Das Transmitter-Problem

Jugendkrawalle Mitten in die englischen Unruhen platzte die Nachricht, eine Chemikalie im Hirn sei schuld an der Gewalt. Die Geschichte ist erfunden, sagen drei beteiligte Forscher

Haben Sie schon davon gehört, dass die verheerenden Ausschreitungen in England durch eine chemische Mangelerscheinung im Gehirn verursacht wurden? Und dass wir bald in der Lage sein werden, ein solches Verhalten mit einem Nasenspray zu behandeln?

Im Verlauf der vergangenen drei Wochen konnten Millionen von Menschen auf mindestens drei Kontinenten derartige Geschichten aus der Presse erfahren. Sie sind komplett erfunden. Wir können das mit Gewissheit sagen, wir gehören zu dem Forscherteam, das die diesen Aussagen zugrunde liegenden Untersuchungen durchgeführt hat. Solche Lügen zu verbreiten, ist gefährlich. Nicht nur, weil die Öffentlichkeit falsch informiert wird. Die Berichterstattung untergräbt auch das öffentliche Ansehen gegenüber der Wissenschaft und die Akzeptanz für die Verwendung von Steuermitteln zur Finanzierung von Forschungsprojekten.

Vor Kurzem machte unser Team die interessante Entdeckung, dass in einem bestimmten Bereich des Gehirns die Konzentration eines Neurotransmitters namens GABA (gamma-Aminobutyric acid, zu Deutsch: γ-Aminobuttersäure) – der an der Signalübertragung zwischen Nervenzellen beteiligt ist– mit einer bestimmten Art von Impulsivität in Verbindung steht. Genauer gesagt fanden wir heraus, dass Menschen, bei denen ein niedrigerer GABA-Spiegel in einem Teil des Frontallappens ihres Gehirns gemessen wird, auch von impulsivem Verhalten berichteten. Leute, die ein impulsiveres Wesen an den Tag legen, neigen dazu, auf starke Gefühle und Zwänge unbedachter zu reagieren. Unsere Ergebnisse stimmen mit jüngsten Erkenntnissen aus der Genforschung überein, die GABA mit Alkohol- und Drogenmissbrauch in Verbindung bringen: Krankheiten, die häufig mit Unbesonnenheit und Impulsivität einhergehen. Wir haben unsere Studie verfasst, um sie in einem wissenschaftlichen Journal zu veröffentlichen, und wurden, wie dies üblich ist, von unserer Universität dazu aufgefordert, eine Presseerklärung zu verfassen.

Gefährliche Behauptungen weltweit

Als die Ausschreitungen in den britischen Städten begannen, tauchten in den Medien Geschichten auf, die sich auf unsere Untersuchungen bezogen. Am Dienstag, dem 9. August, hieß es in einer Meldung der britischen Presseagentur Press Association, der Mangel an einer bestimmten Chemikalie im Gehirn „heize die Riots“ an, wobei der Anschein erweckt wurde, es handle sich hierbei um unsere Worte. Das Boulevardblatt The Sun wurde noch kreativer: Es berichtete über ein „Nasenspray“, „das Betrunkenen und Schlägern“ Einhalt gebieten könne. Ein „Heilmittel“ in der Form eines solchen Sprays oder einer Tablette könne „in den kommenden zehn Jahren entwickelt werden“. Nachdem wir uns bei der Zeitung beschwerten, hat sie den Artikel zwar zurückgezogen, er ist aber trotzdem immer noch im Netz zu finden.

Auch die Daily Mail bestätigte: „Randalierer haben ‚geringere Konzentrationen‘ einer Substanz im Gehirn, die impulsives Verhalten unter Kontrolle hält“. Die falschen Behauptungen brachten sie in der Bildunterschrift auf den Punkt: „Haben Randalierer, hier beim Plündern eines Geschäftes in Hackney, niedrigere Werte einer bestimmten Hirnchemikalie, die einem hilft, sein Verhalten unter Kontrolle zu halten? Wissenschaftler gehen davon aus“. Es dauerte nicht lange, bis diese gefährlichen Behauptungen weltweit in zahlreichen Pressekanälen und Blogs wiederholt wurden.

Als Wissenschaftler ärgern wir uns natürlich über die verzerrte Darstellung unserer Arbeit durch Press Association, The Sun und Daily Mail. Der Fall ist für uns Anlass, über drei grundsätzliche Fragen nachzudenken, die uns zentral für die Wissenschaftsberichterstattung zu sein scheinen.

Erstens: Warum sind Untersuchungen wie unsere so interessant, und warum werden sie so bereitwillig missverstanden? Zweitens: Wie viel Schaden entsteht, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse in der Presse verzerrt dargestellt werden? Und drittens: Was können wir als Wissenschaftler und Journalisten gemeinsam tun, um zu verhindern, dass so etwas geschieht?

Die Ursache

Die Vorstellung, bestimmte Verhaltensweisen könnten direkt durch eine Chemikalie im Gehirn (oder ihr Fehlen) verursacht werden, ist ebenso reizvoll wie die Schlussfolgerung, dass bestimmte Verhaltensweisen auf eine Erkrankung des Gehirns zurückzuführen seien, die dann mit Medikamenten „geheilt“ werden könne. Noch provokanter ist die in mehreren Blogs aufgegriffene Behauptung, Forscher würden die These vertreten, die Randalierer seien für ihre Taten weniger verantwortlich: „Natürlich können sie nichts dafür: Sie haben zu wenig GABA im Hirn!“

Um es ganz klar zu sagen: Unsere Untersuchung hat fast überhaupt nichts zu der Frage von Gewaltausbrüchen beizutragen und kann sicher nicht zur Rechtfertigung oder Entschuldigung irgendeines Verhaltens herangezogen werden. Unsere Arbeit zeigt lediglich, dass Menschen mit einem niedrigeren GABA-Spiegel berichtet haben, sie seien impulsiver. Es gibt bereits viele Belege für den Zusammenhang zwischen Impulsivität und Aggression. Dies wiederum legt nahe, dass GABA bei der Vermittlung von Impulsivität und Aggression eine Rolle spielt.

Das bedeutet aber nicht, dass ein Mangel an GABA Impulsivität und Aggression verursacht. Es ist wahrscheinlicher, dass unterschiedliche GABA-Werte nur einen Aspekt eines komplexen Geflechtes subtiler Unterschiede darstellen, die jeden Menschen zu etwas Einzigartigem machen – oder vielleicht sogar das Ergebnis dieses Geflechts sind. Selbst wenn die GABA-Werte Aggressionen unmittelbar mehr oder weniger wahrscheinlich machten: Sollte eine Vertiefung unseres biologischen Persönlichkeits-Verständnisses dazu führen, dass wir unsere Vorstellung von individueller Verantwortlichkeit ändern? Da könnte man ja gleich sagen, Menschen mit einem aggressiven Wesen seien grundsätzlich weniger verantwortlich für ihr Handeln.

Trotzdem werden im öffentlichen Bewusstsein (und selbst in Wissenschaftskreisen) biologische Erkenntnisse für gewöhnlich als ursächlicher und konkreter angesehen als psychologische Erkenntnisse. In der neurowissenschaftlichen Berichterstattung wird fast immer angenommen, dass physische und chemische Faktoren Gefühle und Verhaltensweisen verursachen und nicht andersherum. Wenn man aber darüber nachdenkt, weiß jeder, dass verschiedene kognitive Zustände zu chemischen Veränderungen in unserem Gehirn und unserem Körper führen können, etwa wenn wir Angst kriegen, uns aufregen oder sexuell erregt sind. Und dass Verhaltensweisen wie die Ausübung einer bestimmten Fertigkeit zu dauerhaften Veränderungen im Gehirn führen können.

Die Folgen

Verursacht die fehlerhafte Berichterstattung über wissenschaftliche Forschung wirklich großen Schaden? Unser Fall ist sicher nicht mit dem Skandal um die Masern-, Mumps- und Röteln-Impfung (MMR) zu vergleichen, wo Menschenleben gefährdet sind, wenn die Eltern sich weigern, ihre Kinder impfen zu lassen – etwa, weil sie der haltlosen Behauptung Glauben schenken, ihre Kinder würden wegen der Impfungen an Autismus erkranken.

Auch wenn die meisten Leute behaupten, sie würden Journalisten nicht vertrauen, findet in den von uns eingesehenen Kommentaren zu Artikeln oder Blogs interessanterweise wenig Reflexion über die Frage der Manipulation statt. Wenn der Inhalt eines Textes infrage gestellt wird, zielt die Kritik viel häufiger auf die Wissenschaftler. Es finden sich dann Kommentare wie „Warum verschwenden die Steuergelder für solch einen Schrott?“; „Es ist typisch für Wissenschaftler, dass sie versuchen, das Verhalten von Leuten zu entschuldigen!“; „Wissenschaftler behaupten immer, es werde sich bald eine Behandlung finden“. In unserem Fall haben wir nur einen einzigen Kommentar gefunden, der fragte, ob der Artikel unsere Arbeit wahrheitsgetreu wiedergibt.

Es ist also so, dass der Leser die Geschichte entweder weitgehend akzeptiert und die falsch verstandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse weiterverbreitet. Dies führt zu potenziell gefährlichen Ansichten. In unserem Fall wäre es die Position, dass Menschen nicht für ihre Taten verantwortlich gemacht werden sollten. Oder aber der Leser glaubt die Geschichte nicht. Das führt zu einer weiteren Erosion des Vertrauens in die Wissenschaften. Missverständnisse und Misstrauen haben wiederum schwere Folgen, wenn eine Geschichte wie die um MMR in die Welt gesetzt wird – oder im Falle des Klimawandels, wo große Teile der Öffentlichkeit einer überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler keinen Glauben schenkt.

Die Konsequenzen

Was können wir tun, um den Kreislauf aus Fehlinformation und Misstrauen zu durchbrechen? Wissenschaftler müssen als Erstes akzeptieren, dass heute ein großer Teil der so genannten Nachrichten durch eine zombieartige Neuverpackung von Presseerklärungen und Agenturmeldungen erstellt wird, ohne dass sich jemand die Mühe macht, Informationen direkt mit der Quelle abzugleichen. Erschwerend kommt hinzu, dass einige Journalisten und Redakteure sich wenig um die Wahrheit, die Reputation der Wissenschaftler und die Folgen für die Öffentlichkeit scheren.

Leider können Wissenschaftler die Situation kaum noch kontrollieren, wenn die Sache erst einmal ins Rollen gekommen ist. Nachdem wir mehrere Zeitungen angeschrieben hatten, wurden einige Artikel ergänzt oder aus dem Netz genommen. Da war das Kind aber bereits in den Brunnen gefallen, und die Falschmeldung hatte sich schon um die ganze Welt verbreitet.

Einige Wissenschaftler werden behaupten, der Boulevardjournalismus sei seinem ganzen Wesen nach nicht mit den Standards der Objektivität zu vereinbaren, die für wissenschaftliche Berichterstattung notwendig ist. Angesichts ständiger Fehlinterpretationen sollten Wissenschaftler gar keine Presseerklärungen mehr veröffentlichen und sich nicht mehr mit Journalisten abgeben. Dieser Vorschlag ist völlig inakzeptabel. Der enorme öffentliche Einfluss von Boulevardnachrichten erfordert ganz im Gegenteil ein starkes Engagement bei der Wissenschaftsberichterstattung. Wissenschaftler und Journalisten sind gemeinsam verpflichtet, zu gewährleisten, dass die gemachten Entdeckungen der Öffentlichkeit wahrheitsgetreu und genau übermittelt werden.

Die Alternative wäre, wissenschaftliche Presseerklärungen mit einer nachdrücklichen Aufforderung an die Journalisten herauszugeben, Tatsachenbehauptungen in ihren Artikeln autorisieren zu lassen, bevor sie publiziert werden. Die meisten Wissenschaftler, die wir kennen, sind gerne bereit, Texte, die auf ihren Untersuchungen beruhen, einem Faktencheck zu unterziehen. Zeitungsberichte, die ein solches Procedere durchlaufen haben, könnten mit dem Vermerk „Fakten von der Quelle überprüft“ versehen werden. Es wäre ein Instrument der Qualitätskontrolle, dem die Öffentlichkeit trauen könnte. Gleichzeitig bliebe natürlich die vollständige journalistische Unabhängigkeit gewahrt, kritisch über die Forschung zu berichten.

Aus einer stärkeren Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern könnten Journalisten auch mehr über wissenschaftliche Grundlagen lernen – über Prinzipien wie den Statistischen oder Hypothesetest, über experimentelle Kontrolle, unklare Evidenz und den oft verwechselten Unterschied zwischen Koinzidenz und kausalem Zusammenhang.

Wir verstehen gut, dass Journalisten ihre Zeitungen unter extremem Zeitdruck produzieren und Nachrichten für ihre Leser interessant machen müssen. Aber in einer Zeit, in der der Traditionsjournalismus bedroht ist, jede Menge nicht verifizierter Informationen im Netz gefunden werden können und die Steuermittel für Forschungsprojekte immer stärker auf dem Prüfstand stehen, ist es wichtiger denn je, sich darauf zu konzentrieren, dass die Fakten stimmen.

12:40 02.09.2011
Geschrieben von

Petroc Sumner, Frederic Boy, Chris Chambers | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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