Der Bürgerkrieger

Präsidentenwahl Brasilien Der Rechtspopulist Jair Bolsonaro spaltet das Land – und gewinnt den ersten Wahlgang klar. Ein Sieg bei der anstehenden Stichwahl ist ihm allerdings noch nicht sicher
Der Bürgerkrieger
Gegen Mitternacht ist klar, dass es eine Stichwahl geben wird

Foto: Fernando Souza/AFP/Getty Images

Der Rechtspopulist Jair Bolsonaro hat in Runde eins der Präsidentenwahl klar gewonnen, aber knapp die nötige Mehrheit verfehlt, um ohne Stechen Staatschef zu werden. Nach einem Wahlkampf, der so unwahrscheinlich und aufregend war wie eine brasilianische Telenovela – wenn auch unendlich folgenreicher für die Zukunft einer der größten und höchst heterogenen Demokratien der Welt –, entfallen auf Bolsonaro gut 47 Prozent der Stimmen. Zweitplatzierter ist der Kandidat der linken Arbeiterpartei PT und Lula-Nachfolger Fernando Haddad mit 28 Prozent. Als Dritter folgt Ciro Gomes von dem Mitte-Links-Verbund Demokratische Arbeiterpartei mit 12,5 Prozent.

Am 28. Oktober werden sich Bolsonaro, der mehr als 46 Millionen Stimmen erhielt, und Haddad in der Stichwahl gegenüberstehen. „Die nächsten Wochen werden einfach nur verrückt sein, das Land wird sich noch mehr spalten“, befürchtet Monica de Bolle vom Fachgebiet für Lateinamerika-Studien an der Johns Hopkins-Universität Baltimore. „In der zweiten Runde wird ein schrecklicher Wahlkampf toben. Bolsonaro wird allen Dreck hervorholen, den die Arbeiterpartei PT am Stecken hat – und das ist eine ganze Menge. Umgekehrt wird der PT das Gleiche tun, was Bolsonaro angeht. Und auch das wird nicht wenig sein.“

Bolsonaro-Anhänger haben den Wahlabend im westlichen Teil von Rio de Janeiro, wo Bolsonaros Haus am Meer liegt, mit einem Feuerwerk gefeiert. Viele trugen T-Shirts mit Bolsonaros Gesicht als Aufdruck und dem Slogan: „È melhor Jair acostumando!“ - ein Wortspiel auf den Namen des Politikers, das sich grob so übersetzen lässt: „Gewöhnen Sie sich an Jair!“

Freund der Diktatur

„Jair Bolsonaro ist die Hoffnung des brasilianischen Volkes“, meint Jean Sartorial, ein 33jähriger Banker, der in einem blauen brasilianischen Fußballtrikot zu der Party gekommen ist „Bolsonaro ist eine Legende“, pflichtet ihm der 30jährige Immobilienmakler Thiago Xavier bei. Als nach und nach klar wird, dass es Bolsonaro nicht schafft mit einem Sieg in der ersten Runde, machen sich auf dem Fest Frustration und Ärger breit. „Verflucht, 47 Prozent!“, dröhnt Washington Silva Luft, ein 66-jähriger pensionierter Luftwaffenoberst. Die zweite Wahlrunde werde erbitterter geführt, prophezeit er. „Viel aggressiver.“

Für Brian Winter, Chefredakteur des Fachblattes Americas Quarterly, weist der enorme Zuspruch für Bolsonaro in großen Teilen des Landes daraufhin, dass er als Favorit ins Rennen gegen Haddad geht. „Es dürfte fast unmöglich für Haddad sein, diese Lücke zu schließen. Die Vorstellung, dass Bolsonaro das Land retten kann und dafür sorgt, dass die Leute nachts sicher auf der Straße sein können, der Korruption ein Ende gemacht und die Zahl der 13 Millionen Arbeitslosen deutlich verringert wird – diese Vorstellung scheinen die meisten Brasilianer geschluckt zu haben.“

Kurz vor der Abstimmung hatte der 63-jährige Bolsonaro mit einem Aufruf an seine sieben Millionen Facebook-Follower wie Donald Trump geklungen: „Lasst uns Brasilien wieder groß machen! Lasst uns wieder auf unser Heimatland stolz sein!“

Während der 27 Jahre als Kongressmitglied war Bolsonaro dafür berüchtigt, Gift gegen Brasiliens schwarze Bevölkerung, gegen Homosexuelle und indigene Communities spritzen zu wollen. Und er war bekannt für seine Bewunderung des von 1964 bis 1985 herrschenden Militärregimes. Der Politiker, der als Mischung aus dem einstigen venezolanischen Staatschef Hugo Chávez und Chiles früherem Diktator Augusto Pinochet beschrieben wird, sagte 1993 dem Kongress in Brasilia: „Ja, ich bin für eine Diktatur! Wir werden die großen nationalen Probleme nicht mit Hilfe dieser unverantwortlichen Demokratie lösen.“

Wilder Westen

2015 verteidigte Bolsonaro die Obristen, die für den Tod und das Verschwinden hunderter Oppositioneller verantwortlich waren, als nötiges Regime, um die „Verstaatlichung unseres Landes zu verhindern“. Er behauptete: „Damals hatte man in diesem Land die komplette Freiheit zu kommen und zu gehen und zu tun, was man wollte. Es war eine Ära der Beschäftigung, der Sicherheit, des Respekts und der Bildung.“

Im September erklärte Bolsonaro, seine linken politischen Gegner sollten erschossen werden; zwei Tage später wurde er bei einem Wahlkampfmeeting selbst Opfer eines Messer-Attentats und erlitt schwere Verletzungen. Kurz vor der Stimmabgabe versuchte sich der ultrarechte Kandidat, der gezwungen war, den Wahlkampf aus dem Krankenhaus heraus zu führen, als Inbegriff der Toleranz darzustellen. Er versprach, er werde für alle 208 Millionen Brasilianer gleichermaßen regieren, unabhängig von ihrer Hautfarbe oder Religion. „Wir werden für alle da sein... sogar die Atheisten. Lasst uns Brasilien zusammen verändern!“

Linke und linksliberale Brasilianer leiden unter dem Aufstieg eines Politikers, der sich für Folter ausspricht, und dessen Sympathisanten den Hang zu einer Kleidung haben, auf der Sturmgewehre und Pistolen abgebildet sind. Von seiner Wandlung hin zur Toleranz sind sie wenig überzeugt. Für die 56jährige Rechtsanwältin Soraya de Souza aus Rio steht Brasilien vor einer extremen Entscheidung: „Entweder Demokratie oder Faschismus!“

Die Historikerin Heloísa Starling verstören besonders Bolsonaros autoritäre Tendenzen und sein Plan, die Waffengesetze zu lockern: „Wenn er das wirklich durchzieht und der Bevölkerung erlaubt, sich zu bewaffnen, wird dieses Land zu einem Wilden Westen.“

Übersetzung Carola Torti
16:15 08.10.2018
Geschrieben von

Tom Phillips, Dom Phillips | The Guardian

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