Gideon Levy
16.08.2010 | 11:55 4

Clockwork-Orange-Nacht

Westjordanland Die Angst des Palästinensers Salah Rajabi. Protokoll einer kurzen Gefangennahme durch die israelische Armee während einer Sommernacht in Hebron

Die Narben sprechen für sich selbst: ein Brandfleck in der Mitte seiner Stirn wie ein Kainsmal; zwei weitere Brandlöcher auf der rechten Hand und eines auf seinem linken Arm. Wenigstens sind die Kratzer in seinem Gesicht und am Arm schon verheilt. Das sind die Spuren, die von jener Nacht blieben, als israelische Soldaten sich entschlossen, mit Salah Rajabi, einem Schüler der zwölften Klasse am dem Tareq-Gymnasium von Hebron ein bisschen „Spaß“ zu haben.

Für Salah war es nicht das erste Mal, von Soldaten zusammengeschlagen zu werden. Wie er erzählt, gab es während der vergangenen Jahre nicht weniger als zwölf Angriffe. Den schlimmsten 2006, als ihm Soldaten das Schlüsselbein brachen und er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Im Dezember 2008 wurde Salah zusammen mit seinen beiden Brüdern verhaftet, weil sie alle drei verdächtigt wurden, Steine geworfen zu haben. Nach zehn Tagen hat man sie wieder entlassen. Bei anderer Gelegenheit wurde er festgenommen, bald jedoch gegen eine Kaution von 1.000 Schekel wieder auf freien Fuß gesetzt. Aber der Angriff in dieser Juni-Nacht – mit den brennenden Zigaretten auf seiner Haut, dem Messer in seinem Gesicht und der mysteriösen Tablette, die er schlucken musste, war das Unheimlichste von allem, was Salah bisher erlebt hat. Es kam zu einer anderen „Clockwork-Orange-Nacht“ – ich denke bei diesem Wort an den Film von Stanley Kubrick und die Frage, ob der Staat selbst zu krimineller Gewalt greifen darf.

Vier Soldaten, vier Zigaretten

Im Gebiet H2, dem von Israel kontrollierten Teil der Stadt Hebron, den schon fast alle Palästinenser aus Angst vor den Siedlern und den israelischen Streitkräften verlassen haben, kam es zu einer Zurschaustellung von rücksichtsloser Brutalität. Die Soldaten dachten offenbar, sie könnten im Schutze der Dunkelheit tun und lassen, was sie wollen. Ein Armee-Sprecher gab zu diesem Vorgang – vor allem den Torturen, die Salah Rajabi ertragen musste – eine entsetzlich lakonische Antwort: die bei der Polizei aufgenommenen Klagen würden an das Büro des Militärstaatsanwalts weitergegeben. Dann werde entschieden, was weiter geschieht. Was auch immer das bedeuten mag.

Wer ist dieser Salah Rajabi? Er war vor einem guten Monat gerade dabei, sein Abitur zu Ende zu bringen. Salah kommt aus einer armen Familie mit 19 Kindern von zwei Müttern. Jeden Tag geht er nach der Schule an seinen Süßwarenstand vor dem Haus und verkauft billige Baklava. Das tut er auch am 14. Juni. Wegen der Abschlussprüfungen fällt die Schule aus. Folglich steht Salah den ganzen Tag an seinem Stand, gegen zehn Uhr abends hat er alles verkauft. Danach will er noch eine Schwester besuchen, die wie ihr Mann taubstumm ist. Salah Rajabi ist ein kräftiger junger Palästinenser, muskulös, aber scheu und mit sanfter Stimme (wenn er vor dem Haus verkauft, dann sitzt sein älterer Bruder oft neben ihm und hilft).

Die Wohnung seiner Schwester liegt nur ein paar Blocks entfernt. Doch als Salah Rajabi an diesem Abend die Straßen entlang geht, die nur zum Teil beleuchtet sind, kommt ihm ein Jeep der Armee aus Richtung der Industriezone von Hebron entgegen und hält direkt vor ihm. Der Soldat, der vorn auf dem Beifahrersitz sitzt, öffnet die Tür und verlangt, Salahs Identitätskarte zu sehen. Der Fahrer daneben erkennt ihn sofort. „Ach, bist du das!“ – ruft er. Es könnte sein, dass der Junge in den Augen des Militärs als Unruhestifter verschrieen ist, obwohl er nie wegen irgendwelcher Vergehen verurteilt wurde. Zwei Soldaten, die bis dahin hinten gesessen haben, steigen aus, gehen auf Salah zu und stoßen ihn mit Gewalt ins Fahrzeug. Salah erinnert sich später, er habe keinen Widerstand geleistet, nur Angst gehabt. Man lässt ihn hinter dem Fahrer auf dem Boden des Jeep sitzen, fesselt seine Hände nicht. Auch über die Augen wird keine Binde gelegt, wie das sonst bei Verhaftungen üblich ist.

Nummer 230003/2010

Die Soldaten zünden sich Zigaretten an: vier Soldaten und vier Zigaretten in einem Jeep mit einem palästinensischen Verhafteten auf dem Boden. So fährt man durch das nächtliche Hebron, das sich über Nacht in ein Marlboro-Land verwandelt. Der Jeep fährt und fährt, bis sich plötzlich einer der Soldaten umdreht und Salah Rajabi die brennende Zigarette auf die Stirne drückt. Während der Junge versucht, sich vom Schock und dem Schmerz zu erholen, dreht sich ein andere Soldat um, zieht Salahs Arm nach vorn und drückt seine Zigarette zweimal in die Handfläche des Jungen. Hier sind die Löcher. Die Soldaten verfluchen ihn, und Salah Rajabi mag später nicht wiederholen, was sie gesagt haben. Nun greift der dritte Soldat nach seinem linken Arm und drückt gleichfalls seine Zigarette daran aus. Hier ist das Loch. Nur der Fahrer raucht ruhig weiter und tut nichts.

Das Spiel ist noch nicht aus. Nun nimmt der Soldat, der dem Jungen als erster die Stirn verletzt hat, ein Federmesser heraus, das man normalerweise benutzt, um die Plastikhandschellen eines Gefangenen durchzuschneiden. Er hält es an Salah Rajabis Wange. Der ist zu Tode erschrocken. Nun macht der Soldat über der ganzen Länge der einen Gesichtshälfte einen Schnitt, nicht tief, aber es fließt Blut. Der Junge wischt es mit seinem Hemd weg.

Der Jeep fährt weiter. Sie erreichen einen dunklen, leeren Platz in der Jebel-Juhar-Gegend von Hebron. Der Fahrer hält nun an und schaltet den Motor ab. Die vier Soldaten steigen aus und befehlen ihrem Opfer, sich auf den Boden zu knien. Salah tut, was ihm befohlen wird. Sie hätten seinen Kopf gegriffen und ihn gezwungen, den Mund zu öffnen, erzählt Rajabi später. Ein Soldat holt eine Pille heraus und steckte sie ihm in den Mund. Sie halten ihn so lange fest, bis sie sicher sind, dass er alles verschluckt hat. Dann warfen sie ihn zu Boden, steigen in ihr Fahrzeug und fahren davon.

Rajabi liegt erschöpft und in Panik im Dunklen, Gesicht und Arm blutverschmiert. Nach ein paar Minuten reißt er sich zusammen, steht auf und macht sich auf den Weg zu Verwandten, die ein paar hundert Meter weiter wohnen. Es ist gegen Mitternacht. Er klopft an die Tür. Sein Hemd ist schmutzig. Ahmed Rajabi öffnet ihm im Schlafanzug und ist erschrocken, seinen verzweifelten Neffen in diesem Zustand zu sehen. Der erzählt ihm, wie ihn die Soldaten mitgenommen, mit Zigaretten verbrannt, mit einem Messer geschnitten und gezwungen hätten, eine Tablette zu schlucken. Schließlich wird Kaad, Salahs Bruder, verständigt, der in der Nähe wohnt.

Salah fühlt, wie er das Bewusstsein verliert, was offenbar mit der ihm verabreichten Tablette zusammenhängt. Kaad trifft ein und bringt seinen Bruder umgehend ins Aliya-Krankenhaus von Hebron. Dort wird der Magen des Jungen ausgespült. Die Ärzte lassen Kaad wissen, sie würden leider nicht über die nötige Ausrüstung verfügen, um feststellen zu können, was genau dem Jungen verabreicht worden sei.

So wird Salah Rajabi mit einer Beruhigungsspritze versorgt und nach Hause geschickt. Seither ist er zu keiner Prüfung mehr angetreten und hat noch keine einzige Minute wieder an seinen Baklava-Stand gestanden. Doch gibt es inzwischen eine Klage der Familie bei der Polizei von Hebron. Sie trägt die Nummer 230003/2010.

Die israelische Armee hat dazu erklärt, sie wolle sich die Sache näher ansehen. Darauf hinzuweisen wäre noch, dass es in diesem Jahr in der Stadt bereits einen ähnlichen Vorfall gab, betroffen war Musa Abu Hashhash, ein Mitarbeiter von B’tselem, der israelischen Menschenrechtsorganisation, die sich seit Jahren in den besetzten Gebieten engagiert.

Gideon Levy ist Kommentator und Reporter der israelischen Zeitung Haaretz

Übersetzung: Ellen Rohlfs

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