Kollegen berichten von seiner Hartnäckigkeit bei der Materialsuche und von der Energie, die er in diese steckt. Die Schauspieler mögen ihn, weil er in seiner Zeit am Royal Court gelernt hat zu proben und weil keiner seiner Erfolge aus der Zusammenarbeit mit etablierten Stars erwuchs. „Die Energie, die man auf der Leinwand sehen kann, ist seine Lebensenergie“, sagt Macdonald. „Wie alle Regisseure von Weltformat ist er besessen von dem, was er tut. Er ist besessen vom Film, von der Musik und von seiner Familie. Da ist es kaum möglich, noch etwas anderes zu machen.“

Die Geschichten über Boyles Liebe zu seinen Kindern stammen aus der Zeit, als Shallow Grave geschnitten wurde. Er brachte seine Tochter mit und hielt ihr die Augen zu, wenn es zu gewalttätig wurde. Er hat sich von Gail Stevens, der Mutter seiner drei Kinder getrennt, sie leben aber immer noch in derselben Straße in Mile End, in Ost-London, und arbeiten zusammen – Stevens machte das Casting für Slumdog Millionaire.

Boyle verwahrt sich gegen Darstellungen, die alle seine Filme zu so etwas wie einem Oevre zusammenfassen und als solches erklären wollen – und irgendwie hat er damit auch recht. Seine Arbeiten unterscheiden sich durch ihre unermüdliche, alle Genres aufweichende Vielfältigkeit. Kleine Morde unter Freunden war ein Thriller ohne Waffen, Trainspotting eine Sozialkomödie voller Obszönitäten und 28 Days Later schlug eine Brücke zwischen Horror- und Kunstfilm.

Aber man würde verkennen, was ihn zu Großbritanniens führendem Kino-Stilisten gemacht hat, würde man die Leitmotive verleugnen, die sich in all seinen Filmen wieder finden. Großer Reichtum, der einem quasi in den Schoß fällt, kraftlose Körper, die ihre Geschichten aus Gräbern oder von Krankentragen herab erzählen; die Farben, in denen das Appartement eines Yuppies, die Bude eines Junkies leuchten; das Labyrinth aus Straßen , durch das Boyles vom Leben beschmutzte Figuren flüchten, in dem sie feiern oder durchdrehen. Und dann die Herzrasen verursachenden Soundtracks, die so unverwechselbar sind wie sonst nur noch die von Quentin Tarantino.

Boyle hebt sich von der realistischen britischen Tradition von Grierson, Ken Loach und Paul Greengrass ab, ist aber auch nicht in amerikanische Formen hinübergewechselt wie Ridley Scott oder Sam Mendes. Er ist kein Autorenfilmer im Stile eines Derek Jarman oder Nic Roeg, bleibt aber in ästhetischer und politischer Hinsicht britisch, selbst wenn er in Indien dreht.

Slumdog Millionaire nimmt die unwahrscheinlichste aller möglichen Wendungen, die dennoch auf bizarre Weise plausibel erscheint. Boyle hat ein Märchen geschaffen, dessen Bilder trunken machen. Nach den Terroranschlägen von Mumbai und in Erwartung weiterer ökonomischer Zerrüttungen glaubt das Publikum dem Film, dass selbst in der hoffnungslosesten Situation ein Wunder möglich ist, denn es will glauben.

Daniel Boyle wurde am 20. Oktober 1956 in Radcliffe, Lancashire geboren.

Die insgesamt acht Oscars für Slumdog Millionaire dürften Boyles bisheriges Lebenswerk krönen, auch wenn er darauf besteht, dass Shallow Grave den Höhepunkt seiner Karriere darstellt. Nicht weil es unbedingt sein bester Film war, sondern weil es den Zauber des ersten Mals hatte: Alles nach dem ersten Mal ist Business , meinte Boyle einmal