Der große Bruder

Tiefgang Die britische und ­internationalistische Zeit­schrift, Flaggschiff der Neuen Linken, also die „New Left Review“ wird 50 Jahre alt. Eine Gratulation

Die New Left Review wird 50, und die bloße Idee einer „Feier“ riecht bereits nach konsumistischem Pseudo-Optimismus, ist Chronologie an sich schon ein Konzept, das jeglicher theoretischen Unterfütterung entbehrt. Wir sollten daher nicht von einem Jubiläum sprechen, sondern eher von einer „überdeterminierten Sachlage“.

Es ist schwer, sich von der New Left Review nicht einschüchtern zu lassen. Die Zeitschrift wirkt zuweilen so, als bestünde ihr einziger Zweck darin, dem Leser das Gefühl der Unwissenheit zu vermitteln: Müsste man nicht besser über die Industrialisierung in China im Bilde sein, Brenners Analyse der Turbulenzen auf den weltweiten Finanzmärkten kennen und um die Bedeutung der kommunalen Bewegungen in Lateinamerika wissen? Für viele ist das Journal wie ein älterer Bruder, den man ob seiner Ernsthaftigkeit bewundert, der mehr weiß, mehr gesehen hat, stärker und einfach unverzichtbar ist. Das kann zuweilen anstrengend sein, und das Leben scheint unbeschwerter, wenn man sich eine Zeitlang nicht gesehen hat. Dann trifft man ihn wieder und sofort ist alles wie früher.

Das war nicht immer so. Selbst ältere Brüder haben in ihrer Jugend schwierige Phasen voller fehlgeleitetem Enthusiasmus, gescheiterten Beziehungen und launischen Rückzügen. Einige Leser werden sich noch an die Zeiten erinnern, in denen die NLR sich einem sektiererischem Purismus verschrieben hatte, theoretischen Vorgaben unterwarf und von Außenstehenden überhaupt nicht verstanden werden wollte. Aber es gibt in der nun 50-jährigen, von tiefgreifenden Identitätswechseln charakterisierten Geschichte vieles, auf das sie stolz sein kann. Das Journal hat in der ihm eigenen, unbeugsamen Weise auf die großen weltgeschichtlichen Veränderungen dieser 50 Jahre reagiert und mit einer Reihe von Erklärungsmodellen zu deren besserem Verständnis beigetragen. Dabei entfaltete die NLR Wirkung weit über den Kreis derjenigen hinaus, die ihre Marxismus-Auffassungen teilten.

Aus London in die Welt

Man kann die Geschichte der NLR nicht auf eine einfache Formel reduzieren. Das Journal, das mit der Hoffnung angetreten war, linke Massenbewegungen anzuregen und als deren Sprachrohr zu fungieren, wurde schon bald zu einem theoretisch ausgerichteten Unternehmen, das darüber seine leninistischen oder auch trotzkistischen Hoffnungen nie ganz begraben hat. In den achtziger Jahren begann es, seine intellektuelle Aufgabe breiter zu interpretieren und seit 2000 nennt es sich selbstbewusst ein Journal der Ideen ohne Verbindung zu gegenwärtig aktiven radikalen Bewegungen oder irgendeinem vorgefertigten Konzept für die Zukunft.

Als einem Journal mit intellektuellem Tiefgang, das sich nichts Geringerem als der radikalen Umgestaltung der Gesellschaft verschrieben hatte, gab es für die NLR Vorbilder in der britischen Geschichte – sie entstand aus der britischen Kultur und war in dieser verwurzelt, wie internationalistisch sie seitdem auch geworden sein mag. Es hat viele kleine linke Journale gegeben, die meist nur kurze Zeit überlebten. Etwa William Morris’ Commonweal (1885-90) oder die ursprüngliche Left Review (1934-38). Es gab politische Periodika wie den New Statesman oder Tribune, die sich stärker mit dem parlamentarischen Tagesgeschäft auseinandersetzen. Es gab eklektischere Kunst-, Kultur- und Politik-Magazine mit radikalen Tendenzen wie New Age (1907-1922). Um aber ein anderes erfolgreiches Journal zu finden, das auf höchstem intellektuellen Niveau von einer selbstbewussten, radikalen Gruppe herausgegeben wurde, müsste man bis zur Westminister Review zurückgehen, dem Journal der philosophischen Radikalen des frühen 19. Jahrhunderts.

In der Gegenwart taugt trotz all der offensichtlichen formalen Unterschiede am ehesten wohl die London Review of Books zum Vergleich. Die NLR ist dabei weniger literarisch, sondern politischer und setzt auf eine systematischere, ökonomisch fundierte und theoretisch gefestigte Analyse. Mittlerweile beschäftigt sie sich nur noch wenig mit britischer Politik und Kultur.

Insofern es in den Anfangsjahren ein bewusstes Modell gegeben hat, scheinen hier Sartres Les Temps Modernes und eine idealisierte Vorstellung des intellektuellen Lebens im Paris der fünfziger Jahre für einige der führenden Köpfe der Review richtungsweisend gewesen zu sein. Bestimmte für den Existenzialismus typische Themen wie Philosophie und Film wurden ernst genommen, andere Kunstformen, darunter jegliche Form der Pop-Kultur, kamen erst weit dahinter. Auch wenn es immer wieder redaktionelle Veränderungen gab, ist der Kern der Gruppe heute um die 70 und erfuhr seine politische Prägung in den Jahren zwischen 1958 und 1968.

Wandel und Kontinuität

Die Jubiläumsausgabe enthält Beiträge von langjährigen Weggefährten der NLR wie Tariq Ali, Perry Anderson, Robin Blackburn und Mike Davis, dazu kommen Interviews oder Reprints prominenter Figuren der intellektuellen Linken wie Eric Hobs­bawm und Stuart Hall. Diese Namen bürgen für eine bemerkenswerte Kontinuität. Anderson und Blackburn standen an der Spitze der jüngeren Gruppe, die 1962 nach zwei Jahren der Führung Halls die Leitung des Journals übernahm. Zusammen mit Ali, Davis und einer Handvoll anderer gehörten sie seit den sechziger Jahren immer wieder der Redaktion an. Anderson fungierte zwar von 1962 bis ’83 offiziell als Herausgeber, das Journal betonte aber stets seinen kollektiven Charakter und von außen war nie auszumachen, wie die Verantwortlichkeiten zwischen Herausgeber und Chefredaktion verteilt waren.

Von 1983 bis 1999 hatte Blackburn den Herausgeberposten inne. Damals wurde an einem Relaunch gearbeitet. Seit 2003 gibt Susan Watkins die Review heraus. Genaue Auflagenzahlen waren immer ebenso schwer zu bekommen wie verlässliche Aussagen über die inneren Arbeitsabläufe; die alle zwei Monate erscheinenden Hefte dürften sich jeweils an die 10.000 Mal verkaufen. Trotz der personellen Kontinuitäten gab es einige dramatische Kurs- und Imagekorrekturen. Das Journal entstand 1960 aus dem Zusammenschluss zweier existierender Blätter – Universities and Left Review sowie dem New Reasoner. Ersteres war in den späten Fünfzigern die intellektuelle Heimat des politischen und kulturellen Radikalismus und insbesondere unter Studenten beliebt, die den Reformismus der Labour-Partei ablehnten, während der New Reasoner jenen Kommunisten oder Ex-Kommunisten eine Plattform bot, die sich nach 1956 vom Stalinismus abwandten. Im ganzen Land entstanden linke Clubs, die Kampagne für nukleare Abrüstung hatte eine mobilisierende und integrative Wirkung – für kurze Zeit war die Review Teil einer breiteren Bewegung. Nach dem Wechsel von 1962 konzentrierte sie sich auf die Bereitung der theoretischen Grundlagen für die „Revolution“.

Krise und Relaunch

Einer der bemerkenswertesten Verdienste der NLR bestand im Import und der Verbreitung kontinental-europäischen Gedankenguts, insbesondere aus der Tradition des hegelianischen Marxismus, aber auch anderer Texte aus den Bereichen Soziologie und Psychoanalyse. 1970 wurde ein Verlag gegründet – New Left Books, später Verso. Er trug dazu bei, dass viele gesellschaftspolitische Werke zu einer Zeit auf Englisch erhältlich wurden, als aufgrund einer Ausweitung der schulischen und universitären Weiterbildung eine erhöhte Nachfrage nach solchen Texten bestand. In den frühen Jahren spielten etablierte sozialistische Denker wie Isaac Deutscher und Raymond Williams oder der trotzkistische belgische Ökonom Ernest Mandel für die Review eine große Rolle. Immer fanden intensive Auseinandersetzungen mit den Ideen Antonio Gramscis und Louis Althussers statt.

Im Verlauf der achtziger Jahre stand die Linke vor der Herausforderung, die dramatischen Veränderungen des Jahrzehnts, die mit dem Ende des „real existierenden Sozialismus“ ihren Höhepunkt fanden, zu verarbeiten. Dies führte in der darauffolgenden Dekade zu Streit und einigen Rücktritten bei der Review selbst, aber auch zu Versuchen, die relative Vernachlässigung von Themen wie Feminismus und Umwelt wiedergutzumachen. Konstanten stellten die Anklage des „amerikanischen Imperiums“, insbesondere der so genannten ­humanitären Kriege der neunziger Jahre sowie der Versuch dar, die weltweiten Mechanismen der neuen Formen des Kapitalismus zu bestimmen. Aber die Frage, was es unter neuen Voraussetzungen bedeutete, weiterhin für eine „sozialistische Zukunft“ einzutreten, stellte sich immer dringlicher und führte zu einem grundsätzlicheren Überdenken der eigentlichen Aufgabe des Journals selbst. Das Ende 1999 erschienene Heft 238 sollte das letzte vor dem Relaunch sein.

Die erste Ausgabe der neuen Reihe erschien Anfang 2000 in vollkommen neuem Layout, mit Seiten für Buchbesprechungen und einem unterzeichneten Editorial mit einer ernsten und nüchternen Einschätzung der Herausforderungen, die Linke zu Beginn des neuen Jahrhunderts zu gewärtigen haben. Einige Leser waren erschüttert von Andersons Offenheit: „Der einzige Ausgangspunkt für eine realistische Linke ist heute das klare Eingeständnis der historischen Niederlage.“ Der Neoliberalismus triumphiere auf dem ganzen Globus, es gebe keine wirksame radikale Gegenmacht. Dies sei um so mehr Grund, sich um ein umfassendes Verständnis der Kräfte zu bemühen, die in der Welt wirksam sind. Selbst die vorsichtigsten Schritte bei der Formulierung einer Alternative könnten nur auf der Grundlage einer systematischen und umfassenden internationalen Analyse erfolgen. Die Botschaft mag düster gewesen sein, der Ton hingegen war entschlossen: Das führende Prinzip des Journals sollte in „der Verweigerung bestehen, mit dem herrschenden System seinen Frieden zu machen, ohne dessen Macht zu unterschätzen.“

Im Editorial der Jubiläumsausgabe zieht nun Susan Watkins Bilanz. Ihre Aufmerksamkeit gilt vor allem dem Zusammenbruch des Finanzmarktes von 2008 und der anschließenden Erholung der Banken. Aus ersterem hätte die Linke neue Kraft und Hoffnung schöpfen können, das System schien zu implodieren, wie es die Marx’sche und postmarxistische Theorie vorhersagen. Dem war aber nicht so, wie Watkins nüchtern feststellt. Anstelle der Apokalypse fand eine Konsolidierung statt. Die Krise des weltweiten Finanzsystems hat auch nicht zu politischen Unruhen oder Aufständen geführt. In einem jener stählernen Sätze, die die neue NLR so gut beherrscht, schreibt Watkins: „Dass die Krise des Neoliberalismus im Gegensatz zu den erbitterten Schlachten über seine Durchsetzung so wenig systemgefährdend war, ist ein ernüchterndes Indiz für seinen Triumph.“

Was also bleibt der Linken zu tun? Da es kein „konkretes Projekt“ gibt, bedarf es eines langen Atems. „Eine vordringliche Aufgabe der NLR sollte in den kommenden Jahren die neue Typologie der Entwicklungen im Zeitalter des globalen Finanzkapitalismus sein. Eine andere besteht in der Erstellung einer Karte des weltweiten Proletariats, Orte, Sektoren, Unterschiede, die in den gegenwärtigen Konstituierungen und Dekonstituierungen von Klassen wirksam sind.“

In einer Zeit, in der selbst viele „seriöse“ Medien sich mit vom Promi-Kult beseelten, journalistischen Eintagsfliegen, der redaktionellen Bearbeitung von Presseerklärungen und haus-internem Tratsch beschäftigen, während die Welt der Wissenschaft damit zu kämpfen hat, die schlimmsten Auswirkungen der durch den Finanzierungsdruck entstehenden Überproduktion und karrieristischen Verfolgung von Modetrends abzufedern; in einer Zeit, in der sich nationale wie internationale Politik darauf zu beschränken scheinen, den Imperativen „des Marktes“ zu huldigen und PR-Pannen zu vermeiden, brauchen wir mehr denn je eine Plattform wie die NLR. Sie ist aktuell, ohne auf das Tagesgeschehen fixiert zu sein, wissenschaftlich, ohne den inneren Zwang zur Zitat-Huberei, und analysiert die langfristig wirkenden Kräfte in der Politik, ohne sich auf den Schaum zu stürzen, den jüngste Manöver geschlagen haben.

Übersetzung: Holger Hutt

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15:00 05.03.2010
Geschrieben von

Stefan Collini | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 33/2020

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