Abtreibungsverbot in den USA: „Es wird Chaos geben“

Supreme Court In 26 Bundesstaaten der USA könnte Abtreibung bald verboten sein. Gesetzgeber im Süden und Mittleren Westen haben in Erwartung eines Urteils des Supreme Courts bereits entsprechende Verbote erlassen
Vor dem Supreme Court in Washington protestieren Frauen für die freie Entscheidung für Abtreibungen
Vor dem Supreme Court in Washington protestieren Frauen für die freie Entscheidung für Abtreibungen

Foto: Anna Moneymaker/Getty Images

Mehr als die Hälfte der US-Bundesstaaten werden Abtreibung sofort oder so bald wie möglich verbieten, wenn der kürzlich geleakte Urteilsentwurf von fünf Supreme Court-Richtern im Wesentlichen unverändert bleibt. Für hunderttausende Frauen in 26 US-Staaten wäre dann ein Schwangerschaftsabbruch nur noch schwierig möglich – indem sie hunderte Kilometer zu einer Abtreibungsklinik fahren oder versuchen, die Abtreibung mithilfe von durch Graswurzel- oder illegale Gruppen vermittelten Medikamenten selbst durchzuführen.

Viele würden auch gezwungen, trotz ungewollter Schwangerschaft das Kind auszutragen. „Abtreibung ist ein wesentlicher Teil reproduktiver Gesundheitsversorgung. Das wird Auswirkungen haben, selbst auf die, die denken, 'Ich werde nie abtreiben'“, erklärte Doktor Nisha Verma, Darney-Landy-Fellow am Amerikanischen College für Geburtshelfer und Gynäkologen.

Am Montag wurde der Entwurf einer Supreme-Court-Entscheidung im wohl umstrittensten Fall seit Generationen geleakt. Es geht darin darum, ob der Bundesstaat Mississippi die Abtreibung nach der 15. Schwangerschaftswoche verbieten darf. Diese Frage ist von so großer Bedeutung, weil sie den verfassungsrechtlichen Schutz der Abtreibung in den USA betrifft. Das Grundsatzurteil Roe vs. Wade aus dem Jahr 1973 gibt Schwangeren das Recht, eine Schwangerschaft bis zu dem Zeitpunkt abzutreiben, ab dem der Fötus außerhalb des Mutterleibs überleben kann, also etwa nach der 24. Schwangerschaftswoche, und beinhaltet den juristischen Grundsatz der „Lebensfähigkeit“.

1973 wurden damit zahlreiche Abtreibungsverbote in den Bundesstaaten ungültig. Bis zur endgültigen Entscheidung des Supreme Courts, die für Ende Juni erwartet wird, können die Staaten Abtreibungen vor dem Zeitpunkt der Lebensfähigkeit nicht untersagen.

500 Kilometer bis zur nächsten Abtreibungsklinik

Laut dem geleakten Urteilsentwurf im Mississippi-Fall Dobbs vs. Jackson Women’s Health Organization sind fünf konservative Supreme-Court-Richter bereit, den verfassungsrechtlichen Schutz von Abtreibungen zu kippen. Ihre Begründung: Roe vs. Wade sei falsch entschieden worden. Ändert sich diese Einschätzung bis zur endgültigen Urteilsverkündung nicht wesentlich, würde die Regulierung von Abtreibungen wieder zur Sache der einzelnen Bundesstaaten.

Gesetzgeber im Süden und Mittleren Westen der USA haben in Erwartung dieser Entscheidung bereits Verbote erlassen. „Es dauert sechs Monate bis zwei Jahre, bis sich der Staub wieder legt“, erklärte Elizabeth Nash vom Guttmacher-Institut, einer Organisation für reproduktive Rechte. „Es wird Chaos geben.“ In dieser Zeit werde es „eine Menge Hin und Her geben, wenn die Staaten versuchen, ihre Verbote umzusetzen“, von denen manche unmittelbar nach der Gerichtsentscheidung in Kraft treten sollen.

Durch die Verbote hätte wahrscheinlich fast die Hälfte der Frauen im reproduktionsfähigen Alter (41 Prozent) in den USA keinen Zugang zu Abtreibungskliniken im eigenen Bundesstaat mehr. Die durchschnittliche Fahrstrecke zu einem Abtreibungsanbieter würde von 35 Meilen (ca. 56 km) auf 279 Meilen (ca. 449 km) ansteigen, sagt die Wirtschaftsprofessorin Caitlin Knowles Mayers voraus, die untersucht hat, wie sich die Aufhebung des Roe-Urteils auswirken würde. Die Abtreibungsrate in den Verbots-Staaten würde demnach um 20 Prozent sinken und die Geburtenrate um 4 Prozent steigen (wobei die Schätzung zur Geburtenrate weniger sicher ist).

„Wie in der Prä-Roe-Ära werden viele Frauen einen Weg in Bundesstaaten finden, in denen ein Abbruch legal ist“, erklärte Myers. „Laut empirischen Daten werden wohl rund Dreiviertel der von der plötzlichen Abschaffung des Angebots betroffenen Frauen eine Lösung finden. Sie werden die Anfahrt bewältigen und Anbieter in Staaten finden, die bald „Grenzstaaten“ sind, wie Florida, Illinois, New Mexico und Virginia, führt Myers weiter aus, die auch das Center for Reproductive Rights and Planned Parenthood Federation of America berät, eines der größten Netzwerke für Abtreibungsanbieter im Land.

Abtreibungspillen für eine Abtreibung in Eigenregie

In den USA werden jedes Jahr rund 860.000 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Allerdings kommen überproportional viele betroffene Frauen aus Schichten mit geringen Einkommen oder sind nicht-weiß und haben bereits Kinder, was den Zugang zu einer Abtreibung erschwert. „Was wir über die Auswirkung von langen Anfahrten wissen, legt nahe, dass sie für ein Viertel der Frauen eine zu große Hürde darstellen“, berichtet Myers“. „Im Ergebnis bekommt der Großteil dieser Frauen am Ende das Kind.“

Wenn Frauen aus US-Staaten mit Abtreibungsverbot in andere Staaten reisen, könnte das zudem dort die Wartezeiten verlängern. Unter Umständen müssen ungewollt Schwangere so noch weitere Wege auf sich nehmen – wie eine weitere Gruppe von Personen mit medizinischen Gründen. In Kalifornien zum Beispiel könnte dann für fast 3000 Prozent mehr Betroffene die nächste legale Abtreibungsklinik liegen. Die Zahl der Patientinnen könnte sich praktisch über Nacht von jährlich rund 46.000 auf 1,4 Millionen erhöhen.

Bereits jetzt werden die meisten Abtreibungen in den USA medikamentös vorgenommen. Ein solcher Abbruch ist ein zweistufiges Verfahren, mit dem Schwangerschaften bis zur zehnten Schwangerschaftswoche sicher beendet werden können. Aktivist:innen haben bereits ein Netzwerk aufgebaut, über das Abtreibungspillen an Frauen in Staaten verschickt werden, in denen eine Abtreibung in Eigenregie illegal ist. Allerdings wäre der Erhalt dieser Medikamente in Staaten mit Abbruchverbot ebenfalls illegal.

Zusätzlich zu den direkten Auswirkungen auf Schwangerschaftsabbrüche, würde die Entscheidung, die Regelung zurück in die Hand der Bundesstaaten zu legen, auch die Geburtsvorsorge wesentlich verändern. „Diese Gesetze sind so extrem, dass Klinikärzt:innen Angst haben, eine Behandlung nach dem neuesten Stand anzubieten“, sagte Verma. „Weil sie nicht wissen, ob sie vielleicht strafrechtlich belangt oder kriminalisiert werden.“

Fast die Hälfte (44 Prozent) aller angehenden Geburtshelfer:innen und Gynäkolog:innen werden in US-Staaten ausgebildet, in denen die Abtreibung illegal werden könnte. Es könnte daher schwieriger werden, junge neue Ärzt:innen in der Behandlung von Eileiterschwangerschaften oder frühen Fehlgeburten auszubilden, für die dieselben Fähigkeiten wie für den eingeleiteten Abbruch erforderlich sind. Die Müttersterblichkeit in den USA ist bereits jetzt eine der höchsten in Industriestaaten mit hohem Einkommen. „Es betrifft nicht nur Abtreibungen“, erklärte Verma. „Es wird Auswirkungen auf alle Frauen haben.“

Jessica Glenza ist die Gesundheitsreporterin des Guardian US

Übersetzung: Carola Torti

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