Den Job besser handeln, ohne zu pendeln

Heimarbeit Von zuhause aus zu arbeiten ist produktiver, umweltfreundlicher und dank der technischen Fortschritte immer leichter zu realisieren – wenn nur die Kollegen mitspielen

Wie war Ihr Weg zur Arbeit heute? Standen Sie im Stau? Oder waren Sie in einem überfüllten U-Bahn-Waggon eingequetscht und drückten sich die Nase in der Achselhöhle eines Fremden platt? Haben Sie im Bus mühsam versucht, beim Anfahren und Bremsen zwischen zwei Haltestellen das Gleichgewicht zu halten, oder holten Sie sich ihre allmorgendliche Portion Adrenalin ab, indem sie ihr Rad zwischen Autofahrern, die beim Abbiegen nicht blinken, und Fußgängern hindurch manövrierten, die mehr mit SMS-Schreiben als mit dem Verkehr beschäftigt waren?

Man könnte natürlich auch fragen, warum Sie heute überhaupt zur Arbeit gefahren sind. Viele Menschen müssten eigentlich nicht jeden Tag zur Arbeit gehen. Jeder, der sein Geld am Computer verdient, könnte mindestens einen oder zwei Tage die Woche von zuhause aus arbeiten. Alles, was er dazu braucht, sind eine Breitband-Verbindung und ein wohlwollender Systemadministrator.

Die Idee ist alles andere als neu – das Konzept der Telearbeit existiert schon seit langem. 2007 boten 40 Prozent aller britischen Unternehmen ihren Angestellten diese Möglichkeit. Die Mittel zu ihrer technischen Umsetzung sind mittlerweile aber viel weiter verbreitet und leichter zu installieren und zu nutzen als noch vor ein paar Jahren.

Wer mit dem Auto zur Arbeit fahren muss, verschwendet Benzin, und wenn er nicht das Glück hat, den Weg zum Lesen oder Schreiben nutzen zu können, auch Zeit. Das Pendeln zum Büro in den Räumen des Arbeitgebers gegen den umweltfreundlicheren Gang ins wohnungseigene Arbeitszimmer zu ersetzen hat viele Vorteile, weist aber auch potenzielle Fallstricke auf: Auf die Geselligeren unter uns könnte der Verlust sozialer Kontakte abschreckend wirken. (Ich hingegen habe einmal sogar das Büro gewechselt, weil ein Mitarbeiter anscheinend dachte, er werde dafür bezahlt, seine Kollegen den lieben langen Tag mit seinen Anekdoten zu beglücken.) Weitaus tückischer ist jedoch das Misstrauen, das den Heimarbeitern unter Umständen von denen entgegengebracht wird, die weiterhin an ihrem angestammten Tisch im Büro Platz nehmen. Der Heimarbeit wird anscheinend eine gewisse Skepsis entgegengebracht, bei der die Unterstellung mitschwingt, der Heimarbeiter liege faul auf dem Sofa und sehe fern.

Ich arbeite besser

Die Wahrheit sieht anders aus. Aller Wahrscheinlichkeit nach arbeitet man zuhause von dem Zeitpunkt an, zu dem man ansonsten das Haus verlassen würde und hört erst auf, wenn man ansonsten heimkäme. Als Software-Entwickler verbringe ich die meiste Zeit damit zu lesen oder zu tippen: Ich kann Codes und Dokumente genauso gut von zuhause aus schreiben. Mein Arbeitgeber hat damit seit Jahren kein Problem. Aber ich merke, dass ich zuhause tatsächlich viel länger arbeite, als wenn ich im Büro bin. Zum Teil liegt das daran, dass ich die Arbeit zuhause befriedigender und produktiver finde, zum Teil aber auch daran, dass eine merkwürdige Art von Schuldgefühl mich zwingt zu beweisen, dass ich das mir entgegengebrachte Vertrauen auch wert bin.

Doch Heimarbeit hat auch eine dunklere Seite: Steven (Name geändert) arbeitete in der Marketing-Abteilung einer kleinen Hotel-Kette. Als seine Mutter in Irland krank wurde, erlaubte ihm sein Arbeitgeber, zu ihr zu ziehen. Verbunden mit dem Netzwerk des Unternehmens hatte er Zugang zu allen Programmen, E-Mails usw., mit Skype war er so gut erreichbar, als säße er nur in einem anderen Gebäude des Firmengeländes. Zunächst lief alles gut. Steven hatte das Gefühl, er arbeite produktiver als früher, und bei seinen gelegentlichen Besuchen „auf Arbeit“ schien eigentlich immer alles in Ordnung. Aber nach und nach wurde immer deutlicher, dass viele seiner Kollegen ein Problem mit seiner neuen Arbeitsweise hatten und versuchten, seine Position zu untergraben. Seine Geschäftsführerin begann ihm die Unterstützung zu entziehen, und gab ihm immer mehr Arbeit, weit über das Maß hinaus, zu dem ihn sein Arbeitsvertrag verpflichtete, bis er schließlich zur Kündigung genötigt wurde. Das eigentlich perfekte Arrangement, die ideale Work-Life-Balance, wurde durch eine Mischung von Paranoia, Missgunst, Misstrauen und schlechtem Management untergraben und schließlich beendet.

Läuten da Totenglocken?

Nicht alles läßt sich einfach umsetzen. Es gibt Arbeit, die man nur in der Gruppe erledigen kann und die Zusammenarbeit von mehreren Orten aus erfordert ein wenig mehr Organisation und die richtigen Mittel. Es gibt allerdings immer mehr Unternehmenssoftware wie Virtual Private Networks oder Cloud Computing, um auf die Bedürfnisse von Arbeitnehmern einzugehen, die an mehreren Orten verstreut sind. Es kann unvermeidlich sein, hin und wieder ins Büro zu kommen, um sich mit Mitarbeitern oder Kunden zu treffen, auch wenn Telekonferenzen und webinars immer besser ausgereift sind und persönliche Treffen ersetzen können.

Manche hören angesichts solcher Aussichten möglicherweise die Totenglocken der Zivilisation läuten, schließlich sind wir nach wie vor soziale Tiere und keine nach Belieben programmierbaren Arbeitseinheiten. Für manche erwächst die größte Freude an der Arbeit aus den Menschen, mit denen sie interagieren. Für andere ist die Arbeit von zuhause aus hingegen etwas, von dem beide Seiten profitieren. Wer nicht pendeln muss, spart Zeit und Geld und kann vielleicht sogar sein Auto verkaufen. Der Arbeitgeber kann bei den Büroräumen Platz und Energie einsparen, weil zwei oder mehrere Mitarbeiter sich einen Schreibtisch teilen können. Menschen mit körperlichen Einschränkungen haben es leichter, und bei Grippewellen stecken die Mitarbeiter sich nicht mehr so schnell gegenseitig an. Ist das nicht fantastisch?

Übersetzung: Holger Hutt

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17:45 29.09.2010
Geschrieben von

Edward Collier | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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