Diagramme der Revolution

Politikerbücher Fidel Castro wird bald den ersten Band seiner Erinnerungen veröffentlichen. Der unterscheidet sich schon im Titel von den Memoiren prominenter Politiker

Der Titel lässt, wie der Mann selbst, keine Diskussion zu: La victoria estratégica (deutsch „Der strategische Sieg“). Wenn es um ihre Memoiren geht, bevorzugen manche Staatsoberhäupter Metaphern oder Vagheiten, Fidel Castro kommt dagegen auf den Punkt.

Kubas Ex-Präsident wird im August den ersten Band seiner Memoiren veröffentlichen. Sowohl stilistisch als auch inhaltlich scheinen sie sich eher an Julius Cäsar zu orientieren als an Tony Blair oder George Bush. Im ersten Teil seiner Autobiographie konzentriert sich der 83-Jährige auf seine Guerilla-Krieg gegen Fulgencio Batistas Armee in der Sierra Maestra 1958. In 25 Kapiteln erinnert er sich anhand von Karten, Fotografien und Diagrammen daran, wie seine zahlenmäßig unterlegenen Rebellen den Diktator besiegten und den Weg für ihren triumphalen Einzug nach Havanna am 1. Januar 1959 frei machten. „Die Niederlage der gegnerischen Offensive nach 74 Tagen ununterbrochener Gefechte bedeutete einen strategischen Wendepunkt für diesen Krieg“, ist Auszügen aus einem Artikel, den Castro am Dienstag auf einer staatlichen Webseite veröffentlichte, zu entnehmen. Er schreibt nicht nur detailliert über die Opfer, sondern auch über die Typen und die Zahl der eroberten und zerstörten Schusswaffen, Mörser und Panzer: „Mit diesen Ereignissen ging die Befreiung durch die Guerilla in eine neue Phase.“

Einer der Titel, die Castro für das Buch verwarf, lautete Wie Dreihundert Zehntausend besiegten – das hätte zu sehr „nach Science-Fiction“ geklungen. Die trockenen Details, der Fokus aufs Militärische und der siegreiche Bogen erinnern an Cäsars De Bello Gallico, doch Kritiker sollten die Gesamtausgabe abwarten, bevor sie ihr Urteil darüber fällen, ob Castros Lebenserinnerungen mit der literarischen Leistung des Römers mithalten können.

Jugendjahre eines Maximo Lider

Ganz anders die Memoiren George W. Bushs, die im November unter dem Titel Decision Points erscheinen werden. Sie sollen sich auf den Kampf des Ex-Präsidenten gegen den Alkohol, die Präsidentschaftswahlen 2000 und 9/11 konzentrieren. Über Tony Blairs anstehenden Wälzer The Journey wiederum ist durchgedrungen, dass es um offene Rechnungen mit seinen Labour-Rivalen gehen soll.

Castro, der von seinen Verlegern wohl kaum genötigt wurde, seinen Text ein wenig „aufzupeppen“, wird sich vermutlich nicht über etwaige Spannungen mit seinem Bruder Rául, Che Guevara oder anderen Kommandanten auslassen. Doch immerhin, auch wenn es wie ein mürrisches Zugeständnis an die Bedürfnisse des Marktes klingt, hat Castro einen kurzen Abschnitt über seine Jugend eingebaut: „Ich wollte nicht länger damit warten, auf die zahlreichen Fragen bezüglich meiner Kindheit, Pubertät und Jugend und dazu, wie ich ein Revolutionär und bewaffneter Kombattant wurde, eine Antwort zu geben.“

Castro schrieb das Manuskript, nachdem eine Magenkrankheit ihn 2006 zum Rücktritt gezwungen hatte. Obwohl er offiziell im Ruhestand ist, kehrte er kürzlich mit einigen öffentlichen Auftritten zurück ins Rampenlicht. Simon Reid-Henry, Autor von Fidel and Che: A Revolutionary Friedship, begrüßt Castros Buch, stellt aber dessen Fokus in Frage: „Die Geschichte ist in Kuba eine derart streng bewachte Angelegenheit, dass diese Memoiren vielleicht neues dokumentierbares Material ans Licht bringen können. Ich bezweifle jedoch, dass Castros Bericht viel Neues zu bieten hat. Er hat immer geglaubt, die Revolution sei das Resultat seiner Überzeugung und Rechtschaffenheit und der seiner Kameraden, auch wenn sie natürlich immer mindestens ebenso sehr das Resultat sozialer Kräfte war, über die sie selbst nur wenig Kontrolle hatten.“

Fortsetzung folgt

Kommentare auf der staatlichen Webseite, die Castros Ankündigung seiner Memoiren veröffentlichte, lassen vermuten, dass mit entzückten Reaktionen zu rechnen ist, zumindest in den offiziellen Medien. „Großartiges Werk, das für kommende Generationen ein essentieller Geschichts-Leitfaden sein wird“, lautete ein typischer Eintrag. Der Commandante selbst sagte, er arbeite nun an einem zweiten Band: Die letzte strategische Gegenoffensive.






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Übersetzung: Christine Käppeler
Geschrieben von

Rory Carroll | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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