Phil Hebblethwaite
Ausgabe 1814 | 06.05.2014 | 06:00

Alles für die Fans

Bühne & Musik Soeben ist wieder ein Album von Johnny Cash erschienen. Ist der Sänger nach seinem Tod ein größerer Star, als er es zu Lebzeiten je war?

"Ein Mensch kann einen anderen nicht retten. Aber fast“, hat Rosanne Cash einmal über die Begegnung ihres Vaters Johnny mit Rick Rubin gesagt. Der Starproduzent und der Country-Veteran hatten sich 1993 zum ersten Mal getroffen, in der Folgezeit sind dann sechs gemeinsame Alben entstanden. Eine Schicksalsbegegnung. Johnny Cash, der, gelinde gesagt, 20 Jahre in der Bedeutungslosigkeit verschwunden war, begeisterte die Kritiker und die Käufer plötzlich wieder gleichermaßen. Nun war er wieder ein großer amerikanischer Künstler. Und dass die Alben mit American Recordings einen fast mythischen Titel trugen, das hat bestimmt sein Übriges dazu beigetragen.

Das erste dieser Alben hatte es 1994 nur auf Platz 23 der amerikanischen Countrymusik-Charts und Platz 110 in den Billboard 200 geschafft; dem zweiten war noch weniger Erfolg beschieden. Als im Jahr 2002 dann jedoch American IV: The Man Comes Around herauskam, stellte sich heraus, dass der Titel auch auf Cash selbst zutraf: Er war wieder da. Die Musiksender spielten das grandiose Video zu seiner Coverversion des Nine-Inch-Nails-Songs Hurt rauf und runter, das Album erhielt in den USA Platin-Status und gelangte in die Top 40. 2003 starb Johnny Cash, drei Jahre später dann erschien American V: A Hundred Highways. Es sollte sein erstes Nummer-1-Album seit At San Quentin von 1969 werden.

American V aber war nur die erste in einer ganzen Reihe posthumer Veröffentlichungen. American VI: Ain’t No Grave folgte 2010, vier Bootleg-Alben, erweiterte Neuauflagen seiner Klassiker und unzählige Greatest-Hits-Alben. Seit Cashs Tod sind auf verschiedenen Labels mindestens 37 Compilations erschienen; ein Album mit Songs, die Cash mit anderen Künstlern aufgenommen hat; ein Gospel-Album; zwei Live-Alben und drei Studio-Alben. Manche von ihnen haben sich sehr gut verkauft, American VI allein in den USA 250.000 Mal. Wahrscheinlich deshalb entschloss sich Cashs Familie, die seinen Nachlass verwaltet, nun auch eine angeblich verschollene Platte aus den Achtzigern noch einmal zu veröffentlichen: Out Among the Stars.

Kluge Entscheidungen

Zack O’Malley Greenburg arbeitet bei Forbes, dem Magazin, das neben der Liste der mächtigsten Menschen der Welt alljährlich auch die der bestverdienenden toten Musiker herausgibt. Johnny Cash für ihn ein klarer Anwärter des Jahres 2014: „Er gehört zu den wenigen Künstlern, die nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt haben – musikalisch wie kommerziell.“ Ist Cash heute also größer als zu Lebzeiten? „Ich denke, da kommen ein paar Faktoren zusammen“, sagt auch Rick Rubin, der ehemalige Produzent: „Die Musik seiner letzten Lebensjahre sprach ein neues, jüngeres Publikum an. Als er starb, waren sich alle einig, dass mit seinem Tod eine amerikanische Ikone verloren gegangen war.“

Als Rubin und Cash sich trafen, sah das, wie gesagt, noch anders aus. „Johnny hat nur noch in kleinen Dinnertheatern gespielt. Die American Recordings haben die Leute daran erinnert, wie sehr Johnny ein Teil ihres Lebens war. Zur Vermarktung haben wir ein paar kluge Entscheidungen getroffen: Er trat zum Beispiel in Johnny Depps Viper Room auf, dem damals wohl wichtigsten Nachtclub von Los Angeles. Mit einem Mal haben auch die Kids in ihren schwarzen T-Shirts bemerkt, warum er schon vor Jahrzehnten so cool war.“

Ironischerweise wird Out Among the Stars nun von Columbia Records veröffentlicht – jenem Label, das Cash 1986 fallengelassen hatte, nachdem er die Songs aufgenommen hatte. Cash klagte später einmal, er sei für das Label zu jener Zeit quasi „unsichtbar“ gewesen, obwohl er 28 Jahre lang zu ihren wichtigsten Künstlern gehört hatte. „Die Musik hatte ihren Zauber verloren. Ich machte nur weiter, weil es eben das ist, was ich tue. Ich denke nur sehr ungern an diese Jahre zurück“, hat er später einmal gesagt.

1984, frisch aus der Betty-Ford-Klinik in Kalifornien entlassen, nahm Cash mit dem berühmten Country-Produzenten Billy Sherrill, der für einen glatteren, poppigeren Sound namens „Countrypolitan“ stand, das neue Lied Chicken in Black auf. Er erzählt die Geschichte zweier Hirntransplantationen – Cash bekommt das eines Bankräubers, ein Huhn erhält seines. Cash wird kriminell und das Huhn kriegt einen zehnjährigen Plattenvertrag angeboten. Dazu erschien ein sensationell albernes Video.

Entgegen der weit verbreiteten Meinung wollte Cash Columbia mit dem Song nicht provozieren. Er dachte, es könnte sein erster Hit seit (Ghost) Riders in the Sky 1979 werden. Ursprünglich stand Cash hinter der Single, erst als seine Familie und Freunde Alarm schlugen, verlangte er, den Song und das Video zurückzuziehen. Bei Columbia war man außer sich – die Single hatte angefangen, sich zu verkaufen. In diesem Chaos landeten Songs für ein komplettes Album, die er mit Billy Sherrill aufgenommen hatte, in der Schublade.

Die Jahre ohne Hits

Cash hatte bereits 1980 und 1981 mit Sherrill gearbeitet – für ein Album namens The Baron. Auch Out Among The Stars enthält zwei Songs dieser Aufnahmen und zehn weitere Lieder, die 1984 eingespielt wurden. Es handelt sich also nicht um ein verschollenes Johnny-Cash-Album, sondern um eine Auswahl der besten, bislang unbekannten und teilweise nicht fertiggestellten Songs, die gemeinsam mit Sherrill entstanden. Nachdem John Carter Cash, Johnnys einziges Kind mit seiner zweiten Frau June Carter Cash, die Stücke vor zwei Jahren entdeckt hatte, wurden sie überarbeitet und ergänzt. Gitarrist Marty Stuart spielte etwa einige seiner Parts von den Originalaufnahmen noch einmal neu ein.

„Mein Vater hatte in jenen Jahren keine Hits in den Charts“, so John Carter Cash. „Für Fans, die sich für diese Periode interessieren, gibt es also eine Menge zu entdecken.“ Die Jahre zwischen 1971 – kurz nachdem Cashs USA-weit ausgestrahlte TV-Sendung eingestellt wurde – und dem Beginn seiner Arbeit mit Rick Rubin 1993 gelten als unproduktiv. Cash zog in den Achtzigern zwar noch ein ordentliches Publikum an, seine neue Musik aber interessierte keinen. Nach dem Rauswurf bei Columbia war Cash sogar gezwungen, wieder bei einem Major-Label vorzuspielen. Als Mercury ihn 1987 endlich unter Vertrag nahm, fürchtete er, es würden allenfalls 500 Kopien seiner Alben gepresst.

Die Veröffentlichung von Out Among The Stars verrät mindestens ebenso viel über Cashs Format als Künstler im Jahr 2014 und die Branche dahinter wie über seinen Stand in den frühen Achtzigern. Aber ist nicht irgendwann der Punkt erreicht, an dem neue Alben nicht weiter zum Verständnis des Schaffens oder der Geschichte eines Künstlers beitragen? „Was würden Sie machen, wenn Sie auf Ihrem Dachboden einen Van Gogh fänden?“, widerspricht John Carter Cash. „Sie würden ihn doch nicht in Ihrem Badezimmer aufhängen. Sie würden ihn der Welt zeigen wollen. Wir könnten natürlich aufhören, neues Material herauszubringen. Die alten Alben würden sich trotzdem weiter verkaufen. Aber warum sollte man etwas Schönes nicht veröffentlichen?“ Ihm zufolge ist noch mit einigem zu rechnen. Sollte der gesamte Nachlass veröffentlicht werden, wären das vier oder fünf Alben aus den verschiedenen Phasen seines Vaters sowie eine Menge unbekannten Materials aus den Sessions mit Rick Rubin.

Der sieht es pragmatisch: „Manche Leute wollen nur Greatest-Hits-Alben hören, andere interessieren sich für das Gesamtwerk eines Künstlers oder für die letzten oder verschollenen Arbeiten. Sollen doch die Fans entscheiden. Wem es nicht gefällt, der muss es nicht kaufen. Ich habe buchstäblich hunderte Alben voller Outtakes und Alternativversionen von Beatles-Songs. Ich liebe es zu hören, wie die Songs sich entwickelt haben und welche nicht veröffentlicht wurden. Aber das ist eine persönliche Entscheidung.“

Out Among The Stars Johnny Cash Columbia / Sony Music 2014 Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 18/14.