Der endlose Marsch

Segregation Ava DuVernays „Selma“ erzählt von einem entscheidenden Kapitel der Bürgerrechtsbewegung 1965 und landet damit radikal im Heute
Gary Younge | Ausgabe 08/2015

Als 1998 der Trailer zu Primary Colors lief – einem Film über einen flirtenden demokratischen Präsidenten aus dem Süden –, war Clintons Lewinsky-Skandal auf seinem Höhepunkt. Ich sah den Trailer damals in einem Kino in Virginia, und nachdem der Sprecher am Schluss gesagt hatte: „Demnächst in einem Kino in Ihrer Nähe“, schrie ein Mann im Saal: „Läuft doch schon!“

Am 12. Juli 2013 startete Fruitvale Station in den USA. Der Film erzählt, wie der unbewaffnete Schwarze Oscar Grant von einem Polizisten erschossen wird. Einen Tag später wurde George Zimmerman freigesprochen. Er hatte den 17-jährigen Schwarzen Trayvon Martin erschossen.

Hin und wieder kommt es vor, dass ein Film nicht nur eine Diskussion auslöst, sondern etwas zu einer bereits existierenden beiträgt. In Anbetracht der Zeit, die man braucht, um einen Film zu drehen, kann man das nur selten planen – bei Selma ist das in gewisser Weise anders. Selma verfolgt drei intensive Wochen des Jahres 1965 in der gleichnamigen Kleinstadt in Alabama, die im Kampf um eine Wahlrechtsreform extrem wichtig wurden.

Zwei Wochen nach Abschluss der Dreharbeiten, am 3. Juli 2014, wurde der 43 Jahre alte Eric Garner von einem Polizisten in New York zu Tode gewürgt. Einen Monat später erschoss ein Polizist in Ferguson den unbewaffneten Schwarzen Michael Brown, obwohl dieser die Hände erhoben hatte.

Wie es einmal war

David Oyelowo, der Darsteller des Martin Luther King in Selma, stand während der Unruhen von Ferguson in ständigem Kontakt zu seiner Regisseurin Ava DuVernay. „Wir konnten es nicht glauben. Die Bilder, die wir im Fernsehen sahen, glichen denen, die wir gerade gedreht hatten, so sehr. Um ehrlich zu sein, waren wir zu diesem Zeitpunkt ziemlich optimistisch. Wir wollten zwar von Anfang an einen Film mit Aktualitätsbezug machen und kein Historiendrama. Jetzt aber hatten wir einen gedreht, der zeigt, dass wir uns erfolgreich gegen solche Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen können.“

Selma kommt zu einer Zeit in die Kinos, in der bedeutende Daten der Bürgerrechtsbewegung sich zum 50. Mal jähren – der Marsch auf Washington, die Kampagne in Birmingham, der Civil Rights und der Voting Rights Act und schließlich die Märsche von Selma nach Montgomery selbst. Es ist aber auch eine Zeit, in der junge Afroamerikaner sich wieder gegen Rassismus engagieren und das Land sich einmal mehr zu einer Debatte über rassistische Diskriminierung und Polizeigewalt genötigt sieht.

Für gewöhnlich gibt es für Martin Luther King in den Medien zwei Möglichkeiten: Bestenfalls wird er zum Helden verklärt, schlimmstenfalls völlig verzerrt dargestellt. Während ihn kurz vor seiner Ermordung 1968 eine Mehrheit der Amerikaner ablehnte, belegte er 1999 bei einer Umfrage nach der höchstangesehenen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts hinter Mutter Teresa den zweiten Platz. In der Zwischenzeit war er vom radikalen Aktivisten, der gegen den Krieg in Vietnam, Armut und Rassismus kämpfte, zum moderaten, patriotischen Prediger weichgespült worden, der nichts weiter wollte, als dass die Leute miteinander auskommen.

„Vorurteile erwachsen aus Angst“, sagt Oyelowo, der als Sohn nigerianischer Eltern in Großbritannien geboren wurde. „Wenn man Angst vor etwas hat, versucht man es zu isolieren und aus seinem Kontext herauszulösen. Ich glaube, mit Martin Luther King ist genau das geschehen. Seine ‚I Have a Dream‘-Rede, sein Konterfei, alles wurde vereinnahmt und romantisiert, um seine Botschaft zu neutralisieren.“

Selma gelingt es, dieser Verklärung entgegenzuwirken und King seine Komplexität zurückzugeben. Das liegt zum Teil an der Zeit, die der Film behandelt. Seit 1963 hatte das Student Nonviolent Coordinating Committee (die kämpferische Jugendorganisation der Bürgerrechtsbewegung) die Afroamerikaner dazu aufgerufen, sich im Wahlregister der Stadt Selma registrieren zu lassen. Als die Proteste sich ausweiten, eskaliert die Polizeigewalt.

Am 17. Februar 1965 wird der 26 Jahre alte Jimmy Lee Jackson von einem Polizisten erschossen. Am 7. März setzt sich von Selma aus ein Protestmarsch in Bewegung, der nach Montgomery führen soll, der Hauptstadt Alabamas. Der Tag geht als Bloody Sunday in die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung ein, ein zweiter Versuch scheitert ebenfalls, erst am 21. März kann der Marsch stattfinden – mit 4.000 Demonstranten. Zwischenzeitlich hatte Präsident Johnson das Wahlrechtsgesetz in den Kongress eingebracht.

„Meist wird einem Sieg mehr Bedeutung beigemessen als dem Weg, der zu ihm geführt hat“, sagt Dede Gardner, eine der Produzentinnen von Selma. „In unserem Team gab es viele, die nichts vom Turnaround Tuesday wussten, und manche hatten noch nicht einmal vom Bloody Sunday gehört. Sie wussten nicht, dass es drei Anläufe brauchte, bis der Demonstrationszug ungehindert stattfinden konnte.“

Oyelowo sieht einen Zusammenhang zwischen dem politischen Aufstieg Obamas und der steigenden Zahl von Filmen über die Bürgerrechtsbewegung. „Vor Selma habe ich in vier anderen Filmen mitgespielt, in denen die Bürgerrechte ein Thema waren. Ich bin mir sicher, dass diese Filme ohne Obama nicht entstanden wären, denn sie wollen alle die Frage veranschaulichen, wo wir mit einem schwarzen Präsidenten in Sachen Bürgerrechte wirklich stehen.“

Während es geschieht

Eine pessimistische Sicht müssen die diesjährigen Oscar-Nominierungen bestätigen: Selma ist nur in den Kategorien Bester Film und Bester Song nominiert, nicht für die Regie, nicht für das Drehbuch, nicht für Oyelowos Hauptrolle. Das Dilemma ist im Film schon angelegt, wenn King seinen wichtigsten Berater fragt, welche Freiheit er denn erkämpft habe, wenn Schwarze zwar das Recht hätten, an jedem Imbiss zu essen, es sich aber nicht leisten könnten. Die Vermögens- und Einkommensunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen sind heute größer als 1965. Wenn die letzten 50 Jahre eines bewiesen haben, dann, dass das abstrakte Recht auf Selbstbestimmung nicht mit tatsächlicher Gleichheit identisch ist.

Vielleicht sind die alten Maßstäbe nicht einfach auf die heutige Situation übertragbar. Die jungen Leute, die im Oktober in St. Louis auf die Straße gingen, nachdem der 18-jährige Schwarze Vonderrit Myers von einem Polizisten erschossen worden war, sind bestimmt genauso klug wie die von 1965. Aber im 21. Jahrhundert bietet der Rassismus in den USA keine so offenen Angriffspunkte mehr wie in Zeiten der Segregation.

Seit Occupy Wall Street wurde viel darüber diskutiert, ob bei sporadischen Protesten schon von einer Bewegung gesprochen werden kann. Ava DuVernay glaubt, es sei für ein Urteil noch zu früh: „Wenn man es als vorübergehend abtut, noch während es passiert, vergibt man die Möglichkeit, dass es auch mehr sein könnte.“

Film

Selma Ava DuVernay USA 2014, 127 Minuten

Gary Younge ist Buchautor, Radiojournalist und Kolumnist des Guardian. Er lebt in Chicago

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 18.02.2015
Geschrieben von

Gary Younge | The Guardian

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