Der Bann ist gebrochen

Leveson-Anhörung Die Bedeutung der Anhörung kann nicht hoch genug bewertet werden. Erst jetzt wird deutlich, welchen Einfluss der Murdoch-Konzern auf die Europapolitik Großbritanniens hatte

Das ewige Um-Sich-Selbst-Kreisen der Medien kann ermüdend werden, selbst für einige Journalisten. Immer wieder aber geht eine Medien-Story über die Grenzen der Selbstbezogenheit hinaus und erzwingt weitergehende politische Aufmerksamkeit. Diese Woche ist ein solcher Fall.

Der Schlagabtausch mit den Murdochs bei der Leveson-Anhörung ist nicht einfach nur Medien-Unterhaltung. Es ist ein großer politischer Meilenstein und Sieg. Die Anhörung markiert zusammen mit der vor dem Medien-Sonderausschuss des Unterhauses im vergangenen Jahr das erste Mal, dass sich die Murdoch-Dynastie gezwungen sah, sich vor dem demokratischen Regierungssystem zu rechtfertigen, das sie mit großem Aufwand zu beeinflussen sucht.

Angesichts Rupert Murdochs historischem Gewicht – zusammen mit Margaret Thatcher ist er vermutlich die wichtigste Figur des öffentlichen Lebens seit Winston Churchill – waren es einzigartige symbolische Momente. Was die Murdochs auf die Befragung antworteten, war natürlich von Bedeutung. Aber was sie aussagten, wird von der Tatsache in den Schatten gestellt, dass sie gezwungen worden sind, überhaupt etwas zu sagen.

Kaiser ohne Kleider?

Diese Rechenschaftslegung war unerwartet effektiv. Es wäre übertrieben zu sagen, Rupert und James Murdoch seien als „Kaiser ohne Kleider“ enttarnt worden. Aber ihrer Aura entzogen erwiesen sie sich als fehlbare Figuren, mit Gedächtnissen wie bequeme Siebe, überraschend normalem Intellekt, herausgehoben nur durch die Tatsache, das sie ein paar sehr mächtige und einflussreiche Unternehmen leiten.

Die Anhörungen sollten eine kollektive Mahnung sein. Dies alles hätte bereits vor Jahrzehnten passieren müssen – den Barclay Brothers genau wie den Murdochs. Politik und Regierung haben beklagenswert lange gebraucht, um von den Medien ein gewisses Maß an Rechenschaft zu fordern. Genau wie bei den Banken und der wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft schaute die Politik weg und scheute im Glauben, es sei alles zu schwierig, vor Konsequenzen zurück. Die weißen Schafe unter den Medien wurden ebenfalls von den Murdochs eingeschüchtert und unterschätzten durchweg das Problem und den Schaden. Jetzt, da ein paar Muskeln gezeigt wurden, ist es möglich, etwas durchzusetzen, was schon lange hätte der Fall sein sollen: dass freier und unabhängiger Journalismus sich innerhalb der Grenzen des Gesetzes bewegen muss. Die britische Politik in den vergangenen 40 Jahren hätte vielleicht ganz anders ausgesehen, wenn all das früher geschehen wäre. Zu befürchten ist nur, dass es jetzt zu spät kommt.

Etwas vom kollektiven Peinlichkeitsgefühl, nicht früher etwas getan zu haben, war in der Befragung Rupert Murdochs gestern zu spüren. Der Schwerpunkt auf Murdochs frühen Jahren, als Zeitungen alles waren und es den Fernsehsender Sky noch nicht gab, mag sich für viele Zuschauer wie alte Geschichte angehört haben. Geisterhafte Namen wurden zitiert – John Biffen, Woodrow Wyatt, Bernard Ingham, Lord Dacre. Viele werden sich gefragt haben, wer diese Leute waren. Es war nicht einmal klar, ob Murdoch sich deutlich erinnerte.

Sündenfall 1981

Aber der Fokus war richtig gelegt. Murdochs Übernahme der Times und der Sunday Times 1981 – und Thatchers Entschlossenheit, sie zuzulassen – waren auf verschiedene Weise der Sündenfall am Anfang des privilegierten Verhältnisses zwischen dem Murdoch-Empire und der britischen Politik von damals bis heute. Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Die britische Presse in der Zeit vor dem Lapsus war sicher kein Garten Eden. Aber 1981 stand Großbritannien noch an einem Scheidepunkt vor der Entstehung einer nationalen Kultur der Medienhysterie, an der andere Länder nicht in gleichem Maße leiden. Und es hatte eine verheerende Auswirkung auf Großbritanniens Irrweg in Europa.

Was 2012 zählt ist allerdings das Hier und Jetzt. Im Zentrum stehen drei Männer. Die Behauptung von Kulturminister Jeremy Hunt, er sei ein „quasi-juristischer“ Schiedsrichter des Versuchs von News Corp gewesen, den gesamten Fernsehkonzern BSkyB zu kontrollieren, wurde von umstrittenen Texten und Emails, die zwischen seinen und James Murdochs höchsten Beratern hin-und hergingen, lächerlich gemacht. Möglicherweise überlebt Hunt voreilige Rufe nach seinem Rücktritt. Aber das Problem ist die Zukunft, nicht nur die Vergangenheit. Wie kann Hunt objektiv über irgendeinen bedeutsamen Fall von Medienregulierung entscheiden – ob in oder gegen Murdochs Interesse – wenn ihm der Beigeschmack dieser Episode anhaftet? Die Kabinettsumbildung kann nicht früh genug geschehen.

Die zweite entscheidende Figur ist David Cameron. Die Demütigung der Murdochs hat zwei sehr verschiedene Seiten des Premierministers zu Tage gebracht. Die erste ist diejenige, die plaudernd bei Rupert Murdoch seine Interessen vertritt, mit der früheren News-of-the World-Redakteurin Rebekah Brooks reiten geht und Andy Coulson als Berater anheuert. Camerons Befürwortung des Angebots für BSkyB und andere von Murdochs Zielen – darunter die Schrumpfung der BBC – geht dabei zurück auf die Zeiten jahrelanger Opposition, bevor die Sun die Tories 2009 unterstützte.

Welcher ist der wahre Cameron?

Dann ist da der andere, von seinen Feinden allzu leicht übersehene Cameron, der immerhin die Leveson-Untersuchungskommission ins Leben gerufen und ihr breite Zielvorgaben gegeben hat, deren volle Bedeutung erst jetzt klar werden. Kein Premierminister vor Cameron hätte es gewagt, einen Prozess in Gang zu setzen, dessen voraussichtlicher Ausgang eine Regelung der Medienstruktur – und des Medienmarktes – ist, die unausweichlich den Ambitionen des Murdoch-Empires in Großbritannien deutlichen Schaden zufügt. Major, Blair und der "paranoide Brown", wie Murdoch ihn am Mittwoch beschrieb, hätten sich nicht getraut. Thatcher hätte es nicht gewollt.

Aber welcher ist der wahre Cameron? Der unbekümmerte Privilegierte, der nicht bis zum Ende überlegt und vieles falsch versteht? Oder der intuitiv moderne Gemäßigte, der einfach Sachen ins Rollen bringt, die besser und anders gemacht werden müssen, aber Angst vor dem Wandel hat und die Veränderung nicht mit ausreichender Konsequenz vorantreibt?

Bleibt Rupert Murdoch selbst, der Mann, dessen Bann über die britische Politik gebrochen sein mag. Sein Einfluss auf Großbritanniens Beziehung zu Europa – der einzigartig wichtigsten Beziehung für Großbritannien seit dem 2. Weltkrieg bis heute – bleibt unheilvoll und wirkt lange nach. Es gibt mehr Beunruhigendes in Murdochs Vermächtnis als Puritaner und Pedanten einräumen. Aber wenn die Murdochs heute Großbritannien verließen, bliebe ihr Einfluss auf die europäische Frage in der britischen Politik für eine Generation erhalten. Letztlich ist dies der Grund, weshalb die ganze Angelegenheit noch von Bedeutung ist.

Dennoch sei hier ein Einspruch erlaubt. Was war die wichtigste Nachricht am Mittwoch? War es das, was Murdoch über Cameron sagte, oder was Cameron über Hunt sagte oder was Hunt über Murdoch sagte? Oder war es, dass das britische Bruttoinlandsprodukt im ersten Vierteljahr 2012 zurückgegangen ist, und die Aussichten von Millionen noch ein bisschen trüber werden als sie es sowieso schon waren? Angesichts der ganzen Medienaufregung um Murdoch konnte man leicht auf die falsche Fährte gelenkt werden. Die Wirtschaft ist immer noch wichtiger als Murdoch es je sein wird.

Übersetzung: Carola Torti

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17:30 26.04.2012
Geschrieben von

Martin Kettle | The Guardian

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The Guardian

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