Der Klimawandel enthüllt sein wahres Gesicht

Gewalt Die Regierung mahnt zur Ruhe und manipuliert die Handynetze. Trotzdem: Mosambik ist der Auftakt für weltweite Hungeraufstände

Es war ein Sommer der Rekordtemperaturen: Japan erlebte den heißesten Sommer, der je verzeichnet wurde, dasselbe gilt für Florida und New York. Unterdessen stehen Pakistan und Niger unter Wasser, der Osten der USA ist damit beschäftigt, hinter Hurrikan Earl herzukehren. Keines dieser Einzelereignisse lässt sich definitiv auf die Erderwärmung zurückführen. Aber wer heute schon einen Eindruck davon bekommen möchte, welche Auswirkungen der Klimawandel haben wird, der sollte ohnehin weniger auf Wetterkarten als auf die Toten und die brennenden Autoreifen in Mosambik schauen. Der „Hungeraufstand“ zeigt, was geschieht, wenn extreme Naturphänomene und unser ungerechtes Wirtschaftssystem zusammenwirken.

Die unmittelbare Ursache der Proteste in Mosambiks Hauptstadt Maputo und im 800 Kilometer nördlich gelegenen Chimoio ist der Anstieg des Brotpreises um 30 Prozent, dem eine Erhöhung der Wasser- und Strompreise von mehr als zehn Prozent vorausging. In einem Land, in dem drei Viertel des Haushaltseinkommens für Nahrungsmittel ausgegeben werden, kann sich kaum jemand eine solche Preissteigerung leisten. Mosambik, das über 60 Prozent seines Weizenbedarfs importiert, wird so vom Weltmarkt in Geiselhaft genommen.

2008 erreichten die Preise für Öl, Weizen, Mais und Reis auf dem Weltmarkt schon einmal einen Höchststand – der Maispreis hatte sich zwischen 2005 und 2008 beinahe verdreifacht. Die Folge war, dass es in Dutzenden von Nahrungsmittel-importierenden Ländern zu Hunger­aufständen kam. Die Ereignisse in Mosambik stellen uns also vor die Frage: Erleben wir nun dasselbe wie 2008?

Die Auslöser der Proteste 2008 war zunächst eine Häufung von Naturereignissen – Dürren in Australien, Getreidekrankheiten in Zentralasien, Überschwemmungen in Südostasien. Deren Folgen wurden durch schlecht ausgebaute Sozialsysteme in den betroffenen Ländern noch verschlimmert. Die Ölpreise stiegen, was zu höheren Transportkosten und höheren Preisen für Düngemittel aus fossilen Brennstoffen führte. Die Biotreibstoff-Politik, insbesondere der USA, sorgte dafür, dass Äcker und Ernten für die Ethanol- statt für die Lebensmittelproduktion genutzt wurden. Finanz-Spekulanten setzten auf Rohstoffe für Nahrungsmittel und trieben die Preise für die Armen in unerschwingliche Höhen. Schließlich nutzten auch einige Einzelhändler die Gelegenheit, um die Preise für sich noch um ein Weiteres zu erhöhen.

Bill Clintons Beichte

Und heute? Das Wetter ist außer Rand und Band, die Fleischpreise sind so hoch wie seit 20 Jahren nicht, in manchen Staaten werden Lebensmittelgeschäfte geplündert, und die Regierungschefs mahnen zur Ruhe. Zugleich beginnen die Behörden in Mosambik, den Handyverkehr ihrer Bürger abzuhören. Aus Sicht der Rohstoff-Analysten befinden wir uns dennoch nicht in einer Notlage wie vor zwei Jahren. Fossile Brennstoffe sind relativ günstig und die Getreidelager sind gut gefüllt. Doch auch wenn diese Analyse wahr sein mag, übersieht sie doch einen Punkt: Für die meisten der Hungernden ist 2008 noch nicht vorbei. Die Ereignisse der Jahre 2007/2008 haben mehr als 100 Millionen Menschen zu Hungernden gemacht, und die weltweite Rezession hat dazu geführt, dass es dabei geblieben ist. 2006 waren 854 Millionen Menschen unterernährt, 2009 stieg ihre Zahl auf 1,02 Milliarden – so viele wie noch nie.

Und so bleiben nicht nur die Menschen hungrig, auch die Hungeraufstände werden weitergehen. In Ägypten haben die Menschen in diesem Jahr wiederholt gegen die Weizenpreise demonstriert, dasselbe ließ sich in Serbien und Pakistan beobachten. In Indien hat eine zweistellige Erhöhung der Lebensmittelpreise Ende 2009 zu gewalttätigen Demonstrationen geführt. Auch in diesem Fall lag die Ursache der Preissteigerung in einer Kombination aus extremen Wetterlagen und einem defekten sozialen Sicherungsnetz.

Obwohl die Rohstoffpreise nach 2008 gesunken sind, hat sich an der Architektur des Nahrungssystems im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte kaum etwas verändert. Ex-US-Präsident Bill Clinton hat schon mehrere „mea culpas“ für den internationalen Handel und die Entwicklungsstrategien, die zu der Nahrungskrise führten, ausgesprochen. So sagte er zum Beispiel Anfang des Jahres vor dem US-Senat mit Blick auf die Anfälligkeit Haitis für Preisschwankungen: „Ich war es. Ich muss Tag für Tag damit leben, dass ich verursacht habe, dass Haiti nicht mehr dazu in der Lage ist, Reisernten zu produzieren, die die Menschen ernähren könnten.“

Fehlende Mechanismen gegen Spekulation

Die jüngste US-Finanzmarkt-Reform enthielt zwar einige Maßnahmen, die Spekulationen zügeln könnten, doch welche Reichweite sie haben werden, ist bislang nicht geklärt. In Europa bestehen keinerlei Mechanismen, mit denen sich diese Form der Spekualtionsgeschäfte regulieren ließe. Auf der südlichen Halbkugel ist die Landwirtschaft immer noch dem Modell des so genannten „Washington Consensus“ unterworfen, das marktgesteuert ist und vorsieht, dass die Regierungen hinter dem Privatsektor zurücktreten. Hinzu kommt, dass Biotreibstoffe nur deshalb nicht noch mehr in den Vordergrund treten, weil das Öl, das sie ersetzen sollen, im Moment günstig ist.

Weder die Spekulationen mit Getreide, noch die Tatsache, dass Länder nahrungstechnisch vom Weltmarkt abhängig sind, noch die Subventionen für die Verwendung landwirtschaftlicher Ressourcen für Treibstoff sind neutrale Phänomene. Es sind politische Entscheidungen, die nicht nur von Bill Clinton getroffen und durchgesetzt wurden, sondern von Legionen so genannter Entwicklungsexperten, die keinem Rechenschaft schuldig sind. Mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen müssen die Menschen auf der Südhalbkugel Tag für Tag leben.

Rufen wir uns in Erinnerung, dass die Unruhen auf den Straßen Mosambiks nicht nur mit einem Anstieg des Brotpreises, sondern auch mit einer Verteuerung von Strom und Wasser einhergingen. Alice Mabota von der mosambikanischen Menschenrechtsliga vermied in einem Interview mit der portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa den Begriff des „Hungeraufstands“. Sie sagte: „Die Regierung kann oder will nicht verstehen, dass sich die Proteste gegen die gestiegenen Lebenshaltungskosten richten.“ Auf der Straße geht es nicht einfach nur um preiswertere Lebensmittel, es ist ein breiter angelegter Widerstand. Laut FAO leidet bereits über die Hälfte der Armen in Mosambik unter akuter Unterernährung. Die Wetterverhältnisse, die zu den Bränden in Russland führten, haben so das Ihrige zu einer politischen Situation beigetragen, in der die Bürger wütend und frustriert sind.

Diamantino Nhampossa, der die nationale Bauerngewerkschaft in Mosambik koordiniert, sagte: „Die Proteste werden enden. Aber sie werden immer wieder entflammen. Das ist es, was das Entwicklungsmodell, das wir verfolgen, für uns bereithält.“ Wie so viele Mosambikaner weiß er genau, woher der Wind weht.

Raj Patel ist Autor von Stuffed and Starved (Portobello) und schreibt für den Observer.

Übersetzung: Christine Käppeler
10:30 09.09.2010
Geschrieben von

Raj Patel | The Guardian

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