Beats gegen Schläge

Frauenrechte Ausgerechnet am Valentinstag veranstaltet One Billion Rising einen Tag gegen Gewalt gegen Frauen. Die Initiatorin Eve Ensler hat damit einen Tsunami losgetreten
Beats gegen Schläge
Foto: Brigitte Lacombe

Seitdem Eve Ensler die Kampagne onebillionrising.org  ins Leben gerufen hat, wird sie immer wieder gefragt, ob es sich um eine Tanz-Bewegung handelt oder um Politik, um Protest oder eine riesige weltumspannende Party? Schon wenige Wochen vor dem heutigen 14. Februar – dem Tag also, den die Aktivistin und Autorin der Vagina-Monologe zum weltweiten Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen bestimmt hat –, hat sie gesagt: „So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.“

Weltweit wird durchschnittlich jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal zum Opfer von Gewalt. In diese Statistik, die Ensler dazu veranlasste, One Billion Rising ins Leben zu rufen, werden verschiedene Formen von Gewalt – von häuslicher Gewalt, über Massenvergewaltigungen und Genitalverstümmelung bis hin zu Erfahrung von Krieg und Vertreibung – gerechnet. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass die Kampagne in jedem der 190 Länder, in denen für den 14. Februar Aktionen und Veranstaltungen geplant sind, einen etwas anderen Charakter trägt. Alle gesellschaftlichen Schichten, Gruppen und Religionen seien von diesem „gewaltigen feministischen Tsunami“ erfasst worden, erklärte Ensler.

Die Proteste reichen vom allerersten Flashmob in Somalias Hauptstadt Mogadischu über den Marktplatz des schottischen Rothesay auf der Isle of Bute bis hin zu den Maori in Neuseeland und geschätzten 25 Millionen Demonstrantinnen in Bangladesch. Ensler kam die Idee durch ihre Arbeit in der Demokratischen Republik Kongo, wo sie eine City of Joy errichtet hat, um Frauen mit Gewalterfahrung zu helfen. Hier will sie heute persönlich auch den Aktionstag begehen. Den Valentinstages hat sie dafür bewusst gewählt, um die Vorstellung von Liebe ein Stück weit von der schnulzigen Kommerzialisierung des Valentinstages zu befreien.

Frauenbewegungen auf der ganzen Welt und Soziale Medien haben Ensler zufolge dafür gesorgt, dass die Kampagne rund um den Globus großen Widerhall findet. Sie hielt sich gerade für drei Wochen in Südasien auf, als die 23 Jahre alte Medizinstudentin Jyoti Singh in Delhi von mehreren Männern brutal vergewaltigt und misshandelt wurde. Die Abscheu und Empörung darüber habe der Kampagne großen Zulauf verschafft. In Indien sei der größte Durchbruch im Kampf gegen sexuelle Gewalt gelungen, den es jemals gegeben habe, und One Billion Rising befinde sich dort mitten im Zentrum dieses Kampfes, sagt Ensler.

Nach Ansicht von Kamla Bhasin, die sich seit über 30 Jahren für die Rechte der Frauen in Indien einsetzt, geht jedes Land das Thema auf eine andere Weise an – von der erstaunlichen Massenbewegung in Bangladesch, die von Brac, einer der weltweit größten NGOs organisiert wird, bis nach Afghanistan, wo „nicht getanzt und nicht gesungen werden wird, aber die Leute dennoch sagen wollen, dass es ihnen reicht.“

Break the chain

Der Versuch, mit dem Mittel des Tanzes gegen Gewalt vorzugehen, hat verständlicherweise selbst unter engagierten Befürworterinnen der Ziele für Ablehnung gesorgt. Doch zwei Videos, unter Hunderten, bringen zum Ausdruck, wie Enslers Idee die Aktivistinnen inspiriert. Das erste stellt die neue Hymne Break the Chain vor, die von der Grammy-Gewinnerin Tena Clark komponiert wurde. Die Choreographie des Clips leitete Debbie Allen, die zusätzlich auch noch ihr eigenes Anleitungsvideo drehte. Der zweite Clip wurde von Aktivistinnen aus Norwich produziert. Obwohl es ohne die Art von Hollywood-A-Promis wie Robert Redford oder Jane Fonda auskommt, die für gewöhnlich mit Ensler in Verbindung gebracht werden, erzielt es dennoch gewaltige Wirkung. Die Organisatorinnen vor Ort wollte zeigen, dass die Kampagne ebenso von Männern wie von Frauen unterstützt wird.

In Großbritannien konzentrieren sich die Anstrengungen hauptsächlich darauf, dass im den Sexualkundeunterricht in der Schule auch über Beziehungen und Gewalt gesprochen wird. Eine parteiübergreifende Gruppe von Abgeordneten hofft darauf, am 14. Februar im Parlament eine Abstimmung darüber zu erwirken, ob der Sozialkundeunterricht an den Schulen obligatorisch werden und Gewalt und Missbrauch in Beziehungen zum Gegenstand haben soll.

In den USA hofft die altgediente Aktivistin Pat Reuss ebenfalls darauf, die Unterstützung für die Kampagne für eine Wiederbelebung des Violence Against Women Act nutzen zu können, das im vergangenen Jahr vom Kongress nicht neu bewilligt wurde.

Als sie gefragt wurde, welches Land sie im Rahmen der Kampagne am meisten überrascht habe, rattert Ensler eine ganze Liste von Aktionen herunter – von den Demonstrationen gegen Menschenhandel in Mexiko bis hin zu Massenaktionen auf den Philippinen. Auch dass in Italien sich 50 Städte an dem Aktionstag beteiligen, habe sie erstaunt. „Für mich war das ein wirklicher Wendepunkt. Fünfzig Städte in Italien!“

Die Aktivistinnen fragen sich natürlich bereits, was nach dem V-Day passieren wird. „Das Tanzen wird toll, aber wichtiger ist die Frage, was geschieht, um das Thema Gewalt gegen Frauen ganz oben auf die Agenda zu setzen“, meint Ensler. „Es wird nie wieder ein Randthema sein … Im Augenblick wirkt es wirklich wie eine Welle, die eine Eigendynamik entwickelt hat.“

 

One Billion RisingEvents in Deutschland

13:30 14.02.2013
Geschrieben von

Jane Martinson | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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