Das Ende eines Relikts

Mord Die Ermordung es Neonazis Eugene Terre'Blanche zeigt, wie zerbrechlich die südafrikanischen Gesellschaft auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch ist

Mit dem Mord an Eugene Terre’Blanche am vergangenen Sonntag ist die Ära Nelson Mandelas zu Ende gegangen. Kaum ein bürgerlicher oder linker Politiker wird dem unverbesserlichen Neonazi, der für das moderne Südafrika so gut wie keine Bedeutung mehr hatte, eine Träne nachweinen. Er war ein Relikt der vergangenen Ära des südafrikanischen Polizeistaates und der Aufstände von Soweto und Sharpeville . Dass er allerdings als vollwertiger Bürger an Desmond Tutus Rainbow Nation teilhaben konnte, war ein wichtiges Indiz dafür, dass das Land nach Jahrhunderten radikaler Trennung und großer Brutalität in sich selbst einen gewissen Frieden finden konnte. Somit stand Terre’Blanche gleichzeitig für alles, was an dem alten Apartheidsregime verachtenswert war, wie auch für alles Neue, Fortschrittliche und Hoffnungsvolle.

Ungeachtet seiner abstoßenden Rassenideologie und Nazi-Kostümierung: Die südafrikanische Verfassung ist wohl eine der liberalsten der Welt und sieht auch Raum für derartige Dissidenten und Betonköpfe vor. Im Nachhinein war die Robustheit der Rainbow Nation von 1995 allerdings untrennbar mit der „Madiba Magic“ Mandelas verbunden (Madiba ist der Clanname Mandelas). Mit dem ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas alterte auch ihr Bild – heute ist sie nur noch eine Schwarzweiß-Kopie ihres einstigen Selbst.

Der aktuelle Film mit Matt Damon und Morgan Freeman, Invictus, der zeigt, wie das südafrikanische Rugby-Team, die Springboks, 1995 zu internationalem Ansehen gelangte und die Weltmeisterschaft gewann, neigt einerseits zwar zu einer starken Verklärung und Romantisierung jener Zeit, andererseits erinnert er aber auch zurecht an eine Phase in der noch jungen Geschichte des neuen Südafrikas, in der eine nicht durch Rassismus geprägte Zukunft für das Land in greifbarer Nähe schien. In dieser Hinsicht ist die Fußball-WM 2010 ganz anders. Viele in der weißen Community gehen von einem Scheitern des Turniers aus. Die hohe Kriminalitätsrate, Korruption und mangelnde Kompetenz verhindern nach Ansicht der Zweifler nationale Einheit und internationalen Respekt unmöglich.

Tod des Optimismus

Vor kurzem gab es Aufregung um ein Lied aus der Anti-Apartheid-Ära, das die Zeile „kill the boer, kill the farmer“ enthält: „Tötet die weißen Farmer“. Der umstrittene Vorsitzende des ANC-Jungendverbandes, Julius Malema, hatte sich dafür eingesetzt, doch das höchste Gericht des Landes erklärte es vor kurzem für verfassungswidrig. Der Konflikt um diese Zeilen zeigt, wie tief Südafrika auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch immer gespalten ist. Die Gettoisierung der Gesellschaft wird zunehmend zur Norm. Statistiken zeigen, dass die Ungleichheit zwischen Reich und Arm –das heißt im Grunde immer noch zwischen Weißen und Schwarzen – heute so festgefahren ist wie in den Jahren vor 1994.

Malema verkörpert alle Schwächen, mit denen Südafrika nach dem Ende der Ära Mandela zu kämpfen hat. Verhätschelt, bockig und offenbar nur gegenüber sich selbst verantwortlich, ist er die Antithese zu Mandelas Idee der Versöhnung. Die Kontroverse, die dem Verbot von „kill the boer“ vorausging und die Ermordung Terre’Blanches stehen stellvertretend für den Tod des Optimismus in Südafrika. Wir beklagen nicht den Verlust Terre’Blanches, wir beklagen den Verlust der Vision dessen, was beinahe Wirklichkeit geworden wäre.

In diesem Jahr sind die Augen der Welt auf Südafrika gerichtet. Nicht nur für das Land selbst, sondern für das gesamte südliche Afrika und vielleicht für das ganze Afrika südlich der Sahara ist von entscheidender Bedeutung, dass das Turnier zu einem Schaufenster all dessen wird, was seit 1994 erreicht wurde. Wer unter Thatcher aufwuchs und die Poll Tax Riots miterlebte, ist auch ein Kind der Kampagne zur Beendigung der Apartheid. Der Verlust des Idealismus in Südafrika trifft nicht nur die Südafrikaner, sondern alle, die glaubten, einen Anteil an der Verwirklichung des Post-Apartheid-Traumes zu haben.

Auch wenn Südafrika 2010 für alles Positive stehen sollte, was im Afrika des 21. Jahrhunderts möglich ist, gibt es große Unterschiede zwischen 1995 und 2010. Trotz aller Romantik war 1995 eine Phase echter Hoffnung, Erwartung und Antizipation. Das Südafrika von 2010 ist zunehmend zynisch, kurzsichtig und gespalten. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass der Geist der Rainbow Nation der Verdrossenheit eines zunehmend übersättigten und selbstgefälligen ANC entrissen wird, der wie so viele Befreiungsbewegungen nach der Übernahme der Regierungsverantwortung Gefahr läuft, seinen moralischen Kompass zu verlieren.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:05 06.04.2010
Geschrieben von

Adrian Flint und Jil Payne | The Guardian

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The Guardian

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