Auf der Couch mit der First Lady

Hillary Clinton Ein Blick hinter die rätselhafte Fassade einer Frau, die erste Präsidentin der USA werden will
Ed Pilkington | Ausgabe 14/2015 16

Am Thanksgiving Day 1996 führte Hillary Clinton, damals First Lady der USA, ein langes Gespräch mit Diane Blair, ihrer engsten Vertrauten. Seit den 70er Jahren, als beide an der University of Arkansas in Fayetteville unterrichteten, waren sie beste Freundinnen und blieben es, bis Diane Blair an Krebs starb. In jenem Gespräch ging Blair unverblümt Clintons Hauptproblem an: ihren ruppigen Umgang mit der Presse. Könnte sie sich nicht viel Kummer ersparen, würden die Medienleute wenigstens zum Schein etwas freundlicher behandelt? Und wie wäre es, nicht ganz so oft die Frisur zu wechseln?

Die Freundin hatte einen Nerv getroffen. Entsprechend trotzig fiel die Antwort aus. Heute, da sich Hillary Clinton einmal mehr von skeptischen Journalisten bedrängt sieht – diesmal wegen des Gebrauchs der privaten E-Mail-Adresse in ihrer Zeit als Außenministerin –, klingen ihre widerspenstigen Worte von 1996 seltsam vertraut. „Ich bin eine stolze Frau. Ich bin nicht blöd und weiß, ich sollte mich bei der Presse mehr einschleimen. Ich weiß, ich muss Kompromisse machen. Aber ich tue es trotzdem nicht. Ich bin es gewohnt, zu siegen, und versuche immer, selbst über die Spielregeln zu entscheiden.“ Die Spielregeln mache ich selbst – das könnte ein wirksamer Slogan für ihre neue Präsidentschaftskampagne werden, die in den nächsten Wochen offiziell starten dürfte.

Die ehemalige Außenministerin lächelt für die Presse

Foto: Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Unlängst machte die Universität in Fayetteville ein ganzes Konvolut privater Papiere aus Diane Blairs Nachlass zugänglich, die zeigen, dass sich viele von Clintons späteren Erfolgen und Schwächen an jenem Ort im Staat Arkansas bereits abzeichneten. Wer war sie? Feministische Pionierin oder Karriere-Egoistin? Diane Blair selbst dachte viel über diese widersprüchlichen Zuschreibungen nach. Warum – so fragte sie sich in einer Notiz – erlebe sie ihre Freundin als „witzig, anarchisch, umwerfend“, während andere in ihr „eine böswillige, machtgierige, selbstherrliche Giftnudel“ sähen?

Gerade 27 geworden war Hillary Rodham, als sie nach Fayetteville kam, das eher linke Akademikerstädtchen im äußersten Nordwesten von Arkansas. „Fateville“ nannte sie es und machte sich damit über den Südstaatenakzent der Einheimischen lustig. Wobei es weniger das Schicksal war, das sie dorthin zog, als die unermüdlichen Charme-Offensiven Bill Clintons. Jim Blair, Dianes Ehemann, erinnert sich, wie zwiespältig Bill seine Anstrengungen sah, Hillary nach Fayetteville zu locken: „Er sagte, dass er seine Freundin überreden wolle, nach Arkansas zu kommen, aber dass sie dafür eine richtig große Karriere an der Ostküste in den Wind schießen lassen müsse.“

Es war seine Taktik, die Frauen aus dem eigenen Freundeskreis in Fayetteville auf Hillary anzusetzen. „Bill rief mich an und sagte, bitte lade sie mal ein. Ich wünsche mir, dass sie sich hier willkommen fühlt“, erinnert sich Margaret Whillock, die damals einer der Lockvögel war. Sie tat Bill den Gefallen und bat Hillary zum Gumbo-Eintopf. Die Chemie stimmte. „Wir kamen sofort bestens miteinander aus“, erzählt Whillock. Hillarys beste Freundin aber wurde Diane Blair, die an der Universität Politik lehrte. Die beiden hatten viel gemeinsam: Sie waren progressiv und feministisch. Und sie kamen von auswärts, Diane aus Washington, Hillary aus Chicago.

Die „Fateville“-Jahre

In Briefen nannte Clinton ihre Freundin „Missy Diane“, Weihnachtskarten aus dem Weißen Haus unterschrieb sie mit „Von Potus und Flotus“. Beständig tauschte man Buchtipps aus. Beide liebten Fräulein Smillas Gespür für Schnee von Peter Høeg sowie Arthur Goldens Die Geisha und schickten einander Cartoons zu. 1996, als die BSE-Epidemie in den Schlagzeilen war, übersandte Clinton an Blair einen Bilderwitz, der sich auch als Kommentar zu ihrem eigenen Image als First Lady lesen ließ. Ein Rind liegt auf der Couch eines Psychiaters und sagt: „Ich bin keine verrückte Kuh, ich habe bloß Probleme.“

Diane Blair revanchierte sich mit einem Zeitungsausschnitt über ein Walmart-Kaufhaus in Miami, das ein T-Shirt aus dem Sortiment genommen hatte, weil es „zu politisch“ war. Es trug den Schriftzug: „Eines Tages wird eine Frau Präsidentin sein“. „Skandal des Tages, wenn nicht des Jahres!“, schrieb Diane Blair dazu.

Auch Ann Henry zählte zu den Frauen aus Fayetteville, die zu Clinton eine dauerhafte Freundschaft aufbauten. Beide teilten die Erfahrung, dass sie sich als weibliche Rechtsanwältinnen gegen lauter männliche Juristen behaupten mussten. Im Oktober 1975 richtete Ann bei sich zu Hause den Hochzeitsempfang für Hillary und Bill aus, mit 250 Gästen. Von Anfang an, so Henry, habe sie Hillarys kristallklares Selbstbild beeindruckt: „Sie wusste sehr früh, wer sie war und was sie vom Leben wollte. Sie war da sehr geradlinig.“

Als es dann schwieriger wurde, hatte Clinton auch dafür klare Bewältigungsmechanismen. Sie vertraute Ann Henry an, mit welchem Ritual sie ihre kleine Tochter Chelsea tröstete, wenn diese einen schweren Tag gehabt hatte. „Jetzt waschen wir den Schmutz von heute ab“, sagte sie zu dem Kind, „und dann ist morgen ein neuer Tag, und wir sind wieder stark.“ Hillary selbst war zu dieser Zeit schon mit einigem Schmutz beworfen worden, unter anderem weil sie nach der Hochzeit zunächst ihren Mädchennamen Rodham behielt. Im Arkansas der 70er Jahre erschien das als geradezu umstürzlerischer Akt. Die Empörung nahm solche Ausmaße an, dass ihre Freundinnen sich zum Eingreifen verpflichtet fühlten. Nachdem Bill Clinton 1978 zum Gouverneur gewählt worden war, versuchte Ann Henry ihrer Freundin Hillary zu erklären, warum Gäste sich über Einladungen im Namen von „Gouverneur Bill Clinton und Hillary Rodham“ entrüsteten: „Alle dachten, ihr Mann ist so ein Schlappschwanz, dass sie nicht mal so heißen will wie er. Bald trug sie den Stempel: ,Diese Frau ist ein Problem.‘“

Das Getöse um ihren Namen war harmlos im Vergleich mit all den Unwettern, die folgten: der Whitewater-Immobilienskandal, der Zank um die Gesundheitsreform, der Travelgate-Prozess, Bill und Monica Lewinsky, der Anschlag auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi. Die Liste wird jetzt noch einmal länger, da allein aus den vergangenen Wochen noch zwei Einträge hinzugekommen sind – neben der E-Mail-Kontroverse auch der Streit um Spenden ausländischer Regierungen an die Clinton-Stiftung.

Margaret Whillock, die seit vier Jahrzehnten die Kämpfe ihrer Freundin mitverfolgt, sagt: „Hillary hat so oft einen auf die Mütze gekriegt, dass es irgendwann zu viel war. Immer wurde sie kritisiert, immer redete irgendwer schlecht über sie.“ Die Attacken hätten Spuren hinterlassen: „Sie ist viel verschlossener geworden. Denn ihre Erfahrung lautet, sobald sie ihr Visier hochklappt, bekommt sie wieder eins übergebraten.“

Clintons Neigung, sich zurückzuziehen, stand immer schon im Kontrast zum überschäumenden Temperament ihres Mannes. Bobby Roberts, ein Berater Bill Clintons in dessen Zeit als Gouverneur, formuliert es so: „Bill ist gesellig und extrovertiert – er tanzt auf allen Hochzeiten. So ist Hillary nicht. Verstockt wäre das falsche Wort – jedenfalls ist sie weitaus weniger überschwänglich als er.“

Mit Schmutz beworfen

Ernest Dumas, Herausgeber des Essaybands The Clintons of Arkansas, sieht gerade in dieser Reserviertheit eine Ursache für den Aufruhr, der sich erhob, als bekannt wurde, dass Clinton als Außenministerin für dienstliche E-Mails eine private Adresse nutzte: „Diese Sache ist der am wenigsten überraschende Politskandal, den ich je erlebt habe“, so Dumas. Sie folge dem gleichen Strickmuster wie schon vor Jahren die Whitewater-Affäre. Damals ging es um ein gescheitertes Grundstücksgeschäft in das die Clintons verwickelt waren. Die zermürbend lange Untersuchung des Sonderermittler Kenneth Starr zehrte an Bills Präsidentschaft, besonders als Hillary angab, einige Rechnungsbelege aus ihrer Anwaltskanzlei in Little Rock, über die das Geschäft gelaufen war, seien unauffindbar. Als die Papiere zwei Jahre später doch noch gefunden wurden, zeigte sich, dass sie keinerlei Ungereimtheiten aufwiesen. Aber die lange Verzögerung hattte für Spekulationen gesorgt. „Whitewater war viel Lärm um nichts,“ schreibt Dumas. „Es wäre gar nicht zum Skandal gekommen, wenn Hillary bloß ein bisschen offener mit der Sache umgegangen wäre. Sie hätte einfach die Akten vorlegen sollen, und der Fall hätte sich schnell erledigt.“

Sosehr sie stets auf jede Menge Respekt vor der Privatsphäre pochte, so wichtig war es ihr zugleich, in der Öffentlichkeit zu stehen und zu wirken. Schon in Arkansas zeichnete sich ihr Drang zur Politik deutlich ab. „Wenn es um Entscheidungen ging, redete Hillary immer mit“, erinnert sich Stephen Smith, ein Freund Bill Clintons, der ihn in dessen Zeit als Justizminister beriet. „Bei jedem Wahlkampf-Meeting saß sie dabei.“ Dumas ergänzt: „Sie war die wichtigste Figur in Clintons Regierung, auch wenn man sie nicht sah.“

Auch dass sie reich werden wollte, stellte Hillary Clinton frühzeitig klar. In ihrer Autobiografie Gelebte Geschichte (2003) heißt es, sie habe ihre Rolle in Arkansas nicht zuletzt darin gesehen, Geld ins Haus zu bringen: „Geld bedeutet Bill Clinton zu seinem Glück fast nichts. Als Gouverneur von Arkansas verdiente er nie mehr als 35.000 Dollar im Jahr. Ich machte mir Sorgen, denn ich fand, wir brauchten Rücklagen.“

Diese Selbstwahrnehmung ist bezeichnend: Hillary, Ehefrau des Gouverneurs und Mitinhaberin einer der renommiertesten Anwaltskanzleien von Arkansas, fühlte sich selbst knapp bei Kasse. In dieses Bild passt auch ihre Bemerkung vom Sommer 2014, am Ende von Bills Präsidentschaft seien sie beide „völlig pleite“ gewesen und bis heute „nicht wirklich wohlhabend“. Zwar machten die Clintons mit Whitewater tatsächlich keinen Profit. Doch eine andere Anlage brachte Hillary schon in Arkansas atemberaubende Erträge. 1978 investierte sie 1.000 Dollar in Vieh-Termingeschäfte und heimste damit binnen zehn Monaten 99.000 Dollar Gewinn ein – eine so außergewöhnliche Rendite, dass sie später Ermittler in Washington auf den Plan rief, was Hillary empörte.

Das Bild einer Frau in ständiger Abwehrhaltung ist noch so zutreffend wie vor Jahrzehnten. Wenn diese Frau sich den Reporterfragen zu ihrem E-Mail-Skandal stellt, erfassen die Kameras ein Gesicht, auf dem sich Misstrauen und Verbitterung deutlich abzeichnen, vielleicht auch eine Spur Verachtung. Warum ist Hillary Clinton für die einen witzig und umwerfend, für die anderen arrogant und giftig? Eine Antwort auf diese große Frage wird noch gesucht. Hillary selbst hat dafür nicht mehr wirklich viel Zeit, wenn sie die erste Präsidentin der USA werden will.

Ed Pilkington ist Chefreporter des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

11:30 13.04.2015
Geschrieben von

Ed Pilkington | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 7690
The Guardian

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 16

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community