Jason Burke
02.05.2011 | 15:35 4

Der Scheich ist tot

Al-Qaida Ob das „Netzwerk der Netzwerke“ den Tod Osama Bin Ladens überlebt, wird sich zeigen, aber Dezentralisierung war schon immer integraler Bestandteil seiner Strategie

Wie also weiter mit al-Qaida? Um diese Frage zu beantworten, muss man die Organisation in ihre konstituierenden Elemente aufteilen: der harte Führungskern, die verschiedenen Gruppen, die in der ein oder anderen Weise organisatorische Verbindungen zu al-Qaida unterhalten, und drittens die Ideologie der Organisation.
Der harte Führungskern wurde schon immer mit bin Laden, dessen ägyptischem Gesinnungsgenossen Ayman al-Zawahiri und einigen weiteren Gefolgsleuten in Pakistan identifiziert. Al-Zawahiri lebt offenbar noch. Der alternde ehemalige Kinderarzt verfügt allerdings nicht über das Charisma bin Ladens. Er ist zwar ein guter Ideologe, starker Stratege und Organisator, kann aber für aktive Gefolgsleute nie den Bezugspunkt darstellen wie bin Laden dies tat. Egal, ob es sich um potenzielle Jihadisten handelt oder um Veteranen.

Mehrere Brüche

Es gibt jüngere Führungsfiguren, von denen einige bewusst gefördert wurden, als al-Qaida zuletzt versucht hat, schleichender Marginalisierung entgegenzuwirken. Aber Leute wie der Mittvierziger Abu Yayha al'Libi werden „den Scheich“ nie ersetzen können. Es gab in den vergangenen Jahren mehrere Brüche in der zentralen Führung der Organisation, bei denen sich oft saudische, ägyptische und libysche Militante gegeneinander stellten. Es ist wahrscheinlich, dass sie nun endgültig auseinander bricht.

Wie sieht es mit den Tochterunternehmen oder dem „Netzwerk der Netzwerke“ aus? Dezentralisierung war schon immer integraler Bestandteil der Strategie bin Ladens. Al-Qaida wurde als eine Art Dachorganisation begriffen, die Energien verschiedener Gruppen kanalisiert und konzentriert, die in der islamischen Welt in den neunziger Jahren aktiv waren. Das funktionierte zwar eine Weile ganz gut, die wichtigsten regionalen Gruppen – auf der arabischen Halbinsel (vor allem im Jemen), im Maghreb (Algerien) und im Irak – sind heute weitgehend unabhängig von der zentralen al-Qaida-Führung. Jede von ihnen ist in spezifischen Faktoren vor Ort und einer spezifischen Geschichte verwurzelt.

Florierende Subkultur

Dies ruft in Erinnerung, dass al-Qaida immer schon nur eine unter vielen radikalen Gruppen war, die zusammen das sich dynamisch entwickelnde Phänomen des militanten Extremismus sunnitisch-moslemischer Provenienz konstituierten. Auch wenn davon auszugehen ist, dass der Tod bin Ladens grundlegenden Wandel mit sich bringt, wird er deswegen nicht notwendig einen unmittelbaren Einfluss auf die Tochterorganisationen haben – abgesehen vom möglichen demotivierenden Effekt auf die Führungskader, wenn sie sehen, dass ein Gesuchter schließlich doch gefangen oder getötet wird, auch wenn es zehn Jahre dauert.

Die letzte Frage ist vielleicht die wichtigste: Wie wird sich bin Ladens Tod auf die Ideologie auswirken? Hier ist die Lage weniger klar. Bin Ladens größter Erfolg bestand darin, seine Interpretation des radikalen Islam weltweit zu verbreiten. Ende der Neunziger gab es andere Strategien militanten Gedankenguts, aber 20 Jahre der „Propaganda der Tat“ sicherten bin Ladens Strategie eine Spitzenposition. Eine florierende Subkultur des Jihadismus ist entstanden, al-Qaida wurde in vielerlei Hinsicht zu einer sozialen Bewegung. Bin Laden's Tod bedeutet, dass die Ikone im Zentrum dieses Konstrukts entfernt wurde, was ohne Zweifel von Bedeutung ist.

Marginalisiert, abgedrängt

Des Weiteren haben unzählige Faktoren die radikale Militanz in den vergangenen Jahrzehnten befördert und sind heute so wirkungsmächtig wie eh und je. Wir leben in einer neuen Ära der Polarisierung. Überall gibt es Verschwörungstheorie – religiöse Identität hat wieder an Bedeutung zugenommen. Der strategische Einfluss der Taten bin Ladens hing zum Teil von der Reaktion seiner Feinde ab, vorrangig der USA. Das Gleiche gilt für die Konsequenzen seines Todes.

Abgesehen davon liegt die zunehmende kulturelle, gesellschaftliche und geographische Marginalisierung al-Qaidas offen zutage. Der Arabische Frühling hat gezeigt – bin Ladens Botschaft wird von Millionen zurückgewiesen, die er zu radikalisieren und mobilisieren hoffte. Al-Qaida hat seit über fünf Jahren keinen größeren Anschlag mehr erfolgreich ausgeführt. Die Rekruten kommen zwar noch in ausreichender Zahl in die provisorischen Lager in Pakistan, können aber – zumindest kurzfristig – den Erfolg der Gruppe nicht gewährleisten.

Das wahrscheinlichste Zukunftsszenarium besteht in einem weiter niedrigen Gewaltniveau und einer fortwährenden Bedrohung an den Rändern der islamischen Welt, die je von örtlichen Umständen und dem Auftauchen neuer Führer abhängig ist. „Mein Leben oder mein Tod sind gleichgültig. Der Aufbruch hat begonnen“, hatte bin Laden 2001 behauptet. Es wird noch mindestens ein Jahrzehnt dauern, ob wir wissen, ob er damit Recht hatte.
 

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (4)

Martin Rußwurm 02.05.2011 | 19:10

Darf man es abseits des Trubels und der Euphorie merkwürdig finden, wenn eine deutsche Bundeskanzlerin sich, Zitat: "freut, dass Osama bin Laden getötet worden ist", wo doch im Gegensatz zum US- amerikanischen Rechtssystem jenes der Bundesrepublik, wohl in absolutem Konsens mit der öffentlichen und privaten Meinung, und jenes der internationalen Staatengemeinschaft die Rache als Rechtslegitimation ablehnt? Über die hemmungslose Freude der Amerikaner und jene undifferenzierten Reaktionen in "Yes, we can" - Mentalität mag man heute wohlwollend hinwegsehen, wähnt sich die geteilte Nation doch nun wieder unter dem Götzen der Unbesiegbarkeit zu vereinen. Es wird sich allerdings erst zeigen müssen, ob die Tötung bin Ladens mehr als ein Pyrrhussieg ist, ob die USA nicht vielmehr dadurch die Twintowers des islamistischen Terrors eingerissen haben - ein Symbol. Getötete menschliche Symbole heißen Märtyrer. Wir alle werden erleben, ob ein vermeintlicher Märtyrer bin Laden, vielmehr noch als die Person, mit ihrer wohl geringen operativen Bedeutung im dezentralisierten Schattensystem des islamistischen Terrors, nicht eine noch größere Strahlkraft besitzt und dadurch Gefahr darstellt. Ob der tote bin Laden nicht noch mehr Menschen faszinieren und rekrutieren kann, als der lebende, denn dies war vor allem seine Rolle. Unabhängig von all diesen Überlegungen hätte man von der führenden Politikerin einer vom Terror relativ wenig tangierten Nation wie der deutschen, sich allerdings schon ein überlegteres, weniger blutrünstiges Statement erwarten dürfen. Dabei erscheint es wie ein Zeugnis des politischen Niveaus, dass man so schnell wie möglich nachblökt, was andere Politiker in anderen Länden mit anderen Befindlichkeiten und notwendigerweise anderen Agenden vorbellen.
Es ist noch nicht lange genug her, um sich nicht daran zu erinnern wie die Welt aussah, als sich das letzte mal eine deutscher "Kanzler" über die Tötung von Menschen gefreut hat, Frau Merkel!