Bewaffnete Patrouillien am Keksregal

Staatliche Gesundheitsprogramme Können staatliche Kampagnen gegen die Übergewichtigkeit des Volkskörpers wirklich etwas bewirken? Und wäre dies überhaupt wünschenswert?

Sie haben mir den Krieg erklärt. Meine eigene Regierung hat mir den Krieg erklärt. Und das nicht etwa, weil ich schlecht schreibe, nein. Es ist, weil ich fett bin. F-E-T-T, ich bin das wirklich. Ich habe aufgegeben, es zu leugnen und trage jetzt einfach Schwangerschaftskleidung. Während ich diese Zeilen hier schreibe, trage ich die Umstandshosen meiner Schwester, obwohl ich selbst überhaupt nicht schwanger bin. Vergangene Woche brach ein Tisch unter mir zusammen, als ich mich auf ihn setzen wollte. Er musste zu Ikea zurückgebracht werden, um dort standesgemäß beerdigt zu werden. Mittlerweile werde ich nervös, wenn ich mit der U-Bahn fahren muss, weil ich mich unwillkürlich auf die Nachbarsitze ausbreite wo mein Fett dann mit diesen für London typischen Psychoblicken durchbohrt wird. Und nun wurde ich direkt angegriffen. Gordon Brown hat meine Wohnung zum Hauptkriegsschauplatz erklärt. Ich hoffe nur, der Kollateralschaden hält sich in Grenzen. Denken Sie sich nur, mein Schuhschrank könnte etwas abbekommen, oder noch schlimmer: mein Kühlschrank!

Warum?
Die Strategie sieht folgendermaßen aus: Die Fettpolizei hat an neun Städte in Großbritannien 30 Millionen Pfund verteilt, um die Bevölkerung zu schrumpfen – davon könnte man in Großbritannien 15.075.377 und in Finnland 8.116.808 Big Macs kaufen. Denn unser lieber Premierminister denkt, wenn die Fettleibigkeitsepedemie nicht aufgehalten werden kann – ich liebe diesen Ausdruck, denn er suggeriert, Fettleibigkeit sei ansteckend, wie die Tollwut –, werde unser Gesundheitssystem einen Infarkt erleiden und wir alle müssten an seinem Grab vorbeiwatscheln, wie große, traurige Luftballons. Er macht sich auch Sorgen darüber, wir Dicken könnten bei den Olympischen Spiele unser Land in einem schlechten Licht erscheinen lassen. Wer sich also anstrengt, dünner zu werden, bekommt kostenlos Karotten und Trainingsanzüge und vielleicht sogar noch eine Zwiebel obendrauf. Wer im Park herumjoggt, eine Bleib-fit-Klasse oder eine Nimm-ab-Klasse besucht (Geheimnis des Erfolgs: weniger essen!) bekommt Punkte, die ihm dann weitere großartige Verdünnungsmaßnahmen einbringen.

Bei solchen Anlässen liebe ich den Wohlfahrtsstaat: „Könnte ich bitte eine Erwerbsunfähigkeitsbescheinigung und eine Rübe bekommen?“ „Ja, aber sicher, meine Liebe, und ich mach Ihnen noch einen Kohlkopf und ein paar Sportsocken, Größe XXL mit in die Tüte! Alles Gute!“ Ich weiß nicht, ob der Krieg gegen die Fettleibigkeit gewonnen werden kann und genauso wenig wissen dies die herumalbernden Kolumnisten, die uns Dicke immer noch genauso behandeln wie früher in der Schule: „Du bis fett! Versager! Was fällt dir ein, kostbare Steuermittel in Anspruch zu nehmen, mit denen viel besser die Privatschule meines Kindes bezahlt werden könnte?“ Aber es löst in mir den Wunsch aus, über Fettleibigkeit zu schreiben, in erster Linie, weil man sich dabei nicht bewegen muss.

Die wichtigste Frage von allen lautet: Warum bin ich fett? Warum sind wir fett? Oberflächlich betrachtet ist diese Frage genau so dämlich wie „Wie um alles in der Welt konnte ich schwanger werden, Mammi?“ Ich bin fett, weil ich zu viel esse. Es liegt am Zucker, Dummerchen. („Es liegt am Sperma, Dummerchen.)

Warum aber essen wir Briten so viel? Liegt es an unserem Lebensstil? An den Lebensmittelwüsten – die Gegenden, in denen frische Lebensmittel noch nicht entdeckt sind? Oder daran, dass unsere Sportplätze durch Nando`s-Restaurants ersetzt wurden? Sind die Chips einfach so viel besser als früher? Und was ist mit mir? Esse ich, um den Hass auf mich zu ziehen, der sich gegen Dicke richtet? Möglich. Vielleicht leide ich an einer Schoko-Version des Münchhausen-Syndroms, welches mir erlaubt, mich wichtig zu fühlen. Mein Parkplatz auf dem Planeten ist GROSS und eurer ist KLEIN. Mich könnt ihr nicht übersehen. Es gibt ganze Websites für die Analyse meiner Oberschenkel und deren Einfluss auf meine Psyche und mein Liebesleben: „Dicke Frauen neigen dazu, umgänglicher zu sein ... sie haben keine Wahl.“ (Herzlichen Dank!) Nachdem ich einmal in einer Zeitung zu sehen war, erhielt ich um neun Uhr abends einen Anruf: „Es tut mir so schrecklich leid, dass Sie so fett sind“, sagte sie. „Leck mich am Arsch“, war meine Antwort.

Sprechende Löffel und Elektroschocks
Ich bin nicht schon immer dick gewesen, Leser. Ich war dünn, bis ich erwachsen wurde. Hat das Erwachsensein mich fett gemacht? Vielleicht war es die Angst vor der Verantwortung. Ich hatte eine zeitlang Alpträume, in denen es mir nicht gelang, einen Staubsauger zu bedienen. Als ich dann in die Pubertät kam, fing ich auf einmal an zu fressen und sah schnell auch dementsprechend aus. Und dann ... begannen die Diäten. Ich hätte mir gewünscht, nie so verbittert zu klingen. Wie wär`s mit einem allzeit bereiten Frühstückssandwich gegen die Schmerzen?
Ich habe alle Diäten dieser Welt ausprobiert. Ich habe die Hay, die Plan F und die Atkins gemacht. Ich nahm noch mehr zu. Also versuchte ich es mit der Französinnen werden nicht dick, nur Italienerinnen, der Iss dies, und lass davon die Finger-, der Fettklopper-, der Fast Food-, Hallelujah-, Amputations-, Limonaden- und der Russische Luftwaffendiät versucht. Am besten gefiel mir die Jesus-Diät, die sich fundamentalistische Christen ausgedacht haben.
Was also kann die Regierung tun, um Leute wie mich daran zu hindern, fett zu werden? Ich hätte da ein paar Vorschläge, die helfen könnten, den Krieg gegen mich zu gewinnen. Jeder weiß, dass das Abnehmen ganz besonderer Anstrengungen bedarf. Es muss weh tun.

Könnte man also nicht Gabeln erfinden, die Elektroschocks auslösen, wenn sie auf Zucker treffen? Ich fordere bewaffnete Sicherheitsbeamte, die entlang der Keksregale in den Supermärkten patrouillieren! Ich bräuchte einen persönlichen Trainer, der jeden Morgen bei mir vorbeikommt und mich anschreit: „Warum bist du so fett?“ Nützlich wäre auch ein sprechender Löffel und – das hab ich im Netz gefunden – einen Essschutz-Maulkorb.
Aber die schnöde Wahrheit ist – ich bin unentschlossen, was das Fett-sein angeht. Auf der einen Seite, heule ich rum und hasse es, fett zu sein. Auf der anderen Seite könnte ich ununterbrochen Mini-Röllchen in mich reinstopfen. Und wenn Sie ehrlich sind, wollen Sie das doch auch. Oder etwa nicht? Beneiden Sie nicht insgeheim mich und meine Kollegen? Weil wir all das sind, wovon Sie nur träumen?! Lasst uns die Krankenkasse abzocken! Lasst uns Gordon Brown abzocken!(Selber fett!) Ich sage euch ja auch nicht, ihr sollt nicht in Autos herumrasen und beschwere mich nicht, wenn ich für den Krankenwagen bezahlen muss, der euren zerbeulten Körper ins Krankenhaus fährt. Es macht mir auch nichts aus, den Helikopter zu bezahlen, der euch wieder vom Berg Schnee herunterholt, weil ihr euch verlaufen habt! Also könnt ihr gefälligst auch für meinen Herzinfarkt bezahlen, ihr Arschgeigen! Wenn ihr mich nun bitte entschuldigen würdet – ich bin hungrig.

Übersetzung: Holger Hutt

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13:00 29.12.2008
Geschrieben von

Tanya Gold | The Guardian

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The Guardian

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