George Monbiot
19.10.2016 | 15:36 17

Alle gegen sich selbst

Entfremdung Der Neoliberalismus macht einsam und krank. Das zeigen jüngste Erhebungen zu psychischen Störungen bei Kindern einmal mehr

Alle gegen sich selbst

Sozialer Kontakt reduziert körperlichen Schmerz. Das Stofftier allein wird's deshalb nicht richten

Foto: McCarthy/Express/Getty Images

Kann man sich eine schwerwiegendere Anklage gegen ein System vorstellen als eine epidemische Ausbreitung psychischer Erkrankungen? Heute leiden Menschen auf der ganzen Welt unter Angststörungen, Stress, Depressionen, sozialen Phobien, Essstörungen, dem Zwang, sich selbst zu verletzen und Einsamkeit. Die jüngsten Zahlen über die psychische Gesundheit von Kindern in England geben ein schreckliches Bild ab machen deutlich, dass es sich um eine globale Krise handelt.

Es mag dafür viele Gründe geben, aber mir scheint, dass ein grundelegende Ursache überall dieselbe ist: Menschliche Wesen, diese ultrasozialen Säugetiere, deren Gehirne darauf ausgerichtet sind, auf andere Menschen zu reagieren, werden systematisch auseinandergetrieben. Wirtschaftliche und technologische Veränderungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie erzählen uns beständig, dass wir unser Glück im kompetetiven Eigeninteresse finden, und in einem grenzenlosen Individualismus.

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Der Konkurrenzdruck im Bildungssystem wird immer härter. Die Jobsuche grenzt oft genug an eine Nahtoderfahrung, bei der immer verzweifeltere Menschen immer weniger Stellen hinterherjagen. Endlose Wettbewerbe und Castingshows im Fernsehen fördern völlig unrealistische Erwartungen, während die realen Möglichkeiten immer weniger werden.

Die wachsende soziale Lücke wird mit Konsum gestopft. Doch er heilt nicht die Krankheit der Isolation, sondern verstärkt den Hang unseren sozialen Status zu vergleichen – bis wir alles andere verschlungen haben und anfangen, uns selbst zu zerfleischen. Die sozialen Medien bringen uns zusammen und treiben uns gleichzeitig auseinander, indem sie uns ermöglichen, unser soziales Ansehen genau zu quantifizieren. Sie zeigen uns, dass andere mehr Freunde und Follower haben als wir.

Wie Rhiannon Lucy Cosslett sehr gut gezeigt hat, verändern Mädchen und junge Frauen routinemäßig ihre geposteten Fotos, um schlanker zu wirken. Manche Handys machen das mit ihren Beauty-Settings ganz automatisch, ohne ihre Besitzerinnen überhaupt zu fragen. So kann man heute zu seiner eigenen Dünnspiration werden. Willkommen in der nächsten Stufe der Hobb'schen Dystopie: ein Krieg aller gegen sich selbst.

Ist es verwunderlich, dass in diesen einsamen Innenwelten, in denen Berührung durch einen Klick auf die Filterfunktion ersetzt werden, junge Frauen massenhaft an psychischen Störungen leiden? Eine neue Studie in England legt nahe, dass jede vierte Frau zwischen 16 und 24 sich schon einmal selbst verletzt hat und jede achte an posttraumatischen Belastungsstörungen leidet. 26 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe sind von Angst, Depression, Phobien oder Zwangsstörungen betroffen. So sieht eine öffentliche Gesundheitskrise aus.

Wenn soziale Brüche nicht mit derselben Ernsthaftigkeit behandelt werden wie gebrochene Gliedmaßen, dann liegt dies daran, dass wir sie nicht sehen können. Die Neurowissenschaften können dies jedoch sehr wohl. Eine Reihe faszinierender wissenschaftlicher Publikationen legt nahe, dass sozialer Schmerz und körperlicher Schmerz von denselben neuralen Schaltkreisen verarbeitet werden. Das könnte erklären, warum es in vielen Sprachen sehr schwierig ist, den Bruch sozialer Verbindungen zu beschreiben, ohne das Vokabular zu benutzen, das wir auch im Zusammenhang mit physischem Schmerz und Verletzungen verwenden. Sowohl beim Menschen als auch bei anderen Säugetieren reduziert sozialer Kontakt körperlichen Schmerz. Das ist der Grund dafür, warum wir unsere Kinder in den Arm nehmen, wenn sie sich wehgetan haben: Zuneigung ist ein starkes Mittel gegen Schmerzen. Dass Opioide sowohl körperliche Beschwerden als auch Trennungsschmerz lindern, könnte den Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und Drogenabhängigkeit erklären.

Das Journal Physiology & Behaviour schreibt über aufschlussreiche Experimente: Stellt man soziale Säugetiere vor die Wahl zwischen körperlichen Schmerzen und sozialer Isolation, entscheiden sie sich für ersteres. Kapuzineraffen, die 22 Stunden lang nichts zu essen bekamen und gleichzeitig in Isolation gehalten wurden, gingen zuerst zu ihren Artgenossen, bevor sie ihren Hunger stillten. Es gibt Hinweise darauf, dass emotional vernachlässigte Kinder schwerwiegendere gesundheitliche Folgen davontragen als Kinder, die emotional vernachlässigt und gleichzeitig misshandelt werden: So grausam das klingt, beinhaltet Gewalt eine abscheuliche Form von Aufmerksamkeit und Kontakt. Oft verletzten sich Menschen selbst, um ihren psychischen Schmerz zu lindern. Es ist ein weiterer Hinweis darauf, dass körperlicher Schmerz leichter zu ertragen ist als emotionaler. Das erkennt man auch am Gefängnissystem: Eine der effektivsten Formen der Folter besteht in der Isolationshaft.

Es ist nicht schwer zu erkennen, worin die evolutionären Gründe für sozialen Schmerz liegen: Die Überlebenschancen sozialer Säugetiere steigen gewaltig, wenn sie enge Verbindungen mit dem Rest ihres Rudels unterhalten. Es sind die isolierten und marginalisierten Tiere, die am leichtesten Raubtieren zum Opfer fallen oder verhungern. So wie körperlicher Schmerz uns vor körperlichen Verletzungen schützt, schützt uns emotionaler Schmerz vor sozialen Veletzungen. Er bringt uns dazu, uns einander zuzuwenden. Vielen Menschen erscheint dies allerdings nahezu unmöglich.

Es ist wenig überraschend, dass soziale Isolation oft Depressionen, Selbstmordgedanken, Angstzustände und Schlaflosigkeit zur Folge hat. Überraschender ist, wie viele körperliche Krankheiten Einsamkeit verursachen oder verstärken: Demenz, Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Hirnschläge, verringerte Widerstandsfähigkeit gegen Viruserkrankungen, selbst Unfälle kommen bei chronisch einsamen Menschen häufiger vor. Der Einfluss von Einsamkeit auf die körperliche Gesundheit ist vergleichbar mit dem Rauchen von 15 Zigaretten pro Tag. Offenbar erhöht sie das Risiko eines frühen Todes um 26 Prozent. Das liegt zum Teil daran, dass sie zu einer verstärkten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol führt, welches das Immunsystem unterdrückt.

Studien, die sowohl bei Tieren als auch bei Menschen durchgeführt wurden, geben Aufschluss darüber, was beim sogenannten Frustessen passiert: Die Isolation verringert die Impulskontrolle und führt so zu Fettleibigkeit. Dies könnte eine Erlärung dafür sein, warum ein starker Zusammenhang zwischen der Gefährdung von Einsamkeit, einem geringem ökonomischem Status und Adipositas besteht.

Offensichtlich läuft hier etwas schief. Etwas, das weitaus wichtiger ist als die meisten Dinge, um die wir uns gemeinhin den Kopf zerbrechen. Warum machen wir bei diesem umwelt- und selbstzerstörerischen Wahnsinn mit? Sollte diese Frage nicht jedem, der am öffentliche Leben teilnimmt, auf den Lippen brennen?

Es gibt ein paar großartige Organisationen und Initiativen, welche diese Entwicklung bekämpfen. Mit einigen von ihnen werde ich mit meinem Einsamkeitsprojekt zusammenarbeiten. Doch mit jedem, den sie erreichen, rutschen andere durchs Netz.

Dies erfordert keine politische Reaktion. Es erfordert etwas sehr viel Größeres: die Neubewertung einer kompletten Weltsicht. Von all den Hirngespinsten, die Menschen haben können, ist die Vorstellung, dass wir es alleine schaffen können, die absurdeste und vielleicht die gefährlichste. Entweder wir stehen zusammen oder wir gehen unter.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (17)

Manfred Fröhlich 19.10.2016 | 17:14

Worum es geht? ... Isolationshaft ist auch eine der effektivsten Formen staatlicher Hartz4-Folter ... mit den Folgen: Soziale Isolation, Depressionen, Angstzustände … Problemlösung: Hartz4 durch ein BGE ersetzen. - Entweder wir stehen zusammen oder wir gehen unter. Dieser Schlusssatz entspricht dem Projekt DiEM25_DE.

Und Götz W. Werner bezeichnet Hartz4 zurecht als eine Art "Offener Strafvollzug".

Vielen Dank für diesen Artikel.

Comparse 20.10.2016 | 14:35

Es braucht keinen großen materiellen Wohlstand, wenn das Zusammenleben in der Gesellschaft klappt. Aber diese Erfahrung können im Westen Aufgewachsene offenbar nicht nachvollziehen. Egal, was ich über die DDR diesbzgl. erzähle: Kaum einer kann verstehen, dass man mit weniger auch glücklich sein konnte, solange das menschliche Umfeld mitfühlend und helfend war. Und das war es.

Tiefendenker 20.10.2016 | 17:33

@COMPARSE

Stimme Ihnen absolut zu. Das Ziel einer sozialistischen Gesellschaft war allerdings auch ein anderes.

Im Kapitalismus, besonders unter neoliberaler Ignoranz als vorherrschendem Paradigma, geht eben nicht darum, dass Menschen ein gutes Leben haben. Das kann (für wenige Reiche) ein (quasi positives) Abfallprodukt dessen sein...muss es aber nicht.

Und selbst die machen sich oft noch selbst was vor. Wie sich wirkliches Lebensglück anfühlt, wissen die gar nicht.

Es gibt aber Wege das zu ändern - passiert auch schon ansatzweise - siehe hier: http://www.hh-violette.de/ministerium-fuer-glueck/

Richard Zietz 21.10.2016 | 11:34

Um die Rechnung mal von der anderen Seite her aufzumachen: Die Anzahl aktiver Systemstützen dürfte in Deutschland zwischen fünf und zehn Millionen Einwohner(innen) liegen. Über die Funktionselite im engeren Sinn (Clans der großen Firmeneigner und Erben, Restadel, oberes Management, sonstige Spitzenverdiener, Promis unterschiedlicher Couleur und Poliker) mit schätzungsweise 10.000 Angehörigen ist das im Wesentlichen das weiterhin gut im Futter stehende obere Mittelstandsfünftel, das Gros der Beamtenschaft sowie zwei, drei weitere Millionen, die den Kern von öffentlichem Dienst und Exportsektor ausmachen, vom System mitgeschleppt werden und über die entsprechende soziale Absicherung verfügen.

Auch in diesen Gruppen gibt es psychisch Derangierte, Wohlstandsverwahrloste, Einsame und Resignierte. Da das System hier jedoch noch effektiv zu puffern vermag (via Behandlung, Therapie, Kuren sowie spezielle Arten der sozialen Beteiligung wie zum Beispiel Vereine), treten die Symptome dort weniger deutlich zu Tage. Anders gesagt: Der Staat trägt hier aktiv dafür Sorge, persönliche Krisen zu dimmen oder – im idealen Fall – auf überschaubare Biografieabschnitte zu begrenzen.

Beim Rest – also den 70 bis 75 Millionen normal im Hamsterrad Befindlichen oder bereits Abgehängten – werden sich die sozialen Derangierungen weiter potenzieren. Die »normale« Isolation und die stetige Konkurrenz jeder gegen jeden hat ja längst einen ganzen Strauß unterschiedlicher Auffälligkeiten zur Folge: Depressionen, Reduzierung der Persönlichkeit auf Funktionieren und Kampfmodus zwecks Karriere-Vorantreibung, Output-Only-Modus im »Real Life« und Online, die Selbstdarstellungsmanie in den Online-Medien allgemein, Selbstgespräche, unterschiedlichste Formen von Suchtverhalten, Intriganz als hervorstechendes Mittel sozialer Kommunikation, und so weiter. Die Obdachlosen, die in zunehmender Anzahl die Innenstädte bevölkern, sind lediglich der adäquate Ausdruck dieses aufgezwungenen Monopoly-Spiels, dessen Einsatz die eigene Existenz ist.

Die gute Nachricht ist: Man könnte durchaus was tun (auch wenn nachhaltige Verbesserungen in Anbetracht des zwischenzeitlich erreichten Zustands vermutlich Jahrzehnte in Anspruch nehmen). Da der verschärfte Konkurrenzkampf sowie die Warenform von allem bereits ein fortgeschrittenes Level erreicht haben, halte ich in mittlerer Zukunft eher Zustände wie im Dreißigjährigen Krieg für wahrscheinlich als essentielle Verbesserungen.

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Ehemaliger Nutzer 24.10.2016 | 16:15

War das nicht der "späte" Freud: "Liebe Deinen Nächsten, so wie er Dich liebt!"

Blöd wenn nirgends mehr einer rumläuft, der Dich liebt.

Blöd wenn man die Smart-Empathiefigur als Gegenüber nur erlebt, so man als Konsument die Kreditkarte zückt, oder als gewinnbringendes Nutzobjekt ein kleines Lächeln erhält, da man zum Vermögensgewinn beisteuert.

Blöd wenn man in einer Gesellschaft mitlebt, die nur noch eines im Hirn hat - Wettbewerb ohne Rücksicht auf die Folgen für jene, die nicht ihre debilen hedonistischen Triebe erfüllen können, da sie nur zu einem Gut sind, den Gewinnern jene Befriedigung zu ermöglichen.

Die Natur verändert sich, ein einzelner Mensch wird zermalmt.

Es drängt sich das Bild der Orgie auf,

eine Gruppe feiert, viele stehen im Hintergrund als der Lakaien, die Kühlräume sind durch schemenhafte Türen angedeutet - dort liegt der Nachschub, aus den Mäulern der Feiernden trieft die rote Soße, in ihren Pranken halten sie die Knochen, sie fressen Ihresgleichen, lustvoll und ohne jede Hemmung!

Ich frage mich nur wer widerlicher ist, jene die Fressen, oder die Lakaien, die im Hintergrund stramm stehen und auf den Fingerzeig warten, Nachschub aus den Kühlräumen aufzutragen.

Der Blog ist geradezu euphemistisch - aber aus der Sicht eines Lakaien mag das angemessen sein, schließlich liegt man nicht im Kühlraum. Im Gegenteil, man bekommt die Reste ab und darf selber auch noch feiern, schließlich hat man ja den Feierabend!

Kinder hatten es schon immer hart, schließlich ist das menschliche Prinzip keines, das man als junges Tier in sich verspürte, es ist das "Lernen", das krank macht - schon immer - und das Ergebnis sind die Gesellschaften, die sich manchmal verwundert die Augen reiben, ob dem Wahnsinn, den sie da veranstalten, doch den Mut es zu ändern, den bringen die Lakaien nicht auf - und nur sie hätten die Möglichkeit es zu ändern, den jene die nur feiern und fressen, werden niemals etwas daran ändern.

Reinhold Schramm 26.10.2016 | 10:19

***-)

Entfremdung heute

{...} Die »normale« Isolation und die stetige Konkurrenz jeder gegen jeden hat ja längst einen ganzen Strauß unterschiedlicher Auffälligkeiten zur Folge: Depressionen, Reduzierung der Persönlichkeit auf Funktionieren und Kampfmodus zwecks Karriere-Vorantreibung, Output-Only-Modus im »Real Life« und Online, die Selbstdarstellungsmanie in den Online-Medien allgemein, Selbstgespräche, unterschiedlichste Formen von Suchtverhalten, Intriganz als hervorstechendes Mittel sozialer Kommunikation, und so weiter. {...}

Ein nützlicher Erkenntnisbeitrag über den allgemeinen tiefen-psychosozialen Zustand der heutigen Kapital- und Konsumgesellschaft, Autoren nicht ausgenommen.

Lethe 26.10.2016 | 22:26

Die Isolation in der Großgruppe kann nur durch eine funktionierende Kleingruppe gekontert werden. Wer darauf hofft, dass die Großgruppe zu freundlichem Verhalten findet, wartet auf den St. Nimmerleinstag. Wo es nicht die Familie oder der Clan sein kann, ist ein ernstzunehmender Freundeskreis - im realen Leben, nicht bei Facebook und nicht als Netzwerk von Berufs- oder Businesskontakten - unerlässlich.

Community84 03.11.2016 | 10:31

Darf man über den Zynismus lachen? Darf man, weil es eine wahre Beschreibung ist. Darf man auch, weil es ein befreiendes Lachen ist. Aber nur so lange, bis man wieder denkt oder weiß, man macht mit. Dann darf man aber trotzdem lachen, nur während man gerade beim Mitmachen ist, kann man es nicht, weil man in den langen, langen Momenten des Mitmachens in der ganzen Kette, ja nicht anders kann. Jedenfalls, dachte ich, als ich den Kommentar soeben las, da war jemand Zeile für Zeile schneller. Und weil es alles stimmt, ist es auch nur ein Reflex, dass ich darüber lachen muss, aber es ist so, dass es nichts dran ändert, weil alles Wort für Wort stimmt. Man hilft sich aber so aus der Patsche, wenn man mal darüber lacht, dass überhaupt Leute mal geistig wenigstens für ein paar lichte (lustige) Momente in der Lage sind, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Wie blöd ist der Mensch eigentlich - und man lacht auch noch darüber. Man nimmt das aber damit auch Ernst, weil man das Lachen darüber noch zulässt und nicht kaschiert mit falschen guten Manieren.

Charix 01.02.2017 | 01:57

Ich finde es irritierend, dass du den Abschnitt der guten Nachricht mit dem Satz beendest, das in mittlerer Zukunft eher Zustände wie im 30 jährigen Krieg herrschen werden als Verbesserungen.

Ich finde es gut, dass du die Sache aus der anderen Perspektive betrachtest. Aber ist es denn die Aufgabe des Staates, Prävention zu leisten? Soll das der Maßstab unseres gesamten Denkens und Handelns sein? Aufgabe des Staates ist doch vielmehr, den Menschen zu schützen! Und ich sage Menschen (nicht Bürger), weil die Wirtschaft laut Gesetz dem Gemeinwohl zu dienen hat und somit: Eigentum verpflichtet.

So sollten wir uns in der Flüchtlingskrise auch Gedanken darüber machen, was die echten Ursachen sind und uns widerlich eingestehen müssen, dass wir genauso unseren Teil dazu beitragen, dass wir Ziel von Terroristen werden. Aber mal ehrlich: Ist es verwerflich? Ist es verwerflich, sich rächen zu wollen, wenn grundlos deine Eltern, Geschwister, Kinder oder Freunde getötet werden von Ländern, dessen Interessen auf Wettbewerbsvorteile beschränkt sind? Ich hätte schon das Bedürfnis, gehört zu werden und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen.

Wohlstandsverwarloster?!?! Wahnsinn... Auch das suggeriert dem Menschen doch die klare Message des Staates, kein echtes Interesse darin zu haben, Armut zu beseitigen. Viel mehr ist er daran interessiert, sie aufrecht zu halten, obwohl (!) es durch wahrhaftigere Methoden möglich wäre, Armen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Natürlich können wir sagen, dass es ein afrikanisches, hungerndes Kind schlechter hat. Aber der Unterschied liegt darin, dass wir uns dazu entschieden haben, unsere (und deren) Armut in Kauf zu nehmen. Wir sehen hier ja gerade durch diese akademische Diskussion, dass wahrscheinlich kaum jemand hier mir dauerhafter (!) Armut leben musste (ich eingeschlossen) und Schulden auf sich nehmen musste, weil Harz IV Reformen normative Entscheidungen treffen und mich dahin erziehen, wofür ich Geld bekomme und wofür nicht und wie ich meine Zeit verbringen soll und wie nicht. Die Kinder, die davon betroffen sind, lasse ich jetzt raus, aber die Auswirkungen sind sichtlich selbstzerstörerisch.

Eigentlich müssen wir doch lernen, dass es eben so n i c h t geht und das in Handeln zu transferieren. Alle Effektivität menschlichen Handelns wird doch an "Wettbewerb" bemessen. Wir müssen doch lernen, dass es eine Alternative gibt und der Mensch als soziales Wesen vielleicht viel besser in "Kooperation" handeln könnte als in Wettberwerb. Immerhin ist der Mensch ein Überlebenskünstler, weil er ... kooperiert!

Wir sind nicht nur verantwortlich, was wir tun. Wir sind auch dafür verantwortlich wofür wir uns entscheiden, was wir n i c h t tun. Wenn Menschen anfangen, in Kooperationen zu denken (dazu gibt es schon zahlreiche, ermunternde und funktionierende Praxisbeispiele), dann denke ich schon, dass es besser wird. Natürlich lässt mich die "Wahl" Trumps zweifeln. Aber andererseits ist das nun so ein unübersehbarer Scheißhaufen, der uns in meiner Idealvorstellung zum (richtigen) Handeln zwingt. Wohingegen H. Clinton die gleiche neoliberale Politik unterschwellig weiter praktiziert hätte wie ihre Vorgänger und Zeitgenossen.

Auch hier finde ich es beeindruckend, dass Trump permanent als Vorzeige-Negativbeispiel in den Medien ist. Es könnte ja auch mal darüber berichtet werden, dass Trump den Dohnenkrieg weiterführt, den Obama vorbereitet hat. Oder dass Merkel es zulässt, diesen verfassungswidrigen Krieg von deutschem Boden aus zu führen. Stattdessen schenken wir seinen idiotischen Diffamierungen Aufmerksamkeit anstatt unser demokratisches System zu festigen. Ist es wichtig, festzustellen, dass dieser Narzisst viel Scheiße vom Stabel lässt? Wollen wir ihm echt so viel Aufmerksamkeit schenken und ihm aktiv Zuhörer generieren? Wäre es nicht viel besser, wieder Vertrauen in die Gesellschaft zu setzen und das auch untereinander zu stärken und genau darüber in den Schlagzeilen diskutieren?

Die Menschenwürde wird in den Drohnenkriegen flächendeckend und aktuell missbraucht. Lassen wir es wirklich dazu kommen? Lasse ich es zu und kaufe Nestlé Schokolade mit dem dreisten Wissen, Menschenhandel in Kauf zu nehmen? Füge ich mich meinem Hedonismus oder lerne ich zu verzichten? Kann ich mein Handeln darauf ausrichten, dass ich das Privileg (!) habe, im westlichen Deutschland aufgewachsen zu sein und dadurch die Verpflichtung auf mich nehme anstatt mich mit Glück und Verdienst aus der Verantwortung zu ziehen?

Ein schmerzhafter Prozess. Aber wenn ich mal einem Gedankenspiel Raum gebe, in dem ich davon ausgehe, dass dieses irdische Leben vielleicht schon so etwas wie Himmel, Reinkarnation oder Nirwana ist, dann komme ich persönlich auf das Ergebnis mich so zu verhalten, dass jeder Andrer in gleicher Weise handeln kann wie ich, ohne dass jemand heute oder morgen darunter ledien muss. Es gibt noch viel zu denken, aber handeln können wir schon jetzt.