Arbeit im Tal des Friedens

Irak Die Schiiten-Milizen der Asa’ib Ahl al-Haq leisten dem syrischen Regierungslager militärischen Beistand und sorgen auf dem größten Friedhof der Welt für Vollbeschäftigung
| Ausgabe 14/2014
In die irakische Flagge gehüllt werden Syrien-Kämpfer bestattet
In die irakische Flagge gehüllt werden Syrien-Kämpfer bestattet

Foto: Haidar Hamdani/ AFP/ Getty Images

Seit Ende 2013 ist kein Tag vergangen, an dem nicht neue Leichen angekommen wären. Manche lagen in einfachen Holzsärgen, die auf Autodächern festgezurrt waren. Andere trafen mit feierlichem Geleit ein, flankiert von ganz in Schwarz gekleideten Trauernden oder Männern in Uniform – die Totenfeier musikalisch untermalt durch die so elegischen wie hypnotisierenden Hymnen des Islam. Um welchen Konvoi des Abschieds es sich auch immer handelte, Ziel war der Friedhof „Tal des Friedens“ in Nadschaf mit seinen Jahrhunderte alten, oft verwitterten Grabsteinen. Zum Halten kamen die Kolonnen, wenn ein frisch ausgehobenes Grab erreicht war.

Wer die Ehre hatte, auf dem größten Friedhof der Welt mit solchem Aufwand bestattet zu werden, starb nicht hier im Irak, sondern in Syrien. Der hatte unter der Flagge der schlagkräftigsten Formation des schiitischen Islam im Nahen Osten gekämpft, unter dem Banner der Asa’ib Ahl al-Haq – zu deutsch: Liga der Gerechten. Deren Oberkommando hat für die Zukunft vorgesorgt, über 2.500 Quadratmeter Grabfläche erworben und Schreine für Gefallene errichten lassen, die noch gar nicht gefallen sind.

Im 160 Kilometer entfernten Bagdad sind die „Gerechten“ mehr mit dem Hier und Jetzt beschäftigt. Sie stärken ihre Position in der zerklüfteten politischen Landschaft des Irak und setzen in den schiitischen Vororten Bagdads ihren Willen durch.

Seit die letzten US-Kampftruppen am 31. Dezember 2011 das Land verlassen haben, konnten die Asa’ib Ahl al-Haq langsam aber sicher an öffentlichem Einfluss abstauben, was immer sich abstauben ließ. Mit einer Mischung aus Diplomatie, Militanz und Einschüchterung wurde reüssiert. Es sind dies Methoden, wie sie für den wichtigsten Paten der „Gerechten“, den iranischen General Qassem Suleimani, typisch sind. Weil sie auf diese Methoden zurückgreift, gibt die Gruppe nicht nur im Irak, sondern auch in Syrien zusehends den Ton an.

Stoßtrupp des Generals

Ein solch exzessiver Aufstieg sorgt bei vielen irakischen Politikern für Irritationen. „Vor nicht viel mehr als sieben Jahren waren die ‚Gerechten‘ lediglich ein Vorposten, mit dem die Iraner versuchten, die USA anzugreifen“, sagt ein Minister aus dem Kabinett von Premier Nouri al-Maliki. „Heute verfügen die Asa’ib Ahl al-Haq über Legitimität und haben ihre Tentakel überall im irakischen Sicherheitsapparat. Viele von uns wurden erst darauf aufmerksam, als es zu spät war.“ Bis Anfang 2007 hatten nur wenige Außenstehende von Asa’ib Ahl al-Haq gehört. Der Aufbau ihrer Milizen dauerte Jahre und profitierte von einer hoffnungslos zerfallenden Mahdi-Armee, die zu jener Zeit den schiitischen Aufstand gegen die US-Besatzung im Irak dominierte. Zunächst schien das Vorgehen der „Gerechten“ – Geheimhaltung, verdeckte Operationen und das Leugnen von Schuld bei Anschlägen – wie aus dem Lehrbuch des Qassem Suleimani. Der Einfluss des Generals auf den Umgang mit strategischen Interessen des Iran ist im vergangenen Jahrzehnt enorm gewachsen. Ihm sind die al-Quds-Brigaden der Revolutionsgarde unterstellt. Wenn Suleimani Bericht erstattet, dann nur Ajatollah Ali Chamene’i direkt, dem geistlichen Oberhaupt des Staates.

Im Vorfeld der irakischen Parlamentswahlen am 30. April intensivieren die Asa’ib Ahl al-Haq derzeit ihre politische Präsenz in Bagdad und werben energisch für die Unterstützung Baschar al-Assads. In seinen Interviews verlangt Qais al-Khazali als einer der Führer, mehr politische Verantwortung in der arabischen Welt zu übernehmen. Solche Botschaften veranlassen Tausende von schiitischen Irakern, in Syrien für den Assad-Staat zu kämpfen. Viele ihrer Landsleute halten ein solches Engagement für fragwürdig, weil der Preis dafür zu hoch sei. Er bestehe schließlich in einem Krieg, der keine Grenzen mehr kenne.

Die Totengräber auf dem Friedhof in Nadschaf bestätigen das. Sie könnten nicht mehr zwischen dem Ende des einen und dem Beginn des nächsten Krieges unterscheiden. „Kaum sind die Amerikaner abgezogen, da ist Syrien explodiert“, sagt einer der Arbeiter, der an einem gerade errichteten Schrein steht. „Es kommen mehr Leichen aus Syrien als jemals zuvor. Hier liegen gut und gern 500 Kämpfer begraben – jeden Tag werden es drei bis vier mehr. Sie werden von der iranischen Grenze zu uns gebracht. Sie müssen wissen, wer in Syrien getötet wird, dessen Leichnam wird zunächst in den Iran geflogen.“

Der gleichmäßige Rhythmus von Leben und Tod sorgt dafür, dass es auf dem Friedhof mit seinen über fünf Millionen toten Seelen immer etwas zu tun gibt. Ein warmer Luftzug treibt trockene Erde von frisch ausgehobenen Gräbern herüber. Ein frisch geätzter Grabstein gibt Auskunft über das kurze Leben eines schiitischen Dschihadisten, der im November irgendwo in Syrien fiel. Er sei bei der „Verteidigung des Heiligen Schreins von Sayyidah Zaynab“ gestorben, steht auf seiner Grabplatte. Gemeint ist die gleichnamige Moschee in einem der südwestlichen Außenbezirke von Damaskus. Dort soll die Tochter von Imam Ali, dem Cousin des Propheten Mohammed, begraben liegen, der von den Schiiten verehrt wird. Zum Schutz des Sayyidah-Zaynab-Schreins sind viele Schiiten aus der Nachbarschaft Syriens aufgebrochen, beseelt von der Überzeugung, ihr Heiligtum werde von sunnitischen Extremisten bedroht. Die Hisbollah rechtfertigt ihren Beistand für Präsident Assad gleichfalls mit der Verteidigung des Schreins, ebenso die Kata’ib Hezbollah, eine weitere vom Iran unterstützte Gruppe, deren Mitglieder oft neben den Kämpfern der Asa’ib Ahl al-Haq bestattet werden. Beide irakischen Gruppen kämpfen in Syrien unter dem Banner der al-Abbas-Brigade, die schon zu Angriffen antrat, die man getrost als Himmelfahrtskommando bezeichnen konnte.

Sie alle helfen im Verein mit den iranischen Revolutionsgarden, das Blatt zu Gunsten Assads zu wenden. „Es gibt eine strategische Entscheidung fast aller schiitischen Gruppen aus dem Iran, dem Irak und dem Libanon, das Baath-Regime in Damaskus um jeden Preis zu halten“, sagt ein Botschafter, der zuvor in der syrischen Hauptstadt stationiert war. „Diese Option macht sich längst bemerkbar – selbst in den Reden Assads. Er strahlt wieder viel mehr Optimismus aus.“

Schätzungen zufolge liegt die Zahl irakischer schiitischer Kämpfer in Syrien zwischen 8.000 und 15.000. Anders als in den ersten Monaten des Krieges im Jahr 2011 ist es kein Geheimnis mehr, wie viele Iraker in diese Schlacht gezogen sind. Vor der Nationaluniversität von Bagdad hängt ein großes Plakat, das zum Ausdruck bringen soll: Die Märtyrer der Asa’ib Ahl al-Haq mit dem Sayyidah Zaynab-Schrein im Hintergrund grüßen die Studenten. Vor anderen Hochschulen gibt es ähnliche Fotomontagen. Sie werden toleriert, Sicherheitskräfte schenken ihnen keine Beachtung.

„Die Regierung deckt diese Leute und sorgt für ihre Sicherheit“, sagt ein irakischer Offizieller mit Verbindungen zu den Geheimdiensten. „Auch wenn Premier al-Maliki den Asa’ib Ahl al-Haq misstraut, was kann er groß gegen sie tun? Er hat versucht, sie überwachen zu lassen. Aber das ist aufgeflogen, und er war blamiert. Er hat sie finanziell entschädigt und sich entschuldigt. Jetzt respektieren sie ihn nicht mehr.“

Rosenwasser für die Gräber

Er gehe davon aus, dass die Asa’ib Ahl al-Haq mit bis zu zwei Millionen Dollar pro Monat aus dem Iran alimentiert würden. „Sie halten sich für die ‚Kämpfer des Marjaeen‘ (der ultimativen schiitischen Autorität – die Red.). Ihre Macht wird von niemandem kontrolliert.“

Die Totengräber, die in Betonhäuschen entlang der durch den Friedhof führenden Allee auf Arbeit warten, haben zwar keine Angst vor dem Tod, räumen aber ein, dass sie es sich ungern mit den Asa’ib Ahl al-Haq verscherzen würden. „Sie sind überall“, sagt einer von ihnen. „Auch vorn im Meldebüro. Gehen Sie nicht dorthin, sonst werden Sie verhaftet.“

In Bagdad wurden von der Organisation Wohnungen und Büros gekauft, in manchen Fällen einfach beschlagnahmt und als Rekrutierungsbüros für Syrien-Freiwillige genutzt. Die meisten Einheimischen scheinen einen großen Bogen um diese Büros zu machen. „Man muss jung sein und braucht zwei schriftliche Empfehlungen“, sagt ein Mann, der bei einem Gespräch zwischen einem Bewerber und einem Gesandten der Asa’ib Ahl al-Haq dabei war. „Diese Sicherheiten sind wichtig. Es ist auch besser, wenn man keine Kinder hat und nicht verheiratet ist. Wird man angenommen, kommt man für zwei bis drei Wochen zur Ausbildung in den Iran und marschiert danach in Richtung Syrien. Wer dort umkommt, wird auf dem gleichen Weg wieder nach Hause gebracht. Die iranischen Autoritäten kümmern sich um die Familien der Gefallenen, nicht nur des eigenen Landes. Sie erhalten bis zu 5.000 Dollar. Wenn jemand so arm ist, dass er sich die Beerdigung nicht leisten kann, dann kümmern sie sich auch darum.“

Die Totengräber von Nadschaf arbeiten vor. Die nächsten Märtyrer werden mit Sicherheit bald eintreffen. Auf einem Stapel warten etwa 30 Grabsteine auf den Graveur, während in einer Ecke große Plastikflaschen gesäubert werden. Darin wird in der Regel das Rosenwasser aufbewahrt, mit dem die Familien der Gefallenen die Gräber reinigen. Der Abendwind weht einen schwachen Blumenduft über den heiligen Ort. „Wir kommen morgen wieder“, sagt der Leichenbestatter. „Wir beerdigen alles, was sie uns schicken.“

Martin Chulov ist Irak-Korrespondent des Guardian
Übersetzung: Holger Hutt

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