Außer sich vor Wut

Pakistan Nach dem Tod bin Ladens kämpft Pakistans Armee um ihre Prestige. Wie die USA mit der Souveränität des Landes umgegangen sind, trifft sie mitten ins Herz

Die pakistanische Armee ist dem Vorwurf ausgesetzt, mit Osama bin Laden gemeinsame Sache gemacht zu haben, und verteidigt sich mit dem momentan stärksten Argument, das ihr zur Verfügung steht: den Worten der Verwandten bin Ladens, die den Einfall der US-Spezialeinheit in Abbottabad überlebt haben. Der mächtige Geheimdienst (ISI) veröffentlicht so den Bericht der zwölfjährigen Tochter bin Ladens, die sagt, sie habe gesehen, wie ihr Vater erschossen wurde.

Kein Zweifel, die Armee versucht mit diesen Veröffentlichungen, von der Frage abzulenken, warum sich der berühmteste Flüchtige weltweit nicht mehr als eine Meile von Pakistans wichtigster Militärakademie entfernt verstecken konnte. „Es finden schadensbegrenzende Maßnahmen statt“, schreibt Cyril Almeida, Kolumnist der ältesten und einflussreichsten englischsprachigen pakistanischen Tageszeitung Dawn in Islamabad. „Die Armee versucht hastig, stimmige Antworten auf Fragen zu finden, die nicht leicht zu beantworten sind.“

In einer ersten Erklärung seit der Kommandoaktion forderte die Armeeführung die USA auf, ihre Militärpräsenz im Land „auf ein Minimum“ zu reduzieren. Angesichts der Tatsache, dass sich offiziell nur 275 US-Soldaten in Pakistan aufhalten, kann dies nur als symbolische Aktion gedeutet werden, um die öffentliche Empörung über die unilaterale Aktion der Amerikaner einzudämmen .

Einigen pakistanischen Funktionären wäre es lieber, würde sich die Welt mehr auf die Kommandoaktion an sich konzentrieren. Bilder, die seit dem 4. Mai aufgetaucht sind, zeigen die Körper dreier in Blutlachen liegender Männer, einer davon soll der Kurier sein, dessen Telefonate die Amerikaner zu bin Ladens Anwesen geführt haben. Reuters zufolge habe man die Informationen dazu einem Funktionär aus dem pakistanischen Sicherheitsapparat abgekauft, der anonym bleiben wolle.
Die Veröffentlichung der Berichte von bin Ladens Familienangehörigen durch den ISI lassen nach den näheren Umstände des Todes von bin Laden fragen. Alles recht heikel, nachdem das Weiße Haus entscheidende Details korrigieren und zugeben musste, dass sich bin Laden nicht hinter seiner Frau versteckt und sie als menschlichen Schutzschild gebraucht habe.

Der ISI weiß Bescheid

Es ist noch nicht oft vorgekommen, dass die 500.000 Mann starke pakistanische Armee mit derart heftigen Vorwürfen konfrontiert war. In den vergangenen Tagen haben sowohl das Weiße Haus, der CIA-Chef als auch hochrangige US-Politiker entweder angedeutet oder ganz offen ausgesprochen, der ISI spiele ein „doppeltes Spiel“, das sogar Beistand für Osama bin Ladens einschließen könne. Allerdings fehlen die harten Beweise, aus denen hervorgeht, dass es eine solche Kooperation wirklich gegeben hat.

Der ehemalige afghanische Geheimdienstchef Amrullah Saleh meinte gegenüber dem Guardian, vor vier Jahren habe man in Pakistan einen Hinweis ignoriert, dass bin Laden sich in der Nähe von Abbottabad aufhalte. Zugleich kursierte die Version, bin Laden sei in Mansehra, unweit von Abbottabad, in einem Al-Qaida-Versteck. Als der Chef des Nationalen Sicherheitsrates den damaligen Präsidenten General Pervez Musharraf darüber informiert habe, habe der – außer sich vor Wut – mit der Faust auf den Tisch gehauen und gefragt: „Ja, bin ich denn der Präsident einer Bananenrepublik?“, erinnert sich Saleh.

Der erbitterte Pakistan-Kritiker Saleh, der inzwischen in die afghanische Politik eingestiegen ist, sagte, er habe keinen Zweifel, dass Mullah Omar, der Führer der afghanischen Taliban, in einem Versteck des ISI in Karatschi sei: „Der ISI beschützt ihn. General Pasha (Generalleutnant Shuja Pasha, der Generaldirektor des ISI - die Red.) weiß, wo Omar sich aufhält. Er erhält von seinen Offizieren täglich Berichte über die Standorte der oberen Führungsriege der Taliban.“

Die größten Sorgen bereitet der pakistanischen Armee aber die in diesem Ausmaß noch nicht da gewesene Kritik im eigenen Land. Die Operation gegen bin Laden hat Fragen aufgeworfen: Wusste das Militär von diesem Angriff? Wenn nicht, wie konnte es US-Hubschraubern möglich sein, ohne Erlaubnis von Afghanistan aus in den pakistanischen Luftraum einzudringen? Und weshalb konnten die US-Militärs in einer Stadt, die vor pakistanischen Soldaten nur so strotzt, eine 40-minütige Operation durchziehen und mit dem Leichnam bin Ladens ungehindert davon fliegen konnten.

Verzweifelte PR-Offensive

„Nie zuvor gab es derart tiefgreifende und heftige Kritik an der Armee“, meint Dawn-Kolumnist Almeida. „Man müsste schon ins Jahr 1971 zurückgehen (Jahr der Abspaltung von Bangladesch - die Red.), um auf ein vergleichbares Ausmaß an nationaler Empörung und Unzufriedenheit zu stoßen. Die Leute sagen: „Wir haben Hunderte von Milliarden Rupien für euch ausgegeben, und was habt ihr dafür zu bieten?“ Das trifft ins Herz des Selbstverständnisses dieser Armee.“

Die Anschuldigungen könnten Pakistan teuer zu stehen kommen. Entrüstet über die Vorstellung, dass sie bin Laden beschützt haben könnte, haben einige US-Politiker ihre Regierung aufgefordert, die großenteils aus Militärhilfen bestehenden Zuwendungen an Pakistan in Höhe von drei Milliarden US-Dollar zu kürzen. Pakistans Washingtoner Lobbyisten haben auf Geheiß von Präsident Asif Ali Zardari mit einer PR-Offensive begonnen, die den amerikanischen Anschuldigungen entgegenwirken soll. Pakistanische Offizielle haben deshalb auf ihre Rolle bei der Verhaftung mehrerer hochrangiger Al-Qaida-Figuren, inklusive des 9/11-Masterminds Khalid Scheich Muhammad, im Laufe der vergangenen zehn Jahre verwiesen.

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

09:50 09.05.2011
Geschrieben von

Declan Walsh/Jon Boone | The Guardian

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The Guardian

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