Der große Neustart

Kapitalismus Die beliebte Anti-Lockdown-Verschwörungstheorie vom „Great Reset“ taugt natürlich zu nichts, zeigt aber wie miserabel es um die öffentliche Stimmung bestellt ist

Bei einer Anti-Lockdown-Demonstration in London protestierten kürzlich tausende Menschen gegen das, was sie für einen heimlichen Griff nach der Macht unter dem Deckmantel der Pandemie halten. Einige der Demonstranten trugen Plakate, auf denen sie der angeblichen Machtergreifung einen Namen geben: „The Great Reset“ – zu deutsch: „der große Neustart“. „Sie dachten, sie kriegen ihren großen Neustart einfach durch“, rief ein Mann laut. „Von wegen! Die Pandemie ist ein Schwindel!“

„The Great Reset“ – sowohl der Titel eines leichtverdaulichen Buches des Kreativwirtschafts-Gurus Richard Florida als auch ein bevorzugter Slogan von Unternehmens-Weltverbesserern – ist auch eine Bezeichnung für ein Netz von Ideen, das zunehmend in der Anti-Lockdown-Rechten populär wird. In ihrer am wenigsten plausiblen Version behauptet diese Verschwörungstheorie, eine globale Elite nutze Covid-19 als Gelegenheit, radikale Politik durchzusetzen, wie etwa Impfpflicht, digitale Identitätsausweise und Einschränkungen der Privatsphäre.

Ursprünglich stammt sie aus einer ungewöhnlichen Quelle. Am 3. Juni, als die Zahl der Covid-19-Todesopfer in Großbritannien 50.000 erreichte, wurde auf dem YouTube-Account der britischen königlichen Familie ein Video über eine neue Kampagne der Initiative für nachhaltige Märkte des Prinzen von Wales in Zusammenarbeit mit dem Weltwirtschaftsforum (WEF) veröffentlicht. Unter dem Titel #TheGreatReset forderte die Initiative „gerechtere Lösungen“ und die Umlenkung von Investitionen in eine „nachhaltigere Zukunft“. Das Video entsprach ganz dem glatten Markenauftritt, den man vom WEF gewohnt ist – mit Filmbildern von Eisschollen und gestrandeten Walen sowie einem eindrucksvollen Monolog von Prinz Charles.

Die Initiative reihte sich in eine Serie ähnlicher Behauptungen ein, die Karl Polanyis Urtext „The Great Transformation“ aus dem Jahr 1944 immer wieder neu aufnehmen. Im vergangenen Jahrzehnt sprachen Autoren und Politiker von der „großen Finanzialisierung“, der „großen Regression“, der „großen Umkehr“, der „großen Beschleunigung“, dem „großen Zusammenbruch“ und der „großen Abkoppelung“, um nur einige zu nennen. Der vom WEF geforderte „große Neustart“ blieb anfangs weitgehend unbemerkt, da etwa zur gleichen Zeit der Tod George Floyds die Black Lives Matter-Proteste auf der ganzen Welt auslöste. Doch später wurde auf die Idee zurückgegriffen – allerdings auf eine Weise, die die Organisatoren der Kampagne wahrscheinlich nicht erwartet hatten.

Als Joe Biden die Wahl gewann, ging es los

Wochen nach der Veröffentlichung des WEF-Great Reset-Videos alarmierte der redaktionelle Leiter des libertären Thinktanks The Heartland Institute, Justin Haskin, auf den einschlägigen Sendern Fox Business, Fox News und Glenn Becks Sender TheBlaze: „Die grobe Linie des Plans ist klar: Die globale kapitalistische Wirtschaft zu zerstören und die westliche Welt zu reformieren.“ Aber abgesehen von ein paar vereinzelten Aufjaulern im rechtskonservativen Schallraum, schaffte es die Great Reset-Theorie zunächst nicht, sich als ausgewachsene Verschwörungstheorie zu etablieren. Erst als Joe Biden Anfang November die Präsidentschaftswahl gewann, nahmen laut Google Trends die Online-Suchanfragen nach dem Begriff deutlich zu.

Der offensichtlichste Auslöser für das wachsende Interesse war ein Beitrag in Laura Ingrahams Fernsehshow auf Fox News, die 2020 eine durchschnittliche Zuschauerzahl von 3,5 Millionen erreichte. „Sie kennen die Idee: ‚Lass eine Krise niemals ungenutzt’“, sagte Ingraham am 13. November. „Mit dem Coronavirus hat sich diese Idee auf der ganzen Welt verbreitet. Seit Frühling dieses Jahres nutzen mächtige Leute die Pandemie, um auf allen Kontinenten radikalen gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel voranzutreiben.“

Jahre nachdem Journalistin Naomi Klein als „Schock-Doktrin“ analysiert hatte, wie Konservative Katastrophen nutzen, um radikal konservative Politik durchzusetzen, vereinnahmte nun die Rechte diese Narrative für ihre eigenen Zwecke.

Einige Tage später kam Ingraham erneut auf das Thema zu sprechen. In einem Video-Clip, der ganze 2,4 Millionen Mal geguckt wurde, sagte sie, Bidens „Führungsleute“ glaubten an „den großen Neustart des Kapitalismus. Es ist ein Plan, eine gerechtere Verteilung der globalen Ressourcen zu erzwingen“. Am gleichen Tag, twitterte mit Candace Owens eine weitere rechtskonservative politische Kommentatorin: „Sie benutzen Covid-19, um die westlichen Ökonomien zu zerstören und kommunistische Politik einzuführen. Das geht gerade vor sich.“ Derweil war in Australien der Spectator-Kolumnist James Dellingpole in einem Interview mit Sky News Australia zu sehen – einem Sender, der wie Fox News Rupert Murdoch gehört. Dellingpole sagte: „Jeder, der nicht erkennt, dass der große Neustart gerade die größte Bedrohung für unsere Lebensweise ist, hat nicht richtig aufgepasst.“

Eine rechtskonservative Nebelkerze, um von den eigenen Machenschaften abzulenken

Die „Great-Reset-Theorie“ ist Unsinn, und wird wahrscheinlich eine der Hauptgegenstände der vielen neuen, die „Fehlinformation“ untersuchenden Forschungszentren und- Initiativen werden, die seit 2016 an den Universitäten wie Pilze aus dem Boden schießen. Viele der Tech-Unternehmen und CEOs auf der Welt sind bisher gut mit der Krise gefahren. In der gleichen Woche, in der viele Amerikaner*innen ihre Jobs verloren, vergrößerte sich das Vermögen von Amazon-Gründer Jeff Bezoz in nur einem Tag um 13 Milliarden US-Dollar. Solche surrealen Tatsachen – die zeigen, dass prominente Mitglieder der reichsten 1 Prozent wirklich von der Pandemie profitieren – machen es zu einer verhältnismäßig leichten Übung, Leute zu überzeugen, dass die Krise bewusst geplant wurde, damit die Eliten noch mehr Macht anhäufen können.

Mit ihrer genialen Meisterleistung gaben Murdochs Moderatorinnen den Leuten ein Ziel, auf das sie ihren Ärger projizieren konnten. Mit seinem starken deutschen Akzent und Sitz in den Schweizer Alpen war WEF-Gründer Klaus Schwab – von Sky News Australia als „charismatischer Deutscher“ und „gefährlicher marxistischer Anführer“ bezeichnet – der perfekte Bösewicht für die Verschwörungstheorie. Gleichzeitig war der Great Reset für die rechtskonservativen Kommentatoren eine willkommene Ablenkung von ihrer eigenen Komplizenschaft mit Macht und Reichtum. Schließlich hatten sie vier Jahre damit verbracht, als Cheerleader für einen Präsidenten aufzutreten, dessen größte gesetzgeberische Leistung eine gigantische Steuersenkung war, von der die Reichen überproportional profitierten.

Dass der WEF eine Verschwörungstheorie zur Rolle der Eliten inspiriert, ist dabei wenig überraschend. Am besten bekannt ist die Organisation für ihr jährliches Treffen im schweizerischen Kurort Davos, wo hohe Unternehmensvertreter aus aller Welt in einer Flotte von Privatjets anreisen, um ein Lippenbekenntnis auf nötige Maßnahmen gegen den Klimawandel abzulegen. Schwab verkündete zwar, der Neoliberalismus habe „seine besten Tage hinter sich“. Doch ist es Aufgabe seiner Kritiker, den WEF auf seine eigene Geschichte hinzuweisen: Mit der Veröffentlichung eines jährlichen „globalen Wettbewerbsindex“ etwa peitscht er seit den 1970er Jahren Staatsregierungen in einen Abwärtswettlauf in Sachen Steuersenkung und Streichung staatlicher Vorgaben.

Wenn uns die Great Reset-Theorie etwas über die politische Wirklichkeit sagt, dann, dass Unternehmenseliten durch leere Initiativen keine Legitimität gewinnen können. Die Leute mögen es offenbar gar nicht, wie defekte Festplatten behandelt zu werden, die sich von oben neustarten lassen. Will man die Lebensbedingungen der Menschen und die Ursachen der politischen Entfremdung ändern, erfordert das weit mehr als das WEF-Video über die Chancen einer Pandemie, mit einem Mitglied der britischen Königsfamilie als Frontmann. Deutlich besser als Initiativen aus den Vorstandsetagen zeigen uns gesellschaftliche Bewegungen wie „Black Lives Matter“ und die Klimabewegung, wie sich die Unterstützung der Öffentlichkeit für dringend notwendige Veränderungen gewinnen lässt.

Quinn Slobodian ist Associate Professor für Geschichte am Wellesley College in Massachusetts

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 09.12.2020
Geschrieben von

Quinn Slobodian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 13006
The Guardian

Ausgabe 02/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 59