Auferstanden aus Limousinen

Labour Mit Corbyn hat Labour sich als sozialdemokratische Partei neu erfunden. Die Zukunft gehört den T-Shirt-tragenden Aktivistinnen, die um die einzigartige Gelegenheit wissen
Auferstanden aus Limousinen
Anstecknadelsozialismus

Foto: Paul Ellis/Getty Images

Eigentlich hätte nur eine Sache Jeremy Corbyn aufhalten können: Wenn es sich bei dem Coup, den die Parteirechte am 27. Juni gegen ihn gestartet hat, um eine echte Revolte von unten gehandelt hätte. Die Ereignisse hatten eine gewisse Dynamik entwickelt – es gab einen Punkt, an dem die Mitglieder des Schattenkabinetts, die unzufrieden mit Corbyns Führung waren, schneller zurücktraten als neue gefunden werden konnten. Wenn die Parteiführung wegen Personalmangels und Unterbesetzung ihre Handlungsfähigkeit verloren hätte und Corbyn nicht mehr in der Lage gewesen wäre, die offiziellen Pflichten der Opposition ihrer Majestät zu erfüllen, wäre der Weg freigewesen, die Rolle entweder an die SNP zu übergeben – oder eine separate “Continuity Labour”-Gruppe im Parlament zu bilden.

Für diejenigen einfachen Parteimitglieder von uns, die damals wie ich eine lose Allianz aus Corbyn-Anhängern bildeten, fühlte es sich an wie Stalingrad. Wir standen mit dem Rücken zum Fluss und sahen uns gezwungen, unsere Kavallerie gegen Panzer in die Schlacht zu werfen. Was die Krise beendete, war dann aber nicht irgendein Gegenschlag von Corbyn selbst, sondern die Initiative Saving Labour der Parteirechten.

Die Reste der Blair-Ära

Saving Labour hatte eine solch frappierende Ähnlichkeit mit der Kampagne, die von der Kalte-Kriegs-Fraktion der Partei in den Achtzigern gegen Bergarbeiter und Drucker ins Leben gerufen wurde. Als die Abgeordnete Gloria De Piero die Leser der Sun zum Eintritt in die Partei aufrief, um Corbyn zu stürzen, war die Parallelität der Ereignisse vollkommen. Das war der Augenblick, in dem uns klar wurde, dass Corbyns Führung nicht von einer ernsthaften, organischen und von den Mitgliedern getragenen Revolte angefochten wurde, sondern dass der Aufstand von den neoliberalen Überresten in der Partei inszeniert worden war.

Nach dem gescheiterten Putsch war der Graben auf der Parteikonferenz am vergangenen Wochenende in Liverpool nicht zu übersehen. Es gab da noch immer Leute, die sich in den feinen Anzügen und glänzenden Krawatten der Blair-Brown-Ära zwischen von der Wirtschaft organisierten Veranstaltungen des Rahmenprogramms hin und her bewegten, ohne dass jemand zu sagen wusste, was sie da eigentlich noch wollten.

Zwischen den Überbleibseln der Mandelson-Fraktion und Pro-Austerity-Labour-Councils Networking zu betreiben, dürfte gegenwärtig eine der undankbarsten Aufgaben in der PR-Branche sein; vergleichbar vielleicht am ehesten der Tätigkeit eines zaristischen Hofkorrespondenten während der Russischen Revolution.

Der Kontrast bestand nicht allein zu den lebhaften, T-Shirt-tragenden Hochschulabsolventen bei der Momentum-Veranstaltung, die Mühe hatte, mit all den Leuten fertig zu werden, die Schlange standen, um etwas über die Offene Universität der Sexarbeiterinnnen, Podemos und Black Lives Matter zu erfahren. Auch innerhalb der Konferenz drängten diejenigen, die einst als „Wollmützenbrigade” bekannt waren – Leute aus der Arbeiterklasse, die schon ihr ganzes Leben lang für den Sozialismus kämpfen – in die randvollen Versammlungsräume und fanden ihre Stimme.

Neuerfindung der Sozialdemokratie

Nachdem ich den Großteil des Sommers mit Leuten verbracht habe, die Corbyns Sieg möglich gemacht haben, sind für mich zwei Dinge offensichtlich, die in der Medienberichterstattung nicht vorkommen.

Erstens: Hier handelt es sich um eine wirkliche Neuerfindung der Sozialdemokratie. Als die Socialist Workers Party mir am Samstag auf der Konferenz ein Leaflet in die Hand drückte, in dem sie erklärt, sie wolle nicht Teil von Corbyns Labour sein, hat mich das sehr gefreut, denn es beruht auf Gegenseitigkeit. Auch wenn es bei Momentum ohne Zweifel radikal linke Aktivisten gibt, so handelt es sich bei ihnen doch um eine kleine Minderheit. Als der Mann, der für das Crowdfunding des Rahmenprogramms von Momentum verantwortlich war, mich um Hilfe bat, fragte ich ihn, wie er zu der Gruppe gekommen sei. Er habe sich während des Studiums mit sozialen Bewegungen beschäftigt, erzählte er, und habe dann fünf Jahre bei einer Bank gearbeitet.

Auch wenn Corbyn selbst und viele der Leute, die zu seinen Veranstaltungen kommen, fest entschlossen sind, die britischen Atomwaffen zu verschrotten, so versteht dieser junge, innere Kern von Aktivistinnen doch den Unterschied zwischen Prinzipien und Taktik. Sie wissen, dass sie eine historische Gelegenheit bekommen haben, einen Beitrag im Kampf für soziale Gerechtigkeit zu leisten – und sie denken nicht daran, sie sich entgehen zu lassen.

Das zweite, was in der Berichterstattung der Medien hierzulande nicht adäquat abgebildet wird, ist die Begeisterung, die Corbyn entgegenschlägt. Ich habe noch nie gesehen, dass die Straßen um den Veranstaltungsort einer politischen Konferenz so zum Leben erwacht sind, wie das am vergangenen Wochenende in Liverpool der Fall war. „Die ganze Stadt ist auf den Beinen,” sagte auf der Straße ein Mann zu mir. Er war mit seinem Sohn im Teenageralter gerade auf dem Weg zu einer Comedy-Veranstaltung von Corbyn-Unterstützern.

Wider der Identitätspolitik

Die Herausforderung besteht nun darin, diese Begeisterung in etwas zu kanalisieren, das für die Familien von Servicemitarbeiterinnen in einer Sozialbausiedlung in Portsmouth von Bedeutung ist oder für Schotten, die von der kulturellen Renaissance ihrer Nation ergriffen sind oder für arbeitslose Jugendliche im walisischen Flachland, die sich von der weißen Identitätspolitik von Ukip angesprochen fühlen.

Für mich, einen Nebendarsteller in der gescheiterten Bewegung zur Unterstützung von Tony Benn und Zeuge des Verrats an den Druckern und Bergleuten, ging es bei Corbyns Sieg am Samstag um mehr als um Politik.

Auf dem Weg zu der Veranstaltung sah ich mir auf einer Seite im Internet meinen Stammbaum an: Von ungefähr 1790 an liest sich die Linie meiner Vorfahren wie folgt: Arbeiter, Hutmacher, Hutmacher, Hutmacher, Bergarbeiter, Bergarbeiter Wirtschaftsredakteur. Etwas von der jüngsten Aufwärtsmobilität ist das Ergebnis des Nachkriegsbooms – von dem es heute in Mode gekommen ist, zu behaupten, er sei ein einmaliges Ereignis, nimmer wiederkehrendes geschichtliches Ereignis. Es hatte auch etwas damit zu tun, wie Labour diesen Nachkriegsboom im Interesse der Arbeiterklasse gestaltet hat.

Auf meinem Weg zu Verkündung des Wahlergebnisses bekritzelte ich an einer Bushaltestelle ein Schild, das ich in die Höhe halten wollte, wenn Corbyn gewonnen haben sollte. Es lautete: „Das ist für alle unsere Vorfahren.“

Doch die Veranstaltung selbst verlief ruhig und irgendwie gehemmt; niemand sang die Parteihymne The Red Flag. Es gab einen Medienauflauf, aber die Halle war halbleer. Augenblicke von historischer Bedeutung sind uns so fremd geworden, dass wir konsterniert umherirren, während diejenigen, die sich wünschen, sie hätten sich nicht ereignet, an die Mikrofone drängen, um sie zu verurteilen.

Aber man kann die Geschichte nicht aufhalten. Es gab einen Punkt, von dem klar war, dass die von den Eliten gekaperte Partei entweder (wie in Schottland) kollabieren oder sich neu erfinden muss. Sie hat sich neu erfunden und sich dadurch das Überleben gesichert. Ihre Umfragewerte – in den Fängen einer ihr feindlich gesonnenen Presse und angesichts aktiver Sabotage aus den eigenen Reihen– mögen im Keller liegen. Aber sie sind nichtsdestotrotz die höchsten von allen sozialistischen Parteien Europas.

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 29.09.2016
Geschrieben von

Paul Mason | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 8314
The Guardian

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 27

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community