Der Einsatz seines Lebens

Porträt Kumi Naidoo ist der erste Greenpeace-Chef, der nicht aus den Industriestaaten kommt. Nicht nur deshalb will der Südafrikaner einiges ändern

Als Kumi Naidoo im Februar von einer Personalagentur gefragt wurde, ob er sich als nächster Chef von Greenpeace bewerben würde, erklärte er, der Anruf käme ihm sehr ungelegen. "Ich befand mich seit 19 Tagen im Hungerstreik, um Druck auf die südafrikanische Regierung auszuüben, damit sie ihre Haltung gegenüber Zimbabwe ändert", erinnert er sich. "Es ging mir soweit gut, ich war geistig noch auf der Höhe und voll ansprechbar, aber ich fühlte mich etwas schwach und hatte bereits 14 Kilo verloren. Ich sagte: ‚Leute, dies ist der falsche Zeitpunkt, um über Jobangebote nachzudenken.‘"

Dabei wäre es vermutlich geblieben, hätte Naidoo nicht seiner 17-jährigen Tochter, die in Glasgow lebt, von dem Anruf erzählt. "Sie sagte zu mir: ‚Dad, ich werde nicht mehr mit dir sprechen, wenn du nicht wenigstens darüber nachdenkst. Greenpeace ist eine der besten NGOs der Welt, und wenn ich erst einmal erwachsen bin, würde ich liebend gerne für sie arbeiten.‘ Greenpeace hat eine magische Anziehungskraft auf junge Leute."


Als sich die Firma eine Woche später noch einmal meldete, zeigte Naidoo größeres Interesse und so hat er nun vor der Klimakonferenz in Kopenhagen die Stelle des Geschäftsführers von Greenpeace International angetreten. Er ist jetzt für 1.500 Angestellte auf der ganzen Welt verantwortlich und verwaltet ein Budget von 200 Millionen Euro, das von drei Millionen Spendern zur Verfügung gestellt wird. Er betont immer wieder, dass das höchste Gut von Greenpeace seine Unabhängigkeit ist.


Der 44 Jahre alte Naidoo ist auf dem Gebiet Umweltschutz ein Neuling. Warum also hat Greenpeace ihn ausgewählt? "Ich glaube, sie haben jemanden gesucht, der gut darin ist, Brücken zu bauen und Allianzen zu schmieden." Er ist der erste afrikanisch-stämmige Geschäftsführer. Seine Ernennung zeigt symbolisch, dass die Organisation den Industriestaaten nicht mehr alleine gehört. "Hier geht es auch um Gerechtigkeit. Die Menschen in den Entwicklungsländern haben zur Klimakatastrophe am wenigsten beigetragen, aber sie bezahlen den höchsten Preis." Seine Ziele sind es, den Einfluss von Greenpeace weltweit auszudehnen, die Organisation stärker in der Bevölkerung zu verankern und den Schwerpunkt zu verändern. Die Tage einzelner Kampagnen – Wälder und Meere, Tiger und Wale – sind vorbei; alles muss enger verknüpft werden. "Historisch betrachtet ist es Teil unseres Problems, dass wir zu sehr in abgeschlossenen Räumen gearbeitet haben. Die Grenze zwischen Spezialisierung und Engstirnigkeit ist sehr dünn."

An seinem ersten Tag in Amsterdam rief er alle 150 Angestellten des Hauptquartiers zu sich. "Ich erklärte ihnen, dass sich unser Zeitalter am besten mit einem starken Sturm vergleichen lässt. Zuerst war da vor drei Jahren die Ölpreis-Krise, die dann zu einer Krise der Nahrungsmittel-Preise führte. Eine beständige Krise ist die Armut. Über die Klima-Krise wissen wir nun schon recht lange Bescheid, und schließlich kam die Finanzkrise. Wer mit einer solchen Anhäufung von Krisen zu tun hat, der hat zwei Möglichkeiten: Er kann sich ein paar Pflaster schnappen, das Ganze notdürftig verbinden und ansonsten weitermachen wie bisher. Oder er nimmt sich ein Beispiel an der chinesischen Kultur, die ein und dasselbe Symbol für die Begriffe "Krise" und "Chance" kennt. Ich glaube, dass wir den Punkt erreicht haben, an dem die Menschheit zur Vernunft kommen wird."

Druck bis zur letzten Minute

Wie zuversichtlich ist Naidoo, dass der Gipfel in Kopenhagen zu substantiellen Ergebnissen führen wird? "Wenn ich sagen würde, dass ich große Erwartungen hege, dann würde ich mich selbst in die Schublade des naiven Romantikers stecken. Andererseits: Solange die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht vorbei." Er betont, dass er sich mit dieser britischen Redensart nicht auf Angela Merkel bezieht. "Wir werden bis zur letzte Minute Druck machen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Es ist längst nicht aller Tage Abend."

Naidoo, der indische Wurzeln hat, ist ein Kind der Mittelschicht, aufgewachsen in einem Township im südafrikanischen Durban. Aktivist ist er seit seinem 14. Lebensjahr, er habe damals plötzlich erkannt, wie unerträglich die Apartheid war. Er engagierte sich für Gleichheit bei der Schulausbildung. Mit 15 wurde er von der Schule geschmissen, lernte zuhause weiter und legte mit 17 eine Prüfung ab, die es ihm ermöglichte, die Universität zu besuchen (die allerdings streng nach Rassen getrennt war). Er studierte Jura und arbeitete für den politischen Untergrund, 1987 verließ er Südafrika zu seinem eigenen Schutz und nahm ein Rhodes-Stipendium in Oxford an, wo er über den politischen Widerstand in Durban promovierte.

1988 wurde Naidoos bester Freund Lenny Naidu von einer südafrikanischen Spezialeinheit ermordet. "Sein Tod hat meinen Weg endgültig festgelegt, meinen Kampf für Gerechtigkeit und für eine bessere Welt. Als wir zum letzten Mal miteinander sprachen, bevor wir ins Exil flohen, war er sehr nachdenklich und fragte mich, welches der beste Einsatz für Gerechtigkeit sein könne. Ich sagte: ‚Das ist sehr einfach, es ist der Einsatz deines Lebens.‘ Er antwortete: ‚Du meinst, wenn man an einer Demonstration teilnimmt und erschossen wird?‘ Ich sagte: ‚Das nehme ich an.‘ Er aber erwiderte: ‚Das ist die falsche Antwort. Es geht darum, dass man sich sein Leben lang einsetzt.' Ich war 22 Jahre alt. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Als ich zwei Jahre später erfuhr, dass er getötet worden war, musste ich sehr lange über dieses Gespräch nachdenken."

Er glaubt, dass Aktivisten gegenüber Politikern im Vorteil sind. "Die Zwänge, die ihnen durch die Wahlzyklen auferlegt sind und die Kompromisse, die durch die Realpolitik des Regierens notwendig werden, führen dazu, dass sie mit den Oberen nicht Klartext reden können. Ich glaube, dass Politiker überbewertet werden, anders als die Bedeutung der geistlichen Oberhäupter, der Gewerkschaftsführer, der Vorsitzenden der NGOs und der Journalisten."

Eine Langfassung dieses Porträts erscheint am 10. Dezember in der Print-Ausgabe des Freitag

Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppler

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08:00 07.12.2009
Geschrieben von

Stephen Moss, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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