Crescendo der Wut

Südafrika Südafrikas Präsident ist noch keine 100 Tage im Amt, schon breiten sich Streiks und Unruhen aus. Nun bittet Jacob Zuma um mehr Zeit, um seine Wahlversprechen zu erfüllen

Nach tagelangen Unruhen, Streikaktionen und anhaltenden Schlachten zwischen Township-Bewohnern und Polizei hat der südafrikanische Präsident Jacob Zuma seine Landsleute aufgerufen, von der Gewalt abzulassen. "Msholozi", wie viele den ANC-Mann rufen, braucht mehr Zeit, die im Wahlkampf versprochene Verbesserung ihrer Lebensbedingungen einzulösen. "Die Unruhen, die wir in unseren Townships erleben, zeigen uns, dass es viel zu tun und viel zu reparieren gibt", erklärt Zuma bei einer Kundgebung im Stadion eines Townships seiner Heimatprovinz KwaZulu-Natal – und räumte ein, dass die Regierung den an sie gestellten Erwartungen in den zurückliegenden 15 Jahren nicht gerecht geworden ist.

Sein Appell, es dürfe "keine Gewalt zwischen uns geben. Lasst uns zusammenarbeiten", stößt im Stadion allerdings auf verhaltene Reaktionen. Schon die Tatsache, dass nur 3.000 Menschen dem Aufruf zur Kundgebung gefolgt sind, muss für die Organisatoren vom African National Congress eine Enttäuschung sein. Man gestand später sogar ein, dass Zuma, der am Morgen des selben Tages bereits Arbeiter einer Baustelle für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Durban besuchte, seine Ankunft extra hinausgezögert hatte, damit das Stadion sich noch füllen könnte.

Nicht für viel zu danken

Eine von denen, die zu der Siyabonga ("Dank")-Kundgebung gekommen sind, ist Nozipho Mbambo. Beinahe hundert Tage sind vergangen, seit Zuma hüftenschwingend und mit großen Versprechen sein Amt angetreten hat. Jetzt sitzt die 24-Jährige im Gras und sagt: "Ich habe Msholozi nicht für viel zu danken." Vielleicht wäre das anders, fügt sie hinzu, wenn die Toilette angeschlossen worden wäre, die vor fünf Jahren für ihre Straße gebaut worden sei.

In den vergangenen Wochen bestimmten wieder Szenen wie aus den Zeiten der Apartheid in den Townships das Bild – Wolken beißenden schwarzen Rauches, der von brennenden Autoreifen empor steigt, Polizisten, die Gummigeschosse gegen die Anwohner richten, heulende Sirenen und – wohl am symbolträchtigsten – in Brand gesetzte Regierungsgebäude und Fahrzeuge.

Eine soziale Zeitbombe

Beobachter meinen, Südafrika sitze auf einer sozialen Zeitbombe. Die Regierung bemüht sich um Schadensbegrenzung – offenbar vor allem, um eine Explosion vor der im kommenden Jahr stattfindenden Fußball-WM zu verhindern.

Die Regierung, sagt Mbambo, die wie fast zwei Drittel der Bevölkerung am 22. April ihre Stimme für den ANC abgegeben hat, habe die Bodenhaftung verloren: "Wir wählen den ANC, weil man das muss. Sie sind wie eine königliche Familie. Zuma ist ein Zulu, also gab es für mich gar keine Frage. Das bedeutet aber nicht, dass ich glücklich bin", erklärt die alleinerziehende Mutter, die bei ihren Eltern lebt. "Zuerst möchte ich einen Job."

Die Ratten beißen die Kinder

Im halb ländlichen Hammersdale gibt es nur wenige Hütten und weitgehende Elektrizitätsversorgung. Ihren Müll müssen die Anwohner jedoch selbst verbrennen, weil er nicht abgeholt wird, erzählt Mbambo. Das Verkehrsnetz ist dünn, die Kriminalität hoch: "Man muss überall hin zu Fuß gehen. Es ist gefährlich hier, deshalb kann man nachts nicht ausgehen. Die Ratten beißen die Kinder. Letzten Monat haben Bewaffnete während eines Gottesdienstes die Kirchgänger überfallen."

Die junge Frau sagt, sie verstehe ihre aufgebrachten Landsleute in den Squatter Camps genannten Barackensiedlungen, in denen zumeist Schwarze leben. Mbambos Onkel lebt in Diepsloot nahe Johannesburg: "Er ist aus Alexandra hierher gezogen, weil Präsident Thabo Mbeki ihm ein Haus versprochen hat. Das ist jetzt aber schon acht Jahre her. Er ist ein Mann über 60 und muss sein Geschäft in einen Eimer verrichten. Nun hat der kommunale Stadtrat angeordnet, dass sie wieder umziehen müssen, auf eine Brache in der Nähe von Pretoria, um für eine neue Abwasserleitung Platz zu machen. Alle, die jetzt Aufruhr machen, haben meine Unterstützung."

Überall in den 283 Gemeinden Südafrikas haben ähnliche Vorfälle im letzten Monat für ein Crescendo der Wut gesorgt. Demonstranten schwangen Plakate, auf denen zu lesen war, das Leben sei unter der Herrschaft der Weißen besser gewesen. In Balfour in der Provinz Mpumalanga suchten verängstigte Äthiopier und Pakistaner vor einer Polizeistation Zuflucht. Sie fürchteten eine Wiederholung der fremdenfeindlichen Angriffe, die im vergangenen Jahr 63 Menschen das Leben kosteten und rund 100.000 Menschen obdachlos machten.

Erschreckende Zahlen

Fünfzehn Jahre nach den ersten allgemeinen, freien Wahlen sieht es düster in Südafrika aus. Ganz egal welche Statistiken man sich anschaut: In Hammersdale liegt die HIV-Infektionsrate bei 33 Prozent. Vor kurzem sind dort die Aids-Medikamente ausgegangen. Neuen Studien zufolge leben landesweit 70 Prozent aller Kinder in Armut. Die Zahl der schwarzen Waisenkinder ist binnen fünf Jahren um mehr als ein Viertel gestiegen. Fast 148.000 Haushalten steht ein Kind vor, weil die Eltern gestorben sind.

Kein Wunder, dass die Proteste immer mehr um sich greifen. Und die Arbeitskämpfe. 150.000 Angestellte des öffentlichen Dienstes sind in den Streik getreten. Wenn auch noch die Beschäftigten der Chemieindustrie die geplanten Ausstände aufnehmen, könnten die Benzinpumpen trocken laufen. Astronomische Forderungen stellen die Streikenden nicht. Die Beschäftigten der Bauindustrie, die vor kurzem die Bagger und Betonmischer stehen ließen und damit die Arbeit an den WM-Projekten für eine Woche blockierten, hatten eine bescheidene Erhöhung ihres Stundenlohns von 14 Rand (etwa 1, 30 Euro) auf 15,68 Rand verlangt. Schließlich ging die Bauindustrie darauf ein. Zumindest dort erfreut man sich gerade eines Boomes: Die Vorsitzenden der fünf Firmen, die an den Stadienbauten beteiligt sind, haben dieses Jahr Aktienoptionen in Millionenhöhe gefordert, die Jahresgehälter ihrer Geschäftsführer liegen durchschnittlich bei sieben Millionen Rand (etwa 610.000 Euro)

Öl ins Feuer

Überhaupt wird die Kluft zwischen arm und reich immer tiefer. Während die Bewohner der Squatter Camps tobten, gingen die neuen Kommunikations- und Erziehungsminister auf Auto-Einkaufstour. Besonders feinfühlig wirkte es nicht, als deren Sprecher den Kauf von vier Oberklassewagen in Gesamtwert von 360.000 Euro später damit rechtfertigten, die Kabinettsmitglieder hätten "die Regeln befolgt".

Die Fehler der Regierung im Umgang mit der derzeitigen Wirtschaftskrise tragen zu der Verbitterung Hunderttausender bei. Nachdem man im letzten Jahr die fremdenfeindliche Gewalt im Grunde ignorierte, hat der ANC diesmal zwar den bislang unbekannten Minister für "kooperative Regierungsführung und Traditionsangelegenheiten" beauftragt, sich der Sache anzunehmen. Der aber gießt noch Öl ins Feuer.

In einem Radiointerview empfahl er Südafrikanern, sie sollten sich mit ihren Beschwerden an Zumas neue "Präsidentenhotline" wenden – die allerdings erst im September in betrieb genommen wird. Demonstranten, die auf Plündertour gegangen waren, bezeichnete er als "Opportunisten, die ihre schlechten Lebensbedingungen benutzen, um Nutzen aus der Situation der ziehen." Um das Image des Landes bemüht, ließ er verlautbaren: "Die internationale Gemeinschaft braucht keine Angst zu haben. Vor der Weltmeisterschaft in Frankreich 1998 gab es einen großen Streik und alles stand still. Aber niemand betrachtete das als ein Problem für die WM."

Die Regierung erkennt indes an, dass die 2,6 Millionen Häuser, die sie seit 1994 gebaut hat, noch immer 2,1 Millionen zu wenig sind, um das Ziel zu erfüllen. Doch Versuche, die Verantwortung auf die Regionalbehörden und Gemeinderäte abzuwälzen, stoßen auf wenig Verständnis. Die gewöhnlichen Südafrikaner - und die ungefähr eine Millionen unter ihnen, die in Hütten hausen – sind sich sicher: Das Versagen bei der Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen ist ein Resultat der Vetternwirtschaft innerhalb des ANC.


Übersetzung: Zilla Hofman

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:00 01.08.2009
Geschrieben von

Aley Duval-Smith, The Observer | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14697
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2