Alem wollte hart arbeiten

Äthiopien Eine junge Frau aus Addis Abeba wird von einer dubiosen Arbeitsagentur angeworben, geht als Haushaltshilfe illegal in den Libanon und kehrt nie mehr zurück

Lemesa Ejeta schluckt und räuspert sich, trotzdem kann er eine Träne nicht zurückhalten. Seine vierjährige Tochter Yabesira ist gerade aus der von Lehm und Stroh zusammengehaltenen Hütte gelaufen, um draußen zu spielen. Endlich kann Lemesa sich gehen lassen. Es gelingt ihm kaum, die letzte Begegnung mit Alem Dechasa Desisa zu beschreiben, seiner Lebensgefährtin und Mutter Yabesiras wie des zwölfjährigen Tesfaye. Die 33-jährige Alem verließ Äthiopien Ende Januar, um im Libanon als Hausangestellte zu arbeiten. Nur wenige Wochen später hat sie sich im Zimmer eines Beiruter Krankenhauses erhängt, nachdem sie – von einem Mann, der mutmaßlich in Verbindung zu jener Vermittlungsagentur stand, die sie in den Libanon gelotst hatte – auf offener Straße geschlagen worden war.

Alem Dechasas Reise in einen einsamen Tod begann in dieser armseligen Behausung in Burayu, einer Armensiedlung an der Peripherie von Addis Abeba. Hier stehen Mütter wie Alem und Väter wie Lemesa Tag für Tag vor der Herkulesaufgabe, mit der Familie zu überleben. Alem war eine von vielen Frauen, die sich dem Verbot der äthiopischen Regierung widersetzten, als Arbeitsnomaden in den Libanon oder andere Länder zu gehen und dort ausgebeutet zu werden. Zu dieser verhängnisvollen Entscheidung trieb sie die Hoffnung, ihren Kindern mehr als ein armseliges Leben bieten zu können.

Ins Auto gezerrt

„Sie stand am Flughafen von Addis in der Schlange. Nachdem sie am Abflugterminal eingecheckt hatte, sagte man ihr, sie habe noch etwas Zeit. Also kam sie zurück, um uns noch einmal zu sehen“, erzählt Lemesa von Alems Abschied. Nun strömen die Tränen über sein Gesicht. „Unsere Tochter Yabesira sagte: ‚Wer zieht mich jetzt für die Schule an, wenn du soweit weggehst?‘ Und dann weinte und weinte sie und Alem weinte auch.“

Zwei von Alems Handtaschen hängen noch an einem Nagel in Lemesas Hütte, in der sonst nicht viel steht – ein paar Holzstühle, dazu ein niedriger Tisch, an einer Wand lehnen zwei kleine Matratzen. In einer Ecke steht ein Strohkorb, den Alem geflochten hat. Der kleine Anbau draußen vor der Tür, in dem sie immer das flache Injera-Brot (ein weiches gesäuertes Fladenbrot – die Red.) gebacken haben, ist kalt, leer und voller Asche.

Der Fall von Alem Dechasa Desisa wirft ein Licht auf die Lage afrikanischer Gastarbeiter im Libanon, die Menschenrechtsorganisationen zufolge häufig seelischer Not und noch häufiger Misshandlungen ausgesetzt sind. Nach Angaben von Human Rights Watch stirbt im Zedern-Staat jede Woche eine Hausangestellte durch Selbstmord oder aus anderen Gründen. Es gäbe für sie keinerlei Rechtsschutz. Eben deshalb habe die äthiopische Regierung ihren Staatsbürgern vor drei Jahren strikt untersagt, in den Libanon zu reisen, um dort Geld zu verdienen.

Das libanesische Fernsehen zeigte im März Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie Alem verprügelt wird. Zehntausende in Äthiopien können die Bilder auf YouTube sehen. Medien und Menschenrechtsorganisationen identifizieren den Mann, der in dieser Aufnahme zu sehen ist, als Ali Mahfouz und Bruder des Chefs der Vermittlungsagentur. Der wird daraufhin mit der Begründung angezeigt, er trage eine Mitschuld an Alems Selbstmord. Mahfouz versucht, sich mit dem Aussage zu entlasten, die Agentur sei entschlossen gewesen, Alem wieder nach Hause zu schicken, weil sie dem Aufenthalt im Libanon psychisch nicht gewachsen gewesen sei.

Auf dem YouTube-Video ist zu sehen, wie Alem vor dem äthiopischen Konsulat in Beirut über die Straße geschleppt wird. Man zerrt sie an den Haaren in den Fond eines Wagens. Nach diesem Vorfall – soviel weiß man inzwischen – wird sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Ein paar Tage darauf ist Alem tot. Sie hat sich in ihrem Krankenzimmer erhängt.

In einer Erklärung von Human Rights Watch wird ein Sozialarbeiter des Migranten-Zentrums der Caritas im Libanon zitiert, der zu Protokoll gibt, Alem habe zunächst einen Monat lang für eine libanesische Familie gearbeitet, sei von der aber wegen akuter Kommunikationsschwierigkeiten wieder der Agentur übergeben worden, ohne dass ihr ein Piaster Lohn aus­gezahlt wurde. Die nächste Anstellung dauerte nur wenige Tage. Wie der Sozialarbeiter weiter berichtet, habe Alem ihm gesagt, sie werde von Mitarbeitern der Re­kru­tierungsagentur geschlagen, weil sie nicht zur Zufriedenheit der Kunden arbeite. Ihr sei damit gedroht worden, sie wieder nach Äthiopien zu schicken. Weiter heißt es bei Human Rights Watch, Alem habe bereits Selbstmordversuche unternommen, indem sie Reinigungsmittel trank und sich einmal aus einem fahrenden Auto stürzte.

Die vielen Mutmaßungen über Alems Leben und Tod in Beirut hängen wie ein schwerer Schatten über dem Viertel Burayu bei Addis Abeba, wo Kinder in zerschlissener Kleidung herumrennen, die zu dünn ist für diese regnerischen Apriltage, wo Esel brüllen und das Geräusch der Hämmer aus einem nahegelegenen Steinbruch herüber tönt.

Neun Jahre in Addis

Lemesa hat seinen Kindern Yabesira – der Name bedeutet „Werk Gottes“ – und Tesfaye noch nicht vom Tod ihrer Mutter erzählt. „Sie haben das Gefühl, dass etwas passiert sein muss, weil Leute zu uns kommen und weinen, aber ich habe Angst, es ihnen zu sagen“, murmelt der 31-Jährige. „Manchmal sehen sie Alems Foto und fragen, wann sie nach Hause zurückkehrt. Ich habe Angst, was Yabesira fragen wird, wenn ich ihr erzähle, dass die Mutter nie mehr wiederkommt.“

Auf die Berichte über Alems Selbstmord angesprochen, meint er: „Ich weiß nichts davon, dass sie sich das Leben genommen hat.“ Eine nachvollziehbare Antwort, denn Suizid ist in Äthiopien ein Tabu, besonders unter Christen wie Lemesa. Er habe nur gehört, dass sie vor ihrem Tod geschlagen worden sei. Inzwischen habe er auch einen Zeitungsartikel darüber gelesen. Das Video, das in Alems Heimat zu Protesten geführt hat, kennt Lemesa offenbar nicht.

Tadelu Negash, Nachbarin und Mutter von vier Kindern mit eng an den Kopf geflochtenen Zöpfen, wollte eigentlich gemeinsam mit Alem in den Libanon gehen, entschied sich aber dagegen, als sie erfuhr, dies sei in den Augen der Regierung illegal. Die Idee, irgendwann einmal im Ausland zu arbeiten, habe sie deswegen nicht verworfen. „Was bleibt uns übrig? Wir wollen nicht, dass unsere Kinder so leiden wie wir. Wenn man hier lebt, sieht man oft keinen Ausweg mehr. Uns umgibt so viel Leid. Da scheint die Vorstellung, im Libanon zu arbeiten, nicht die schlechteste.“

Alem und Lemesa haben neun Jahre lang in Addis Abeba gelebt. Als sie sich die Miete nicht mehr leisten konnten, zogen sie nach Burayu. Dort ging es ihnen nicht viel besser, also fassten sie den Entschluss, dass Alem in den Libanon gehen solle. Lemesa: „Wir kamen durch die Nachbarn darauf. Fast jeder hier hat einen in der Familie, der im Ausland arbeitet. Also glaubten wir, es sei richtig, es auch zu versuchen.“

Für Alems Reise nach Beirut mussten etwa 10.000 Birr (etwa 440 Euro) aufgebracht werden. Knapp die Hälfte ging an den äthiopischen Vermittler, der sich nur anonym äußern will. Er sagt, ein in Beirut arbeitender Verwandter habe ihm den Kontakt zu einer Firma verschafft, die dann bei ihm angefragt habe, ob er in Äthiopien arbeitswillige Leute für sie finden könne. Er habe gewusst, in welch erbärmlichen Verhältnissen Alem lebte, und ihr deshalb vorgeschlagen, doch nach Beirut zu gehen. Von einem Verbot der Regierung für solche Geschäfte habe er nichts gewusst. „Erst, nachdem das mit Alem passiert ist, habe ich davon gehört. Die Agentur hat dann jede Verbindung zu mir abgebrochen.“

Der äthiopische Generalkonsul in Beirut schätzt, dass zwischen 60.000 und 80.000 seiner Landsleute im Libanon leben, etwa 43.000 davon legal. Tigist Mengistu ist eine von ihnen. Früher ging sie in Burayu gemeinsam mit Alem zur Kirche, bevor sie ihrer Heimat Ende 2010 den Rücken kehrte. „Alem konnte sich nie ausruhen, als sie noch hier in dieser Gegend lebte“, erzählt Mengistu. „Sie hat ständig Injera gebacken und versucht, es auf der Straße zu verkaufen. Ständig ist sie in den Wald gelaufen und hat Holz gesammelt, um ihren Backofen heizen zu können.“

Human Rights Watch drängt den Libanon, endlich ein überprüfbares Arbeitsrecht für Hausangestellte einzuführen. „Alems Tod ist in zweierlei Hinsicht empörend. Wegen der Gewalt, der sie ausgesetzt war, und wegen des Fehlens von Schutzvorkehrungen, die diese Tragödie hätten verhindern können“, meint Nadim Houry, Human Rights Watch-Vizedirektor für den Nahen Osten und Nordafrika.

Lemesa wartet nun auf die Überführung von Alems Leiche und muss sich den Vorwurf ihrer Eltern anhören: Ihre Tochter sei von ihm verlassen worden, weil er sich mit einer anderen Frau eingelassen habe. Nur deshalb habe sie weggehen wollen. Lemesa bestreitet das. Er und Alem seien zwar nie verheiratet, aber seit 13 Jahren ein Paar gewesen.

Ins Dunkle hinein

Bei den Behörden hat er schon vorgesprochen, um herauszufinden, ob Alems Erben ihre Kinder oder ihre Eltern sind. Darüber kann ein Gericht nach äthiopischem Recht allerdings erst dann entscheiden, wenn die Leiche überführt worden ist. Der sich abzeichnende Rechtsstreit ist verständlich: Für Menschen, die so wenig besitzen, geht es dabei ums Überleben. Ob es stimmt, was Alems Eltern über Lemesa behaupten? Über eines sind sich alle in Burayu einig: Alem schien nie schwermütig zu sein. „Sie war doch vollkommen gesund“, versichert Lemesa.

Alems Eltern, die vom Land – aus Gindeberet in der Region Oromia – nach Addis Abeba gereist sind, um sich beim Außenministerium um die Formalitäten zu kümmern, bestätigen das ohne Zaudern. Sie sind dem Anlass entsprechend gekleidet: Der 75 Jahre alte Dechesa Desisa trägt einen verblichenen Streifenanzug mit lila Hemd, seine Frau Kafany Atomesa ein schwarzes Kopftuch und einen traditionellen weißen Netela-Überwurf. Alem war das fünfte ihrer elf Kinder. Auf die Frage, ob Alem jemals depressiv gewesen sei, schüttelt Kafany energisch den Kopf. Genau in diesem Augenblick erlischt die einzige Glühbirne in Lemesas Hütte. „Alem hat immer gelacht. Sie hatte für jeden einen Rat“, sagt die Mutter ins Dunkle hinein.

Clar Ni Chonghaile lebt in Nairobi und arbeitet teils als freie Journalistin, teils als Buchautorin

Übersetzung: Zilla Hofman

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

12:00 05.05.2012
Geschrieben von

Clar Ni Chonghaile | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14673
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2