Das Ende der Erde

Klima Das Verbrennen fossiler Rohstoffe hat schon einmal alles Leben ausgelöscht
Das Ende der Erde
Lavaströme zerstörten vor 190 Millionen Jahren ganze Ökosysteme

Foto: Richard Bouhet/AFP/Getty Images

Wussten Sie, dass Energiesparlampen in den USA für den Vormarsch des Islamischen Staates (IS) im Irak und in Syrien verantwortlich sein könnten? Zumindest scheint John McCain das zu glauben. Als er Barack Obama im Mai vorwarf, er verfüge im Kampf gegen den IS über keinerlei Strategie, schloss der Republikaner seine Ausführungen über die von den Dschihadisten begangenen Gräuel mit der Bemerkung: „Und der Präsident glaubt, unser größter Feind sei der Klimawandel.“

Davon, dass der von ihm 2003 befürwortete Krieg den Irak destabilisierte und für ein politisches Vakuum sorgte, in das der IS stoßen konnte, sprach McCain so wenig wie von der ideologischen Nähe der Extremisten zu den salafistischen Glaubenssätzen, die das von vielen US-Republikanern hofierte saudische Regime vertritt. Nein, es sind die energetische Gebäudesanierung und die Förderung der Solarkraft, die dem IS die Erfolge ermöglicht haben.

Dabei besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Klimawandel und syrischem Bürgerkrieg – freilich in einem anderen Sinne. Schließlich dürfte die schwere Dürre, die von 2006 bis 2010 in der Region herrschte, ein Katalysator des Aufruhrs gegen Baschar al-Assad gewesen sein. Diese schwere Trockenperiode trieb anderthalb Millionen syrische Farmer in die Städte, wo sie angesichts des Unvermögens der Baath-Regierung, angemessen auf die Lage zu reagieren, den Aufstand probten, um ihrer Not Geltung zu verschaffen. Klimamodelle legen nahe, dass die vom Menschen verursachte Erderwärmung die Wahrscheinlichkeit derartiger Dürren mehr als verdoppelt.

Vulkane, Kohle, Öl

Doch das ist nichts im Vergleich zu der eigentlichen Gefahr, die von der Erderwärmung ausgeht. Es deutet vieles darauf hin, dass klimatischer Wandel in der Frühgeschichte der Erde die häufigste Ursache für das sogenannte Massenaussterben war. Obwohl globale Katastrophen dieses Kalibers in den Medien noch immer gern mit Asteroiden-Einschlägen erklärt werden, haben sich derlei Zusammenhänge als unhaltbar erwiesen, seit sich Gestein zeitlich besser zuordnen lässt. So ereignete sich etwa der berühmte Meteoriten-Einschlag im mexikanischen Chicxulub, der für das Ende der Dinosaurier verantwortlich gemacht wurde, in Wirklichkeit mehr als 100.000 Jahre, bevor die Riesenechsen von der Bühne der Erdgeschichte abtraten.

Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Artenverluste wiederholt von drei gleichzeitig auftretenden Einflüssen bewirkt wurden: rasantem Temperaturanstieg, einer Versauerung der Weltmeere und einem Sauerstoffverlust in den Ozeanen. All dies wiederum wurde dadurch verursacht, dass große Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangten. Durch sein Eindringen ins Meerwasser erhöhte sich dessen Säuregehalt. Mit steigenden Temperaturen verlangsamte sich schließlich die Wasserzirkulation, was verhinderte, dass Sauerstoff in die tieferen Lagen gelangte.

Die großen Kohlendioxid-Emissionen der Vergangenheit wurden durch Vulkanausbrüche verursacht, die um ein Vielfaches verheerender ausfielen als alles, was wir heute erleben. Die Dinosaurier fielen möglicherweise Eruptionen zum Opfer, die so gewaltig waren, dass der Lavastrom sich mehr als 1.500 Kilometer weit ergoss. Doch selbst dieses Ereignis wird durch eine Krise in den Schatten gestellt, die sich 190 Millionen Jahre zuvor ereignete und fast alle Meeresbewohner sowie einen Großteil der an Land lebenden Arten auslöschte – die sogenannte Perm-Krise vor 252 Millionen Jahren vollzog sich vermutlich in zwei Phasen von je 60.000 Jahren und löschte Ökosysteme aus, so dass ganze Wälder verschwanden. Als die sich regenerierten, entstanden neue Tier- und Pflanzenarten.

Jüngste Forschungen legen nahe, dass jene Dezimierung der Artenvielfalt durch die Eruption eines vulkanischen Gürtels verursacht wurde. Es ist anzunehmen, dass Kohlendioxid der Hauptgrund war. Die Veränderung – sie verursachte einen Anstieg der Meerestemperatur um bis zu zehn Grad – erfolgte so plötzlich, dass die Mehrzahl der Lebensformen nicht in der Lage war, sich schnell genug anzupassen. Ein Teil des Kohlendioxids „sprudelte“ aus dem Magma heraus. Doch auch fossile Brennstoffe dürften eine Rolle gespielt haben. Die Vulkane explodierten durch die Sedimente hindurch und kochten einen Teil der Kohle, des Erdöls und des Methans, die diese enthielten.

Und heute? Die durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe verursachte Versauerung der Meere geht schneller vonstatten als jemals in den vergangenen 300 Millionen Jahren. IS? Globale Sicherheit? Sollte jemand ein Massenaussterben von der Dimension der Perm-Katastrophe überleben, dürfte er sich wundern, dass wir derlei Dinge je für wichtiger gehalten haben.

George Monbiot ist Guardian-Kolumnist

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 04.11.2015
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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