Der graue Gigant

Klima Schlumberger ist die unbekannte Macht der fossilen Rohstoffmärkte. Jetzt hat die Firma Abgeordneten gedroht

Im Juni, als das Fracking-Gesetz der Regierung den Bundestag erreicht hatte, da machten die Deutschen Bekanntschaft mit einem Konzern, der nicht nur hierzulande bisher kaum eine Rolle in der Öffentlichkeit spielt: Schlumberger. Der Dienstleister für Öl- und Gasförderung hatte Briefe an Abgeordnete verschickt und mit Gefährdungen für Umwelt und Allgemeinheit gedroht, sollte das Parlament nicht konventionelles wie unkonventionelles Fracking erlauben. Schlumberger? Wer ist Schlumberger?

Einer der mächtigsten Akteure auf dem Energiemarkt. Über 100.000 Menschen sind für das Unternehmen tätig. Es bohrt in 85 Ländern der Welt nach Erdöl und Gas, erwirtschaftet 48 Milliarden Dollar pro Jahr und sein Wert wird auf mehr als 116 Milliarden Dollar beziffert. Damit hat es mehr Mitarbeiter als Google, macht mehr Umsatz als Goldman Sachs und ist mehr wert als McDonald’s. Schlumberger ist an fast jedem internationalen Ölgeschäft beteiligt, arbeitet mit Staaten wie Saudi-Arabien, Libyen, Russland und Turkmenistan direkt zusammen und meistert selbst die heikelsten Herausforderungen, seien sie logistisch, technisch oder politisch. Als Weltmarktführer bei den Technologien zur Exploration fossiler Brennstoffe hält der Konzern 36.000 Patente. Und all das, ohne je wirklich im Rampenlicht zu stehen.

Sein jüngstes Rekordergebnis allerdings würde Schlumberger wohl am liebsten ganz vor der Öffentlichkeit verbergen: Ende März musste der Konzern in die höchste Strafzahlung wegen Sanktionsverletzungen einwilligen, die in den USA jemals gegen ein Unternehmen verhängt worden ist. Schlumberger bekannte sich schuldig, US-Sanktionen gegen den Iran und den Sudan unterlaufen und versucht zu haben, diese illegalen Geschäfte zu vertuschen. Das Unternehmen muss nun 155 Millionen Dollar Bußgeld entrichten, auf weitere 77,5 Millionen Dollar Einnahmen verzichten und eine dreijährige Bewährungszeit durchstehen.

In staatlichem Auftrag

Doch angesichts der Milliardenumsätze und der 208 Millionen Dollar Gewinn, die Schlumberger allein im Jahr 2012 im Iran einfuhr, ist so eine Strafe verkraftbar. Am Tag der Urteilsverkündung stiegen die Konzernaktien um fast zwei Prozent.

Der Fall bringt etwas Licht ins Innenleben des geheimniskrämerischen Giganten. Schlumberger selbst besitzt keine Rechte auf Öl- oder Gasfelder, sondern arbeitet für die staatseigenen Firmen, die beim Großteil der weltweiten Vorkommen als Eigentümer in Erscheinung treten. Als führender Anbieter für Fördertechnologie spielt die Firma die Schlüsselrolle unter anderem bei Tiefseebohrungen, bei der Erschließung des arktischen Erdöls sowie beim „Re-Fracking“, bei dem versiegende Quellen noch einmal stimuliert werden. Behilflich ist dabei ein 160 Millionen Euro schweres Investment des Wellcome Trusts, und auch die Gates-Stiftung hält Schlumberger-Aktien im Wert von über drei Millionen Dollar.

Doch wo die Rivalen am Markt offen Lobbyarbeit betreiben, Parteispenden zahlen und sogar prominente Politiker in ihre Dienste stellen, hat sich Schlumberger – 1926 von zwei Brüdern aus dem Elsass als Prospektionsgesellschaft gegründet – bisher erfolgreich im Hintergrund gehalten. Konkurrent Halliburton ist deutlich bekannter und geriet vor allem durch den Irakkrieg und die Verbindungen zum damaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney ins Visier von Protestgruppen. Dabei nimmt sich Halliburton im Vergleich zu Schlumberger geradezu schmächtig aus, hat ein Drittel weniger Angestellte und wird auf zwei Drittel weniger Wert beziffert.

Ein Grund für Schlumbergers Unscheinbarkeit liegt in seiner Beinahe-Staatenlosigkeit. Anders als Halliburton befindet sich der Konzern nicht in US-Besitz. Zwar ist er ein börsennotiertes Unternehmen sowohl in den USA als auch in Großbritannien und betreibt Zentralen in London, Paris, Den Haag und Houston. Doch seinen Amtseintrag hat Schlumberger auf der Karibikinsel Curaçao. Der verschachtelte Aufbau, mit Tochtergesellschaften in den Niederlanden, auf den Britischen Jungferninseln und in Panama, die das operative Geschäft leiten, kommt dem Konzern vielfach zugute. Eben weil er nicht als US-Unternehmen gilt, konnte er trotz der US-Sanktionen jahrelang im Sudan und im Iran – dort sogar für die staatliche Ölgesellschaft – tätig sein.

Was Schlumberger für seine Kunden unentbehrlich macht, ist die einzigartige Expertise im Ausschöpfen von fossilen Brennstoffvorkommen. Wo die Konkurrenz mit Niedrigpreisen lockt, bietet Schlumberger das Know-how, um überall noch den letzten Tropfen Öl oder den letzten Hauch Gas aus der Erde zu ziehen. „Schlumberger ist sozusagen der Apple der Ölfelder, die allgegenwärtige Hightechfirma“, sagt Robert MacKenzie, ein Ex-Mitarbeiter.

Die über 36.000 Einträge, die das Europäische Patentamt für Schlumberger aufführt, spiegeln diese technologische Dominanz wider. Zum Vergleich: Halliburton ist mit 25.000 Patenten gelistet und Baker Hughes, drittgrößter Akteur, mit 20.000. Schlumberger nutzt seinen Forschungsvorsprung, um mit neuartigen Bohrverfahren Geld zu machen. Diese Verfahren erlauben den Zugriff auf genau jene Öl- und Gasvorkommen, die nach Ansicht von Klimaschützern auf keinen Fall angetastet werden dürfen.

Wie sehr der Konzern auf das Geschäft mit fossilen Brennstoffen angewiesen ist, verrät ein Abschnitt in seinem offiziellen Jahresbericht für 2012. Im charakteristisch verbrämten Business-Sprech heißt es da: „Die Nachfrage nach unseren Produkten und Dienstleistungen könnte durch Änderungen bei Regierungsbestimmungen oder bei Gesetzen verringert werden.“ Und weiter unten: „Einige internationale, nationale und staatliche Institutionen und Regierungen prüfen und präsentieren derzeit Initiativen, die aus Gründen des Klimaschutzes auf eine Beschränkung der Treibhausgasemissionen abzielen. Solche Gesetze könnten die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas sowie deren Förderung in Teilen der Welt, wo unsere Kunden tätig sind, deutlich vermindern, was sich wiederum nachteilig auf unsere finanzielle Situation, unsere Ergebnisse und unseren Kapitalfluss auswirken könnte.“

In Deutschland hat die Koalition das Fracking-Gesetz erst mal vertagt. Doch Schlumberger brennt eh vor allem auf bisher unzugängliche Vorkommen; es steckt etwa hinter dem großen Ölfund in der eisigen russischen Karasee im vergangenen Jahr.

James Ball und Harry Davies arbeiten für das Investigativ-Ressort des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 27.07.2015
Geschrieben von

James Ball, Harry Davies | The Guardian

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