Eine Handvoll Götter und der Rest

Arbeitsmarkt Werden künstliche Intelligenz und Robotik bald so viele Aufgaben überflüssig machen, dass es das Ende der Lohnarbeit bedeutet? Und wird das die Gesellschaft spalten?
Eine Handvoll Götter und der Rest
Wie stark werden Roboter unseren Arbeitsalltag verändern?

Bild: Fred Dufour/AFP

Wer sich ein wenig von all den jüngsten Entlassungsgeschichten in Großbritannien oder auch Deutschland erholen möchte, der könnte sich den neuen, 300 Seiten starken Bericht der Bank of America Merrill Lynch ansehen, der sich mit den zu erwartenden Folgen einer Revolution in der Robotik befasst.

Das könnte ihn allerdings genauso beunruhigt zurücklassen. Der Bericht stellt zwar einerseits robotische Pflegekräfte für eine alternde Bevölkerung in Aussicht, prognostiziert gleichzeitig auch den Wegfall einer großen Anzahl von Arbeitsplätzen: Bis zu 35 Prozent aller Stellen im Vereinigten Königreich und sogar 47 Prozent in den USA sind der Studie zufolge von der Automatisierung akut bedroht, darunter im Unterschied zu früher auch immer mehr Bürojobs.

Aber hat man das nicht alles schon gehört? Von den Maschinenstürmern des 19. Jahrhunderts bis zu den Gewerkschaften, die in den 1980er Jahren gegen die Einführung computergestützter Druckverfahren protestierten, gab es schon immer Menschen, die sich von Mechanisierung und Automation bedroht fühlten- Doch dabei entstehen immer auch neue Berufsbilder und -bezeichnungen.

Aber dieses Mal soll alles anders sein: Die Kombination von künstlicher Intelligenz, die es Maschinen ermöglicht, logisch in ihre Umwelt einzugreifen, zu lernen und Erfahrungen zu sammeln werde ganze Arbeitszweige auslöschen und die Gesellschaft grundlegend verändern, heißt es.

„Das Paradebeispiel dafür, was die Automation zu leisten vermag, ist die Landwirtschaft“, sagt Calum Chace, der ein Buch über die gesellschaftlichen Folgen künstlicher Intelligenz geschrieben hat. „Um 1900 haben noch 40 Prozent aller arbeitsfähigen US-Amerikaner in der Landwirtschaft gearbeitet, 1960 waren es nur noch ein paar Prozent. Die Leute hatten immer noch Jobs, diese hatten sich aber ganz wesentlich verändert.“

„Auf der anderen Seite gab es im Jahr 1900 in den USA noch 21 Millionen Pferde, 1960 waren es nur noch drei Millionen. Wir Menschen sind aufgrund unserer kognitiven Fähigkeiten in der Lage, Neues zu lernen. Doch wenn man bedenkt, dass die Maschinen immer intelligenter werden, könnte es sein, dass uns irgendwann einmal nichts mehr einfällt bzw. schlicht nichts mehr zu tun bleibt.“

Was ist, wenn es uns angesichts der künstlichen Intelligenz so ergeht wie den Pferden und wir nicht mehr gebraucht werden? Wer die Entwicklung nicht aufmerksam verfolgt, der bekommt kaum mit, wie schnell die Kombination aus Robotik und Künstlicher Intelligenz Fortschritte macht. In der vergangenen Woche hat ein Team vom Massachusetts Institute of Technology ein Video veröffentlicht, in dem eine winzige Drohne mit knapp 50 Stundenkilometern durch ein leicht bewaldetes Gebiet fliegt und selbständig, ohne Pilot, nur mithilfe der Prozessoren, die sie an Bord hat, die Bäume umfliegt. Natürlich ist sie in der Lage, eine von Menschenhand gesteuerte Drohne abzuhängen.

MIT hat auch einen “Leoparden-Roboter” gebaut, der ohne Hilfe über bis zu 40 Zentimeter hohe Hindernisse springen kann. Denken Sie sich dies zu dem standardmäßigen Fortschritt in der IT-Entwicklung hinzu, wo sich die Rechenleistung rund alle 18 Monate verdoppelt, und Sie verstehen, warum Menschen wie Chace sich Sorgen machen.

Doch künstliche Intelligenz hat schon seit einer ganzen Weile in unseren Alltag Einzug gehalten. So können Kochsysteme mit Sichtsensoren selbständig entscheiden, wann die Burger ordentlich durchgebraten sind. Restaurants können ihren Gästen Tablets auf den Tisch legen, mit denen sie ohne die Vermittlung einer Bedienung bestellen können.

Rechtsanwälte, die sich früher zur Vorbereitung eines Falles durch gigantische Aktenberge wühlen mussten, können diese lästige Tätigkeit heute teilweise ihrem Computer übertragen. Eine „intelligente Assistentin“ namens Amy beraumt per E-Mail automatisch Treffen an und in der vergangenen Woche hat Google bekanntgegeben, dass Gmail jetzt in der Lage ist, eingehende E-Mails automatisch zu beantworten. (Entsprechend verhalten muss man sich aber natürlich immer noch selbst.)

Foxconn, das taiwanesische Unternehmen, das Geräte für Apple und andere zusammenbaut, hat vor, einen Großteil seiner Arbeitskräfte durch automatisierte Systeme zu ersetzen. Und ein System, das von dem amerikanischen Tech-Unternehmen Automated Insight entwickelt wurde, erstellt automatisch Sport- und Wirtschaftsnachrichten für die Nachrichtenagentur AP. Je länger man sich umsieht, desto mehr Bereiche findet man, in denen Computer einfache Arbeiten ersetzen.

Bleiben da am Ende gering Qualifizierte auf der Strecke? Wie stark werden Robotik und künstliche Intelligenz unsere Arbeitswelt und unsere Gesellschaft verändern? Carl Benedikt Frey, der 2013 zusammen mit Michael Osborne das richtungsweisende Paper The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation? veröffentlicht hat – auf den der Bericht der Bank of America ausgiebig zurückgreift – mag es nicht, als Prophet des Untergangs dargestellt zu werden.

Auch wenn bestimmte Arbeitsplätze ersetzt würden, so entstünden im Dienstleistungs- und sozialen Bereich doch auch immer wieder neue. „In den vergangenen fünf Jahren hatten die Berufsfelder mit den stärksten Zuwächsen alle etwas mit Dienstleistung zu tun“, sagt er. „Ganz oben stehen Zumba-Lehrer und Personal Trainer.”

Frey beobachtet die Entwicklung, dass immer weniger Menschen die Fähigkeiten besitzen, an der vordersten Front der technischen Entwicklung zu arbeiten. „In den 1980er Jahren waren noch 8,2 Prozent der US-amerikanischen Arbeitskräfte im Bereich der neuen Technologien beschäftigt, in den 1990ern noch 4,2 Prozent und für die 2000er liegt unsere Schätzung bei gerade einmal 0, 5 Prozent. Daraus schließe ich, dass zum einen das Potential der Automation wächst, aber auch, dass der technologische Fortschritt nicht mehr so viele neue Jobs schafft wie früher.“

„Es wird Menschen geben, die über die künstliche Intelligenz verfügen und dadurch auch über alles andere verfügen können. Es wird eine Handvoll Götter geben – und den Rest von uns. Ich denke, dass unsere größte Hoffnung darin besteht, dass wir einen Weg finden, in einer Ökonomie des radikalen Überflusses leben zu können, in der Maschinen die ganze Arbeit übernehmen und wir im Grunde den ganzen Tag damit verbringen, zu spielen.“

Unter Umständen sind wir diesem Punkt bereits näher, als wir denken. Oder ist ein Tanz-Fitness-Programm wie Zumba etwas anderes als ein Spiel für Erwachsene? Ein Leben ohne Arbeit bedeute aber auch, so Chace, „dass man über ein universelles Einkommen nachdenken muss“ – ein staatlich garantiertes, bedingungsloses Grundeinkommen.

Das größte Problem besteht vielleicht darin, dass es bislang so wenige Untersuchungen über die gesellschaftlichen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz gibt. Frey und Osborne arbeiten in Cambridge an einem Forschungsprogramm zu diesem Thema. Und die Observer-Kolumnisten John Naughton und David Runciman leiten ein Projekt, das ebenfalls versucht, die sozialen Auswirkungen eines solchen Wandels festzuhalten. Doch die Technologie entwickelt sich so rasant weiter, dass es schon schwer genug ist, herauszufinden, was in der Vergangenheit passiert ist – ganz zu schweigen von dem, was die Zukunft bringen wird.

Und einigen Jobs wird der Wandel ohnehin so schnell nichts anhaben. Glaubt Frey, der jetzt 31 ist, dass er in zwanzig Jahren noch immer einen Job haben wird? Er lacht kurz. „Ja.“ Die Wissenschaft erscheine im Augenblick noch sicher – zumindest aus der Sicht der Akademiker.

Das Geheimnis des Wirtschaftswachstums liegt in der Produktivität. Ende des 18. Jahrhunderts wurde Thomas Malthus nicht müde zu prophezeien, dass die schnell wachsende Bevölkerung in Elend und Hungertod führen werde. Doch Malthus vergaß, die dramatischen technischen Veränderungen zu berücksichtigen – vom dampfbetriebenen Webstuhl bis hin zum Mähdrescher – die ermöglichten, dass die Produktion von Nahrungsmitteln und anderen lebensnotwendigen Dingen sich sogar noch schneller erhöhte als die Anzahl der hungrigen Mäuler. Der Schlüssel zu wirtschaftlichem Fortschritt besteht in der Fähigkeit, mit derselben Menge an Kapital und Arbeitskräften mehr zu erwirtschaften. Der durch den Vormarsch von Robotern und künstlicher Intelligenz befeuerte Innovationsschub dürfte hier auf lange Sicht Verbesserungen mit sich bringen.

Jüngste Studien unter der Leitung von Guy Michaels an der London School of Economics, in denen über ein Jahrzehnt lang umfangreiches Datenmaterial aus 14 Branchen und 17 Ländern untersucht wurde, kamen zu dem Ergebnis, dass die Anwendung von Robotern Produktivität und Löhne erheblich gesteigert hat, ohne in bedeutendem Maße Arbeitsplätze zu vernichten.

Die Robotisierung hat die Produktionszeit verkürzt, die Menschen müssen weniger Zeit darauf verwenden, Dinge herzustellen. Doch während am Fertigungsband Arbeiter eingespart wurden, entstanden an anderer Stelle neue Jobs, viele davon kreativer und weniger schmutzig. Bislang haben sich die Befürchtungen, es werde zu Massenentlassungen kommen, als fast genauso unbegründet erwiesen wie die, die mit großen technologischen Sprüngen schon immer einhergegangen sind.

Dabei gibt es aber einen entscheidenden Vorbehalt. Die relativ gering qualifizierten Fabrikarbeiter, die von Robotern ersetzt werden, sind selten die, die dann als App-Entwickler oder Analysten eine neue Perspektive finden. Manche sagen, der technische Fortschritt verschärfe die ohnehin ständig steigende Ungleichheit in der Gesellschaft noch zusätzlich – ein Trend, von dem Merrill Lynch von der Bank of America glaubt, dass er sich in Zukunft fortsetzen wird.

Der Aufstieg der Maschinen könnte also gewaltige Vorteile und Erleichterungen mit sich bringen. Wenn er aber nicht sensibel gesteuert wird, werden nur Unternehmensteilhaber und hoch-qualifizierte Wissensarbeiter von ihnen profitieren. Die Ungleich würde sich verschärfen und einige Bevölkerunggruppen abgehängt.

Übersetzung: Holger Hutt

12:55 12.11.2015
Geschrieben von

Charles Arthur | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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