Das Tabu Geburtenkontrolle

Klimagipfel Alle sind zufrieden mit der Einigung von Cancún. Doch die Lösungsansätze zum Schutz des Klimas ignorieren ein wichtiges Detail: die Babys

Die Rettung des Planeten vor der Klimakatastrophe? Hatten wir das nicht schon im vergangenen Jahr? Die Berichterstattung über den Klimagipfel der bescheidenen Errungenschaften in Cancún nahm in der Sunday Times 81 Zeilen ein, während die mutmaßliche Entscheidung des britischen Klimawandelministers Chris Huhne, nicht mit seiner Geliebten zusammenzuziehen,  auf 118 Zeilen abgehandelt wurde. Die BBC hatte es mit der Berichterstattung über die eingeschlossenen chilenischen Bergarbeiter zuvor übertrieben und hielt sich daher mit dem wichtigsten politischen Ereignis, das Mexiko in diesem Jahr zu bieten hatte, ebenfalls zurück. In der Regierungsmeile war kein einziges Plakat zu sehen, das auf die Erderwärmung hingewiesen hätte – die protestierende Jugend bewegen zur Zeit andere Dinge.

Sicher kann man Gründe für das zurückgehende Interesse und auch die schwindende Angst finden: Zuviel Schnee im November, zu viele Papstpredigten. Aber David Cameron, angeblich der grünste Premierminister von allen, hat seine Zeit nicht wirklich damit zugebracht, Regenwälder zu pflanzen, seit er in Downing Street Number 10 eingezogen ist. Und auch der neue Labour-Vorsitzende Ed Miliband, der als ehemaliger Umweltminister das Thema in- und auswendig kennt, verliert kein Wort mehr darüber.

Mögen die Ergebnisse von Cancún am Ende doch noch eher erfreulich ausgefallen sein – für Großbritannien werden sie keine große Bedeutung haben und am schlimmsten ist, wie wenig die ökologische Agenda sich auf die realen politischen Debatten im Lande auswirkt.

Nehmen Sie beispielsweise die Auseinandersetzung um das Kindergeld bzw. das, was in ihr nicht zur Sprache kam: In einer vernünftig eingerichteten Welt würde man kein Geld dafür bekommen, wenn man mehr Kinder in die Welt setzt. Kindergeld ist logisch gesehen das genaue Gegenteil von dem, was wir brauchen. Wollen wir, dass die Bevölkerung des Vereinigten Königreichs noch vor Mitte des Jahrhunderts auf 77 Millionen angewachsen ist? Wollen wir, dass jeden Tag 1.000 kleine Briten das Licht der Welt erblicken? Mittlerweile ist es nicht mehr die Einwanderung, die zu solchen Zahlen führt, sondern die „natürliche Bevölkerungsentwicklung“ (d.h. das Verhältnis zwischen Geburten- und Sterberate). Und dennoch werden bei der Empörung über die Kürzungen des Kindergeldes stets die Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung vergessen. Es ist, als würde das Thema überhaupt nicht existieren.

Aber es existiert sehr wohl. Es existiert in den Hinterzimmern von Cancún, wo die Delegierten ihre Klimawandelsprognosen auf Schätzungen über das Wachstum der Weltbevölkerung stützen, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen, da sie von keiner Politik begleitet werden, die ihnen auch nur annährend Rechnung trägt. Nehmen Sie Pakistan: an die 171 Millionen Menschen, Tendenz immer noch rapide steigend, nehmen Sie Bangladesch, das irgendwie 164 Millionen Mäuler ernähren muss, oder Nigeria mit 156 Millionen Einwohnern. Nehmen Sie Indien mit nahezu 1,2 Milliarden und damit China dicht auf den Fersen.

Und nehmen Sie schließlich China selbst, denken Sie an die gegenwärtig 1, 3 Milliarden Chinesen. Wird die Welt im Jahr 2051 von 6, 8 Milliarden auf neun bis zehn Milliarden angewachsen sein, wie vorsichtige Schätzungen nahe legen? Selbst dies wirft einen gewaltigen Schatten auf Nahrungsmittelversorgung, Nachhaltigkeit und alles andere voraus und wird mit den Worten des wissenschaftlichen Chefberaters der britischen Regierung in 20 Jahren zu einem „einwandfreien Krisenhagel“ führen. Aber nichts geschieht. Die Erkenntnis zieht keinerlei Konsequenzen nach sich

Die chinesische „Ein-Kind“-Politik – die offiziellen Berechnungen zufolge 250 bis 400 Millionen Geburten verhindert haben könnte – ist im Westen nirgends ein salonfähiges Gesprächsthema und wird oftmals sogar Pekings langer Liste von Menschenrechtsverletzungen hinzugefügt. David und seine Sam sowie Ed und seine Justine haben ihre „freudigen Ereignisse“ und vielleicht reihen sich schon im kommenden Jahr Prinz William und seine Kate in den Reigen ein. Aber Untersuchungen des Optimum Population Trusts aus dem vergangenen Jahr zufolge würde es gerade einmal fünf Euro an Familienplanung kosten, um eine Tonne CO2 zu verhindern, während Investitionen in Wind- und Solarenergie mit 15 bzw. 31 Pfund zu Buche schlagen, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Kurz gesagt: Zu viele freudige Ereignisse stürzen die Welt ins Verderben. Zu dieser harten Wahrheit schweigen die in Cancún verfassten Communiques.

Und es wird einem klar, wie schwierig es selbst ist, darüber zu schreiben, sobald man damit anfängt. Denken Sie an Jonathan Swift und seinen Bescheidenen Vorschlag (wie man verhüten kann, dass die Kinder armer Leute in Irland ihren Eltern oder dem Lande zur Last fallen, und wie sie der Allgemeinheit nutzbar gemacht werden können).

Würden unsere Politiker es jemals wagen, zu fordern, dass weniger Babys zur Welt gebracht werden? Das wäre wahlkämpferischer Selbstmord. Als Howard Flight in einer krassen Charakterisierung das Kindergeld als eine Initiative zur Vermehrung der Unterschicht bezeichnete, gab es hochrote Köpfe und seine Vorschläge wurden schnell dem Vergessen anheim gegeben. Würde es irgendein Politiker wagen, in den Fußstapfen Swifts weiter zu gehen und zu erklären, dass eine Gesundheitspolitik, die auf ein längeres Leben und somit auf eine immer größere Generation von bedürftigen Menschen abzielt, ökonomisch eigentlich auch nicht besonders viel Sinn ergibt?

Was folgt daraus? Es gibt Bereiche, in die die Demokratie nicht vordringen kann – Themen, die zu schwierig sind, als dass sie in Manifesten abgehandelt werden könnten. Bleiben uns also wirklich nur die bescheidenen Forderungen, wie Cancún sie zutage gefördert hat, die kleine Schlagzeilen erzeugen und wenig Grund zur Freude geben. Im vergangenen Jahr war die Rettung des Planeten noch eine Herausforderung, an der man nicht vorbeikommen konnte. In diesem Jahr kann man einfach zur Fernbedienung greifen.

Übersetzung: Holger Hutt
16:00 13.12.2010
Geschrieben von

Peter Preston | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 7389
The Guardian

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 39

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
beaurivages | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar