„Bisher ist niemand gekommen“

Reportage Nepals Dorfbewohner brauchen dringend Hilfe, aber die gelangt kaum über die Hauptstadt hinaus
„Bisher ist niemand gekommen“
Warten auf Unterstützung

Foto: Sajjad Hussain/AFP/Getty Images

Am Horizont die Schneegipfel, unten der reißende Fluss: Am steilen Hang dazwischen standen bis letzten Samstag die 71 Häuser von Swarathok. Nun ist nur noch Schutt von ihnen übrig. Das Dorf, 70 Kilometer von der Hauptstadt Katmandu entfernt, existiert nicht mehr.

Die Anfahrt aus der Hauptstadt dauert zwei Stunden auf erdrutschgefährdeten Straßen, danach noch eine Stunde Fußweg auf einem steinigen Pfad. Da in Katmandu selbst noch Tausende von obdachlos Gewordenen ohne Hilfe sind, können die paar hundert Überlebenden von Swarathok kaum in absehbarer Zeit auf Unterstützung rechnen.

„Bisher ist niemand gekommen“, sagt Rashmita Shashtra, die in der Krankenstation des Dorfs gearbeitet hat: „Ich ging zum Polizeiposten und teilte ihnen mit, wo wir waren. Sie sagten, es gebe keinen Plan, sie hätten keine Anweisungen, wir sollten einfach warten. Also warten wir.“

Helfer und Hilfsgüter strömen ins Land. Die Grenze zu Indien ist offen, auf dem einzigen internationalen Flughafen Nepals landen rund um die Uhr Maschinen. Vielerorts werden schon Decken, Lebensmittel und Medikamente verteilt, und die Hilfsorganisationen versuchen sich einen Überblick auch über die Lage in abgelegenen Gegenden zu verschaffen. Die bisher offiziell bestätigte Zahl von über 5000 Todesopfern „könnte auf 10.000 ansteigen, weil wir aus vielen Dörfern noch keine Informationen haben“, sagte

Premierminister Sushil Koirala am Dienstag. Beim letzten Erdbeben dieser Größenordnung in Nepal, im Jahr 1934, kamen 8.500 Menschen ums Leben.

Auf dem Land konnten sich viele retten, weil das Beben gegen Mittag losbrach, als sie draußen auf den Feldern arbeiteten. Doch Hunderttausende sind nun obdachlos und von der Außenwelt abgeschnitten. In Swarathok gibt es seit dem Beben kein Telefonnetz mehr, und ein Radio hat hier niemand. „Wir hier draußen wissen nichts, und niemand weiß von uns“, sagt Sumon Rag Giri, einer der Bewohner.

Fürs erste haben sie sich, so gut es ging, in ihren Viehpferchen eingerichtet, mit Wellblechresten von den Dächern ihrer zerstörten Häuser als Schutz gegen den peitschenden Regen. Es ist ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit, zudem liegt Swarathok am Fuß des Himalaja, in rund 2000 Metern Höhe.

Viele haben alles verloren. Goma Puris dreijähriger Sohn, der schlief, während seine Mutter auf dem steilen Weizenfeld arbeitete, wurde von den Trümmern erschlagen. Auch sämtliches Vieh der Familie – Kühe und Ziegen – kam um, die Kadaver verrotten unter dem Schutt. Von allem, was sie besaßen, konnten Goma Puri und ihr Mann nur einen Ofenrost retten, denn sie nun als Grill benutzen. In den Läden im größeren Dorf unten an der Straße bekommt die mittellose Familie keinen Kredit mehr, also essen sie zusammengeklaubten Weizen, den sie in einer Blechdose zu Popcorn braten.

„Im Moment leben wir zumindest noch“, sagt Tulikanthi Puri, Gomas Schwiegermutter. Wasser können sie nur am Fluss holen, der ist 90 Minuten Fußmarsch entfernt. Doch sie haben keinen Eimer. „Wir konnten nicht einmal einen Löffel retten. Wenn ich sage, wir haben nichts mehr, dann meine ich nichts außer dem, was wir am Leib tragen.“

Neben Puris eigenen Haus standen die Häuser ihrer drei Brüder – alle ebenfalls zerstört. Oft sind die Dörfer im nepalesischen Hochland von einer Handvoll Großfamilien bewohnt, und in Notlagen unterstützt man einander. So konnte Rashmita Shashtra, die Gesundheitsarbeiterin, letztes Jahr nach Erdrutschen ihre Nachbarn versorgen. „Aber jetzt sind zu viele betroffen, als dass wir einander noch helfen könnten“, sagt sie. „Wir brauchen Essen und Unterschlupf. Der Regen ist ein großes Problem. Und die Hygiene. Es gibt keine Toiletten mehr. Die ersten werden schon krank.“

Vor allem Kinder sind es, die auszukühlen und zu fiebern beginnen. Hinzu kommt die Angst. Jedes Nachbeben versetzt die Menschen von neuem in Panik. Gerüchte über Plünderungen machen die Runde. Und ein Tiger soll in Swarathok schon ein Lamm gerissen haben und weiter um das verwüstete Dorf schleichen. „Das war kein Leopard oder so. Wir haben sein Fauchen gehört“, sagt Sumon Rag Giri.

Das Ausmaß der Katastrophe in Nepal wird erst allmählich klar. Die UNO schätzt die Zahl der vom Erdbeben Betroffenen auf 8 Millionen Menschen, von denen 1,4 Millionen auf Hilfe angewiesen sind. Am schlimmsten ist die Lage im Distrikt Ghorka, dem Epizentrum des Bebens, wo Hunderte von Dörfern völlig zerstört sind. Allein dort brauchen nun bis zu 750.000 Menschen sofortige Untertützung. Über einigen der Dörfer sind zumindest aus Hubschraubern Lebensmittelpakete abgeworfen worden.

„Nepal ist Lichtjahre davon entfernt, sich nach einem Erdbeben dieser Größenordnung selbst helfen zu können“, sagt Michael Kugelman, Südasienexperte am Woodrow-Wilson-Forschungszentrum in Washington. „Vergessen wir nicht, dass das Land noch mit dem Wiederaufbau nach einem langen, verheerenden Bürgerkrieg beschäftigt ist, der erst vor zehn Jahren endete. Zudem herrscht politische Lähmung. Nepal kann sich derzeit nicht einmal auf eine Verfassung verständigen. Von einem Soforthilfeplan bei Naturkatastrophen ganz zu schweigen.“

Die Überlebenden von Swarathok wissen dies nur allzu gut. Beim Sonnenuntergang frischt der Wind auf und lässt die kleinen Feuer flackern, um die sie herum kauern. Im Tal braut sich der nächste Regenschauer zusammen, und hoch über ihnen fliegt ein Hubschrauber in Richtung Katmandu. Die Dorfbewohner blicken nicht einmal zu ihm auf.

13:15 30.04.2015
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

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