Ausgebeutete Ausbeuterin

Nachruf Proletin, TV-Star, Schicksalskämpferin: Jade Goody, britisches Big-Brother-Sternchen, ist dem Krebs erlegen. Ihr Leben erlaubte einer Nation den Blick in die eigene Seele

Jade Goody trat im Jahr 2002 ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, als sie in Großbritannien an der dritten Staffel von Big Brother teilnahm. Es gelang ihr, nicht nur 15 Minuten lang im Rampenlicht zu stehen, sondern das öffentliche Interesse an ihrer Person sieben Jahre lang aufrecht zu erhalten. Im August vergangenen Jahres wurde ihr Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert, er breitete sich schnell aus. Am Montag starb sie im Schlaf. Sie hinterlässt zwei Söhne und ihren Ehemann, Jack Tweed, mit dem sie vier Wochen verheiratet war.

Als Goody 2002 in das Big-Brother-Haus kam, sagte sie, sie betrachte ihre Teilnahme als „Chance auf eine Kindheit, die ich nie hatte“. Auch wenn damals manche glaubten, sie wolle sich damit nur in Szene setzen, so zeigte ein Blick auf ihren Lebenslauf, dass sie schlicht die Wahrheit sagte. Als Tochter zweier Drogenabhängiger bekam sie mit fünf ihren ersten Joint, sah zu, wie ihr Vater sich Heroin injizierte (später saß er dann vier Jahre wegen Raubes und starb mit 42 Jahren an einer Überdosis) und kümmerte sich um ihre immer wieder gewalttätige Mutter, als diese nach einem Motorradunfall ihren Arm nicht mehr benutzen konnte.

Vulgär, dumm - und wunderbar echt

Für die Boulevardpresse war Goody ein rotes Tuch. Sie wurde wegen ihrer Lautstärke, ihres Übergewichts (es gab reichlich Anspielungen auf „Miss Piggy“) und nach einem mittlerweile berühmt-berüchtigten Gespräch mit einem anderen Bewohner über die Frage, ob „East Angular“ (eigentlich East Anglia, der Name einer Region im Osten Englands) im Ausland liege, wegen ihrer Dummheit angegriffen. Viele beklagten sich über ihre Vulgarität und die große Beachtung, die ihr trotz ihres augenfälligen Mangels an Talent entgegengebracht wurde. Auch Fernsehmoderatoren und Talkmaster zogen eifrig über sie her. All dem lag Angst zu Grunde. Denn trotz der vermeintlichen Demokratisierung des Fernsehens tauchen die wirklich Ungebildeten, die von Armut und Entzug gezeichnet sind, nur sehr selten in unseren Unterhaltungsprogrammen auf. Und dann war da plötzlich Jade, ein dreistes und ungeschminktes Symbol für alle unbequemen Wahrheiten, denen wir ab und zu durch eine gut abgehangene Dokumentation gerecht zu werden gedenken.

An den Reaktionen der Medien zeigte sich, wie viel noch zu tun ist, bis wir einen Zustand wirklicher sozialer Gleichheit erreicht haben. Denn Jade war nicht dumm, das konnte man schon allein daran erkennen, wie gut sie ihre Karriere nach Big Brother organisierte. Sie war schrecklich ungebildet, aber es hätte wohl kaum eine so gute Auflage gebracht, das Schulsystem anzuklagen, das sie ohne das Wissen darüber entließ, ob es sich bei Rio de Janeiro um eine Person oder eine Stadt handelt. Zuerst versagten ihre Eltern, dann das Schulsystem und schließlich die kollektive Phantasie.

Dann änderten sich die Dinge zum Besseren. Das lag wohl teilweise daran, dass der Boulevard übers Ziel hinausgeschossen war und die Töne gegen Jade so schrill wurden, dass sie ins Gegenteil umschlugen und Goody Sympathien einbrachten. Und teilweise spürten sie wohl auch, dass sie die Leute faszinierte. Was war so faszinierend an ihr? Zum einen, so sagte sie selbst, gab sie gewöhnlichen Menschen die Hoffnung, dass auch sie berühmt werden konnten. „Sie sehen mich an und denken: 'Wenn die das kann, dann kann ich das auch.' Die Medien haben die Kraft dieser Identifikation unterschätzt.

Vertreterin der Mehrheit

Weil sie so selten auf den Bildschirmen aufttauchen, vergisst man so leicht, dass die große Mehrheit in diesem Land so ist wie Jade. Für sie ist sie keine Zumutung. Auch wenn nicht alle in ihrer Kindheit das mitgemacht haben, was Jade widerfuhr, so war ihre Erfahrung immer noch viel näher an der von vielen Menschen als die derjenigen, mit denen man es sonst in der Öffentlichkeit zu tun hat.

Zum anderen war Jade einfach unwiderstehlich. Sie war immer sie selbst, arglos, offen, lustig und charismatisch. Dass sie unfähig zu jeder Art von List oder Verstellung war, erwies sich zunächst als ihre größte Stärke und brachte ihr anhaltende Beliebtheit und lukrative Deals ein: Kolumnen für Magazine, Werbung für Parfums, Fitness-DVDs und von Ghostwritern verfasste Autobiographien brachten ihr im Laufe der folgenden fünf Jahre geschätzte vier Millionen Pfund Sterling ein.

2007 wurde sie zu Celebrity Big Brother eingeladen. Die Sendung, die sie groß gemacht hatte, brachte sie aber auch fast um alles. Sie verstrickte sich in das rassistische Mobbing gegen ihre Mitbewohnerin, den Bollywood-Star Shilpa Shetty, und sprach von ihr als „Shilpa Poppadom“ und „Shilpa Fuckawallah“. Das machte sich schlecht und das war schlecht. Die Medien stürzten die Frau, die sie einst aufgebaut hatten. Nun war sie über ihr loses Mundwerk gestolpert, das so viel zu ihrer Popularität beigetragen hatte.

Dann die Diagnose

Aber auch jetzt, wo es wieder opportun war, sie zu schmähen, gaben es einige Stimmen, die sich zu ihrer Verteidigung erhoben, nicht zuletzt die von Shetty selbst, die sagte: „Ich hatte nicht das Gefühl, von Jade in rassistischer Weise beleidigt worden zu sein. Ich glaube, sie ist sich in vielerlei Hinsicht sehr unsicher, aber mit Rassismus hat das bestimmt nichts zu tun.“ Das reichte allerdings nicht, um den Medien das erneute Jade-Bashing zu verleiden.

Nachdem sie das Haus verlassen hatte, entschuldigte Goody sich tränenreich und ausgiebig. Wieder waren die Meinungen darüber geteilt, ob sie weinte, weil sie ihre lukrative Karriere in Gefahr gebracht hatte oder weil ihr bewusst war, dass sie sich daneben benommen hatte. Doch schien der Rassismus-Vorwurf sie offenbar zu treffen, wie alle Kritik an ihrem Aussehen, ihrer angeblichen Dummheit und ihrer Vulgariät es nicht vermochten. In einem Interview nach ihrem Auszug ähnelte Goody einem Kind, das zum ersten Mal für etwas zurechtgewiesen wird, von dem es gar nicht wusste, dass es schlecht war. Ihre Reue schien – wie überhaupt alles Gute und auch Schlechte an ihr – echt.

Als die Gemüter sich etwas abgekühlt hatten, machte Goody sich an ihre Rehabilitierung und zog im August vergangenen Jahres in das indische Bigg-Boss-Haus ein, wo sie nach zwei Tagen – durch eine Wendung, die niemand ins Drehbuch zu schreiben gewagt hätte – die Krebsdiagnose erhielt.

Dass der Augenblick, in dem ein Mensch solch eine Nachricht erhält, im Fernsehen übertragen werden kann, ohne dass der Betroffene seine Zustimmung erteilt hat, zeigt, wie sehr die Dinge sich verändert haben, seit Internet, Reality-TV und andere Technologien begonnen haben, die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre zu verwischen. Von Goody selbst war nie ein Wort der Beschwerde über die Art und Weise, wie die Diagnose ihr übermittelt wurde, zu hören. Wahrscheinlich ist diese Frage im Vergleich zu der eigentlichen Information trivial. Vielleicht wäre es ihr aber auch einfach nie in den Sinn gekommen.

Zusammengerollt auf dem Rücksitz

Als sie die Doku-Serie Living with Jade auch nach dem Beginn ihrer Behandlung weiterdrehte, entflammte eine Debatte neu, die geschwelt hatte, seit Goody die Bühne der Öffentlichkeit betreten hatte: War sie Ausbeuterin oder Ausgebeutete der Medien?

In Wahrheit war sie beides. Ob das Tauschgeschäft Geld gegen Privatsphäre und Kontrolle über das eigene Leben, Image und die Weise, wie es erzählt wurde sich gelohnt hat, wird sie uns nie sagen können - auch wenn das OK!-Magazin schon in der vergangenen Woche, als sie noch lebte, eine so genannte „Jade-Tribut-Ausgabe“ mit ihren letzten Worten veröffentlichte, die Aufschluss darüber erlaubte, wer letztendlich bei der Ausbeutung des anderen am wenigsten Skrupel hatte.

Ob die Anhäufung von finanziellem Kapital die Millionen großer und kleiner Schwierigkeiten und Demütigen aufwiegen kann, die mit einem Mangel an Sozialkapital einhergehen, lässt sich nicht beantworten. Vielleicht wäre Goody des Fame Games irgendwann überdrüssig geworden und hätte es bereut, einmal mitgespielt zu haben. Wir neigen dazu, jedes Übereinkommen, das diejenigen schliessen, die Ruhm und Reichtum anhäufen, als Pakt mit dem Teufel zu betrachten. Vielleicht stimmt das aber nicht immer. Vielleicht scheint es einem, wenn man in eine Welt hineingeboren wurde, von der man nie geglaubt hatte, sie selbst kontrollieren zu können, gar kein schlechtes Angebot, wenn die Leute, die das ihrige zu dem Chaos beitragen, auch zahlen.

In einer Folge von Living with Jade sah man Goody, nach der ersten Runde der Krebsbehandlung, von Schmerzen und Übelkeit geplagt, zusammengerollt auf dem Hintersitz des Autos ihres Produzenten, der sie nach Hause brachte. Sie ist allein – ihr Freund sitzt im Gefängnis und ihre Mutter ist wie immer eher Mühsal als Hilfe.

Der erzählerische Bogen hat sich nun geschlossen

Unablässig wie immer, auf ewig unreflektiert („Ich weiß nicht, warum ich weine, es geht einfach mal hoch, mal runter.“) plappert sie drauf los, erzählt, dass sie ihre Freunde nicht bitten möchte, ins Krankenhaus zu kommen: „Aber wenn es andersrum wäre, wäre ich sofort da, also sollte ich sie vielleicht auch kommen lassen...“

Dass sie in schweren Zeiten ihre Freunde fern hält, ist ein Überbleibsel jener Eigenständigkeit, die ihr so früh aufgezwungen worden war. Die Kamera scheint ein Ersatz zu sein für das Hilfsnetz, in welches die meisten von uns sich in so einer Situation fallen lassen würden, das Goody aber nie hatte.

In diesem Moment stellt sich die Frage nach der Ausbeutung nicht. Wir bezeugen den Kampf einer Frau gegen ihr Schicksal, die diesen wohl ihrem eigenen Empfinden nach ihr ganzes Leben lang ausgetragen hatte.

Goodys sieben Jahre im Auge der Öffentlichkeit stellen sich jetzt als eine Art modernes Morality Tale, eine Geschichte mit moralischer Botschaft dar, deren erzählerischer Bogen sich nun geschlossen hat. Zweifellos werden bald auch hässliche Töne zu vernehmen sein – so wird das Vermögen, das für die Ausbildung ihrer Söhne bestimmt ist, nicht unumkämpft bleiben. Aber es bleibt zu hoffen, dass Jade Goody nun nach einem Leben, in dem sie – von ein paar wenigen gesegneten Abschnitten abgesehen – immer kämpfen musste, nun Frieden gefunden hat und sich keine abschätzigen Blicke mehr gefallen lassen muss.

Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt

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Geschrieben von

Lucy Mangan, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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