Analyse der Armut

Entwicklungsforschung Der indische Ökonom Abhijit Banerjee untersucht Entwicklungshilfe wissenschaftlich und erklärt, warum sie die Lage der Armen nicht zwangsläufig verbessert

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Buch über die Mikro-Ökonomie der Entwicklungshilfe zu einem Bestseller werden könnte, erscheint auf den ersten Blick nicht gerade groß. Aber dem indischen Wirtschaftswissenschaftler Abhijit Banerjee und seiner französischen Ko-Autorin Esther Duflo ist genau das tatsächlich gelungen.

Poor Economics erschien im vergangenen Jahr, und bis dahin spielte sich die Debatte um Entwicklungshilfe ungefähr zwischen zwei Positionen ab. Auf der Linken: Jeffrey Sachs, der die entscheidende Ursache dafür, dass die Menschen nicht aus der Armut herauskommen, in der Armut selbst sieht. Wenn man ihnen nur lange genug hülfe, sich von Dingen zu befreien, die sie daran hindern, ihre Potenziale zu entfalten – Krankheiten, Unwissenheit und Schulden etwa – , seien sie schnell in der Lage, der Armutsfalle zu entkommen und selbst für die Lösung ihrer Probleme zu sorgen. Auf der Rechten hält William Easterly dagegen, dass es sich nicht um eine Armutsfalle, sondern vielmehr um eine Hilfsfalle handle. Sie schaffe eine Kultur der Abhängigkeit, die die Armen arm halte und den einzigen Weg zu Wohlstand verbaue – den in den freien Markt.

Banerjee war das alles zu polemisch und spekulativ. Obwohl die Entwicklungshilfe sich auf Milliarden beläuft, wurden ihre Effekte fast nie analysiert. Er und Duflo wollten sehen, was dabei herauskommt, wenn man randomisierte kontrollierte Studien, wie sie aus der Pharmaforschung bekannt sind, auf die verschiedenen Formen von Entwicklungshilfe anwendet. 2003 richteten sie ein Poverty Action Lab ein, und 2010 hatten die darin tätigen Forscher bereits mehr als 240 Experimente in 40 Ländern durchgeführt. Die ­Ergebnisse sind faszinierend. Es ist erstaunlich, wie oft Leute, die Moskito-Netze, Tabletten zur Wasserchlorierung, Schul­unter­richt oder Verhütungsmittel angeboten bekommen, diese Dinge einfach nicht annehmen. Eine solche Ignoranz gegenüber lebensrettenden Angeboten erscheint unverständlich. Selbst Mikro-Kredite, die von vielen als Wunderwaffe gegen die weltweite Armut gepriesen werden, erweisen sich als weit weniger revolutionär, als man lange gedacht hat.

Poor Economics stützt dabei aber keinesfalls die Position Easterlys: Die Autoren haben herausgefunden, dass bereits kleine Veränderungen die Wirksamkeit der Hilfsmaßnahmen grundlegend verbessern können. So brachte es beispielsweise nichts, kenianischen Landwirten zur Zeit der Aussaat den Dünger zum halben Preis anzubieten, denn sie hatten trotzdem nicht genug Geld, um ihn sich kaufen zu können. Als man ihnen aber direkt nach der Ernte – als sie Geld hatten – einen reduzierten Gutschein für Dünger zum vollen Preis verkaufte, erhöhte sich der Einsatz von Dünger um 50 Prozent. Wenn die Hilfe sorgfältig an die Lebenssituation der Empfänger angepasst ist, beginnt sie, jene Ergebnisse zu zeitigen, die Sachs prophezeit.

„Dieses Buch sagt nicht, ob Entwicklungshilfe an sich gut oder schlecht ist“, schreiben die Autoren, „sondern ob konkrete Formen von Hilfe wirken oder nicht.“ Die entscheidende Botschaft lautet, dass es die eine Lösung nicht gibt. Menschen, die von einem Dollar pro Tag oder weniger leben müssen, sind denselben psychologischen Verhaltensmustern unterworfen wie jeder andere auch. „Ich glaube, der größte Unterschied liegt darin, dass der Staat für uns eine ganze Menge an Dienstleistungen bereitstellt, durchsetzt und fördert. Das wird allzu oft vergessen. Selbst der ärmste Mensch in Großbritannien trinkt Wasser von hoher Qualität. Das ist nicht einfach da, die Menschen haben sich eine Infrastruktur dafür geschaffen.“

Auch ist die Impfquote in Europa höher als etwa in Indien. Aber auch das liegt nicht daran, dass europäische Eltern per se ein größeres Bewusstsein für die Problematik hätten. „Wenn sie ihre Kinder nicht impfen, können sie nicht zur Schule gehen und das Gesundheitssystem in Anspruch nehmen. Dass der Staat diese Angebote macht und sich dadurch das Recht erwirbt, etwas einzufordern, ist von großer Bedeutung. Schwächere Staaten können diese Infrastruktur nicht bieten, also auch nichts fordern. Wenn du mir nichts gibst, warum sollte ich auf dich hören?“ Es deute wenig darauf hin, meint Banerjee, dass wir ohne Druck immer vernünftig handeln. „Ich glaube, hier ist die Neigung zu ultra-liberalen Lösungen wirklich schwer zu rechtfertigen. Menschen sind nicht sehr gut darin, alle Entscheidungen selbst zu treffen.“

„zeitliche Inkonsistenz“

Dass Hilfe nicht immer angenommen wird, habe seine Ursache oft in dem universellen Phänomen der „zeitlichen Inkonsistenz“. „Das ist etwas sehr Banales. Heute hält man vielerlei für richtig und ist entschlossen, sich danach zu richten. Wenn es aber darum geht, diese Entscheidung umzusetzen, ist es mit den guten Vorsätzen bald wieder vorbei. Ich weiß etwa, dass ich nichts Süßes essen sollte, wenn ich dann aber etwas Süßes sehe, bekomme ich Lust und greife zu. In dieser Spannung leben wir permanent.“ Hilfe, die unterstellt, dass die Empfänger immer das Richtige tun werden, ist oft ebenso vergeblich wie die am 1. 1. abgeschlossene Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio.

Verschärft werde das Problem der zeitlichen Inkonsistenz durch die überdurchschnittlich hohen Spiegel des Stresshormons Cortisol, die sich im Blut von Armen finden. Es beeinträchtigt die Kontrolle und Unterdrückung von Impulsen. „Ich möchte aber betonen, dass Impulskontrolle zumindest teilweise dem freien Willen unterworfen ist“ stellt Banerjee klar. Auch wenn es dieses neurohormonelle Symptom gebe, so seien doch die Umstände entscheidend. „Wenn ich über meine Lebenssituation frustriert bin, habe ich wahrscheinlich keine große Lust, meine Impulse unter Kontrolle zu halten. Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Hoffnungen sich nie erfüllen, wofür sollte ich mir Zurückhaltung auferlegen? Das ist eine völlig legitime Haltung. Wenn arme Menschen oft nicht die beste Entscheidung treffen, dürfte das zu einem großen Teil daran liegen, dass sie – und meist zu Recht – das Gefühl haben, dass die Chance, ihre Situation zu verbessern, minimal ist. Es ergibt keinen Sinn, den Stein den Berg hochzuschleppen, nur um sich dann von ihm überrollen zu lassen.“

Banerjee selbst ist dagegen ein lebender Beweis für die Kraft der Hoffnung. 1961 in Kalkutta geboren, wuchs er in unmittelbarer Nähe eines Slums auf und beneidete seine Nachbarn um die Freiheit, immer spielen zu können, während er zu Hause bleiben musste, um zu lernen. Seine schulischen Leistungen waren anfangs wenig erfolgversprechend. Aber seine Eltern – beide Wirtschaftswissenschaftler – weigerten sich zu akzeptieren, dass er zu schlecht sei und beharrten darauf, das Problem müsse darin bestehen, dass der Unterricht ihn unterfordere. Sie setzten durch, dass er eine Klasse überspringen konnte. Schließlich wurde sein Interesse geweckt und er machte weiter – bis zur Promotion in Harvard.

Tausend kleine Probleme

Banerjee schreibt aber weder wie ein abgehobener Experte noch wie ein politischer Aktivist. Reizte ihn an der Arbeit mehr die intellektuelle Herausforderung oder ging es ihm in erster Linie darum, zu helfen? Er denkt lange nach, bevor er mit einem Lächeln antwortet: „Ich denke, beides ist zu hoch gegriffen. Es ist nicht so, dass ich nicht helfen wollte, ganz im Gegenteil. Aber es wäre unaufrichtig zu behaupten, das sei die entscheidende Motivation gewesen. Es war eher so, dass ich so viel über wirtschaftliche Zusammenhänge wusste und ich mich fragte, warum mir all dieses Wissen nicht geholfen hat, Dinge in meiner unmittelbaren Umgebung zu verstehen.“ Natürlich wäre es auch ihm lieber gewesen, eine Antwort zu finden, die die Armutsproblematik ein für allemal löst. „Es wäre mit Sicherheit leichter, etwas zu erreichen. Niemand hört gerne, dass es Tausend kleine Probleme zu lösen gilt.“ Trotzdem gewann Poor Economics den von Financial Times und Goldman Sachs ausgelobten Preis „business book of the year“. Ob die Regierungen seiner Meinung nach in der gegenwärtigen Krise stärker daran interessiert sind, dass ihre Hilfszahlungen wirklich etwas verändern und der Botschaft von Poor Economics mehr Gehör schenken? Banerjee antwortet nach einer weiteren langen Pause mit einem „vielleicht“, sieht aber nicht überzeugt aus.

Die Autoren diskutieren auch die verbreitete Meinung, dass der entscheidende Grund für die Verfestigung von Armut in schlechter Regierungsführung und Korruption zu suchen sei, kommen aber zu dem Schluss, dass Hilfe auch ohne vorangehende politische Reformen etwas bewirken könne. „Wir behaupten nicht, die Politik sei unwichtig. Wir sollten uns aber nicht auf den Gedanken versteifen, schlechte Regierungsführung führe zwangsläufig zu Stagnation.“

Hält er die populistischen Wohlfühl-Slogans à la „Make Poverty History“ für fehlgeleitet? „Nein. Das ist ein richtiges Ziel. Obwohl der globale Reichtum groß genug ist, lebt ein Teil der Weltbevölkerung unter völlig inakzeptablen Bedingungen. Menschen sollten nicht auf Müllhalden leben müssen. Wir sollten das Ziel also nicht aufgeben. Wir werden die Armut nie ganz abschaffen können, aber ich denke, wir können einige ihrer ungeheuerlichsten Formen beseitigen. Und das sollten wir auch.“

Decca Aitkenhead ist Autorin des Guardian

Gekürzte Fassung übersetzt von: Holger Hutt

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15:42 11.05.2012
Geschrieben von

Decca Aitkenhead | The Guardian

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