Bett eines Forschungsreisenden

8. Berlin Biennale Im Zentrum von Bianca Baldis Installation „Zero Latitude“ steht ein Koffer von Louis Vuitton – als Symbol für die Kolonialisierung
Sean O’Toole | Ausgabe 22/2014

Seit zwei Jahren begleitet die südafrikanische Künstlerin ein Gepäckstück: ein tragbares Reisebett, das der Koffermacher und Begründer der späteren Luxusmarke Louis Vuitton um 1870 auf Wunsch eines Kunden anfertigte. Das Bett und der zugehörige Koffer, die später unter dem Namen Explorator vertrieben wurden, sind Teil von Bianca Baldis Video-Installation Zero Latitude, die sie seit dem Jahr 2012 immer wieder in etwas verschiedenen Variationen zeigt. Zu sehen ist das Werk seit diesem Donnerstag im Rahmen der 8. Berlin Biennale in den Kunst-Werken in Berlin-Mitte. In Baldis Arbeit ist das Reisebett ein ganz konkretes Überbleibsel des europäischen Imperialismus, und es steht symbolisch für einen entscheidenden Moment der europäisch-afrikanischen Geschichte.

Louis Vuittons Kunde war der italienische Aristokrat und angehende Seefahrer Pierre Savorgnan de Brazza, der die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. 1875 – also zehn Jahre, bevor die Berliner Konferenz von 1884/85 die Rechtsgrundlage für die Aufteilung der Subsahara unter den europäischen Mächten schuf – brach de Brazza zu seiner ersten Expedition auf. Drei Jahre erkundete er die Küste des zentralafrikanischen Staates Gabun und den Verlauf des Ogooué-Flusses, der Gabun mit dem Kongo verbindet. Im Gepäck hatte er Louis Vuittons Spezialanfertigung: ein Koffer mit einem Klappbett, einer Rosshaarmatratze, zwei Wolldecken und vier Laken.

Es gibt zahlreiche Biografien und Fotos, die de Brazza als Abenteurer verklären. Er diente aber auch willfährig der Kolonialisierung Afrikas. Eigentlich war sein Ziel, die sagenumwobene Quelle des Kongoflusses zu entdecken. Stattdessen gelang es ihm, seinen Oberlauf zu finden, zu kartografieren und nebenbei an den Ufern Krieg zu führen. Schilderungen dieser Reise machte de Brazza in Frankreich zu einer Berühmtheit. Die Royal Geographical Society in London schrieb 1879, de Brazza habe im Vorjahr „die wichtigste geografische Arbeit in Afrika überhaupt geleistet“.

Mit seinen dunklen Augen, der klassischen römischen Nase und seinem ein wenig zerzausten aristokratischen Aussehen war Pierre Savorgnan de Brazza eine Lieblingsfigur der Boulevardpresse. Der bekannte Pariser Schriftsteller, Zeichner und Fotograf Nadar nahm unzählige Studien von ihm auf. Diese Fotografien hat Bianca Baldi in einem französischen Archiv für ihr Werk Zero Latitude aufgestöbert, in ihrer Installation spielt sie darauf an: Eine Wandtapete ist mit einer klaustrophoben Zeichnung des Kongoflusses bedeckt. Sie stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und diente einem Fotostudio als Hintergrund für Porträtaufnahmen.

Ein Tropenhut als Maßstab

Der Boulevard und die Geografen waren jedoch nicht die Einzigen, die Pierre Savorgnan de Brazzas abenteuerliche Mission zu schätzen wussten. Auch Handelsunternehmen – die in der Subsahara Profitchancen witterten – und Verfechter der Kolonialbewegung zeigten großes Interesse. Ihnen kam de Brazza wie gerufen, da der Widerstand in der französischen Bevölkerung gegen Auslandsexpansionen damals noch groß war.

1879 brach de Brazza zu einer zweiten Expedition auf, bei der er 1880 König Makoko, das Oberhaupt der Volksgruppe der Batéké in einem Akt „friedlicher Eroberung“, wie das Magazin Le Petit Parisien später schrieb, dazu überredete, sich unter die französische Flagge zu begeben. Der Deal mehrte de Brazzas Ruhm weiter.

Mehr als die Figur des Forschungsreisenden selbst, nach dem im Kongo schließlich die Hauptstadt Brazzaville benannt wurde, interessiert die Künstlerin Bianca Baldi in ihren Installationen aber der malle-Brazza, wie Louis Vuittons Explorator-Koffer ursprünglich hieß. In der Tradition seines großen Rivalen Henry Morton Stanley, der seinerseits den Prototyp für einen eleganten Tropenhut mit auffälligen Belüftungslöchern entworfen hatte, zielte auch de Brazzas zusammenklappbares Bett auf aristokratische Bedürfnisse, die vergleichbare Standardprodukte nicht bedienen konnten.

Ein historischer Bericht der US-amerikanischen Delegation, die 1889 zur Weltausstellung nach Paris geladen war, macht deutlich, in welche Lücke er damit stieß. „Entdeckungsreisen sind in Mode, die Zahl der Abenteurer wächst täglich“, hielten die Amerikaner fest. Dieser Trend, so spekulierten sie, „wird künftige Generationen voll und ganz erfassen“. Die Koffermacher jedoch würden mit den neuen sozialen Gepflogenheiten nicht Schritt halten, kritisierten sie. „Es gab nicht einen einzigen neuen oder zumindest praktischen Koffer zu sehen; einen Koffer, der viel Raum bietet, aber wenig wiegt; einer, der hübsch und dennoch solide ist. Neue Campingausrüstung gab es auch nicht. Jules Verne würde auf dieser Weltausstellung keinen passenden Koffer finden, Pierre Savorgnan de Brazza weder Zelte noch Kleidung für seine Expeditionen.“

1890 ging Louis Vuitton mit dem Explorator in Serie. Das Bett steht auch für eine Zeitenwende: Pierre Savorgnan de Brazzas Expeditionen nach Afrika fielen in eine Epoche, in der großstädtische Handwerksbetriebe wie jener von Louis Vuitton sich zu globalen kapitalistischen Unternehmen entwickelten – wobei Ursache und Wirkung sich hier oft schwer trennen lassen, gerade auch im Rückblick.

Der belgische Journalist David Van Reybrouck, Autor des Buchs Kongo: Eine Geschichte (2010), das auch den dann folgenden Genozid im Kongobecken zwischen 1888 und 1908 beleuchtet, wies einmal darauf hin, dass ein Großteil der Kolonial- und Unabhängigkeitsgeschichte Afrikas aus einer elitären Perspektive festgehalten ist. Die Protagonisten, egal ob Kolonialisierer oder Unterdrückte, seien in der Regel Privilegierte. Er fordert eine „anthropologische“ anstelle der alten „glanzvollen Geschichtsschreibung“.

Als Künstlerin liefert Bianca Baldi mit ihrem Werk Zero Latitude ein historisches Narrativ, das sich aus visuellen Bruchstücken der sogenannten glanzvollen Geschichtsschreibung zusammensetzt und sie in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit ausstellt.

Vorbote der Massenwaren

Ihre Installation verlagert den Fokus vom Subjekt aufs Objekt, von der Figur Pierre Savorgnan de Brazza hin zu etwas Abstraktem, eben dem Bett des Forschungsreisenden. Noch handelte es sich nicht um Massenware, aber es war ein Vorbote eines neuen Zeitalters. Mehr noch als der Mann, der auf ihm über der Erde thronte, ist Louis Vuittons mobiles Luxusmöbelstück ein subtiles Bindeglied: zwischen dem Abenteurer, dem Handwerker, der zum Unternehmer wird, und dem imperialistischen Staat. Es kündigte Europas fatalen und unwiderruflichen Vorstoß nach Afrika an und begleitete ihn.

8. Berlin Biennale 29. Mai bis 3. August 2014, Informationen unter berlinbiennale.de Sean O’Toole ist Journalist und Buchautor. Er lebt in Kapstadt Bianca Baldi wurde 1985 in Johannesburg geboren. Aufgewachsen ist sie in KwaZulu-Natal an der südafrikanischen Ostküste. Sie hat an der Kunsthochschule in Kapstadt und an der Städelschule in Frankfurt am Main studiert, wo sie heute lebt

 

ausgabe

06:00 11.06.2014
Geschrieben von

Sean O’Toole | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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