Der Supermarkt ist leer

Schuldenstaat Der Syntagma-Platz ist zur neuen Front im Kampf gegen Europas Sparpolitik geworden. Aditya Chakrabortty hat sich in Athen unter die Demonstranten gemischt

Früher kamen die Athener zum Syntagma-Platz, um in den schicken Boutiquen zu shoppen. Nun kommen sie zu Zehntausenden, um zu demonstrieren. Seit dem 25. Mai, dem Tag, als sich hier die ersten Demonstranten versammelt haben, hören sich hier Tausende eine Rede nach der anderen an. Altlinke, amerikanische Ökonomen, die gerade auf der Durchreise sind, wer auch immer gerade Teil der Menge ist: Jeder hat drei Minuten am Mikrofon. Die meisten von ihnen nutzen sie entweder um die Politik zu kritisieren oder um ihre Mitdemonstranten zu bestärken.

Je näher man dem Vouli, dem Parlament, kommt, desto rauer wird es. Vor dem Zaun drängt sich eine Menge, die klatscht und „Diebe!Diebe!“ skandiert. Auch hier ist ein Mikro aufgestellt, gerade wird es von einem Mann gehalten, der eine Maske des Vizepremierministers Theodoros Pangalos trägt: „Meine Freunde, wir haben alle zusammen gespeist“, zitiert er den sozialistischen Politiker, der vergangenes Jahr im Fernsehen sagte, die Verantwortung für die Verschwendung öffentlicher Gelder trügen alle Griechen gemeinsam. Hier kommt er damit nicht durch. „Du verlogener Bastard“ gellt es ihm entgegen. „So fett wie du bist, hast du den gesamten Supermarkt aufgefressen.“

Sarkasmus und iStreike

Der Syntagma-Platz ist zur neuen Front im Kampf gegen Europas Sparpolitik geworden. Was sich zwischen den Menschen auf diesem Platz und dem griechischem Parlament abspielt, ist auch für die übrige Eurozone von Bedeutung. Die, die hier ihre Banner hochhalten, wissen das. Im Zeitalter von Satellitenfernsehen und YouTube haben sie das Ausland im Hinterkopf , wenn sie ihre Schilder malen und sich ihre Slogans ausdenken. Auf einigen Plakaten ist Papandreous' Gesicht zu sehen, darunter wird ihm auf Englisch zum „Goldman Sachs-Mitarbeiter des Jahres“ gratuliert.

Die Wut bricht sich meist als Sarkasmus Bahn. Eine Freundin zeigt mir ein App auf ihrem Mobiltelefon, das Updates über das Neuste aus Politik und Wirtschaft liefert – übersetzt heißt es iStreik. Dennoch lässt sich kaum übersehen, dass die Situation leicht überkochen könnte.

Nikkos Kokkalis bezeichnet sich selbst als „Super-Indignado“, als Super-Empörten also. Der 29jährige Universitätsabsolvent, der noch bei seinen Eltern lebt, hat noch nie einen richtigen Job gehabt, immer nur einfache Tätigkeiten für eine Webseite verrichtet und einmal ein Praktikum bei einem Fernsehsender gemacht. „Da drüben sind dreihundert Leute“, sagt er in Richtung der Büros der Parlamentarier. „Die meisten davon treffen Entscheidungen, ohne die Bevölkerung zu fragen.“

Diejenigen unter den Demonstranten, die bereits ein festes Gehalt und auch schon ein paar Falten haben, sind erzürnt über die Kürzungen, die ihnen bereits auferlegt wurden. Die Lehrerin Chryssa Michalopolou rechnet vor, ihr Jahresgehalt sei bereits um eineinhalb Monatslöhne gesunken, während ihre Lebenshaltungskosten aufgrund gestiegener Steuern und der Inflation in die Höhe geschossen seien. Was hält sie von der Behauptung der Regierung, der öffentliche Sektor müsse zurechtgestutzt werden? „Nach fünfzehn Dienstjahren verdiene ich gerade mal 1.200 Euro im Monat“, entgegnet sie. „Ich habe keinen Boom erlebt. Ich habe einfach meine Steuern bezahlt und nun werde ich bestraft.“

Kurz vor dem Zusammenbruch

Hier manifestiert sich mehr als ein persönliches Kümmernis. Es offenbart sich eine augenscheinliche Tatsache, welche von Politikern in ganz Europa bislang ignoriert wurde. Im Bemühen, ein neues Kreditabkommen auszuarbeiten, konzentrieren sich die Minister der Eurozone auf die Unterschiede zwischen Bond Swaps und Bond-Rollovers , auf die Spannungen zwischen Berlin, IWF und der Europäischen Zentralbank oder darauf, inwieweit die Banken des Kontinents einem weiteren heftigen Schlag standhalten könnten.
Bei diesen Verhandlungen wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Griechen (und damit auch die Iren und Portugiesen) weitere Sparmaßnahmen hinnehmen müssen. In Athen jedoch, auf den Straßen, wie auf politischer Entscheidungsebene, stehen diese technischen Details kaum auf der Tagesordnung. Nicht nur die Terminologie, die ganze Debatte ist eine andere. Hier wird darum gestritten, wie viel Einschränkungen die griechische Wirtschaft, die Menschen des Landes und selbst seine Politiker noch verkraften können – sie alle stehen nämlich kurz vor dem Zusammenbruch.

Als Griechenland im Mai vergangenen Jahres auf den Fianzmärkten praktisch kein Geld mehr bekam, nahm Papandreou ein Darlehen in Höhe von 110 Milliarden Euro von EU und IWF an. Dahinter stand der Gedanke, dass dem Land so ein Jahr lang über die Runden geholfen wäre und die Regierung in dieser Zeit zumindest damit anfangen sollte, den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen. Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und das übrige Europa verknüpften dieses Darlehen mit recht harten Bedingungen: Sie verlangten den Griechen Zinsen ab, die deutlich über den offiziellen Sätzen in der Eurozone lagen und diktierten der sozialistischen Pasok-Regierung anspruchsvolle Haushaltsziele.
Ein Jahr später nun stellt sich heraus, dass es so nicht funktioniert. Griechenland steckt seit zwei Jahren in einer Rezession, offizielle Prognosen gehen davon aus, dass dieses das dritte sein wird. Als ich den Ökonomen Yanis Varoufakis von der Athener Universität bitte, den Zustand der griechischen Wirtschaft zu beschreiben, lautet seine Antwort kurz und knapp: „Sie befindet sich in freiem Fall.“

Auf dem Balkon seiner Wohnung hinter der Akropolis wirft er mit Statistiken um sich: 50.000 Unternehmen gingen im zurückliegenden Jahr insolvent, die industrielle Produktion sank um zwanzig Prozent und wird dieses Jahr um weitere zwölf sinken. Die Arbeitslosigkeit ist rapide angestiegen, in der Erwerbsbevölkerung hat einer von sechs keinen Job. Diese Art Zahlen gehen für gewöhnlich mit einer Depression einher. Die vorhersehbare Folge ist, dass es mit den Staatsfinanzen weiter bergab gehen wird. Die griechischen Schulden sind auf 153 Prozent des Brutto-Inlands-Produktes angeschwollen. Laut Varoufakis' Berechnungen werden die Schulden der Regierung sich selbst dann noch immer auf das dreifache Gesamtnationaleinkommen belaufen, wenn es den Ministern gelingen sollte, alle versprochenen Kürzungen vorzunehmen.

Hinter diesen Zahlen stehen Geschichten einer Gesellschaft in Not. Ein Mann erzählt von seiner Tochter, die im Restaurant eines großen Supermarktes vor Athen arbeitet. Sie und ihre Kollegen haben begonnen, die nicht verkauften Menüs bei Ladenschluss an die arbeitslos Gewordenen zu verteilen. Ein städtischer Angestellter berichtet, in seiner Gemeinde würde 17 Prozent weniger Müll aufgesammelt als noch vor einem Jahr, was schlicht daran liege, dass die Leute weniger Essen kauften. Der Eigentümerin einer Kunstgalerie erzählt, ihr Sohn habe gerade seine erste Arbeitsstelle angetreten: Er hat einen Masterabschluss in Rechnungswesen und arbeitet sechs Stunden am Tag in einem Handyladen.

Mit den Steuern verhielt es sich wie mit der Kirchenkollekte

Der fadenscheinige Vorwurf an Griechenland lautet, das Land habe einen aufgeblähten öffentlichen Sektor und habe deshalb zwangsläufig eine Bauchlandung gemacht. Das stimmt nicht, sagt Varoufakis: Der öffentliche Sektor entspreche denen anderer europäischer Staaten (allerdings stimmt jeder, mit dem ich rede, zu, dass er nicht so gut funktioniert). Die Steuereinnahmen lägen jedoch um 35 Prozent unter dem Niveau, auf dem sie sich eigentlich befinden sollten.

Die wohlhabenden Griechen sind mit dem Steuersystem ihres Landes immer umgegangen wie mit der Kirchenkollekte: Es war ihnen überlassen, wie viel sie abtraten. Die hierdurch entstandenen Ausfälle konnten überspielt werden, solange der griechische Staat günstige Kredite erhielt. 2008 wurden sie dann unübersehbar. Das andere Problem, das in den Boomjahren vertuscht wurde, war das Verkümmern der industriellen Basis des Landes. Auch dies ist nun Gegenstand so mancher erboster Diskussion.

Auf dem Werftgelände in Perama bei Athen herrscht vollkommene Stille, obwohl Griechenland die größte kommerzielle Flotte der Welt besitzt. Ein Schiffsrumpf wurde hier zurückgelassen, als die Auftraggeber nicht mehr zahlen konnten und rostet nun vor sich hin. Vor zehn Jahren waren hier siebentausend Arbeiter beschäftigt – nun sind es um die fünfhundert. Einst war die Montage kleiner Frachtschiffe keine besonders beliebte Arbeit, im letzten Jahr schloss die Werft einen Vertrag über den Bau zweier Boote ab und diesmal waren die Jobs heiß umkämpft. Tassos Alexandris lebt nur wenige Minuten entfernt von hier, sein Werftjob wurde vor drei Jahren gekündigt. In der Wohnung hat seine Frau Nikki Bilder der Jungfrau Maria aufgehängt. Sie ist krank. Die 26jährige Tochter Maria hat überhaupt erst sechs Monate gearbeitet. Wie kommen sie über die Runden? Nikki röchelt vor Lachen.

„Der Stromanschluss liegt in der Wohnung, sonst wäre er uns schon gesperrt worden“, beginnt Tassos. Seine Schwiegermutter lebt im oberen Stockwerk und erlaubt ihm, nachts den Kühlschrank zu plündern. Um nach Essen zu fragen, schämt er sich zu sehr. Ihren kleinen grünen Citroen hat die Familie aufgegeben. Nun fährt Tassos Motorrad – ohne Nummernschild und ohne die Steuern zu zahlen. „Nachts kann ich vor Sorgen nicht schlafen“, erzählt er. „Jeder Bereich unseres Lebens ist betroffen.“ Was glauben sie, wie viele Familien in diesem Wohnblock sich in einer ähnlichen Situation befinden? 80 Prozent, schätzt Nikki.

"Es kommt darauf an, wie man verliert"

Tassos unterstützt die Demonstranten auf dem Syntagmaplatz nicht nur, er denkt auch, dass sie noch weiter gehen werden. „Seien Sie nicht überrascht, wenn Athen in Flammen aufgeht“, erklärt der 50jährige. „Und seien Sie auch nicht traurig.“ Das klingt zunächst melodramatisch, doch die Wut kommt überall immer wieder durch. „Politiker laufen inzwischen mit Leibwächtern herum“, weiß Aris Chatzistefanou, einer der Regisseure des Films Debtocracy, der die griechische Krise behandelt und ein Riesenerfolg geworden ist.

Der Zorn auf die Politiker und die Sparmaßnahmen ist spürbar, ob daraus ein politischer Erfolg erwachsen wird, ist hingegen fragwürdig. Papandreou mag einer der meistgehasstesten Männer Griechenlands sein, doch gibt es keinen Politiker, der mit einer Alternative dazu aufwarten kann, den Vorgaben der Kreditgeber Folge zu leisten. Man hat es nicht mit einer Wählerschaft zu tun, die sich mit ihrer Regierung anlegt, sondern mit der unmöglichen politischen Konstellation disparater Gruppierungen von Griechen auf der einen Seite und dem IWF, der Europäischen Zentralbank und sechzehn anderen Eurostaaten auf der anderen.

Äußert man das gegenüber den Demonstranten in Athen, haben selbst die älteren, pragmatischeren etwas zu entgegnen: „Wir werden vielleicht verlieren“, sagt ein grauhaariger Gewerkschaftler. „Aber es kommt darauf an, wie man verliert.“

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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20:00 21.06.2011
Geschrieben von

Aditya Chakrabortty | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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