Am Ende des Regenbogens

Gemeinschaft Viele Schwule und Lesben leben im Alter ganz allein. Zu Besuch in Europas erstem Wohnheim nur für Homosexuelle in Stockholm
Am Ende des Regenbogens
Christer Fällmann, 55, Vorsitzender des Projekts Regnbågen

Foto: Johanna Frenkel / Guardian

Wie man es von einer Stockholmer Vorstadt nicht anders erwartet, ist an diesem Sonntag in Gärdet nicht viel los. Bis auf einen älteren Herrn mit Pfeife sind die Straßen leer. Eine Reihe von Apartmentblocks aus den 80ern wirkt wie die düstere Kulisse eines skandinavischen Krimis. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier Europas erstes Altenheim für Homo-, Bi- und Transsexuelle befindet.

Christer Fällman ist 55 Jahre alt, Vorsitzender und jüngster Bewohner des Wohnprojekts Regnbågen (Regenbogen), das hier in den Häusern untergebracht ist. „Die Menschen wollen im Alter Sicherheit“, sagt er. „Sie wollen anderen nah sein und den Lebensabend nicht allein verbringen.“

Die Lebendigkeit im Gemeinschaftsraum hebt sich von dem eher reservierten Klima draußen auf der Straße ab. In einer Ecke erinnert ein Drache in Regenbogenfarben daran, wer hier zu Hause ist. Bevor das Regnbågen-Haus im vergangenen Herbst seine Tore öffnete, hatte man auch schon andernorts auf die Nachfrage nach Wohnheimplätzen für sexuelle Minderheiten reagiert. In den USA, Kanada und Australien gibt es solche Einrichtungen schon länger. Berlin hat seit zwei Jahren ein Mehrgenerationenhaus für Homo-, Bi- und Transsexuelle. Und im Süden Frankreichs soll nächstes Frühjahr ein ganzes Dorf für nichtheterosexuelle Senioren entstehen. Was verbirgt sich hinter diesem Trend?

Studien zeigen, dass Bewohner von Altenheimen nicht gern offen über ihre Sexualität sprechen. Einem Bericht der Schwulenorganisation Stonewall zufolge leben Homo- und Bisexuelle im Alter weitaus öfter allein und ohne familiäre Unterstützung als Heterosexuelle. Gerontologen machen sich Sorgen über die Behandlung älterer LGBT-Menschen (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) im Pflegesystem. Homophobie beim Pflegepersonal könnte ihnen das Gefühl vermitteln, sich verstecken zu müssen.

60 auf der Warteliste

Christer Fällman sitzt im Gemeinschaftsraum des Regenbogenprojekts, nippt an seinem Kaffee und erklärt, wie die Regenbogenheim-Idee entstand. Sie wurde 2009 auf einer Konferenz über Pflege entwickelt, die während der Stockholm Pride Parade stattfand. Ohne Geld und mit einer einigermaßen utopischen Vision machte Fällman sich daran, ein Zuhause für ältere Homosexuelle zu bauen. Durch seine Arbeit in der Sozialfürsorge und seine Kontakte zum Stockholmer Stadtrat gelang es ihm, eine Finanzierung zu bekommen. Im November 2013 wurde das Heim eröffnet. Mittlerweile hat Regnbågen rund 100 Bewohner aus ganz Schweden und anderen europäischen Ländern. Sie sind im Schnitt Mitte bis Ende 60, die Ältesten in ihren 80ern. Jeder Bewohner hat ein eigenes Apartment. Mittlerweile gibt es eine Warteliste mit 60 Interessenten.

Warum ist es für ältere Schwule und Lesben so wichtig, sich mit Menschen zu umgeben, die die gleiche sexuelle Orientierung haben? „In unserem Alter hat man Angst davor, seine Homosexualität wieder verstecken zu müssen“, sagt Björn Lundstedt, ein 73-jähriger ehemaliger Berufspilot. Wie viele andere Bewohner des Regnbågens ist er in den 40er Jahren geboren, als Homosexualität noch gesetzlich verboten war. Obwohl schwuler Sex in Schweden 1944 legalisiert wurde (25 Jahre früher als in der BRD, 13 Jahre früher als in der DDR), galt Homosexualität bis Ende der 70er noch als psychische Krankheit. Vor diesem Erfahrungshintergund haben viele in Lundstedts Alter, die viel Diskriminierung erlebt haben, Angst davor, sich in ein Pflegesystem zu begeben, das mehrheitlich von Heterosexuellen bevölkert wird.

Aber ist Homophobie im aufgeschlossenen Schweden 2014 wirklich noch ein Problem für Ältere? Der 64-jährige Lars Mononen glaubt das nicht. Er ist wegen des Gemeinschafts- und Zusammengehörig-keitsgefühls in das Heim gekommen. „Die schwedische Gesellschaft ist sehr offen und tolerant. Mir geht es darum, meine Werte mit anderen zu teilen und ihre Vorgeschichte kennenzulernen“, begründet er seine Entscheidung, hier einzuziehen.

Eleanor Margolis schreibt für den Guardian vor allem über Gender-Themen

„Ich bin mir da nicht so sicher“, hält ihm der 72-jährige Björn Gate entgegen. Der nachdenklich wirkende Mann mit dem grauen Bart sagt, selbst in einem so liberalen Land wie Schweden gebe es eine Art unsichtbare Diskriminierung. Homosexualität werde zwar akzeptiert, aber oft nicht verstanden. Wenn man ständig von Menschen umgeben sei, die einen zwar tolerieren, die Homosexualität aber bestenfalls für exzentrisch und schlimmstenfalls für etwas Krankes halten, fühle man sich auch mitten unter Menschen isoliert.

Die Erfahrung von Isolation haben viele der Regnbågen-Bewohner im Lauf ihres Leben gemacht. Die meisten seien mit dem Gefühl aufgewachsen, sie müssten sich dafür schämen, anders zu lieben als andere, sagt Fällman. Er selbst wuchs in einer Kleinstadt 600 Kilometer nördlich von Stockholm auf und träumte als Teenager davon, Eiskunstläufer zu werden. „Aber ich durfte nicht. Das war was für Mädchen.“ Als seine Eltern erfuhren, dass er schwul war, gingen sie mit ihm zum Arzt. „Sie wollten mich therapieren.“

Lundstedts Coming-out verlief ähnlich schmerzhaft. Er war 20, und obwohl seine Mutter sagte, sie werde ihn genauso lieben wie bisher, suchte sein Vater sich auch medizinischen Rat, um ihn „von seiner Krankheit zu heilen“. Die Frage eines Arztes, zu dem er von seinen Eltern gebracht wurde, konnte er niemals vergessen: „Er fragte mich: ‚Wäre es denn nicht besser, du lässt dich kastrieren, wenn du dem, was deine Eltern sich von dir wünschen, nicht entsprechen kannst?‘“

Die Erinnerung an die Vergangenheit ist einigen Bewohnern ein besonderes Anliegen. Sie fühlen sich verantwortlich dafür, vergangene Kämpfe nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. „Uns kommt eine wichtige Aufgabe zu“, sagt Fällman. „Wir müssen uns an junge Menschen wenden und ihnen von früher erzählen.“ Das Wohnprojekt freut sich daher über Besuche von Schulen und Universitäten. Es wird so auch zu einer Art lebendigem Museum.

Ein leichtes Coming-out

Die Geschichten sind aber nicht alle traurig. Er sei zwar in der Schule ein wenig gehänselt worden, aber jene, die ihm am nächsten gestanden hätten, seien ihm nie mit Vorurteilen begegnet, erzählt Gate. Als er 18 war, sagte er es seiner Mutter. Ein paar Wochen später sei sein Vater zu ihm gekommen. „Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: ‚Lass uns ein wenig spazieren gehen, Björn.‘“ Er habe ihn unterstützt, obwohl er es nicht wirklich verstanden habe. „Er sagte: ‚Alles, was ich weiß, ist, dass ich immer hinter dir stehen und dich immer lieben werde. Und dass ich stolz auf dich bin.‘“ Gate hat ihm das nie vergessen. Viele junge Homosexuelle haben es heute noch ungleich schwerer als er vor 50 Jahren.

Ähnlich verhielt es sich bei Mononen. Auch seine Familie hatte keine Schwierigkeiten, seine Sexualität zu akzeptieren. Als junger Mann hatte er Beziehungen zu Männern. „Dann lernte ich ein Mädchen kennen“, erzählt er. Sie heirateten, bekamen drei Kinder, er arbeitete bei Volvo. In vielerlei Hinsicht lebte er das Leben eines schwedischen Durchschnittsmanns. Heute sei er aber nur noch an Männern interessiert.

Und wie lebt es sich im Regnbågen? „Die Leute, die hier eingezogen sind, sagen: ‚Endlich bin ich zu Hause angekommen‘“ sagt Mononen. 70 Prozent der Bewohner sind männlich, der soziale Background ist sehr unterschiedlich. Gründer Fällman war von Anfang an wichtig, dass jeder mit einer Durchschnittsrente sich einen Platz leisten kann. Paare gibt es nur eine Handvoll, und bislang hat sich noch keine romantische Beziehung hier vor Ort entwickelt. Am Samstagmorgen treffen sich alle zum Kaffee, eine der Frauen hat einen Strickkreis gegründet. In vielerlei Hinsicht ist Regnbågen eben auch ein ganz gewöhnliches Altenheim.

Von den Bewohnerinnen wollte keine mit einer Reporterin sprechen. Zu einer aber hatte ich per E-Mail Kontakt. Sie schrieb, sie habe früher nicht viel über ihre Sexualität geredet und sei in das Heim gezogen, um noch einmal neu anzufangen – ein mutiger Schritt mit 69. „Wir kommen aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft und haben unterschiedliche Erfahrungen“, schrieb sie weiter. „Aber das Regnbågenprojekt hat uns zusammengebracht.“

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 22.10.2014
Geschrieben von

Eleanor Margolis | The Guardian

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