Beschreibung eines Kampfes

Erziehung Die Ferien sind für Eltern eine schwere Zeit. Den Nachwuchs sechs Wochen lang bei Laune zu halten, kann anstrengend sein. Muss es aber nicht. 10 Tipps eines Rabenvaters

Eltern können immer hier und da ein wenig tricksen, sich gewisse Freiheiten nehmen und kleine Listen anwenden. Hier also einige Regeln für den zumindest etwas weniger katastrophalen Sommer, basierend auf zehnjähriger Misserfolgs-Erfahrung:

1. Sorgen Sie für Langeweile

Wir alle wollen, dass unsere Kinder wieder die einfachen Freuden oder Neugier für ihre natürliche Umwelt entdecken. Das wird aber nie passieren, wenn Sie sie immer wieder mit aufregenden und mitreißenden Ausflügen ablenken. Lassen Sie ihre Sprösslinge die erste Ferienwoche zuhause verbringen und ihre Schuhe anstarren. Bieten Sie als Alternative nur öde Hausarbeiten an. Über kurz oder lang wird ihre Langeweile sie dazu bringen, sich eigene Spiele auszudenken, was wiederum zu einer Steigerung der Kreativität und des Selbstbewusstseins führen wird - und in den meisten Fällen zu schweren Wasserschäden. Aber das ist ein kleiner Preis dafür, nicht mit ihnen nach Legoland fahren zu müssen.

2. Stellen Sie die Taschengeldzahlungen bis Ferienende ein

Den Grossteil des Jahres wird das Konsumverhalten unserer Kinder durch Verpflichtungen in gewissen Grenzen gehalten - durch Schule, Hausaufgaben, Vereine, Sport- oder Musikunterricht. Sie haben dann einfach keine Zeit sich in Geschäften rumzutreiben. Im Sommer jedoch eröffnet das Taschengeld gefährliche Möglichkeiten. Auf einmal haben die Kinder den ganzen Tag Zeit, durch Regale mit Süßigkeiten, Spielzeugwaffen, ungeeigneten DVDs zu stöbern und sich nach unerwünschten Haustieren umzuschauen. „Es ist mein Geld. Ich kann davon kaufen, was ich will“, sagen sie, als zitierten sie aus der Charta der Menschenrechte. Ich habe es nie hingekriegt, schlagkräftig auf dieses Argument zu kontern. Stattdessen habe ich festgestellt, dass es viel einfacher ist, den Geldstrom einfach an der Quelle zu drosseln. Bei mir selbst also.

Welche Begründung Sie für den Taschengeldstopp finden, liegt ganz bei Ihnen. Sie könnten vorbringen, dass Schüler, wie Lehrer, im Sommer nicht arbeiten und daher auch nicht bezahlt werden. Lehrer erhalten natürlich sehr wohl ihren Lohn, aber das wissen ihre Kinder wahrscheinlich nicht. Manchmal ist es auch einfacher, das Geld von Woche zu Woche zurückzuhalten, als Strafe für irgendeinen Verstoß zum Beispiel. Irgendwas findet sich immer.

3. Sagen Sie Ihren Kindern nie, wo es hingeht, bis sie im Auto sitzen

Meiner Erfahrung nach muss für einen erfolgreichen Sommerausflug der den Kindern gegenüber veröffentlichte Programmplan so unpräzise wie möglich sein. Sagen Sie nicht: „Wir werden zwei Stunden in einer langweiligen Galerie verbringen, dann in einem Restaurant Mittag essen, dass ihr nicht mögen werdet, dann bei anhaltendem Nieselregen einen langen Parkspaziergang machen und dann - wenn ihr euch benehmt, was ihr jede Wette sowieso nicht tun werdet - Eis essen.“ Sagen Sie einfach: „Wir gehen Eis essen. Schnallt euch an.“ Wenn Sie dann losgefahren sind, können Sie die lieben Kleinen über die Details informieren.

4. Streichen Sie ein Kind aus der Rechnung

Sollten Sie zwei oder mehr Kinder haben, werden Sie wissen, dass Sie für alle praktischen Dinge eins zu viel haben. Sind sie - egal wie lange - zusammen, ob nun in einem Zelt, einem Ferienhaus, oder auf dem Rücksitz eines Mietwagens, nutzen Geschwister so gut wie jeden Anlass sich zu streiten. Indem Sie für den Tag (oder die Woche oder den Sommer) eines ihrer Kinder gegen ein Kind anderer Leute tauschen, können Sie für eine ruhigere Sozialdynamik sorgen. Wenn ihre Freunde und Bekannten keine Kinder in ähnlichem Alter haben wie Sie, brauchen Sie neue Freunde.

5. Wenn Sie mit Freunden in den Urlaub fahren, die auch Kinder haben...

... vergessen Sie nicht, dass Sie im Falle jeglicher Zankereien zwischen ihrem Kind und dem Ihrer Freunde immer darauf bestehen müssen, dass Ihr, und nur Ihr Kind Schuld war. Andernfalls wird man Sie als überbehütend und verblended abstempeln. Wenn das Kind der anderen versucht, Ihres im Pool unter Wasser zu tunken, sollten Sie sagen: „Ganz bestimmt hat er darum gebeten.“ Haben Sie keine Angst gleichgültig zu wirken. Das Ganze dient einfach der Form und es wird sich auszahlen. Weiterhin gilt es als unziemlich, anderer Leute Kinder in der Öffentlichkeit zurechtzuweisen. Besser ist es, sich das Balg später vorzunehmen und ihm gefasst, aber mit vielen Fluchworten zu drohen.

6. Nicht vergessen: Hungrige Kinder sind gefügige Kinder

Ja, sie sind vielleicht schlecht gelaunt und reizbar, aber sie sind auch schwach und offen für Vorschläge. Wenn Sie versuchen, Ihre Kinder zu einem Spaziergang an der Steilküste zu überreden oder in eine mittelalterliche Kirche zu locken, sollten Sie ihnen unter keinen Umständen vorher etwas zu essen geben. In versorgtem Zustand neigen sie zu übermütigem, rebellischem und unbeherrschbarem Verhalten. Sorgen Sie auf jeden Fall für ausreichende Flüssigkeitszufuhr, aber bewahren Sie die Nahrungsmittel für Situationen auf, in denen es kein Sicherheitsrisiko darstellt, wenn auf einmal die Hölle ausbricht.

7. Packen Sie immer zu wenig ein

Ich spreche hier nicht als jemand, der gnadenlos die Gepäckmenge limitiert, sondern als jemand, der regelmäßig ein Ersatzzelt einpackt, bloß weil es irgendwie noch ins Auto ging. Und ich bereue es hinterher immer. Nicht ein einziges Mal in der unglückseligen Geschichte unserer Familienurlaube ist eines meiner Kinder zu mir gekommen und hat gesagt: „Ich wünschte, wir hätten noch meinen anderen Pulli mitgenommen.“ Vergessen Sie alles, was Sie zu brauchen glauben: Ihr Kind wird in Frankreich nicht Geige üben, Sie werden in zehn Tagen nicht fünf Bücher lesen und es gibt fast kein Reiseziel der Welt, an dem keine billigen Fußbälle verkauft werden. Auch kleine Kinder sind keine Entschuldigung: Mit einem Flaschensterilisator zu reisen, ist wie seinen Reiskocher mit in den Urlaub zu nehmen.

8. Nehmen Sie sich vor versteckten Kosten in acht

Gewisse, angeblich budgetschonende Sommer-Freizeitvergnügen können sich als erstaunlich kostspielig erweisen. Ein Besuch auf einem Hof zum selberpflücken klingt vielleicht nach einem billigen Vergnügen, meiner Erfahrung nach sind drei kleine Kinder aber durchaus in der Lage, in weniger als einer Stunde Erdbeeren für 80 Euro zu pflücken. Und die kann man nicht wieder an die Pflanze zurückhängen. Ein Garagenverkauf hingegen hält sie ebenso lang beschäftigt und schlägt meist nur mit 3 Euro pro erworbenem Teil zu Buche. Achten Sie darauf, ihren Kindern klar zu machen, dass es sich bei dem Geld nicht um Taschengeld, sondern einen Vorschuss für zukünftige Verdienste handelt.

9. Missachten Sie alle kinderunfreundlichen Gebote

Sollten Sie planen, diesen Sommer zuhause zu bleiben, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie sich früher oder später an einem Ort wieder finden, an dem Kinder entweder stillschweigend oder ausdrücklich unerwünscht sind. Ein Restaurant oder ihr Arbeitsplatz zum Beispiel. Das ist dann nicht der Zeitpunkt wegen seiner Kinder verlegen zu sein, oder sich ihrer zu schämen. Dann heißt es passiv-aggressiv sein. Wenn Sie die Wahl zwischen einem gastronomischen Betrieb haben, in dem Kinder herzlich willkommen sind und einem, in dem Sie sich wegen ihrer lieben Kleinen unbehaglich fühlen, wählen Sie immer letzteren: Dort wird das Essen besser sein. Dann setzen Sie sich an ihren Tisch und tun Sie so, als wüssten Sie gar nicht, was die Leute für ein Problem haben. Wenn andere Gäste sich bei Ihnen beschweren, versuchen Sie ihnen zu vermitteln, dass Sie zwar Verständnis dafür haben, dass manche Menschen gerade nicht unbedingt den Wunsch nach der Gesellschaft lauter Kinder verspüren, Ihnen das aber egal ist: „Ja, ich bin mir sicher, dass Sie Ihnen den stillen Drink verderben, meine Dame – mir verderben sie ihn auch und ich muss sie hinterher mit nach Hause nehmen.“

10. Nehmen Sie ihren eigenen Läusekamm mit

Seien Sie vorbereitet. Wissen Sie, was „Läusekamm“ auf spanisch heißt? Ich auch nicht.

Übersetzung: Zilla Hofman

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15:00 27.07.2009
Geschrieben von

Tim Dowling, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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