Das hat Potenzial!

Porträt Jerry Seinfeld hat mit seiner Serie "Seinfeld" Humor im Fernsehen revolutioniert. An seinen Witzen feilt er auch heute noch wie ein Besessener
Oliver Burkeman | Ausgabe 06/2014 2

Einmal, manchmal auch zweimal pro Woche verlässt Jerry Seinfeld gegen Abend sein Manhattaner Büro und geht nicht nach Hause, sondern taucht unangekündigt in einem der kleinen Stand-up-Comedy-Clubs von New York oder New Jersey auf. Dort reiht er sich mit einer Nummer in das Programm des Abends ein.

Seinfeld verdient pro Jahr mindestens 32 Millionen Dollar, größtenteils mit Erlösen aus den Syndizierungen seiner legendären Sitcom Seinfeld. Zehn Jahre lang hat er die Serie gemacht, der nachgesagt wurde, es ginge darin „um nichts“. Und mittlerweile könnte er es sich ohne weiteres leisten, nichts zu machen. Er arbeitet aber trotzdem lieber an seinen Comedy-Nummern: Sie sollen perfekt sein – hier fügt er einen Satz hinzu, dort streicht er ein Wort. Und er analysiert, wie das Publikum lacht.

Seinfeld ist ein Wissenschaftler der Comedy, der seine Mittel mit größter Sorgfalt kalibriert. Zu dem Zeitpunkt, zu dem man in einer seiner Liveshows oder im Fernsehen etwas von ihm zu hören bekommt, hat er es bereits über Monate oder Jahre hinweg getestet, so dass sich keine überflüssige Silbe mehr daran findet. Etwa: „Wie kann Feuchtigkeit schlecht für Leder sein? Ich dachte, Kühe seien viel draußen.“ Oder auch: „Ein Zweijähriger ist wie ein Mixer, für den man keinen Deckel hat.“

Weil seine Sachen nie anstößig oder obszön sind, weil er sie so entspannt rüberbringt und weil er so unglaublich reich ist, ist es leicht, den Seinfeld des Jahres 2014 als zu glatt, selbstgefällig und massenkompatibel zu verdammen. Doch in seinen besten Witzen geht extreme Professionalität in eine Art absurden Zen über – und das erfordert viel Arbeit.

„Für jemanden wie mich steckt ein Lachen voller Informationen“, sagt er an einem strahlenden Wintermorgen in einem Fotostudio drei Stockwerke über dem Broadway. Er kommt gerade von einem Shooting, für das er in einen der Designeranzüge geschlüpft ist, die zu seinem Markenzeichen geworden sind. Jetzt trägt er wieder schwarze Jeans, ein Sweatshirt und blau-grüne Turnschuhe. „Das Timbre, die Ausprägung, die Länge – es liegt immens viel Information in einem Lachen“, fährt er fort. „Wenn Sie mir von meinen Auftritten nur das Gelächter des Publikums vorspielten, könnte ich Ihnen ziemlich häufig sagen, welcher meiner Witze vorher dran war. Beides gehört zusammen.“

Niemand lacht wegen des Rufs

Obwohl er im öffentlichen Bewusstsein der ewige Vierzigjährige ist, wird er bald 60 – ein Alter, über das er früher Witze gemacht hat. („Meine Eltern ziehen nach Florida. Sie wollten eigentlich gar nicht, aber jetzt sind sie in ihren Sechzigern, und so lautet nun mal das Gesetz.“) Er ist zu einem großen alten Mann des Stand-up geworden. Lacht das Publikum nicht schon allein deshalb, weil er Seinfeld ist – vor allem, wenn es ihn an dem Abend nicht auf der Bühne erwartet hat? „Vielleicht ein paar Minuten. Aber niemand lacht nur wegen meines Rufs. Am Anfang vielleicht. Aber das Publikum kann mir nichts vormachen.“

Nachdem die Serie 1998 eingestellt wurde, hat man jahrelang über Seinfelds nächstes Projekt spekuliert. 2002 kam die Doku Comedian, 2007 wirkte er bei dem mäßigen Kinoerfolg Bee Movie – Das Honigkomplott als Koautor und Produzent mit. Außerdem sprach er die Stimme einer Biene, die zu ihrem Empören erfährt, dass die Menschen ihr und ihren Artgenossen den Honig stehlen. Eine echte Karriere als Hollywood-Produzent kam für Seinfeld aber nie in Frage.

Was, wenn der Post-Seinfeld-Seinfeld einfach nicht der Typ für Großprojekte ist? Seine jüngste Kreation, Comedians in Cars Getting Coffee, hat viele brillante Momente, ist aber eigentlich noch nicht einmal eine Show über nichts. Selbst Show ist schon zuviel gesagt. In jeder der unterschiedlich langen Folgen holt Seinfeld einen Comedy-Kollegen in einem Oldtimer ab (bislang waren schon Chris Rock, Larry David, Mel Brooks und Ricky Gervais dabei). Sie fahren dann zusammen zu einem Imbiss oder einem Café, trinken Kaffee und unterhalten sich.

Ein Kritiker des New Yorker schrieb: „Der eigentliche Inhalt der Show besteht aus dem scheinbar unfreiwilligen, schnaufenden und gackernden Gelächter zweier Männer mittleren Alters, die von den Bemerkungen des anderen so amüsiert sind, dass sie sich vor Lachkrämpfen kaum auf ihren Stühlen halten können.“ Abgesehen davon, dass sehr ab und an sehr wohl auch eine Frau dabei ist, ist diese Analyse zutreffend. Dennoch funktioniert das Format erstaunlich gut.

Pastrami und jüdische Witze

„Ich wollte eine unangestrengte Talkshow machen, bei der man nicht extra irgendwohin geht und sich keine Gedanken machen muss, was man anzieht. Kein Make-up, keine Vorbereitung, nichts. Man steigt in ein Auto. Das ist alles.“ Die Mühe kommt bei der Nachbearbeitung. Da ihm diese aber die Möglichkeit gibt, obsessiv an dem Material zu schleifen, ist auch das „irgendwie ein Vergnügen“. Das Format bietet ihm keinen Raum für beim Publikum getestete Seinfeld-Einzeiler. Ein Großteil des Unterhaltungswerts hängt somit von den Beiträgen der anderen Comedians ab. In einer der besten Folgen isst Mel Brooks in einem Wohnzimmer Pastrami und erzählt endlose jüdische Witze.

Einige Kritiker vertreten die These, dass Jerry Seinfelds Art der Comedy ganz und gar ein Kind der 1990er war – einer Ära des ökonomischen Überflusses, in der die Angst vor dem Klimawandel noch nicht um sich gegriffen hatte und in der bodenlose Selbstbezogenheit noch vernachlässigbar schien. Die Serie heute noch einmal zu schauen, ist eine seltsame Erfahrung. Klar, die Frisuren sind furchtbar. Die vielgehypte Fokussierung auf „nichts“ – aufgebauschte Konflikte mit Türstehern, Restaurantbesitzern und so weiter – wirkt hingegen vertraut. Man kennt sie aus vielen neueren Sitcoms, die Seinfeld zu ihren Einflüssen zählen – von Arrested Development über The Office bis zu Curb Your Enthusiasm.

Herausstechend an den alten Seinfeld-Folgen ist eine seltsame Gefühllosigkeit: Außer gegenüber den vier Hauptfiguren herrscht eine absolute Gefühl- und Bedenkenlosigkeit, die heute noch nicht einmal von den Kids in South Park übertroffen wird. Als sich etwa die Verlobte einer Hauptfigur an dem Klebstoff der billigen Hochzeitseinladungen vergiftet und stirbt, ist die Erleichterung des Verlobten sicherlich komisch. Sie ist aber auch von einer pathologischeren Egozentrik als alles, was man im Comedy-Kontext heute so im Fernsehen sieht.

Der reale Seinfeld hat für diese Art der Analyse nicht viel übrig. Er hat kein Interesse daran, dem Zeitgeist oder den postmodernen Themen nachzuspüren, die Akademiker gern in seinen Arbeiten ausmachen. Dem klischeehaften Bild vom Comedian, der mit inneren Dämonen kämpft, zieht er den Vergleich mit einem Baseballspieler oder einem Sprinter vor: Auch er trainiert wie besessen eine einzige Fertigkeit und kämpft ständig darum, seine Überlegenheit und seinen Vorsprung nicht einzubüßen. „Ich betrachte mich mehr als Sportler denn als Künstler“, sagt er.

Der Beruf, der zu ihm passt

Das erklärt auch, warum ihn die Frage, ob er gern in einem Film mitspielen würde, dermaßen erstaunt. „Ich finde es komisch, dass jemand auf den Gedanken kommt, ich könnte auch nur das geringste Interesse daran haben. Baseballspieler denken auch nicht: Ich muss Fußballer werden. Sie denken: Ich muss tun, was ich kann, um diesen Ball heute zu treffen“, sagt Seinfeld. „Als Comedian habe ich diese eine Sache gefunden, den Beruf, der zu mir passt. Warum sollte ich das aufgeben?“

Zu der sportlichen Herausforderung gehört für ihn auch, sein Programm sex- und fluchfrei zu halten. Die einfachsten Lacher bleiben ihm so verwehrt: „Jemand, der sich mit einer Pistole in der Hand verteidigen kann, ist einfach nicht besonders interessant. Jemand, der sich mit Aikido verteidigt, hingegen sehr.“ Das Gleiche gilt für seine Beschäftigung mit Details. „Es ist viel einfacher, wenn man über etwas redet, das wichtig ist. Das verschafft einem eine sicherere Grundlage, als wenn man über etwas redet, das nicht diskutiert werden muss.“ Zum Beispiel? „Ich mache viel über Stühle. Ich finde Stühle komisch. Ich kann mich wirklich für so etwas begeistern. Niemand interessiert sich für solche Dinge, aber ich werde ihr Interesse daran wecken! Mir macht das einfach Spaß. Das ist die Grundlage meiner Karriere.“

In einer Folge von Comedians In Cars versucht er aber doch, etwas ernsthafter zu werden: Er spricht darin mit seinem früheren Seinfeld-Partner Michael Richards über eine rassistische Triade gegen schwarze Zwischenrufer, die Richards’ Stand-up-Karriere 2006 abrupt beendete. „Es war eine schreckliche Fehleinschätzung“, sagt Seinfeld heute. Doch er beharrt darauf, dass es eine „Fehleinschätzung“ war. Wer aus der Situation schlösse, dass Richards ein Rassist wäre, verstünde Stand-up falsch: Vor der Kamera macht Richards, der die Konsequenz gezogen hat, niemals wieder als Stand-up zu arbeiten, den Eindruck, er würde den Vorfall aufrichtig bereuen.

Komikerkollegin Sarah Silverman hat Seinfeld vor Kurzem in der New York Times den „unneurotischsten Juden der Welt“ genannt. Dabei verlief seine Jugend äußerst typisch für einen Juden in New York. Als Sohn österreichischer und syrischer Einwanderer wuchs er in einer Kleinstadt auf Long Island auf. Die Familie lebte streng koscher und ging in die Synagoge. Als Teenager besuchte er ein Kibbuz in Israel. Er hat aber offenbar nie daran gedacht, etwas anderes zu werden als Comedian. Schon auf dem College brachte er seine Tutoren dazu, ihn Stand-up-Comedy studieren und für Leistungspunkte auftreten zu lassen.

Von seinen ersten Stand-up-Shows bis in seine Zeit als Star hat er an jedem Tag ein Kreuz in den Kalender gemacht, an dem er etwas geschrieben hatte. Schon bald hatte er eine lange Reihe von Kreuzen und machte auch deshalb weiter, weil er die Kette nicht abreißen lassen wollte. Seitdem er das einem Möchtegern-Comedian verriet, hat „Seinfelds Produktivitätsgeheimnis“ im Netz Kultstatus erlangt: Es gibt mindestens drei Apps und eine Website, die einem helfen sollen, es ihm nachzutun.

"Die Jungs brauchen neues Material"

Ihn amüsiert das über alle Maßen. „Eigentlich ist es so doof, dass man gar nicht darüber reden bräuchte. Als Läufer, der besser werden will, läuft man jeden Tag und markiert sich den Tag im Kalender. Ich kann nicht glauben, dass diese Information für irgendjemanden nützlich sein könnte.“ Er breitet seine Handflächen aus, um das Offensichtliche der Erkenntnis zu unterstreichen. „Gibt es wirklich Menschen, die glauben, ich würde die ganze Zeit nur herumsitzen, ohne irgendetwas zu tun und die Arbeit erledigte sich von allein?“

Über sein Programm spricht er, als hätte er es mehr entdeckt denn erschaffen: Beobachtungen, die da draußen, vom Alltag verborgen, auf ihn warten. Ein Beispiel: Seine zwei Söhne stritten sich, weil einer gefurzt hatte. „Sie stritten: ‚Wer ihn zuerst gerochen, dem ist er ...!‘ – und ich dachte mir nur, mein Gott, die Jungs brauchen dringend neues Material. Das hab ich schon gesagt, als ich fünf war. Vor über fünfzig Jahren! Ich kann nicht glauben, dass sie noch immer mit demselben Material arbeiten.“

„Kinder brauchen neues Material.“ – An der Idee könnte was dran sein. Mit ein wenig Arbeit könnte daraus eine neue Nummer werden. Warum manche Dinge Potenzial haben und andere nicht, könne er auch nicht erklären, sagt Seinfeld. Stühle zum Beispiel seien von sich aus amüsant, Salzstreuer nicht. Während er über das komische Potenzial anderer Gegenstände nachdenkt, wirkt sein Gesicht sehr ernst. Dann sagt er: „Gabeln finde ich sehr lustig.“


Von der postmodernen Sitcom zur Internet-Serie

Jerry Seinfelds Spezialität ist die genaue Beobachtung von Alltagssituationen und ihre humoristische Verwertung. In seiner Sitcom Seinfeld, von der zwischen 1989 und 1998 180 Folgen produziert wurden, spielte er eine halbfiktionale Version seiner selbst. Die Serie schaffte das Kunststück, sowohl die Kritiker zu begeistern als auch bei den Einschaltquoten sehr erfolgreich zu sein. Weil Seinfeld als Stand-up-Comedian einen Stand-up-Comedian spielte und weil in manchen Folgen die Chronologie der Ereignisse umgekehrt wurde, bezeichneten Kulturwissenschaftler Seinfeld gern als „postmoderne Sitcom“. Die oberste Regel lautete: „No hugging, no learning.“ Die Charaktere sollten sich bewusst nicht im Laufe der Serie entwickeln und dazu lernen – und die Zuschauer sollten keine Empathie für die Figuren empfinden. Seinfeld kultivierte den kalten Blick beim Lachen.
Jeremy „Jerry“ Seinfeld wurde am 29. April 1954 in Brooklyn geboren. Sein Vater war österreichisch-jüdischer, seine Mutter syrisch-jüdischer Herkunft. Er wuchs in der 20.000-Einwohner-Stadt Massapequa auf Long Island auf. Nach dem College begann er mit Stand-up-Comedy auf New Yorker Bühnen und kam so zum Fernsehen. Eine Zeitlang trat er auch in David Lettermans Late Night Show auf.
Neben Auftritten mit seinem aktuellen Programm ist Seinfeld heute in der Internet-Serie Comedians in Cars Getting Coffee zu sehen, deren dritte Staffel vor Kurzem angelaufen ist. jap

Oliver Burkemann berichtet für den Guardian aus New York.


AUSGABE

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 19.02.2014
Geschrieben von

Oliver Burkeman | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 31/2020

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