Alles auf Null

Film In Rupert Wyatts Remake von „The Gambler“ brilliert Mark Wahlberg als Dozent mit einem klaren Auftrag: Selbstzerstörung
Jordan Hoffman | Ausgabe 03/2015

„Siehst du den Raum da?“, fragte mich einmal mein Vater, und er antwortete sofort selbst: „Da gehen die Idioten rein.“ Wir waren in Atlantic City, New Jersey, auf dem Weg vom Hotelbuffet zu einem Konzert. Der Raum, den er meinte, war das Casino. Wer halbwegs bei Verstand ist, weiß, dass Glücksspiel dumm ist.

Und doch hat so ein Casino, vor allem wenn es illegal in einer abgesperrten Villa oder in einem verschachtelten Keller im koreanischen Viertel betrieben wird, zweifellos seinen Reiz. Zu den Überraschungen in Rupert Wyatts Neuverfilmung von The Gambler zählt – mehr noch als im Original von Karel Reisz aus dem Jahr 1974 –, dass Protagonist Jim Bennett am typischen Habitus des High Roller, also des Spielers, der besonders hohe Summen setzt, wenig Gefallen findet.

Wenn das Glück dem Helden einmal hold ist, liegt alle Freude bei uns, den Zuschauern. Bennett selbst ist nicht dem Rausch der Sucht erlegen, er hat eine selbstzerstörerische Mission: Er muss zu einem Nichts werden, um sich noch einmal aufbauen zu können. Falls er dann noch lebt. Dem Filmtitel zum Trotz weist uns Jim Bennett immer wieder darauf hin, dass er kein Spieler ist. Er mag suizidal sein, vielleicht ist er auch nur ein Jammerlappen aus reichem Haus. Jedenfalls hasst er sich selbst, hasst also seine Bildung, seine ganzen Privilegien. Als Literaturdozent an einem College tyrannisiert er die Studenten mit seinem Nihilismus. Drehbuchautor William Monahan beschenkt Hauptdarsteller Mark Wahlberg für diesen Zweck mit Text en masse über das Leid der Mittelmäßigkeit.

Drei Getreue, drei Verfolger

Drei der Schüler wissen um das Leben ihres Lehrers abseits der Hörsäle. Zum einen wäre da Tenniscrack Dexter (Emory Cohen), bei dem Bennetts steinreiche Mutter (Jessica Lange) Trainingsstunden nimmt. Dann Unterschichtkind Amy (Brie Larson), die als Kellnerin im Spielsalon jobbt und laut Bennett der einzige Mensch am ganzen College ist, der schreiben kann. Und schließlich Basketball-Ass Lamar (Anthony Kelley), dessen scheinbares Desinteresse an Literatur zu einer Freundschaft führt und der zu Bennetts letzter Hoffnung wird.

Gespiegelt wird dieses Trio von drei Männern, die von der Verzweiflung des Dozenten profitieren. Mehr als 200.000 Dollar schuldet Bennett Mr. Lee (Alvin Ing), dem Boss eines Glücksspielrings, Neville Baraka (Michael K. Williams), einem Trickbetrüger, und dem Kredithai Frank (John Goodman). Diesen Frank treffen wir als Erstes in einem griechischen Badehaus an, wo ihm das Bauchfett aus dem Frotteemantel quillt, während er eine grausam obszöne, aber letztlich sehr schlüssige Wirtschaftsphilosophie von sich gibt. Als furchteinflößendste Figur in einem Film voller Gangster ist er zugleich der Einzige, der Bennett Rat gibt. Trotz aller Drohungen scheint ihm dieser Enkel eines Industriellen aus dem goldenen Zeitalter des US-Unternehmertums nicht ganz gleichgültig zu sein. Goodmans Auftritt kann sich mit dem von Ned Beatty in Network (1976) messen und zählt gewiss zum Großartigsten, was dieses Jahr im Kino zu sehen sein wird.

Wyatts Version von The Gambler ist als Rennen gegen die Zeit angelegt – wobei nicht so sicher ist, ob Bennett sich diesem Druck überhaupt beugen, aus dem Loch heraus – und den Männern die Schulden zurückzahlen will. Seinen umfänglichen Monologen und der geschickt eingesetzten Musik (Jon Brion, Theo Green) können wir entnehmen, dass er es eher drauf ankommen lassen möchte. So müssen die drei Gläubiger feststellen, dass sie mit Drohungen gegen ihn oder seine Familie nichts ausrichten können. Besser stehen die Chancen, wenn sie Bennetts neue Freunde ins Visier nehmen – Amy vor allem.

Dass die Liebe einer guten (und jungen und blitzgescheiten) Frau der Grund sein soll, einen Todeswunsch aufzugeben, ist natürlich ein plakatives Arrangement. Aber so ziemlich alles in The Gambler kommt groß und metaphorisch daher; eine ganze Sequenz lang wird etwa über Albert Camus’ existenzialistischen Roman Der Fremde diskutiert.

Trilogie der Destruktion

Was den Reiz des Films ausmacht, lässt sich durch eine Art Gegenprobe auf Sympathie und Moral rausfinden. Ohne das grandiose Spiel von Mark Wahlberg und die anregend seltsamen Dialoge würde man sich für die Hauptfigur nicht interessieren: Nimm doch eine Überdosis Schlaftabletten, du Depp! Und zweifellos wäre es sinnvoller, ein Familienvermögen an Ärzte ohne Grenzen zu spenden, als es auf die 21 zu setzen. Doch es ist auch unbestreitbar romantisch, wenn ein Film auf einen einzigen Würfelwurf hinausläuft, über dem die Aasgeier kreisen.

The Gambler ist mit seiner nach innen gerichteten Destruktivität nicht allein. Die Spirale einer selbst auferlegten Verzweiflung, in der Bennett steckt, wirkt nach Killing Them Softly (2012) und The Counselor (2013) wie Teil drei einer US-amerikanischen Trilogie über die Finsternis des Geldes. Dass The Gambler leichter zu schauen ist, bleibt ein schwacher Trost.

Jordan Hoffman arbeitet als freier Kritiker in New York u. a. für den Guardian und Vanity Fair
Übersetzung: Michael Ebmeyer

The Gambler Rupert Wyatt USA 2014, 111 Min.

11:20 14.01.2015
Geschrieben von

Jordan Hoffman | The Guardian

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