Der Irak bleibt ein Staat auf Abruf

Bush-und-Blair-Krieg Sechs Jahre ist es her, dass US- und britische Truppen in den Irak eindrangen. Wie andere Jahrestage wird auch dieser nicht in die Geschichtsbücher eingehen

Was noch von der Bush-Regierung vor 18 Monaten entschieden wurde – die US-Truppen auf 140.000 Mann aufzustocken – scheint sich ausgezahlt zu haben. Der Aufstand der sunnitischen Nationalisten hat an Heftigkeit eingebüßt, Fanatiker und Freiwillige für Selbstmordattentate gibt es freilich immer noch zuhauf. Seumas Milne hat recht, wenn er im Guardian
schreibt, eine Befreiung des Irak sei nur möglich, sollte es gelingen, die sektiererische Gewalt zu überwinden, vor allem die in den Ölregionen um Kirkuk und Mosul, auf die Kurden und Araber gleichermaßen Anspruch erheben.

Auch wenn durch die verstärkte Präsenz der US-Truppen einiges erreicht werden konnte, bleiben viele offene Fragen, die vor dem von Barack Obama für Ende 2010 angekündigten Abzug beantwortet werden müssen. Die erste lautet, ob Iraks Armee und Polizei in der Lage sind, das Land zu kontrollieren, wenn das Gros der US-Soldaten 2010 tatsächlich geht. Daran gekoppelt ist die Frage nach der Überlebenskraft der Regierung von Premier al-Maliki oder einem seiner möglichen Nachfolger. Können sie eine funktionierende Verwaltung aufbauen? Oder werden Bagdad und große Teile des Landes zu Lehen einer Schiiten-Fraktion, wie sie die Daawa-Partei und der Oberste Islamischen Rat des Al-Hakim-Clans darstellen? Wo sind eigentlich die Milizen des schiitischen Predigers Muqtada al-Sadr geblieben? Sind sie wirklich dahingeschmolzen wie Schnee im Frühling, wie uns die US-Militärpropaganda suggeriert? Letztlich läuft alles auf die Frage hinaus, ob der Irak nach dem US-Exit auseinander bricht, weil er eben nur eine vermeintlich intakte Regierung und Armee besitzt.


Nicht nur die Amerikaner, auch die Briten werden abziehen, voraussichtlich bis Ende Juli. Für sie hat sich das Irak-Abenteuer unter dem Strich als Fehler erwiesen, den die Politiker zu verantworten haben. Obwohl Tony Blair vor sechs Jahren, im Frühjahr 2003, behauptet hatte, er stimme mit George W. Bush in jeder Hinsicht überein, war die Invasion doch von Anfang an vorrangig eine Sache der Amerikaner. Das britische Korps in der Region um Basra verfügte nie über Ressourcen, die mit denen der US-Besatzungsverbände vergleichbar waren. Das vorhandene Potenzial reichte gerade einmal, die Stellung zu halten. Und selbst das wurde zunehmend schwieriger.

In den kommenden Monaten werden wir gewiss andere Versionen zu hören bekommen, die uns bedeuten, die Briten hätten getan, was sie konnten, und das meiste von dem erreicht, was sie sich vorgenommen hätten – sie hätten alles getan, den Irak den Irakern zurückzugeben. Dabei wäre natürlich sofort zu fragen, ob das Land und seine Ölreichtümer an die richtigen Iraker zurückgegeben wurden – ob Saddam Hussein nicht hätte verdrängt werden können, ohne dass so viel Menschen ums Leben kommen.

Der späte Sir Michael Quinlan, einer der wahren strategischen Köpfe, die im Laufe der vergangenen 50 Jahre im britischen Verteidigungsministerium gearbeitet haben, schrieb Anfang 2003 in einem kurzen Aufsatz unter der Überschrift „Der gerechte Krieg“ , es gebe keinen triftigen Grund für einen Krieg gegen Saddam Hussein. Von ihm gehe weder Bedrohung für die USA und Großbritannien noch für die Stabilität des Mittleren Ostens aus.

Wir wissen heute, dass Tony Blair von Experten aus seinem eigenen Kabinett gewarnt wurde, die von Saddam Hussein ausgehende Gefahr zu übertreiben. Sir Michael und andere sind inzwischen der Überzeugung, eine britische Regierung werde nicht noch einmal auf Grundlage dubioser Geheimdienstinformationen einen Krieg rechtfertigen können, wenn nicht gerade die Existenz des Landes auf dem Spiel stehe.

Politische Ziele sind gescheitert

Derzeit erzählen viele Bücher, Artikel, Filme und Dokumentationen davon, wie die Katastrophe im Irak angeblich in einen Triumph verwandelt werden konnte. Naturgemäß kommen in dieser Erzählung heldenhafte Einzelpersonen wie die Generäle Keane, Petraeus und Odierno sowie hellsichtige visionäre Strategen wie Fred Kagan vor. Man nehme nur das Buch The Gamble des Bestseller-Autors der Washington Post, Thomas Ricks.

Der Autor erzählt davon, wie es seinen Helden gelang, die Dinge herumzureißen, indem sie sunnitische Milizen anerkannten, die irakische Armee mit Waffen versorgten und versuchten, die Bevölkerung zu schützen, anstatt sie zu terrorisieren. Kritiker halten Ricks entgegen, dass im Jahr 2007 der nationalistische Aufstand der Sunniten wegen des Druckes von al-Qaida auf der einen und der Schiiten auf der anderen Seite ohnehin seinen Zenit überschritten hatte und dies mit der Truppenaufstockung der Amerikaner nichts zu tun habe. Ricks gibt auch keine überzeugende Antwort auf die Frage, welche Rolle der Iran und seine Revolutionären Garden wirklich im Irak spielen – welche Ziele Teheran dort eigentlich verfolgt.

Ricks ist ein zu guter Journalist, die ganze amerikanische Militärpropaganda ohne Gegenfragen zu schlucken. So kommt er zu dem Schluss, die Truppenaufstockung sei darin erfolgreich gewesen, die Verhältnisse in Bagdad und dem Zentralirak zu stabilisieren und die Sicherheit zu erhöhen, die politischen Ziele, die man mit ihr verfolgt habe, seien aber gescheitert. Denn: der Gewinn an Sicherheit hätte durch einen Versöhnungsprozess und einen neuen Regierungskonsens flankiert werden müssen. Dies sei nicht geschehen, entsprechend verstimmt seinen die Sunniten sowie ein beträchtlicher Teil der schiitischen Opposition.

Der sechste Jahrestag des Bush-und-Blair-Krieges entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Während die prekäre Lage in Afghanistan von vielen dem Umstand zugeschrieben wird, dass die Amerikaner kurz nach Beginn ihrer Invasion durch ihre Aggression gegen den Irak abgelenkt wurden, scheint sich das Spiel nun umzukehren. Denn der Versuch eines geordneten Rückzugs aus dem Irak könnte nun daran scheitern, dass Obama und sein Lieblingsgeneral Petraeus den Krieg in Afghanistan und im Norden Pakistans intensivieren und ausweiten wollen.


Übersetzung: Holger Hutt

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Geschrieben von

Robert Fox, The Guardian | The Guardian

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