Das letzte Beben des Print-Zeitalters

News of the World Wir befinden uns in einem seltsamen Interregnum zwischen zwei kulturellen Hegemonien - bevor sich auch online die altbekannten Hierarchien durchsetzen

Natürlich deuten die Ereignisse der vergangenen Woche auf systematische Korruption im öffentlichen Leben Großbritanniens hin, sie verweisen aber auf ein noch tiefergehendes Phänomen. So schräg das klingen mag: Man könnte die unheilige Allianz aus Medien, politischer Klasse und Polizei als epiphänomenalen Hexenkessel bezeichnen. Obwohl sie die auflagenstärkste Zeitung Großbritanniens war, fungierte die News of the World für das Verlagshaus News International als eine Art Testballon in einer Zeit, in der nicht nur die harten Nachrichten, sondern auch bösartiger Klatsch sich mit großer Geschwindigkeit ins Internet verlagert hat.

In unserer Kultur findet eine tektonische Verschiebung statt. Wir bewegen uns vom Zeitalter der Printmedien und des Rundfunks, in dem Informationen über eine pyramidenförmige soziale Struktur nach unten verbreitet werden, zu einer pro forma egalitären Netzkultur. Marshall McLuhans Gleichsetzung von Medium und Message ist zum Schibboleth geworden, gelispelt auf tausenden von Internetforen - weniger bekannt ist jedoch, dass sich aus dem glokalen Phänomen Web plus Internet erst noch ein klar definiertes Medium herauskristallisieren muss. Wir befinden uns in einem herrschaftslosen Stadium des Übergangs zwischen zwei kulturellen Hegemonien. In solchen Zeiten treten die merkwürdigsten Erscheinungen zutage; Marx hat dergleichen an den politischen Interregna beobachtet.

Jeder kann bloßgestellt werden

Mir scheint, dass im Aufstieg des Reality-TV und der so genannten Demokratisierung der Prominenz in den frühen Nullerjahren ein Schlüssel zum Verständnis unseres Interregnums liegt. Formaten wie Big Brother, Talent- und Castingshows, in denen gewöhnliche Leute im Mittelpunkt stehen und kompetitiven Formaten, in denen „Promis“ ihrer Fähigkeiten beraubt werden, liegt die unausgesprochene Überzeugung zugrunde, dass nicht nur jeder berühmt werden kann – Wahrhols Prophezeiung –, sondern dass auch diejenigen, die bestimmte Talente besitzen, nun dazu gezwungen werden können, diese zu verwerfen, wenn sie auf dem Marktplatz der Unterhaltung nicht nachgefragt werden.

Diese Entwicklungen sind der Lärm, der an der Oberfläche durch die tektonischen Verschiebungen in der Tiefe entsteht. Wenn jeder es zu Prominenz bringen kann, kann auch jeder bloßgestellt werden. Das Abhören der Telefone von Opfern der Anschläge auf die Londoner U-Bahn, von Angehörigen der in Afghanistan getöteten Soldaten oder sogar des Telefons eines ermordeten Schulmädchens sind nur ihre logische Fortsetzung. Sie stehen für die letzten Beben des Print-Zeitalters.

Aber die Behauptung, das Netz sei seinem Wesen nach demokratisch, wird sich nicht halten lassen. Das gegenwärtige Interregnum wird nur so lange dauern, bis die Medienunternehmen in der Lage sind, webbasierte Inhalte zu erstellen, die sich finanziell wirklich selbst tragen. Und es gilt auch dann: Der Appetit der Öffentlichkeit auf Klatsch und Trasch ist unersättlich. Indem das Netz bei den Usern den Eindruck erweckt, sie befänden sich auf einer Insel, auf der sie keine Konsequenzen zu befürchten haben, befördert es diese Tendenz noch. In vielen Threads der sozialen Plattformen ist ein denunzierender und beledigender Ton schon heute gang und gäbe.

Wir Bewohner der westlich-liberalen Gesellschaften genießen die Freiheit einer skrupellosen Klatschpresse, dürfen uns Pornos ansehen, soviel wir wollen, und auch andere grenzüberschreitende Erfahrungen machen. Damit werden wir bestochen und für die bittere Pille entschädigt, in einem ökonomischen Neoliberalismus leben zu müssen, der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter vergrößert.

Man muss kein Marxist sein, um zu verstehen, dass die Frage nach dem Einfluss und der Rolle der Medien zu den guten altmodischen Fragen führt, wer sich denn im Besitz der Produktions- und Distributions­mittel befindet – aber es dürfte schon helfen.

Will Self (Jg. 1961) ist britischer Schriftsteller und Journalist. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Roman Wie Tote leben

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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16:45 14.07.2011
Geschrieben von

Will Self | The Guardian

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