Der Mythos vom nutzlosen Mann

Geschlechterrollen Karrierefrauen wollen auch im Haushalt die Oberhand behalten. Laut einer Studie bezichtigen sie ihre Männer der Faulheit - um sich weiblicher zu fühlen

Berufstätige Mütter sind sich in der Regel vor allem in einer Sache einig: Ihre Partner bringen sich im Haushalt zu wenig ein. Nun aber wurde ein Forschungsbericht veröffentlicht, der offenbart, dass den Männern diese Vorwürfe zu Unrecht gemacht werden: Vielmehr würden berufstätige Mütter den Mythos vom „nutzlosen Mann“ bemühen, um sich selbst weiblicher zu fühlen. „Berufstätige Frauen, die den größeren Teil zum Familieneinkommen beitragen, beschreiben sich selbst als diejenige, die 'es sieht', wenn im Haushalt Unordnung herrscht und etwas dagegen getan werden muss. Sie wollen damit ein Stück weit eine traditionelle weibliche Identität aufrecht erhalten“, erklärt Dr. Rebecca Meisenbach, die nächste Woche ihre Forschungsarbeit „The Female Breadwinner“ in der Zeitschrift Sex Roles veröffentlichen wird.

Meisenbach ist der Ansicht, dass die angebliche Entwicklung hin zu immer mehr Karrierefrauen und äquivalent dazu mehr männlichen Faulenzern ein Märchen ist, das sich Frauen gegenseitig erzählen, um „überwältigende Schuldgefühle“ auszugleichen. Von diesen würden die meisten karrierebewussten Frauen geplagt werden, weil sie immer weniger die Rolle der Mutter und Ehefrau ausfüllen.

„Diese Frauen kämpfen mit dem Konflikt, der zwischen ihrem Status als arbeitende Frau, die das höhere Einkommen hat, und den traditionellen Erwartungen an ihr Geschlecht besteht“, so Meisenbach. „Indem sie betonen, dass sie ihren Männern sagen müssen, was diese im Haushalt zu tun haben, versuchen sie die Rolle der Ehefrau, die den Haushalt managt und die Kinder versorgt, zurückzuerobern, damit sie sich irgendwie innerhalb der klassischen Geschlechtergrenzen bewegen. Wenn sie die Hausarbeit, die ihr Mann erledigt, anordnen, dann bewahren sie sich das Gefühl, weiterhin die weibliche häusliche Domäne zu dominieren. So versuchen sie, sowohl zuhause als auch im Berufsalltag Kontrolle und Verantwortung zu übernehmen. Für berufstätige Mütter ist das vielleicht notwendig, um mit den beiden konkurrierenden Diskursen – auf der einen Seite die perfekte Frau im Beruf, auf der anderen die hingebungsvolle Mutter – klarzukommen.“


Meisenbach fragte 15.000 Frauen, die mehr verdienen als ihre Männer, wie sie ihre Rolle in der privaten häuslichen Sphäre und am Arbeitsplatz einschätzen. Meisenbach sah ihre Theorie auch dadurch bestätigt, dass unter den Befragten nur diejenigen, die keine minderjährigen Kinder hatten, kein starkes Verantwortungsgefühl für ihre Haushaltsangelegenheiten äußerten.

Die Frauen gaben gleichzeitig an, im Haushalt die Oberhand zu haben und unter einem Kontrollverlust zu leiden. „Berufstätige Mütter sind vielen Konflikten ausgesetzt, die sich aus Fragen der Geschlechteridentität ergeben. Dazu gehört auch der Druck, gleichzeitig eine gute Mutter und eine erfolgreiche Berufstätige sein zu müssen“, so Meisenbach. Obwohl es in den Industriestaaten längst keine Seltenheit mehr ist, dass die Frau den Großteil des Einkommens erwirtschaftet und sich damit den klassischen westlichen Geschlechternormen widersetzt, wurde dazu bislang kaum geforscht.

Eine der wenigen Forschungsarbeiten hat Maria Shriver veröffentlicht, die Ehefrau des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger. „A Woman’s Nation“ ist laut Shriver das erste Projekt, das „ein Bild der modernen Amerikanerin“ zeichnet – zumindest seit ihr Onkel, John F. Kennedy, die ehemalige First Lady Eleanor Roosevelt in den sechziger Jahren mit der selben Aufgabe betraut hatte. „Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes ist die Hälfte aller Berufstätigen weiblich. Nie zuvor gab es so viele Familien, in denen die Frau das Einkommen sichert“, sagte Shriver. Das sei eine „erdbebenartige Veränderung“ in der wirtschaftlichen und kulturellen Landschaft Amerikas.


Der einzige Bericht, der sich bisher genauer mit der Situation in Großbritannien befasst, wurde 2007 von der Future Foundation veröffentlicht. Er kommt zu dem Schluss, dass lediglich in 14 Prozent aller britischen Haushalte die Frau für den Lebensunterhalt sorgt. Die Studie geht allerdings auch davon aus, dass sich diese Zahl bis 2030 verdoppeln werde. Nichtsdestotrotz hat die Gesellschaft mit diesem Thema immer noch zu kämpfen. Auch wenn die Rollen, die für die Geschlechter in der Familie vorgesehen sind, längst nicht mehr so streng festgelegt sind wie einst, fand eine Studie im Auftrag des Observers im vergangenen Jahr Überraschendes heraus: 30 Prozent der Befragten stimmten der Behauptung „Die Rolle der Frau in der Gesellschaft ist es, eine gute Mutter und Ehefrau zu sein“ zu. Unter den Jüngeren waren es sogar 32 Prozent.

„Einerseits erzählten die Frauen, sie würden die Kontrolle über die Hausarbeit behalten“, so Meisenbach. „Sie sagten, ihre Männer würden zwar ihren Anteil leisten, aber nur, wenn sie von der Frau dazu aufgefordert würden. Sie alle äußerten sich zum Verhalten ihres Partners mit genderspezifischen Kommentaren, wie etwa: 'Er ist ein Mann, die sehen einfach nicht, wenn Unordnung herrscht', oder: 'Mein Mann ist ein Macho. Er sucht sich ganz genau aus, welche Hausarbeiten er erledigen will'. Aber wenn sie sein Verhalten in eine Geschlechterrolle pressen, zwingen sie damit auch sich selbst in die Rolle der Frau und Mutter anstatt in die der Werktätigen.“

Auch wenn viele der berufstätigen Frauen ein diesbezügliches Unbehagen äußerten, genossen gleichzeitig die meisten die Kontrolle und Macht, die ihnen ihre Stellung im Haushalt gab. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass diese Frauen in irgendeiner Form ihre Macht an ihre Männer abgegeben hätten“, so Meisenbach. „Über 60 Prozent gaben an, sie würden es genießen, die Oberhand zu haben. Sie waren ausdrücklich froh darüber, anders zu sein als die Hausfrauen der fünfziger Jahre, und auch als diejenigen unter ihren Freundinnen, die noch immer die traditionellen Rollenvorstellungen leben."

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:26 24.11.2009
Geschrieben von

Amelia Hill, The Guardian | The Guardian

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