Der sanfte Matador

Todeskünstler Wenn José Tomás die Arena betritt, bejubeln ihn die Fans als Erlöser. Dabei beschleunigt der Aufstieg des Toreros das Ende des Stierkampfs in ganz Spanien

Es ist kein Ort für schwache Nerven, geschweige denn für Menschen mit einer Schwäche für Tiere. Die Stierkampf-Arena ist bis auf den letzten Platz gefüllt; ältere Ehepaare, junge Frauen, Familien, ein paar Jugendliche. Man muss sich das Ganze wie eine Mischung aus Baseball-Spiel, römischem Zirkus und dem ausverkauften Konzert einer Teenie-Band vorstellen. Lärm, Hitze, Geschrei und überall grelle Farben; eine Kapelle spielt Rhythmen des Paso Doble, jenes Tanzes, in dem die Paare die Bewegungen des Stierkampfs nachempfinden: Der Mann tanzt in der Rolle des Torero, die Dame bewegt sich wie sein rotes Tuch.

Seit den Tagen, da Ernest Hemingway, Orson Welles und Ava Gardner in Spaniens Stierkampf-Arenen auftauchten, um dort in der ersten Reihe an Zigarren zu kauen, hat sich an der Szenerie nichts Grundlegendes verändert. Noch immer stolzieren Männer in schwarzen, ausladenden Hüten und adretten, schwarzen Pantoffeln hinaus ins sandige Rund. Sie tragen noch immer ihre schweren Umhänge, die außen lila und innen kanariengelb leuchten. Darunter stecken sie in funkelnden Kleidern, die enger an ihren drahtigen Körpern anliegen, als möglich oder empfehlenswert erscheint, und die die Spanier nur „Anzüge aus Licht“ nennen.

Aus den Toren galoppiert in rasendem Tempo ein großer schwarzer Stier, ein Tier mit einer halben Tonne Körpergewicht. Zuerst gehen die Banderilleros ihrem Geschäft nach und stechen mit bunten Spießen in den Rücken des Stiers, bis sein Blut an beiden Flanken hinabrinnt. Dann schwingt der Torero sein rotes Tuch, der Stier folgt ihm hierhin und dorthin, es wirkt beinahe intim, wie 500 Kilo gehörnte Wut an dem Männerkörper vorbeistreichen. In einem unvorsichtigen Moment verliert der Torero das Gleichgewicht. Der Stier nimmt ihn auf die Hörner, als wäre er eine Stoffpuppe. Die Menge kreischt, als der Torero wankend wieder auf die Beine kommt. Jetzt tränkt dunkles Blut die prachtvollen Stickereien an seinem Bein.

In einer Zeit, in der Menschen der Begriff Realität meist nur noch in Anführungszeichnen begegnet, gibt es wenige Spektakel, die so unmittelbar die Gefühle ansprechen wie der Stierkampf. Brutalität und Gewalt mögen vielen auf Bildschirmen begegnen, doch die Stierblut-Orgie kann selbst diejenigen noch schockieren, die durch virtuelle Gräuel abgestumpft sind. Bislang konnte man nur staunen, dass ein Phänomen wie dieses im 21. Jahrhundert immer noch fest im Alltag einer modernen europäischen Nation verankert ist. Doch damit könnte bald Schluss sein. Ende Juli hat Katalonien als erste Region in Spanien ein Gesetz gegen den Stierkampf erlassen. Ab 2012 ist „La Corrida“ in der autonomen Region im Nordosten verboten. Es ist ein Triumph für die spanische Anti-Stierkampf-Bewegung, die langsam in die Mitte einer Gesellschaft vordringt, für die der Gedanke, dass auch Tiere Rechte haben, noch bis vor kurzem eine rätselhafte Idee aus dem Ausland war.

Es regnet Rosen und Kondome

Die Befürworter des Stierkampfs bezeichnen ihn auch als „fiesta nacional“ – als sei der Stierkampf in einem Land, in dem hunderttausende von Festen gefeiert werden, das eine große Fest, auf das sich alle Spanier verständigen können. Und wirklich: Bis zur Jahrtausendwende wurden Stierkampf-Gegner als feige, unpatriotische Gesellen stigmatisiert. Antonio Morena von der Tierschutzorganisation Colectivo Andaluz Contra el Maltrato Animal erinnert sich, dass vor nicht allzu langer Zeit jemand, der sich in einer Kneipe abfällig über Stierkämpfe äußerte, den Rausschmiss riskierte. Kritiker wurden mit einer Verachtung gestraft, in der sowohl Angst vor dem Fremden als auch Sexismus durchklangen: Andrés Amorós etwa, der Doyen unter den Stierkampf-Theoretikern und Autor des „Der-Stier-als-Kulturgut“-Wälzers Toros y Cultura, tat die Antitaurinos als „ängstliche englische Jungfern“ ab.

Heute lassen sich die Gegner nicht mehr so leicht karikieren – im Wesentlichen weil die Ablehnung des Stierkampfs kein Randphänomen mehr ist. Das bekräftigt nicht nur das neue Gesetz der Katalanen: Umfragen gehen davon aus, dass etwa 70 Prozent der Spanier sich für die Corrida nicht interessieren oder sie ablehnen. Die Gegner haben Dutzende Organisationsformen gefunden: mehrere Tierschutzvereine, politische Parteien, Facebook-Gruppen und auch einige proto-anarchistischen Zellen florieren seit Jahren.

Während der Stierkampf-Saison vergeht kaum ein Wochenende ohne eine Demonstration vor einer der Arenen. Die Protestierer sind mit Blut beschmiert und tragen Transparente mit Slogans wie „Folter. Weder Kunst noch Kultur“. Während die Vertreter der Stierkampf-Industrie mehr oder weniger so weitermachen, als wäre das World Wide Web nie erfunden worden, nutzen die Gegner das Internet, um sich zu organisieren – und sind zugleich bereit, in Mietbussen quer durch Spanien zu fahren, immer auf der Suche nach Fiestas, bei denen sie Präsenz zeigen können.

Regionalisten nutzen den Tierschutz

Unter den autonomen Regionen war Katalonien stets eine Hochburg der Stierkampf-Gegner. Für viele Regionalisten ist der Stierkampf eine politische Angelegenheit: ein „ausländischer“ Brauch, für den auf katalonischem Boden kein Platz sein sollte. Mit dieser Begründung hat etwa die ökosozialistische Regionalpartei Iniciativa per Catalunya Verds das Verbot im Parlament vertreten. Wer jedoch meint, in Katalonien habe es nie eine echte Stierkampf-Tradition gegeben, der irrt. Die „Curses de Braus“ – so der katalanische Name – sind in der Provinz Tarragona immer noch beliebt, ungeachtet dessen, was die Städter in Barcelona denken mögen. Es gab eine Zeit, da war Barcelona mit drei Arenen selbst eines der Stierkampf-Zentren Spaniens – darunter „Las Arenas“, wo heute ein Einkaufszentrum entsteht, und die „Plaza de Toros Monumental“, wo 1967 die Beatles auftraten.

Heute entzweit der Stierkampf die Seele der Nation. Das nun erwirkte Verbot in Katalonien war in den vergangenen zwölf Monaten das umstrittenste Gesprächsthema in den Bars. Und dann gab es da noch einen weiteren Faktor: Der Aufstieg des Matadors José Tomás Román Martín. Als er Ende der Neunziger die Arenen betrat, schrieb der Stierkampf-Rezensent der Zeitung El País verzückt von einer Wiedergeburt des Spektakels: „José Tomás ist gekommen, und mit ihm ist eine neue Zeitrechnung angebrochen.“

José Tomás wird für seine statuengleiche Haltung beinahe ebenso sehr bewundert wie für seinen Mut. Eleganz, Ernsthaftigkeit, Gelassenheit, Ruhe, Natürlichkeit, die Genesung des „ewigen Stierkampfes“ – solche Begriffe fallen oft, wenn es um seinen Stil geht. Was keinem entgeht – weder den Kritikern noch seinem Publikum – ist die Art, wie er sich zum Stier stellt, wenn der an ihm vorbeirauscht: so dicht, dass die Hörner buchstäblich den Stoff seines Anzugs streifen.

Seines Wagemuts wegen wird Tomás inzwischen als Erbe der zwei großen historischen Figuren des spanischen Stierkampfes gehandelt: Juan Belmonte und Manolete. Ein Kommentator schrieb: „José Tomás praktiziert einen Stierkampf, der auf klassischen Prinzipien beruht. Er lässt den Stier kommen. Gegenwärtig ist er der Torero, der der beinahe unerreichbaren Orthodoxie, von der wir alle träumen, am nächsten kommt.“

Der Star hilft den Tierschützern

Mit anderen Toreros hat José Tomás wenig gemein – weder mit dem abgeschmackten Jesulín de Ubrique, bei dessen Auftritten die Frauen kreischen und Rosen und Kondome in die Arenen werfen, noch mit Kleiderständern aus gutem Hause wie Cayetano Rivera, der für Armani modelt. Tomás ist weder streng katholisch noch stramm rechts – beides ist in der Stierkampfarena eher die Regel – und von dem gierigen Schlund des spanischen Celebrity-Schaulaufs hält er sich fern. Seine Freunde sind Intellektuelle und Künstler wie der Schauspieler Albert Boadella, der Gitarrist Vicente Amigo und die Sänger Joaquín Sabina und Joan Manuel Serrat. Die meisten Stierkämpfer leben am liebsten auf dem Land in einer Dorfgemeinschaft. Nicht so Tomás. Er lebt mit seiner Freundin in der schäbigen Touristenstadt Estepona. Auf Paparazzi-Fotos sieht man ihn Kaugummi kauend an der Promenade flanieren.

Eine der großen Paradoxien dieses Mannes ist, dass er der Sache der Gegner zu mindestens ebensoviel Schwung verholfen hat, wie der der Bewunderer des Stierkampfes. 2002 zog Tomás sich für einige Zeit aus dem Geschäft zurück, um, wie er sagte, nachzudenken. Im Juni 2007 kehrte er in die Arena zurück, als Schauplatz seines messianisch inszenierten Comebacks wählte er die „Plaza de Toros Monumental“ in Barcelona aus.

Die Wahl der Stadt und des Ortes waren höchst bedeutungsvoll: Die gigantische Arena war jahrelang wirtschaftlich kaum über die Runden gekommen und zum Schauplatz wenig anspruchsvoller Stierkämpfe für Touristen verkommen, die von der Costa Brava in Bussen angekarrt wurden. Die katalanische Stierkampfkultur siechte dahin. Mit einem Schlag verpasste José Tomás sowohl dem Monumental als auch seiner lokalen Anhängerschaft eine Frischzellenkur. Die örtliche Prominenz drängte sich auf den Rängen. Auf dem Schwarzmarkt wurden Karten für bis zu 3.000 Euro gehandelt. Die Stierkampf-Journalisten, deren Rezensionen in Spanien Teil des Feuilletons sind, kamen in Scharen: Die Zeitung El Mundo sprach von einer „Apotheose, einer Kommunion mit der Öffentlichkeit“ und einer Arena, die zum „Altar“ geworden sei. Nach seinem Kampf wurde der Torero unter wildem Freudenjubel auf den Schultern der Menge aus der Arena getragen.

Paradoxes Comeback

Doch, wie es manchmal so läuft: Sein Comeback sollte sich für Befürworter wie Gegner als Wendepunkt herausstellen. Leonardo Anselmi von der Plataforma Prou, die als wichtigste Kraft hinter dem Verbotsgesetz in Katalonien gilt, erzählt, wie die Gegner an diesem Tag ihren juristischen Masterplan ersannen. „Das alles geschah dank José Tomás“, sagt er. „Bis zu jenem Tag, an dem er im Monumental aus der Versenkung auftauchte, war unsere Bewegung eine kleine Protestbewegung gewesen. Demos, Transparente, das übliche Zeug. Zu unserer ersten Demo in Barcelona waren etwa 300 Leute gekommen. Doch dass dieser Mann wieder auftauchte, hat uns wütend gemacht. Wir erkannten, dass die Welt der Stierkämpfer sich über uns lustig machte. Was früher einmal Tradition gewesen war, war nunmehr ein Geschäft. Das hat uns politisiert.“

An diesem Tag erlebte Barcelona die größte Anti-Stierkampf-Demonstration aller Zeiten: 5.000 Menschen marschierten zur „Plaza de Toros Monumental“. Bis zu einem Volksbegehren – 180.000 Unterschriften kamen in Katalonien zusammen – war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Daraus wurde die Gesetzesvorlage, der am 28. Juli genau 68 Abgeordnete zustimmten, bei 55 Gegenstimmen und neun Enthaltungen.

José Tomás sorgte zuletzt im April weltweit für Schlagzeilen, als er bei einem Kampf in Mexiko nur knapp dem Tod entging. Der Stier hatte ein 15 Zentimeter tiefes Loch in seinen Unterschenkel gerissen, 17 Blutkonserven wurden benötigt um Tomás’ Leben zu retten. Einen für den 18. Juli geplanten zweiten Kampf im Monumental in Barcelona musste er aus gesundheitlichen Gründen absagen. Für José Tomás mag das noch nicht das Ende der Karriere bedeuten, doch das Monumental wird Ende 2011 für immer seine Tore schließen.

Paul Richardson schreibt für den Observer über Leben, Landschaft und Lebensmittel Spaniens

Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

08:00 09.08.2010
Geschrieben von

Paul Richardson | The Guardian

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The Guardian

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