Der verlogene Liebhaber

Alkoholismus Die westliche Gesellschaft treibt immer mehr Frauen in den Alkoholismus. "Guardian"-Autorin Tanya Gold erklärt, warum das so ist. Sie war früher selbst Alkoholikerin

Warum trinken sich Frauen zu Tode? Heute machen dies in Großbritannien doppelt so viele wie vor fünfzehn Jahren. Sie erbrechen sich allein auf der Toilette, pressen ihren Selbstekel heraus. 1991 starben in Großbritannien sieben von 100.000 Frauen zwischen 35 und 54 an den Folgen von Alkoholmissbrauch, heute sind es 15. Einige von ihnen sterben an Leberzirrhose, andere an den Drogen, die sie nehmen, wenn sie besoffen sind. Einige kommen bei Unfällen ums Leben, andere begehen aus schierer Verzweiflung Selbstmord. Warum aber werden heute mehr Frauen alkoholkrank als früher?

Als rekonvaleszente Alkoholikerin weiß ich, warum ich versucht habe, mich zu Tode zu saufen. Ich war einsam und wütend und fühlte mich wertlos. Ich war 13, als ich mit dem Trinken anfing, ein Teenager aus der Mittelklasse, aus der vorstädtischsten aller Vorstädte, der nachhause kam und einen kleinen Schluck Wodka aus einer alten blauen Tasse nahm. Alkohol war mein Liebhaber. Er allein sorgte dafür, dass ich mich besser fühlte. Ich war nicht mehr ganz so wütend und nicht mehr ganz so einsam. Doch dann präsentierte er mir die Rechnung. Er war an der Reihe und nahm einen großen Schluck von mir – er wollte mich ganz. Als mir klar wurde, dass ich Alkoholikerin war, schien es zu spät, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Mit 27 war ich schließlich völlig am Ende und landete bei den anonymen Alkoholikern.

Alkoholismus hat wenig mit Alkohol zu tun

Keiner weiß genau, wie Alkoholismus entsteht. Ich glaube, dass es eine genetische Veranlagung dazu gibt, die durch ein Trauma ausgelöst werden kann. Eine Person mit einer angeborenen Neigung zum Alkoholismus wird möglicherweise nie zum Alkoholiker, wenn sie oder er in einer stabilen und gesunden Umgebung aufwächst. Alle rekonvaleszenten Alkoholiker, die ich kenne, sagen dasselbe. Sie hatten das Gefühl, anders zu sein, schon als sie noch klein waren. Sie fühlten sich nicht sicher.

Alkoholismus hat wenig mit Alkohol zu tun, genauso wenig wie Bulimie etwas mit Essen zu tun hat. Es ist eine seelische Erkrankung, ein bestimmtes System von Gedanken, mit denen man sich selbst Leid zufügt, welches man dann wiederum mit Alkohol bekämpft. Das Trinken ist lediglich das letzte Symptom. Und für Mädchen, die sich am Wochenende gern mit Alkohol abschießen, ist es wichtig, dass nicht jede, die viel trinkt, zur Alkoholikerin werden muss, dass man aber viel trinken muss, um Alkoholikerin zu werden.

Unsere Gesellschaft ist wie geschaffen dafür, Alkoholikerinnen heranzuzüchten. Alle Kriterien sind erfüllt, um aus einer potenziellen eine tatsächliche Alkoholikerin zu machen. Noch nie war Alkohol so billig. Die Supermärkte, Clubs und Happy Hours können ihn uns nicht billig genug oder schnell genug oder lange genug in den Rachen stopfen. Einige Supermärkte verkaufen ihn sogar unter dem Einkaufspreis, um damit die Kunden anzulocken. Für sie handelt es sich nicht um eine gefährliche Droge, sondern um eine Ware, mit der ein hervorragendes Geschäft zu machen ist. Je mehr Stückzahlen verkauft werden, desto mehr Alkoholiker wird es geben. Und je mehr Alkoholiker es gibt, desto mehr Stückzahlen werden verkauft.

Sei eine andere

Zudem gibt es großartige neue Methoden, dafür zu sorgen, dass junge Frauen sich wertlos fühlen. Glitzernde Werbeplakate und flüsternde Editorials bestärken sie darin, einem Trugbild nachzujagen, das ihnen dabei immer weiter entschwindet. Für die Modemagazine kannst du gar nie schön oder dünn genug sein, nicht sexy genug für MTV oder für Pornos. Die Botschaft ist klar, einfach und lukrativ: Sei eine andere. Diesen Satz hören Alkoholiker unablässig, die Stimme sitzt in ihrem Ohr.

Wenn sie der Satz aber von einer Werbetafel herunter anschreit, dann reagieren junge Mädchen mit Bulimie, Anorexie, Fressanfällen, chronischen Schuldgefühlen und mit der Flucht in den Alkohol. Würde Cinderella heute für das 21. Jahrhundert noch einmal neu geschrieben werden, würde der Prinz sagen: „Lass dir dein Schamhaar entfernen und hungere dich zu Tode. Und wie wär`s mit ein paar Brustimplantaten? Na, hast du jetzt nicht das Gefühl, eine bessere Frau zu sein, Cindy?“

Alkoholismus ist eine Krankheit, die mit Realitätsverlust und mit Fantasie zu tun hat. Hierin liegt der Grund dafür, dass so wenige wieder gesund werden – man findet einfach den Gullideckel nicht, durch den man wieder heraus kriechen könnte. Die Alkoholikerin belügt sich jeden Tag aufs Neue. Und wenn auch die Gesellschaft weiter lügt, wird es immer neue erwischen.

Und wie begegnen wir dieser in jungen Mädchen aufkeimenden Geisteskrankheit? Mit Ekel, der die Alkoholikerin noch tiefer in ihr Elend stößt – oder mit Spott: Wir machen uns über sie lustig. Wir sehen Britney Spears dabei zu, wie sie sich die Haare abrasiert, in L.A. herumirrt, halbnackt oder auf einer Bahre fixiert, und warten auf ihren Tod. Wir sehen Amy Winehouse dabei zu, wie sie auf ihre Haustür zukriecht. „Ist das nicht schrecklich“, flüstern wir und in Wahrheit fragen wir uns, wie die Sache ausgehen wird – wird Prinzessin Britney, die meist-gegoogelte Frau des Planeten, in einem rosa Sarg mit einem Disney-Channel-Logo beerdigt werden, bevor der Abspann beginnt? Wird Amy ihr Talent mit dem Leben bezahlen und im Tode Unsterblichkeit erlangen, Janis Joplin Teil zwei?

Der beste Freund des Alkoholismus besteht in der Leugnung, dass jemand ein Alkoholproblem hat, und dabei machen wir alle mit. Diese Frauen ohrfeigen sich selbst, um endlich zu Verstand zu kommen, sie tanzen nicht, sie sterben auf der Straße. Zu unserer Unterhaltung. Wen kümmert es schon, was wirklich in ihnen vorgeht?

Übersetzung: Holger Hutt

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19:00 28.02.2009
Geschrieben von

Tanya Gold, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2021

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